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Birgül Demirtaş (Hrsg.): Rassismus in Institutionen und Alltag der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schröder, 12.07.2022

Cover Birgül Demirtaş (Hrsg.): Rassismus in Institutionen und Alltag der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-7799-6502-2

Birgül Demirtaş (Hrsg.): Rassismus in Institutionen und Alltag der Sozialen Arbeit. Ein Theorie-Praxis-Dialog. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 232 Seiten. ISBN 978-3-7799-6502-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Rassismus ist das Problem aller, da kein Alltag frei von Rassismus und Diskriminierung ist. So ließe sich der thematische Ausgangspunkt der Beiträge zusammenfassen. Die gesammelten Beiträge des Bandes diskutieren kritisch Ansätze, die nach dem Paradigma ‚Fix the Exluded‘ ausgerichtet sind. ‚Fix the Exluded‘ – wie Maisha M. Auma einleitend erläutert – meint, dass die von Rassismus Betroffenen sich selbst in die vorhandenen Strukturen besser integrieren sollten, um rassistische Vorfälle zu vermeiden. Die rassistisch geprägte Tötung von George Floyd und die darauffolgende transnationale Bewegung #BlackLivesMatter fordert, wie auch die Autor*innen im Band, einen Paradigmenwechsel, der vom Einzelfall abstrahiert und die Strukturen in Institutionen und im Alltag in den Blick nimmt. Der Fokus liegt auf der Sozialen Arbeit, die sich als Menschenrechtsprofession verstehend, selbst stets kritisch hinterfragen sollte, um nicht Gefahr zu laufen, rassistisch geprägte Hierarchien zu reproduzieren.

Hintergrund

Der Band basiert auf dem Austausch im Rahmen der Tagung „Den Blick schärfen. Strukturelle Diskriminierung und Rassismus in Institutionen und Alltag der Sozialen Arbeit. Bestandsaufnahme und Handlungsperspektiven.“, die im Jahr 2018 an der Hochschule Düsseldorf ausgerichtet wurde. Referent*innen der Tagung wurden eingeladen mit weiteren Expert*innen ein Fachgespräch zu führen, um ausgewählte Felder der Sozialen Arbeit und Bildung rassismuskritisch zu analysieren. Aus den Fachgesprächen wurden die Beiträge des Buches in Dialogform entwickelt. An den Gesprächen waren stets Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen aus den Feldern Antidiskriminierungs- und Opferberatung, soziale Dienste, Selbstorganisationen und Aus- und Weiterbildung vertreten, die mittels eines „kritischen Blick auf ‚Augenhöhe‘“ (S. 10) Defizite, Leerstellen, Dilemmata und Widersprüche diskutierten.

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge sind unter vier Überschriften geordnet. Die ersten drei adressieren die ausgewählten Bereiche der frühen Bildung und Jugendarbeit (Teil 1), der Behörden und Institutionen Sozialer Arbeit (Teil 2) und schließlich die Beratungsarbeit (Teil 3), in denen Rassismus kritisch analysiert und diskutiert wird. Unter der vierten Überschrift finden sich abschließend Beiträge, die machtkritische Ansätze des Empowerments und Powersharing (Teil 4) beleuchten.

In der Einleitung verdeutlichen Adelheid Schmitz, Birgül Demirtaş, Nina Gartenbach und Constantin Wagner das Problem eines zu engen Rassismusbegriffs, der sich auf extrem rechte Gruppierung beschränkt. Stattdessen plädieren sie dafür, Rassismus als ein System kritisch zu hinterfragen, von dem weiße Menschen (unbewusst) profitieren. In dieser Perspektive wird grundlegend zwischen jenen Praktiken Sozialer Arbeit unterschieden, die Rassismus kritisch in den Blick nehmen und jenen Praktiken, die offen oder unbewusst Rassismus reproduzieren. Mit dieser Leitdifferenz blicken die Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis auf unterschiedliche Themen- und Arbeitsfelder der Sozialer Arbeit.

