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Kolja Tobias Heckes: Professionsgenese im Netzwerk

Rezensiert von Denise Lehmann, 25.08.2022

Cover Kolja Tobias Heckes: Professionsgenese im Netzwerk ISBN 978-3-7799-6817-7

Kolja Tobias Heckes: Professionsgenese im Netzwerk. Das Hervorgehen Sozialer Arbeit aus der Palliative Care-Kooperation als Sozialisationsprozess. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 422 Seiten. ISBN 978-3-7799-6817-7. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR.
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Thema

Ausgehend von der Annahme, dass die Arbeit in Netzwerken für die Soziale Arbeit zentral ist und der Hypothese, dass sich Soziale Arbeit in Beziehungen konstituiert, erfolgt in diesem Buch eine Auseinandersetzung mit den Relationen und Interdependenzen innerhalb eines palliativen Netzwerks und wie sich diese auf die Konstitution Sozialer Arbeit auswirken. Die Arbeit verortet sich im Spannungsfeld zwischen einer Theoriearbeit und einer empirischen Arbeit (S. 24) und folgt dabei Clarke im Sinne eines „Theorie/​Empirie integrativen holistischen Vorgehens“ (S. 162) „als theoretisch-heuristisches Modell, als methodologisches Modell, als empirisches Modell“ (ebd.).

Autor

Kolja T. Heckes ist aktuell angestellt als Entwickler/​Researcher für Reallabore an der FH Bielefeld sowie als Netzwerkentwickler im Projekt münster.land.leben an der FH Münster, Fachbereich Gesundheit. Die sozialraum- und gesundheitsbezogene Netzwerk- und Kooperationsentwicklung sowie die diesbezügliche Forschung zählen u.a. zu seinen Tätigkeitsschwerpunkten und beruflichen Erfahrungen.

Entstehungshintergrund

Die hier vorgestellte Publikation wurde 2021 als Dissertation, mit dem Abschluss Dr. phil. (Soziologie), an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angenommen und mit Summa cum laude bewertet.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Danksagung, einem Abbildungsverzeichnis sowie einem Abkürzungsverzeichnis zu den Transkript-Dokumenten gliedert sich das Buch in fünf Teile mit mehreren Unterkapiteln.

Teil 1: „Exposition: Erkenntnisziele und methodologischer Problemaufriss“ [S. 15 ff.]

Es erfolgt eine inhaltsbezogene Einleitung und Darstellung der prozesshaften Erschließung des Untersuchungsgegenstandes sowie eine methodologische und theoretische Verortung. Dabei wird u.a. unter Hinzuziehung von diversen theoretischen Konzepten dargestellt, wie die Forschungsfrage im Prozess verändert bzw. weiterentwickelt wurde. Daran knüpft eine strukturbezogene Einleitung mit Hinweisen für die Lesart an. In fünf Maximen werden die methodologischen, strukturellen und inhaltlichen zirkulären Zugänge in Bezug auf das Ziel eines heuristischen Einordnungsmodells zur Sozialen Arbeit in palliativen Netzwerken aufgezeigt. In einem nächsten Schritt werden die durchgeführte Interviewstudie im Kontext eines lokalen palliativen Netzwerkes eingeleitet sowie methodische Herausforderungen, z.B. der Grenzziehung und des Samplings, skizziert. Es erfolgt zudem eine begründete, methodologische Verortung, u.a. bei Grundmann (u.a. 2006) und Clarke (2012). Abschließend wird das Ziel der Arbeit zusammengefasst: Es gilt „durch einen holistischen Zugriff auf Empirie […] und Theorie […] ausfindig zu machen, dass Profession, bildhaft gesprochen dazwischen, unterhalt des Technischen (Strukturen) und zugleich oberhalb des Sozialen […] als etwas nachweisbar ist, das genau von dieser hybridisierenden Strukturiertheit ist“ (S. 49).

Teil 2: „Erster Hauptteil: Theoretisch-heuristische Modellierung in Angesicht ‚der Situation‘“ [S. 51 ff.; Herv. d. Verf.]

