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Eva Maria Waibel: Haltung gibt Halt

Rezensiert von Mag. Manfred Fede, 04.07.2022

Cover Eva Maria Waibel: Haltung gibt Halt ISBN 978-3-7799-7018-7

Eva Maria Waibel: Haltung gibt Halt. Mehr Gelassenheit in der Erziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 231 Seiten. ISBN 978-3-7799-7018-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779963622
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Thema

Der Titel des Buches deutet es bereits an: Es geht um Haltung(en), Einstellungen, Werte und Menschenbilder. Sie sind es, die unser erzieherisches Handeln leiten, es fundieren – und damit auch Sicherheit in heraufordernden Situationen bieten. Gelassenheit entsteht dann, wenn – im Sinne der Existenzanalyse – der Aufforderungscharakter von (pädagogischen) Situationen begriffen und verinnerlicht werden kann (z.B. S. 40) sowie die Bedeutung geteilter Verantwortung in Kontexten, in denen es ganz wesentlich um Lernen geht (S. 64 ff.). Theoretisch gerahmt werden diese zentralen Aussagen von Grundlagen der Existenziellen Pädagogik, einer allgemeinpädagogischen Position, die sich vor allem auf die (aus psychotherapeutischem Kontext stammenden) Lehren von Viktor Frankl und Alfried Längle beruft.

Autorin

Eva Maria Waibel, emeritierte Hochschulprofessorin an verschiedenen Pädagogischen Hochschulen in Österreich und der Schweiz, ist Mitbegründerin und Leiterin des Instituts für Existenzielle Pädagogik, ist Beirätin der GLE International sowie Co-Vorsitzende der GLE Vorarlberg. Seit 1989 setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie die Lehre Viktor Frankls und deren Weiterentwicklung durch Alfried Längle in ein pädagogisches Konzept und pädagogisches Handeln umgesetzt werden können. Studiert hat Eva Maria Waibel Erziehungswissenschaft und Psychologie, sie ist gelernte Grund- und Mittelschullehrerin sowie Psychotherapeutin. Momentan ist sie selbstständig als Vortragende und Autorin tätig.

Entstehungshintergrund

Das gegenständliche Buch will weder wissenschaftliches Werk noch Ratgeberbuch sein. Es basiert auf der Erfahrung der Autorin als Mutter, Großmutter, aber auch als Lehrerin, Psychotherapeutin und Dozentin für Pädagogik. Intention ist es, in gut leserlicher Form die wesentlichen Inhalte der Existenziellen Pädagogik möglichst vielen pädagogisch interessierten Menschen nahezubringen, wobei auf Quellenverweise verzichtet wird. Es werden konkrete praktische Leitlinien für erzieherisches Handeln in herausfordernden Situationen bereitgestellt, die dennoch auf dem Stand der Wissenschaft sind.

