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Lena Mosebach: Glück zählt keine Chromosomen

Rezensiert von Henriette Werner, 21.04.2023

Lena Mosebach: Glück zählt keine Chromosomen. Aus dem Leben eines Kindes mit Trisomie 21. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2021. 27,00 EUR.
DVD, 45 Min. .

Thema

In unserer Gesellschaft existieren verbreitet Ressentiments, Diskriminierung, Unwissenheit und Unsicherheit in Bezug auf Behinderung. Dies geschieht trotz gesetzlicher Richtlinien, welche die Rechte, die Teilhabe und das Empowerment von Menschen mit Behinderung gewährleisten sollen. Gerade wenn ein ungeborenes Kind möglicherweise mit einer Behinderung auf die Welt kommt, sind sowohl die Sorgen als auch die Fragen bei den werdenden Eltern groß. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass die Möglichkeit genutzt wird, ein potenziell behindertes Kind abzutreiben.

Hier setzt der Film „Glück zählt keine Chromosomen“, von Lena Moselbach, an. Er zeigt die Lebenssituation und Gewordenheit von Mathilda, einem Mädchen mit Trisomie 21. Besonders die Pränataldiagnostik, welche ihre Mutter nach ärztlichem Rat in Anspruch nahm, die Geburt und die Entwicklung des Mädchens werden thematisiert. Der Film behandelt auch die Perspektiven der Mutter sowie die entwicklungsbezogenen Einschätzungen von Mathildas Unterstützer*innenkreis. Dem Titel dieses Filmes ist zu entnehmen, dass das Leben mit einem behinderten Kind nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen und Glücksmomente birgt. Adressat*innen des Filmes sind z.B. (werdende) Eltern oder (pädagogische) Fachkräfte.

Entstehungshintergrund

Der Film bietet Information und Aufklärung im Kontext von Trisomie 21 und zeigt eine persönliche Familiengeschichte. Ferner können bestehende Vorurteile gegenüber dem Thema „Kind mit Behinderung“ bearbeitet oder abgebaut werden. Neun von zehn Schwangerschaften, bei denen anhand einer Pränataldiagnostik eine potenzielle Trisomie 21 identifiziert wird, werden (bis kurz vor der Geburt) abgebrochen. Daher bildet der Film neben Schwierigkeiten auch Bereicherungen der gezeigten Kleinfamilie ab.

Aufbau

Chronologisch wird die Entwicklung von Mathilda aufgezeigt. Dabei berichten die Mutter, die Großmutter, die (betreuende) Hebamme, die Erzieherin der Kindertageseinrichtung, eine Kinderkrankenschwester sowie Mathildas Ergotherapeutin. Auch das Mädchen selbst wird in seinem Alltag begleitet.

Inhalt

Die Kapitel behandeln (neben dem Intro) die Diagnose, die Geburt Mathildas, ihr Auf-der-Welt-Sein, Rückblicke der Mutter auf die ersten Jahre, Mathilda im Kindergarten und nicht zuletzt das Hier und Jetzt.

  • Danica Wendland (43) (Mutter)
  • Mathilda (4)
  • Ulrike Emmeluth (Kinderkrankenschwester)
  • Anja Kayser (Hebamme)
  • Denise Kniese (Ergotherapeutin)
  • Heike Brassel (Erzieherin)
  • Beschreibung Trisomie 21
  • Aufschlüsselung unterschiedlicher Früherkennungsuntersuchungen bzw. der Pränataldiagnostik (Schwangerschaft) in Bezug auf Trisomie 21
  • Bericht zur Schwangerschaft der Mutter
  • Bericht Hebamme
  • Bericht Kindergarten
  • Bericht Ergotherapeutin
  • Begleitung im Alltag

Diskussion

Die ausführlichen Erklärungen seitens des medizinischen und pädagogischen Fachpersonals untermauern die Berichte der Mutter. Zuschauende erhalten Einblick in die Lebenssituation einer Familiet, welche ein Kind mit Trisomie 21 hat. Dabei werden Hürden (z.B. in Bezug auf Komorbiditäten) und Potenziale im Kontext von Mathildas Entwicklung beleuchtet. Auch die Kritik an dem problematischen Umgang und die Beratung (bzw. das Drängen) pro Pränataldiagnostik seitens des Arztes, spielen eine Rolle in den eingebrachten Perspektiven der Mutter. Mathilda wird als ein lebensfrohes, ehrgeiziges und zugängliches Kind, welches stets Fortschritte macht, charakterisiert. Genau hier liegt auch eine potenzielle Kritik an dieser filmischen Darstellung. So sollte hervorgehoben werden, dass es sich um eine individuell erzählte Geschichte handelt. Nicht alle Kinder mit Trisomie 21 durchleben die gezeigten Entwicklungen.

Zu bedenken ist auch, dass die Gefahr besteht, Stereotype über ein „stets fideles Verhalten“ bei Menschen mit Trisomie 21, wie es medial oftmals der Fall ist, abzuleiten. Handelt es sich doch um Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Bedürfnissen, Befindlichkeiten, ggf. auch begleitet durch unterschiedlich große oder kleine Herausforderungen. Zudem sind Einrichtungen und Peers nicht in jedem Falle so offen und unterstützend wie jene im Umfeld von Mathilda. Hier hätten die gesellschaftlichen Umstände, im Kontrast zur Situation des Kindes, differenzierter eingeordnet werden können. Ferner wird teilweise durch die Redebeiträge einzelner Personen eine Kategorisierung und Verbesonderung von Kindern mit Trisomie 21 (resp. Kindern mit Behinderung) vorgenommen, was dem Inklusionsgedanken widerspricht. Nichtsdestotrotz übt Danica in ihren Erzählungen Kritik an bestehenden Stigmata und an der ärztlichen Beratung, welche ableistische Perspektiven bzw. Handlungsweisen auf Schwangere überträgt. Der Appell wird laut, Inklusion solle tatsächlich gelebt- und genügend Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Fazit

Der Film Glück zählt keine Chromosomen bzw. die Geschichte von Mathilda und Danica birgt das Potenzial, Personen mit Vorurteilen oder ohne Vorwissen, erste Berührungspunkte mit dem Thema „Kind mit Trisomie 21“ und der oft damit einhergehenden Pränataldiagnostik zu gestatten. Ableistische, pathologisierende Perspektiven können anhand des Films aufgeweicht und Ängste genommen werden.

Rezension von
Henriette Werner
Sonderpädagogin und Mitarbeiterin am Lehrstuhl "Pädagogik und Didaktik bei Menschen mit geistiger Behinderung" an der Universität zu Köln

Es gibt 1 Rezension von Henriette Werner.


Zitiervorschlag
Henriette Werner. Rezension vom 21.04.2023 zu: Lena Mosebach: Glück zählt keine Chromosomen. Aus dem Leben eines Kindes mit Trisomie 21. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2021. DVD, 45 Min. . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29441.php, Datum des Zugriffs 22.05.2024.


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