Im Anschluss an die Sozialisationstheorie nach Grundmann (u.a. 2006) und u.a. unter Einbeziehung der Praxeologie erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Sozialisation als Schlüsselkategorie korporativer Akteursgenese. Dabei werden Zusammenhänge zwischen Sterben/Tod, Organisationen und Vernetzung sowie Handlungsfähigkeit einbezogen. Darauf folgt ausgehend von Aspekten der Professionalitätstheorie nach Bohnsack (2020) eine Auseinandersetzung mit dem ko-konstitutiven Vermittlungsverhältnis zwischen Netzwerken, Organisationen und Professionen. Im Weiteren wird das entwickelte Konzept, dass die Mesoebene als Beziehungsgeflecht bzw. –infrastruktur einen semi-fluiden, halb-fixierenden Aggregatzustand aufweist und dadurch den Ordnungs-/​Governancemodus in Netzwerken gewährleistet mit dem Werk von Elias (u.a. 2003 [1986]) vertieft (z.B. S. 124 ff.). Neben der Auseinandersetzung mit Figurationen in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand erfolgen die Thematisierung des Zusammenhangs von Grenzen, Phänomenen der Angleichung, der Varianz und Relationen sowie die Bezugnahme auf das Konzept des „Boundary Objects“ (u.a. Star/Griesemer 1989).

Teil 3: „Zweiter Hauptteil: Transfer und Integration zwischen Theorie und Methodik zugunsten einer holistischen Rekonstruktion von ‚Profession‘“ [S. 161 ff.; Herv. d. Verf.]

Die theoretischen Ergebnisse der Untersuchung werden nun dargestellt und daraus ein methodologisches Modell abgeleitet. Nach der Darstellung von Figurationen im Hinblick auf Berufe/​Professionen und deren Möglichkeitsräumen erfolgt – unter Einbeziehung von Bohnsack (2020) sowie dem Verständnis von Clarke (2012) folgend, Situation als Relationalität und Interdependenz anzusehen – eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Profession, der Abgrenzung von Professionalität und Profession sowie des diesbezüglichen methodologischen Zugangs. Ziel ist der Erhalt eines „big picture“, wie Profession (hier: Soziale Arbeit) entlang „der Situation“ in Sozialorganisationen und Netzwerken (hier: ein lokales Palliativnetzwerk) durch eine Art „Schichtenbohrung“ (S. 192) zum Ausdruck kommt. Es geht um die Frage der Sozialen Arbeit als „situierter Akteur“ sowie wo und wie sich diese „Situiertheit“ verorten lässt. In dem Zusammenhang erfolgt die Begründung für die Anwendung der Situationsanalyse nach Clarke (2012) ehe die empirische Erhebung und die Auswertungsprozesse dargestellt werden.

Teil 4: Dritter Hauptteil: Empirische Validierung anhand der ‚Situation‘“ [S. 219 ff.; Herv. d. Verf.]

Es erfolgt eine detaillierte Erkundung der Datenbasis. Autonomie, Zeit, Qualität, Multiprofessionalität und Professionen/​Berufe werden jeweils in Unterkapiteln als Boundary Object betrachtet sowie die Relationen dargestellt. Dabei werden Boundary Objects – entgegen dem ursprünglichen Konzept von Star/Griesemer (1989) – „als ‚Spiegel‘ der direkten und indirekten Abhängigkeiten entlang der situativen Figurationsketten sowie der situationalen Einflussgrößen“ (S. 220) verstanden. Es wird u.a. deutlich, dass „‚Soziale Arbeit‘ über weite Strecken im Feld gar nicht im engeren Sinne zur Sprache kommt“ (S. 333). In Bezugnahme auf Elias (u.a. 2003 [1986]) wird anhand der o.g. Aspekte am Datenmaterial aufgezeigt, dass den einzelnen Akteur:innen im Netzwerk die jeweiligen Professionsgrenzen bzw. das geteilte Arbeiten aus ihrer jeweiligen Perspektive zwar grundsätzlich bewusst sind, die Interdependenz untereinander den Einzelnen jedoch nur in Ausschnitten zugänglich ist (S. 339).