Aufbau und Inhalt

Die Leserin/den Leser erwarten nach einem kurzen Vorwort insgesamt vierzehn ungefähr gleich lange Kapitel (Umfang jeweils ca. 20 Seiten). Jedes Kapitel wird mit einem Zitat eingeleitet, die Auswahl der Referenzautor*innen ist vielfältig, sie reicht beispielsweise von Karl Jaspers, Antoine de St. Exupéry bis hin zu Martin Buber oder Romano Guardini. Die inhaltliche Aufbereitung ist nachvollziehbar (sie beginnt bei der Frage nach dem Menschen und endet bei der Unterscheidung allgemeiner und personaler Werte bzw. bei der Frage nach einer gelingenden Werteerziehung) und die Gedanken werden logisch stringent entwickelt. Strukturell gesehen wird ein erster Ansatz immer bei der Leserin/dem Leser selbst genommen: Fragen am Ende der Kapitel laden zur Selbstreflexion ein, wesentliche Gedanken werden über den Verlauf der Kapitel hinweg zusammengefasst und übersichtlich dargestellt und es werden „gute Wege“ und „Sackgassen“ für die eigene Entwicklung aufgezeigt (beispielsweise S. 29/30). Damit wird einer zentralen Annahme Rechnung getragen: Gelingende Erziehung beginnt bei uns selbst, bei unserem Menschenbild, unserer Haltung und unseren (personalen wie allgemeinen) Werten. Haltungen und Einstellungen bestimmen demnach nicht nur unser Denken, sondern haben auch maßgeblichen Einfluss auf unser (erzieherisches) Handeln (S. 19). Im Zentrum des vorgestellten Erziehungsverständnisses steht die Person. Konkrete Zugänge zur Person werden aufgezeigt, Erziehung wird zur „Sehschule“ (S. 13), verbunden mit der Frage, wie wir uns selbst und andere als Personen sehen. Reduktionistisch verfahrende Positionen der Soziologie (Mensch als Produkt der Gesellschaft) oder der Biologie (Mensch als Geschöpf der Natur) werden um einen personalistischen Blickwinkel erweitert, der die Person als „Subjekt unserer selbst“ (S. 19) darstellt und auf ihre grundsätzlichen Möglichkeiten der Freiheit zur Lebensgestaltung sowie zur Veränderung, verbunden mit Verantwortung, hinführt. Dabei besteht die Person aus drei Bereichen/​Ebenen, nämlich aus Körper, Psyche und Fähigkeit zu innerer Resonanz (S. 21) – eine Bestimmung von Person, die auf Alfried Längle zurückzuführen ist. Innere Resonanz meint das „In-mir-Sprechende“ und das „Zu-mir-Sprechende“ (S. 24), das einen fortlaufenden Abgleich von Person und Welt, von „Anforderungen der Welt“ und „Antworten auf die Welt“ ermöglicht und als „intuitives Gespür“ zum „inneren Kompass“ durchs Leben wird (S. 32). Das bedingt ein Denken und Verstehen, das die Person in verschiedenen Situationen als von der Welt angefragt begreift. Diese Anfragen fordern die Person zu Antworten heraus, die einerseits ver-antwortet werden müssen und andererseits eine dialogische Bezogenheit zwischen Welt und Person erwirken (inklusive innerem Dialog). Diese Einsicht verkehrt radikal den Blickwinkel: Nicht der Mensch, sondern das Leben stellt die Fragen – die Logotherapie nach Frankl benennt diese Art des Denkens als „kopernikanische Wendung“ (Biller & Stiegeler 2008, S. 158 f.). In erzieherischen Situationen bedeutet dies zweierlei: Einerseits werden wir als Erzieher*innen in wechselhaften Situationen immer wieder aufs Neue angefragt, sinnvolle und an der Person des Kindes orientierte Antworten zu finden, andererseits ist es an uns, die Person des Kindes ebenso anzufragen (vor allem Kapitel 7) und zur personalen Stellungnahme (im Sinne Alfried Längles) herauszufordern, was zur Stärkung und Entwicklung des Kindes beiträgt. Eine personale Stellungnahme geht dabei von der Wahrnehmung der Realität und des Erlebens aus, geht