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Daniel Kilian: Einzelintegration für Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf in Kindertageseinrichtungen

Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 10.10.2022

Cover Daniel Kilian: Einzelintegration für Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf in Kindertageseinrichtungen ISBN 978-3-8340-2187-8

Daniel Kilian: Einzelintegration für Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf in Kindertageseinrichtungen. Eine Maßnahme zwischen Sonderpädagogik und Sozialpädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2021. 339 Seiten. ISBN 978-3-8340-2187-8. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
Reihe: Pädagogik bei Verhaltensstörungen.

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Autor

Daniel Kilian ist Sozialpädagoge, Sozialwissenschaftler und klinischer Sozialarbeiter. Er arbeitet in der Psychiatriekoordination des Bezirks Unterfranken hat Koordinator eines Krisendienstes für Menschen in psychischen Notlagen. Er hat Berufserfahrung in der Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe und der Sozialpsychiatrie. Zudem ist der regelmäßig als Lehrbeauftragter und Dozent tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die Dissertationsschrift, die an der Universität Würzburg angenommen wurde.

Aufbau des Buches

Das Buch gliedert sich in insgesamt 9 Kapitel. In der Einführung, dem 1. Kapitel, beschreibt der Autor ich sein Vorhaben und den wesentlichen Werdegang im Buch. Dabei machte er gleich deutlich, dass der Fokus dieser Arbeit auf der Einzelintegration von Kindern im Elementarbereich liegt, aber natürlich diese Frage in den Schulkontext hineinragt, aber nicht explizit aufgegriffen wird. „Vielmehr soll diese Arbeit die Maßnahme der Einzelintegration insgesamt näher beleuchten und ihre Verordnung innerhalb der pädagogischen Disziplinen der Sozial- und Sonderpädagogik klären“ (S. 14).

In Kapitel 2 geht es vor allen Dingen um die Begrifflichkeiten, die hier exemplarisch an den Stichworten ‚emotionale und soziale Entwicklung‘ und ‚seelische Behinderung‘ aufgegriffen werden. Es zeigt sich aus der Historie wie aber auch der Gegenwart, dass die Begrifflichkeiten nicht sehr trennscharf sind. Je nach Ebene, von Kultusministerkonferenz über Landesrichtlinien hin zu pädagogischen Kontexten und psychologischen beziehungsweise psychiatrischen Blickwinkeln und schließlich der gesetzlichen Ebene werden differierende Auffassungen zugrunde gelegt gut. Der Autor wird hier eine interaktionistische Perspektive und liegt folgende Definition nach Stein (2017) zugrunde:

„Verhaltensstörungen sind Störungen im Person-Umwelt-Bezug. Sie treten in sozialen Systemen auf und äußern sich bei Kindern und Jugendlichen in Form von Verhaltensauffälligkeiten als Beeinträchtigungen des Verhaltens und Erlebens, welche problematischen Folgen für die betroffenen Personen selbst und/oder ihr Umfeld nach sich ziehen. Dabei bedürfen überdauernde, Verhaltensauffälligkeiten besonderer pädagogischer und gegebenenfalls therapeutischer Maßnahmen“ (Seite 20).

In Kapitel 3 geht es um die Verbreitung der sogenannten seelischen Behinderungen. Der Autor beginnt erst mal mit den verschiedenen Formen von seelischer Behinderung und bezieht sich dabei sowohl auf das ICD 10 wie auch auf das DSM V. Weiterhin führt er verschiedene Untersuchungen an, um einen Überblick über die Häufigkeit zu bieten. „Eine Besondere Personengruppe, auf die an dieser Stelle noch gesondert hingewiesen werden soll, scheinen Kinder und Jugendliche zu sein, die in stationären Jugendhilfemaßnahmen leben. Für diese Gruppe wurden besonders hohe Raten an sozial-emotionalen Auffälligkeiten und entsprechend auch höhere Zahlen an psychiatrischen Erkrankungen festgestellt“. Wenig verwunderlich ist, dass sich der Forschungsstand epidemiologischer Verteilung hauptsächlich auf klinisch-psychiatrische Krankheitsbilder konzentriert.

Kapitel 4 hat die Zielsetzungen von Kindergärten und Kinderkrippen zum Inhalt. Es beginnt mit den allgemeinen Zielsetzungen und Aufgaben, was auch mittels Schaubildern übersichtlich und gut nachvollziehbar dargestellt wird. Der besondere Fokus für Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf wird als Nächstes angesprochen, wobei das prosoziale Verhalten und die Identität hier im Vordergrund stehen. Daran knüpft die Darstellung der verschiedenen theoretischen (relativ weit verbreiteten) Konzepte an, die in Deutschland den Kinderkrippen und -gärten zugrunde liegen.

Die sonderpädagogischen Zielsetzungen sind Inhalt im Kapitel 5, wobei der Autor erst einmal das Förderschulwesen in den Blick nimmt. Da die Dissertation in Würzburg erfolgte, sind gemäß der Bildungshoheit der Bundesländer hier die bayerischen Regularien zugrunde gelegt. Der Autor schränkt selber ein, dass sich die Zielsetzungen aus dem förderschulischen Bereich nur teilweise in den vorschulischen, elementarpädagogischen Bereich übertragen lassen. Ergänzend dazu erläutert er welche Maßnahmenformen es in der sonderpädagogischen Arbeit im vorschulischen Bereich in Bayern gibt. Des Weiteren geht er auf verschiedene klassische Förderkonzepte ein, die im pädagogisch-therapeutischen Bereich angewendet werden.