In Teil 1 zur frühen Bildung und Jugendarbeit befassen sich Nuran Ayten, Ayla Erdem und Christine Hunner-Kreisel mit intersektionalem und rassismuskritischen Denken bei der frühkindlichen Erziehung. Sie sehen die Herausforderungen u.a. in der mangelnden Diversität des Personals (insbesondere in Führungspositionen), der (un-)bewussten Reproduktion ‚weißer‘ Privilegien, die sich beispielsweise in der Romantisierung der Erstsprache Französisch und der Problematisierung der Erstsprache Arabisch im Kita-Alltag zeigt. Ferner werden auch die unzureichenden personellen und finanziellen Ressourcen bemängelt, die notwendig wären, um sich reflexiv mit rassistischen Strukturen und Praktiken auseinanderzusetzen. Angedacht wird im Gespräch zudem eine ungleichheitssensibilisierende Bildung zu verankern, die Rassismus, Klassismus, benachteiligende Geschlechterverhältnisse, Ableismus sowie Adultismus in allen Bildungsinstitutionen behandelt.

Yasmina Gandouz-Touati, Ahmet Sinoplu und Yasmine Chehata blicken auf Institutionen und Strukturen der Jugendarbeit. Unter anderem wird die Frage aufgeworfen, wie Organisationsstrukturen zu verändern sind, damit „der Alltag für die Menschen weniger rassifizierend, weniger diskriminierend ist und vielleicht sogar ein safer space werden kann.“ (S. 49). Hier geht es ganz zuvorderst um die Thematisierung von Rassismus anhand der Strukturen, in denen sich ‚weiße‘ Machthierarchien manifestieren, u.a. indem geäußerte Rassismuserfahrungen als Einzelfälle deklariert, bagatellisiert oder gänzlich dethematisiert werden.

In Teil 2 geht es um Rassismus in Behörden und Institutionen der Sozialen Arbeit. Susanne Spindler, Ataman Yildirim und Constantin Wagner setzen sich mit Interkultureller Öffnung auseinander, bei der es darum gehen sollte, „das eigene System so zu reflektieren, dass unsichtbare diskriminierende und rassistische Strukturen sichtbar werden“ (S. 63). Der dafür notwendige kritische Blick auf sich selbst, fällt jedoch meist Abwehrmechanismen zum Opfer.

Cecil Arndt, Hafida Baja, Maika Lohmann und Constantin Wagner geht es einerseits um die systemische Unterfinanzierung von Behörden und strukturelle Diskriminierung, die mit Ausländer*innen oder sogenannten Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten und anderseits um die Erfahrung von innerbehördlichen Sabotagepraktiken von sogenannten Integrationsbeauftragten. Selbstreflexionsprozesse der Behörden könnten durch verpflichtende Maßnahmen, wie etwa die Einführung von Quoten, Beschwerdestrukturen, Controlling oder dem Schaffen von Empowermenträumen gelingen.

Arif Ünal und Haci Halil Uslucan blicken auf rassistische Strukturen im Gesundheitswesen. Umfassender greifen sie in ihrem Gespräch u.a. auch Rassismus auf dem Wohnungsmarkt, bei beruflichen Karrieren, der Polizei und im Bildungssystem auf. Dabei betonen sie, dass bei Rassismus nicht die Absicht, sondern die Wirkung zählt. Um rassistisch wirkenden Strukturen etwas entgegenzusetzen, braucht es vor allem konkrete Vereinbarungen und Verordnungen, in denen z.B. die Übernahme von Dolmetscherkosten bei Behandlungen in Krankenhäusern geregelt sind.