dann weiter zum Verstehen des Verhaltens und Handelns in der Situation bei gleichzeitiger Selbstdistanzierung und führt hin zu Stellungnahme (Neupositionierung) und (Neu-)Ausrichtung im Handeln (S. 113 ff.). Indem wir uns nach diesem Verständnis als Erzieher*innen nicht mehr für das gesamte Erziehungsgeschehen verantwortlich sehen, sondern lediglich für die Beantwortung der persönlichen Anfragen sowie für die Anfragen an das Kind, kann Erziehung nunmehr als entlastetes Geschehen wahrgenommen und begriffen werden. Das Kind antwortet und verantwortet selbst seine Anfragen, wir begleiten es lediglich dabei, möglichst eigenständig situativ adäquate und individuell-sinnvolle Lösungen zu entwickeln. Damit kann mehr Gelassenheit Einzug halten und Erziehung auf Augenhöhe wird möglich (z.B. S. 190). Sicherheit und Halt entstehen damit vor allem durch die Entwicklung einer Anfragekompetenz (und „Antworthaltung“, S. 164), wobei damit sowohl die Identifizierung der persönlichen Zuständigkeit qua Gespür gemeint ist wie auch das performativ ausgerichtete Wissen und Können in Bezug auf die Beantwortung. Diese Veränderung in der Perspektive ist notwendig, um die Bedeutung der pädagogischen Leitfrage der Existenziellen Pädagogik in vollem Umfang erfassen zu können: „Was braucht dieses Kind jetzt von mir?“ (S. 46). Die Frage wird zur direkten Anfrage an die ganze Person. Beim Aufspüren der „richtigen“ Antwort hilft die Fähigkeit zur inneren Resonanz, die damit zum wesentlichen „Erziehungsinstrument“ wird (S. 46). Um es zu stimmen – um im Bild zu bleiben – braucht es Selbstauseinandersetzung, die uns als Erzieher*innen für die Anliegen und Werte der Zöglinge sensibilisiert und öffnet – und zugleich unsere Verantwortung und Vorbildfunktion in Erinnerung ruft (S. 49 ff.). Erst im Durchgang durch unsere „Scheren im Kopf“ (S. 51) machen wir uns für authentisches Handeln mit innerer Zustimmung frei, das unserer Einmaligkeit und Einzigartigkeit als Person gerecht werden kann (S. 36). Inhaltlich besonders hervorzuheben sind noch der zentrale Aspekt der Beziehung als Grundlage jeder pädagogischen Arbeit (Kapitel 5) und die parallel erfolgende Absage an Erziehungsmittel wie Belohnung, Lob/Tadel oder Strafe (Kapitel 13). Ihnen können Wirkungen, aber auch Nebenwirkungen zugeschrieben werden, die es zu beachten und zu reflektieren gilt, will man nicht hinter die Grundsätze einer personalen Vorgehensweise zurückfallen und lediglich Scheinanpassung statt echter Verhaltens- und Haltungsänderung bewirken. An verschiedenen Stellen des Buches werden von der Autorin auf pragmatische Weise konkrete Vorgehensweisen entwickelt und vorgeschlagen, die der/dem Leser*in Orientierung bei der Wissensanwendung bieten. So entwirft sie beispielsweise – basierend auf den vier Grundthemen Längles – eine Landkarte von vier verschiedenen Entwicklungslandschaften (Kapitel 4), die auf Grundvertrauen, Grundwert, Selbstwert und Sinn abstellen, wobei unterschiedliche Wegweiser Orientierung bei der Zielerreichung bieten. An anderer Stelle werden konkrete Schritte im Umgang mit herausforderndem Verhalten beschrieben (Kapitel 12/S. 177 ff.). Die Landkarte fügt sich in das Sinnbild von Erziehung als (ergebnisoffener) Abenteuerreise, die nicht vollständig planbar ist. Die Fähigkeit zur inneren Resonanz kann mit ihrer Ausrichtung auf das Erkennen von dem, was jetzt gerade wichtig, wert- und sinnvoll erscheint, zum entlastenden Kompass werden und zugleich ein Agieren vorbereiten, das aus der Mitte der Person entspringt und von der ganzen Person vertreten werden kann (S. 44).