Kapitel 6 beschreibt dann die Maßnahme der Einzelintegration, die von anderen Unterstützungsmaßnahmen abzugrenzen ist. Wie der Autor feststellt, gibt es allein bayernweit große Unterschiede hinsichtlich der Organisation der Fördermodalitäten wie auch in der umgesetzten Förderung.

Kapitel 7 hat das Forschungsdesign zum Inhalt. Die zentrale Fragestellung lautet: „wie sieht die pädagogische Praxis von einzelnen Integrationsmaßnahmen für Kinder mit emotional-sozialem Förderbedarf in elementarpädagogischen Kindertageseinrichtungen derzeit aus und wie ist diese im Schnittbereich der Sozial- und Sonderpädagogik zu verorten?“ (S. 133). Verbunden damit ist die Frage nach dem Verhältnis der Einzelintegrationsmaßnahmen im Kontext der beiden pädagogischen Disziplinen. Ebenso ist auch zu fragen, was das für Auswirkungen auf die praktische Arbeit von Fachkräften der Einzelintegration hat beziehungsweise, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden können. Anhand eines Beispielbezirkes wurde zu einem Stichtag eine Fallzahl von 109 laufenden Fällen erfasst. Dem vorangegangen ist die Festlegung von Kriterien für einen Personenkreis mit sozial-emotionalem Förderbedarf, was zum Beispiel zum Ausschluss von Kindern mit geistiger, körperlichen oder Sinnesbehinderungen führte. Diese zugrunde liegenden Daten wurden qualitativ inhaltlich ausgewertet.

Die Auswertung der zugrundeliegenden Fälle bitte den Inhalt des Kapitels 8. Dabei wird sehr detailliert auf die verschiedensten Aspekte eingegangen. Das beginnt bei der Anpassung der bestehenden Strukturen in den Einrichtungen, geht auf den Bereich Personalschulung von Beratung ein, nimmt auch die Eltern mit in den Blick, greift den Bereich der Sozialkontakte und der Kontakte mit Gleichaltrigen auf, thematisiert die besondere Förderung im Bereich emotionaler und sozialer Kompetenz, um dann auch auf den gewünschten Bereich der Reduzierung auffälliger oder ‚problematischer‘ Verhaltensweisen einzugehen. Auch die Vorbereitung auf die Schule wird mit in den Blick genommen. Darüber hinaus geht es natürlich auch noch um die Kooperation mit unterstützenden anderen Diensten wie Frühförderstellen, Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Ärzten, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten so wie Jugendhilfe.

Kapitel 9 stellt einerseits eine Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse da und zum anderen wird insbesondere auch der Vergleich zwischen Einzelintegration und Sonderpädagogischer Fördermaßnahme dargestellt. „Zusammenfassend lässt sich hinsichtlich der inhaltlichen pädagogischen Arbeit feststellen, dass, wie auch schon im Bereich der Zielsetzungen, sehr große Schnittstellen und Gemeinsamkeiten zwischen sonderpädagogischer Hilfe in der schulvorbereitenden Einrichtung und Maßnahmen der Einzelintegration bestehen. Pädagogisch therapeutische Kompetenzen sind unentbehrlich und ein wichtiger Qualitätsaspekt der Fachlichkeit in den Integrationsmaßnahmen“ (S. 272). Mit einem Fazit und auch noch mal einer rückblickenden kritischen Würdigung endet diese Arbeit. Der Autor stellt fest, dass die Einzelintegration insgesamt eine sehr sinnvolle und sehr interessante und wichtige Maßnahme ist, die Kinder mit emotionalen und sozialen Problemlagen Förderbedarf an frühzeitige Hilfe ermöglicht und eine wichtige inhaltliche Versorgungslücke auf vergleichsweise inklusive und niedrigschwellige Weise schließt“ (S. 282). Aus Sicht des Autors liegt hier noch ein großes Potenzial, das noch vielfach ausgebaut werden muss.

Diskussion

Die Einzelintegration für Kinder mit sozial emotionalen Förderbedarf ist ein interessanter Ansatz, wie Kinder jenseits von festgestellter Behinderung gelingend in elementar pädagogische Einrichtungen integriert werden können. Da dieses Thema bisher noch nicht weit verbreitet ist, hat der Autor mit seiner Studie hier erste gute Hinweise abbilden können. Auch die im Vorfeld seiner Untersuchung gemachten Ausführungen gib mir einen guten Überblick für Menschen, die mit jungen Kindern mit Förderbedarf im sozial emotionalen Bereich zu tun haben. Die Einschränkung der Studie aus Bayern und dann noch einmal die Eingrenzung Exploration auf einen Bezirk in Bayern stellt allerdings die Frage, nach der Übertragbarkeit in andere Bundesländer und in die jeweilige Kultushoheit. Hier wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Autor zumindest nach einer Internetrecherche einen kleinen Überblick gegeben hätte.

Fazit

Für Fachkräfte, die mit Kindern mit einem sozial-emotionalen Förderbedarf im Elementarbereich zu tun haben, gibt das Buch insgesamt einen guten Überblick, was Störungsbilder und pädagogisch-therapeutische Ansätze betrifft. Als Leitfaden für die Übertragung auf andere Bundesländer kann das Buch leider nur bedingt herangezogen werden, weil hier erst einmal zu prüfen und zu erschließen ist, welche Voraussetzungen im jeweiligen Bundesland gelten.

Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 10.10.2022 zu: Daniel Kilian: Einzelintegration für Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf in Kindertageseinrichtungen. Eine Maßnahme zwischen Sonderpädagogik und Sozialpädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2021. ISBN 978-3-8340-2187-8. Reihe: Pädagogik bei Verhaltensstörungen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29450.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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