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Gottfried Diller, Peter Graser: CI-Rehabilitation prälingual gehörloser Kinder

Cover Gottfried Diller, Peter Graser: CI-Rehabilitation prälingual gehörloser Kinder. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2005. 274 Seiten. ISBN 978-3-8253-8324-4.

Reihe: "Edition S".
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Einführung

Das Cochlear-Implantat (CI) als Möglichkeit, gehörlos bzw. stark schwerhörig geborenen Kindern frühestmöglich eine lautsprachliche Erziehung zuteil werden zu lassen, ist mittlerweile schon fast eine Selbstverständlichkeit geworden. Da wir heute auch immer mehr darüber wissen, wann und wie die Sprachentwicklung abläuft, ist auch die Notwendigkeit einer möglichst frühen Versorgung betroffener Kinder mit einem CI vielen Medizinern geläufig. Das immer selbstverständlicher werdende Hörscreening bei Säuglingen hilft, Hörbehinderungen schon frühst möglich zu erkennen. Immer öfter werden heute Eltern auf das CI hingewiesen. In den 90iger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekamen sie diese Informationen meist nur dann, wenn sie selber aktiv und energisch z.B. im Internet forschten um nach Hilfen für Ihr Kind zu suchen.

Dass Lautsprache nicht nur wichtig ist für dem Umgang mit Menschen außerhalb der Gehörlosengemeinschaft, sondern auch zum Aneignen von Wissen darf sicher als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Hören und verstehen fördert "ganz nebenbei" auch die soziale Kompetenz eines Menschen. Dieser Aspekt wird bei den Diskussionen um das CI für Kinder noch viel zu wenig hervorgehoben. Ohne gute soziale Fähigkeiten wird kein Mensch in der Lage sein, sich in eine Gesellschaft einzufügen, sein Leben zu meistern, mit Konflikten und Schwierigkeiten fertig zu werden. Kinder lernen durch Nachahmung. Ohne zu verstehen, was in der Familie z.B. vor sich geht, kann ein gehörloses oder stark schwerhöriges Kind nicht erlernen, wie man sich in den verschiedenen Situationen des Lebens verhalten kann.

Mit steigendem Bekanntheitsgrad des CI und den immer größer werdenden Erfolgen beim Sprachverstehen und somit auch der Sprachkompetenz betroffener Kinder wird die Zahl der implantierten Kinder größer. Leider ist auch heute noch viel zu oft zu sehen, zu hören und zu lesen, dass CI-implantierte Kinder um jeden Preis NUR lautsprachlich erzogen werden sollen. Wie in längst vergangen gedachten Zeiten wird oft z.B. von der Anwendung von Gebärden (jetzt vielleicht eher Lautspachbegleitende Gebärden -LBG-) abgeraten. Dabei gilt nach wie vor: jedes Kind braucht die Förderung im Spracherwerb, welche den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten angemessen ist. Dass es auch bei Kindern neben spektakulären Erfolgen nach der CI-Implantation auch weniger spektakuläre Erfolge gibt, sollte eigentlich klar sein. Kompetente Informationen für Eltern sind daher auch weiterhin sehr wichtig.

Inhalt

Das vorliegende Buch ist eine wissenschaftliche Dokumentation die anhand vieler gesammelter Daten sich mit dem Thema CI-Rehabilitation prälingual gehörloser Kinder in Deutschland, Österreich und der Schweiz befasst.

Es wird zuerst nachvollziehbar gemacht, wie die jeweiligen Daten gesammelt wurden und zu welchen Ergebnisse die jeweiligen Befragungen gelangten. Der sehr umfangreiche Fragenkomplex umfasst die gesamte Bandbreite der Rehabilitation. Im Text werden die einzelnen Faktoren einer Rehabilitation bzw. die Voraussetzungen, wann überhaupt erst von einer solchen nach einer CI-Implantation gesprochen werden kann (ein Thema, welches auch für erwachsene CI-Träger zur Zeit sehr interessant ist!), ausführlicher und sehr gut verständlich erläutert. Die Texte, Tabellen und grafischen Abbildungen sind auch ohne fachliche Vorbildung gut verständlich und nachvollziehbar. Neben der Wissensvermittlung zum Verständnis der Zusammenhänge allgemein wird immer wieder darauf eingegangen, wie unterschiedlich trotz allem hören, verstehen und Sozialverhalten betroffener Kinder sein kann.

Das Buch belässt es nicht dabei, sondern gibt Eltern und Erziehern auch viele Hinweise, auf welche Art ein CI-implantiertes Kind individuell gefördert werden kann.

Die Recherchen der Autoren haben auch viele Anregungen von Eltern betroffener Kinder erfragt und wiedergegeben, die als Wünsche an die jeweiligen Reha-Einrichtungen und implantierenden Kliniken gedacht sind. Eltern bekommen so Hinweise, worauf sie bei der Auswahl einer Klinik achten müssen.