In Teil 3 geht es um Rassismuserfahrungen in der Beratungsarbeit. Jinan Dib und Karima Benbrahim schauen auf die prekären Strukturen der Antidiskriminierungsberatung und stellen Überlegungen an, wie sich strukturell etwas verändern könnte. Dabei spielten soziale Bewegungen in den Ursprüngen der Antidiskriminierungsberatung etwa Migrant*innenselbstorganisationen oder Vereine von able/disabled bodies eine bedeutende Rolle. Auch die gegenwärtige #BlackLivesMatter Bewegung trägt dazu bei, das Thema auf die politische Agenda zu setzen. Dennoch wird auch in diesem Gespräch deutlich, wie schwierig es ist, nicht nur den ‚Einzeltäter‘ oder den ‚Einzelfall‘ zu sehen, sondern die strukturelle Dimension in den Blick zu bekommen. Auch hier geht es wieder darum ‚Dethematisierungen von Rassismus‘ und ‚Abwehrmechanismen weißer Institutionen‘ durch die Einführung verbindlicher Regelungen (z.B. Quoten) und die Ausweitung juristischer Spielräume (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) zu begegnen.

Gesa Köbberling, Atia Najibullah, Olivia Sarma und Jeniffer Shamu führen ein Gespräch zur Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt und fragen nach Organisationsstrukturen, die es ermöglichen, Rassismus abzubauen. Im Zentrum stehen Überlegungen, wie ein bewusster Umgang mit Privilegien und Powersharing in diversen Teams ausgestaltet werden kann. Die Herausforderung liegt nicht zuletzt darin, dass Praktiken und politische Forderungen, die auf die Umgestaltung von etablierten Strukturen abzielen, sowohl innerhalb der Organisation zu Konflikten um Privilegien führen, als auch bei potentiellen Fördermittelgeber*innen ‚abschreckende‘ Wirkung hervorrufen können. Auch hier wird eine Brücke zu sozialen Bewegungen geschlagen, die modelhaft demonstrieren, wie medial Druck erzeugt werden kann, um verfestigte Privilegien, die Ungleichheiten manifestieren, aufzubrechen.

Teil 4 behandelt Rassismus(-kritik) als Thema in Aus-, Fort- und Weiterbildungen. Saba-Nur Cheema und Annita Kalpaka unterhalten sich über die Herausforderung, die eigene Eingebundenheit in rassistische Strukturen zu erkennen. Dafür reicht es nicht, nur fachlich fit zu sein. Vielmehr braucht es ‚didaktische Kniffe‘, um zu verstehen, „dass alle Menschen in unserer Gesellschaft mit rassistischen Bildern und Wissen aufwachsen.“ (S. 154) Ferner gilt es die Struktur und die persönliche Reflexion miteinander zu verknüpfen, indem beispielsweise Situationen betrachtet werden, in denen Teilnehmer*innen versucht haben, etwas zu verändern. Daraus ließe sich die Erkenntnis gewinnen, dass es handelnde Menschen sind, die Strukturen mit herstellen und verantworten. Des Weiteren werden die Curriculare Verankerung im Studium, das Auftauchen in Lehrbüchern und auch die Gewinnung von Adressat*innen für rassismuskritische Aus-, Fort- und Weiterbildungen sowie deren Grenzen und Möglichkeiten diskutiert.

Yaliz Akbaba, Hava Baum und Birgül Demirtaş führen gleichsam diese Überlegungen im Hinblick auf die hochschulische Bildung weiter. Obgleich die Hochschule als ein Ort gesehen wird, an dem Alltagswissen und soziale Praktiken kritisch reflektiert werden, handelt es sich hierbei auch um einen Raum, der „fast durchgängig weiß“ (S. 166) ist, der sich dadurch kennzeichnet, dass es meist keine curriculare Verankerung einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Rassismus gibt und „ausdauernd-strukturell Rassismus und Diskriminierungspraktiken in der Hochschullehre dethematisiert“ werden (S. 167). Darüber hinaus werden PoC Forscher*in oder Wissenschaftler*in aufgrund von vermeintlich subjektiver Betroffenheit diskreditiert, indem ihnen die sachliche Expertise abgesprochen wird. In Summe führt dies mitunter dazu, einen Hochschulabschluss machen zu können, ohne sich jemals mit weißen Emotionen und Privilegien kritisch auseinandergesetzt zu haben. Entsprechend teilen die Expert*innen in der Gesprächsrunde ihre didaktischen Strategien, als Versuch den Dethematisierungsstrategien im hochschulischen Kontext entgegenzuwirken.