Diskussion

Positionen personalistischer Pädagogik bedienen sich des Begriffs der Person als konstitutiver Idee pädagogischen Denkens und erzieherischen Handelns, mechanistische Vorstellungen von Erziehung oder gar ein rezepthaftes Vorgehen werden abgelehnt (Böhm & Seichter 2018, S. 368). Der Zugang der Existenziellen Pädagogik vertritt diese Position vehement, ganz im Sinne des ursprünglichen Diktums der Existenzanalyse und Logotherapie von der Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Person (Biller & Stiegeler 2008, S. 309). Der Personbegriff bleibt zunächst notwendigerweise abstrakt, jedoch kann ihm eine erstaunlich regulative Kraft für pädagogisches Denken und Handeln zugesprochen werden. Weigand (2012, S. 58) verweist mit Rückgriff auf Adorno auf die Funktion der Theorie, die darin zu sehen wäre, die Praxis zu kritisieren und ihre Unvollkommenheit nachzuweisen. Das Personprinzip kann demnach zum sinnbildlichen Spiegel für unterschiedliche Fehlentwicklungen sowohl in der Bildungspolitik als auch im pädagogischen Denken und Handeln werden (ebd.). In der pädagogischen Arbeit, also im Handeln, kann der Personbegriff schließlich konkret werden im Erleben und der Erfahrung der jeweils beteiligten Personen, stets eingedenk der sozialen Realitäten, in denen sie sich bewegen. Existenzielle Pädagogik verharrt momentan eher in einer Nischen- bzw. Randposition mit Blick auf das weite Feld bildungswissenschaftlicher Theoriebildung. Jedoch kann ihr zugebilligt werden, den aktuellen Diskurs durch Kontrastierung anhand einer personorientierten Pädagogik nicht nur zu bereichern, sondern auch (im Sinne einer Wächterfunktion) vor Menschen- und Erziehungsvorstellungen zu schützen, die allzu reduktionistisch im Sinne naturwissenschaftlich orientierter Theoriebildung verfahren und (möglichst) umfassende Plan- und Steuerbarkeit von Bildungsprozessen anstreben. Um ihren tiefen (philosophischen) Sinn erschließen und die Radikalität in der Umkehr der Perspektive auf Mensch und Welt nachvollziehen zu können, bedarf es auf jeden Fall eines längeren Prozesses des Sich-Einlassens, Nachspürens und Verinnerlichens. Existenzielle Pädagogik lernt man nicht im Vorbeigehen, zu sehr wird man selbst als Person von ihr angefragt. Gegenständliches Buch kann – nicht zuletzt aufgrund seiner guter Lesbarkeit – sicher zur Verbreitung eines personorientierten Denkens in der Bildungswissenschaft beitragen. Kleinere Kritikpunkte beziehen sich auf die etwas eklektisch wirkende Auswahl an Referenzautor*innen von Zitaten zu Beginn der Kapitel, die aus dem Bild fallende technisch-mechanistische Abbildung 6 (S. 25) sowie die fehlende Bezugnahme auf die geistige Dimension, wie sie Frankl ursprünglich versteht (Biller & Stiegeler 2008, S. 98 ff.) und die hier als innere Resonanz, ähnlich wie bei Hartmut Rosa oder Alfried Längle, gedeutet wird (S. 21 ff.). Unter Umständen vermisst der/die eine oder andere Leser*in ein abschließendes Kapitel, das resümierend noch einmal die zentralen Gedanken aufgreift und zusammenfasst.

Fazit

Existenzielle Pädagogik setzt bei der Person an: sowohl bei der der Erzieherin/des Erziehers als auch bei der des Kindes. Die Fähigkeit zu innerer Resonanz kann – unter Einbeziehung von Körper und Psyche – zum inneren Kompass für ein Leben mit innerer Zustimmung werden. Diese Fähigkeit beim Kind zu entwickeln und zu stärken gilt als die wichtigste Aufgabe dieser Form von personorientierter Pädagogik. Gelingen kann dies nur durch die Bereitschaft der pädagogisch Handelnden zu Selbstauseinandersetzung und Selbstreflexion, durch das Infragestellen gängiger Erziehungsmittel sowie durch den Perspektivenwechsel in Richtung des Anfragecharakters und des Spezifikums geteilter Verantwortung pädagogischer Situationen. Gegenständliches Buch löst den Anspruch seines Titels ein und bietet der/dem Leser*in ein einfach zu lesendes und praxisorientiertes Nachschlagewerk zur Bewältigung herausforderungsreicher Situationen, das entlastend wirken kann. Dennoch braucht es Haltungsarbeit, um das vorgestellte Konzept langfristig verinnerlichen zu können. Zugleich fungiert das Personprinzip als wichtiges Regulativ im pädagogischen Denken und Handeln.

Literatur

Biller, K. & Stiegeler, M. (2008). Wörterbuch der Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor Emil Frankl. Wien: Böhlau.

Böhm, W. & Seichter, S. (2018). Wörterbuch der Pädagogik. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Weigand, G. (2012). Schule der Person. In O. Bertsche & A. Lischewski, Pädagogik nach Winfried Böhm. Anknüpfung und Weiterführung (S. 53-69). Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Rezension von
Mag. Manfred Fede
Mag. Manfred Fede, BEd MSc (pth.), Hochschullehrperson an der Pädagogischen Hochschule Wien, Psychotherapeut, Supervisor und Coach in freier Praxis
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Es gibt 1 Rezension von Manfred Fede.

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Zitiervorschlag
Manfred Fede. Rezension vom 04.07.2022 zu: Eva Maria Waibel: Haltung gibt Halt. Mehr Gelassenheit in der Erziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-7018-7. Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783779963622. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29435.php, Datum des Zugriffs 13.08.2022.


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