Teil 5: „Diskussion: Ergebnisbezogene und epistemologische Rück- und Ausblicke“ (S. 341 ff.)

Die Abstrahierung von Erkenntnissen und Positionen erfolgt in Form einer rekonstruktiven Annäherung an Soziale Arbeit anhand multilateraler Relationen im gesamten „big picture“ Palliativnetzwerk. Durch die Ableitung von Relationen und Interdependenzen sowie in der Dialektik von Sozialer Arbeit in Sozialorganisationen und Kooperationsnetzwerken im Spannungsfeld von Abgrenzung und Verbindung wird der sozialarbeiterische Möglichkeitsraum sowie „die Soziale Arbeit“ bzw. „das Soziale“ zu ergründen versucht. Daraus folgt die Formulierung von professionstheoretischen Konsequenzen für die Soziale Arbeit im Sinne eines sensibilisierenden Konzepts (S. 370). Im Rahmen der Schlussbetrachtung erfolgt – unter Rückgriff auf die eingangs beschriebenen fünf Maxime – eine kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen, der diesbezüglichen Güte sowie den Perspektiven des Prozesses.

Diskussion

K. T. Heckes stellt sehr anschaulich und methodisch fundiert begründet den Forschungsprozess dar. Insbesondere wird theoretisch und methodisch komplex begründet, weshalb und wie die Mesoebene der zentrale Ausgangspunkt sowie die Relationen und Interdependenz im Sinne eines „big pictures“ für die Untersuchung der relationalen Herstellung Sozialer Arbeit im Kontext eines Palliativ-Netzwerks als Sozialisationsprozess (S. 34 ff.) im Sinne eines ko-konstitutiven Vermittlungsverhältnisses zwischen Netzwerken, Organisationen und Professionen fokussiert werden.

Es erfolgt eine intensive, theoretische Auseinandersetzung bzgl. Profession und der Herausbildung von Professionen unter Einbeziehung der Mikro-, Meso- und Makroebene statt den Fokus ausschließlich auf die Akteur:innen einer Profession in Abgrenzung zu denen anderer zu richten. Auf diese Weise werden, exemplarisch anhand der Sozialen Arbeit in Palliative Care, empirisch basiert theoretische Ableitungen ermöglicht, die bezogen auf die Profession „fast austauschbar“ (S. 226) sind.

Fazit

K. T. Heckes liefert mit seiner theoretischen sowie empirischen Untersuchung zur Professionsgenese im Netzwerk nicht nur einen sehr wichtigen Beitrag für die Professionsforschung, sondern auch wichtige Erkenntnisse zur Sozialen Arbeit im interdisziplinären Feld der Palliative Care.

Literaturhinweise

Die Publikation nimmt u.a. starke Bezüge auf folgende Werke:

Bohnsack, Ralph (2020): Professionalisierung in praxeologischer Perspektive. Zur Eigenlogik der Praxis in Lehramt, Sozialer Arbeit und Frühpädagogik. Opladen: Barbara Budrich.

Clarke, Adele (2012): Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Mit einem Vorwort von Reiner Keller. Wiesbaden: Springer VS.

Elias, Norbert (2003 [1986]): Figuration. In: Bernhard Schäfers (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie. Unter Mitarbeit von Johannes Kopp, Rüdiger Peuckert, Albert Scher und Gunter Zimmermann sowie weiterer Autoren. Opladen: Leske + Budrich, S. 270–277.

Grundmann, Matthias (2006): Sozialisation. Skizze einer allgemeinen Theorie. Konstanz: UTB.

Star, Susan Leigh/​Griesemer, James (1989): Institutional Ecology, ‚Translations‘ and Boundary Objects. Amateurs and Professionals in Berkeley’s Museum of Vertebrate Zoology, 1907 – 1939. In: Social Studies of Science 19 (3), S. 387–420.

Rezension von
Denise Lehmann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule RheinMain, Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Denise Lehmann. Rezension vom 25.08.2022 zu: Kolja Tobias Heckes: Professionsgenese im Netzwerk. Das Hervorgehen Sozialer Arbeit aus der Palliative Care-Kooperation als Sozialisationsprozess. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6817-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29434.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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