Der abschließende Teil 5 des Bandes greift machtkritische Ansätze des Empowerment und Powersharing auf. Merfin Demir und Isidora Randjelović sprechen über Potenziale des Empowerments in Selbstorganisationen von Rom*nja und Sinti*zze. Kritisch beleuchtet werden u.a. die fortschreitende Kriminalisierung und die fehlende Übernahme der politischen Verantwortung des Samudaripen (NS-Völkermordes an Sinti und Roma). Auch die Förderstruktur und die Rolle der Sozialen Arbeit werden auf die Reproduktion strukturellen Rassismus hin befragt.

Nkechi Madubuko, Toan Nguyen und Adelheid Schmitz diskutieren, wie mittels Powersharing Allianzen gebildet werden können, die Strukturen in Organisationen und der Gesellschaft nachhaltig verändern. Kritisch betrachtet werden zunächst Lippenbekenntnisse (z.B. Charta der Vielfalt), die ohne Qualitätssicherung latent wirkende rassistische Praktiken eher verschleiern, anstatt diesen entgegenzuwirken. Auf die Soziale Arbeit angewendet/übertragen, gilt es in der Sozialisation erlernte Einstellungen und Verhaltensmuster zu verlernen, um eine diskriminierungssensible und rassismuskritische Sensibilität aufzubauen.

Diskussion

Der Band adressiert ein Thema das gegenwärtig medial (u.a. durch die AfD in Deutschland und der rassistisch geprägten Tötung an George Floyd) viel diskutiert wird. Über die alarmierende Wirkung dieser gesellschaftlichen Entwicklungen hinweg, verdeutlichen die Autor*innen in ihren Beiträgen, die historische Bedingtheit und strukturelle Verankerung von alltäglichem Rassismus in der Gesellschaft. Entlarvt werden gerade auch die latent wirkenden rassistischen Strukturen. Das Format des transkribierten Dialogs zwischen Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen stößt beim/bei der Leser*in Reflexionsprozesse an, die eigene Involviertheit in den strukturellen Rassismus kritisch zu hinterfragen. So habe ich die Lektüre als weißer Cis-Leser erlebt und (noch klarer) verstanden wie wichtig es ist, dass strukturelle Veränderungen in gesellschaftlichen Organisationen von allen Akteur*innen gemeinsam angestoßen und umgesetzt werden.

Fazit

Das Buch ist ein wichtiger Baustein, um Rassismus als strukturelle Form der Diskriminierung in der Praxis und Lehre Sozialer Arbeit kritisch in den Blick zu nehmen. Die gewählte Form von transkribierten Gesprächen zwischen Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen ist sehr gelungen, um die (latenten) rassistischen Strukturen kritisch anvisieren zu können und auf Veränderungsmöglichkeiten hin zu befragen. Gerade für die Soziale Arbeit, die sich als Menschenrechtsprofession versteht, sollten diese Lern- und auch Verlernprozesse von Rassismus und seiner strukturellen Verankerung nicht nur zu individuellen, sondern zuvorderst zu organisationalen Lernprozessen an der Hochschule, in den Trägerorganisationen und in den Verwaltungen führen. Ich empfehle das Buch daher uneingeschränkt für die Lehre, aber auch für Professionelle und Interessierte, die nach einer spannenden und tiefgehenden Lektüre suchen. Denn rassismuskritisches Denken braucht einen festen Platz in der Gesellschaft, der unabhängig von medialen Aufmerksamkeitsökonomien strukturell zu verankern ist.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
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Es gibt 10 Rezensionen von Christian Schröder.

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Zitiervorschlag
Christian Schröder. Rezension vom 12.07.2022 zu: Birgül Demirtaş (Hrsg.): Rassismus in Institutionen und Alltag der Sozialen Arbeit. Ein Theorie-Praxis-Dialog. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6502-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29436.php, Datum des Zugriffs 13.08.2022.


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