Ein großer Teil des Buches widmet sich den Einzelfallanalysen. Hier wird neben dem Verlauf der Rehabilitaion von 12 Kindern auch die oft sehr wichtige Vorgeschichte erzählt, so dass die Entwicklungsschritte sehr gut nachvollzogen werden können. Auch dieser Teil des Buches gibt wichtige Hinweise für interessierte Eltern und Therapeuten. Die Fallanalysen zeigen deutlich, wie unterschiedlich die Erfolge sein können, wobei Erfolg eben ein relativer Begriff ist. Eine CI-OP war nicht nur dann erfolgreich, wenn das Kind anschließend ein freies Sprachverständnis erlangt, sondern auch dann, wenn die Erfolge weniger spektakulär sind.

Das abschließende Kapitel 5 widmet sich der Diskussion. Hier wird z.B. ausführlicher über die Voraussetzungen einer optimalen Rehabilitation gesprochen, die Entscheidungskriterien für eine OP, die prä- und postoperative Phase und nicht zuletzt der Verlauf der meist mit großer Spannung erwarteten Erstanpassung.

Sehr wichtig auch für die Förderung ist die in diesem Kapitel enthaltende Beschreibung der kindlichen Entwicklung an sich und speziell mit Hören, Sprache sowie der kognitiven und psychischen Entwicklung der "CI-Kinder".

Kritische Würdigung

Dieses Buch kann einen wichtigen Beitrag leisten zur Entscheidungsfindung für Eltern, die Ihr Kind implantieren lassen wollen. Vielfach wird hier ja auch heute noch nicht einfach "ja" gesagt.

Es wird sehr ausführlich und - trotz der für eine wissenschaftliche Abhandlung typischen Tabellen und grafischen Darstellung sehr gut lesbaren und verständlichen Texte - nachvollziehbar gezeigt, welche Voraussetzungen vorliegen müssen, welche CI-Systeme es gibt und wie das Leben der Kinder nach der Implantation verlaufen kann. Ganz wichtig und als sehr positiv habe ich empfunden, dass Eltern und Erzieher erkennen können, dass ein CI-implantiertes Kind nach der OP und Anpassung kein "hörendes" Kind geworden ist. Nach einer OP ist das operierte Ohr heute meist total taub, wo vorher vielleicht minimales Restgehör vorhanden war. Je nach dem Erfolg einer CI-Implantaton bzw. der Anpassung kann also durchaus noch Bedarf an unterstützenden Mitteln zur Kommunikation bestehen. Im Interesse der Kinder können die Leser nachvollziehen, dass auch eine Unterstützung der Kommunikation z.B. durch LBG durchaus Sinn machen und vor allem nötig sein kann und selbstverständlich kein Makel ist oder gar den Misserfolg einer CI-Implantation bedeutet! Wie in allen anderen Bereichen muss zuerst das jeweilige Kind mit seinen individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten gesehen werden. Das wird im vorliegenden Buch sehr gut herausgearbeitet.

Kindern bzw. Säuglingen oder Kleinstkindern ein CI anzupassen ist mit Sicherheit eine große Herausforderung für Techniker und Audiologen. Diese Kinder können nicht sagen, wann ihnen was zu laut oder zu leise oder gar unangenehm ist. Die Erklärungen der Abläufe sowohl im technischen als auch im kognitiven Bereich bei den Anpassungen, beim Hören und Verstehen mit einem CI werden hier sicher zum Verständnis des Verhaltens von CI-Kindern beitragen. Genauso interessant sind diese Informationen nach meiner Meinung auch für Eltern hörbehinderter Kinder, die nicht mit einem CI versorgt sind. Nicht zuletzt das Wissen über die Entwicklung der Sprache und die Vorgänge und Voraussetzungen zum Erlernen sozialer Kompetenzen trägt dazu bei, dass Eltern ihre Kinder besser verstehen und somit auch unterstützen können.

Fazit

Meine Befürchtung, es hier mit einer eher "abgehobenen" wissenschaftlichen Abhandlung zu tun zu haben erfüllte sich nicht. Es ist ein absolut empfehlenswerter Ratgeber für Eltern, Erzieher und Therapeuten.


Rezension von
Erika Classen
Spätertaubt und CI-Trägerin seit Februar 2000. Ca. 12 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit bundesweit in der Hörbehinderten-Selbsthilfe
3-jährige ergotherapeutische Ausbildung


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Zitiervorschlag
Erika Classen. Rezension vom 09.05.2006 zu: Gottfried Diller, Peter Graser: CI-Rehabilitation prälingual gehörloser Kinder. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2005. ISBN 978-3-8253-8324-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2943.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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