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Christoph Mattes, Simon Rosenkranz et al. (Hrsg.): Das Soziale in der Schuldenberatung

Rezensiert von Larissa Gregarek, 06.02.2023

Cover Christoph Mattes, Simon Rosenkranz et al. (Hrsg.): Das Soziale in der Schuldenberatung ISBN 978-3-8340-2188-5

Christoph Mattes, Simon Rosenkranz, Matthias D. Witte (Hrsg.): Das Soziale in der Schuldenberatung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2022. 266 Seiten. ISBN 978-3-8340-2188-5. 24,00 EUR.
Reihe: Grundlagen der Sozialen Arbeit.

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Thema

Schuldenberatung ist in aller Regel nicht das erste und auch nicht das zweite Arbeitsfeld, das mit „Sozialer Arbeit“ assoziiert wird. Das mag auch damit zusammenhängen, dass gewerbliche Anbieter und Anbieterinnen, die nicht aus dem sozialen Bereich stammen, ebenfalls Schuldenberatung anbieten. In Konzepten und Fortbildungsprogrammen ist daher zwecks Abgrenzung von kommerziellen Angeboten oftmals die Rede von „Sozialer Schuldnerberatung“. Doch was genau ist das Soziale in der Schuldenberatung? Welchen Mehrwert kann die Soziale Arbeit der Schuldenberatung bieten, dass sie die Mehrheit der Fachkräfte in diesem Arbeitsfeld stellt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der vorliegende Sammelband.

Herausgeber

An dem vorliegenden Sammelband haben sich eine Vielzahl von Autorinnen und Autoren beteiligt. Diese sind überwiegend im Lehrbereich an Universitäten und Hochschulen tätig und haben ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte unter anderem in den Themenbereichen Überschuldung, Armut, Wohnungs- und Obdachlosigkeit und sozial-gesundheitliche Ungleichheit gesetzt.

Die Herausgeber sind Dr. Christoph Mattes (Dozent mit dem Schwerpunkt Armut, Lebenslagenanalyse und Schuldenberatung an der Fachhochschule Nordwestschweiz), Simon Rosenkranz (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz) und Prof. Dr. Matthias D. Witte (Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz).

Entstehungshintergrund

Der Sammelband entstammt der Reihe „Grundlagen der Sozialen Arbeit“ (Band 45) und ist im Jahr 2022 erstmalig erschienen.

Aufbau und Inhalt

„Das Soziale in der Schuldenberatung“ ist in fünf Kapitel gegliedert:

  1. Schuldenberatung. Ein Überblick
  2. Überschuldung und Soziale Arbeit. Facetten professioneller Schuldenberatung
  3. Zielgruppenspezifische Aspekte der Schuldenberatung
  4. Ergänzende disziplinäre Perspektiven der Schuldenberatung
  5. Ausblick

Aus den vorliegenden vielzähligen Beiträgen innerhalb des Werkes sollen im folgenden Abschnitt ausgewählte Beiträge näher vorgestellt werden.

Digitalisierung in der Beratung von Überschuldeten (Simon Rosenkranz)

Nicht nur vor dem Hintergrund der seit 2020 grassierenden Corona-Pandemie, sondern auch angeregt durch die sich ständig verändernden und erweiternden Kommunikationstechnologien, stellt Rosenkranz in diesem Beitrag den aktuellen Stand der Digitalisierung im Arbeitsfeld Schuldenberatung dar. Eine Umfrage des Instituts für Finanzdienstleistungen habe ergeben, dass in 94 % der Beratungsstellen mit papierhaften Akten gearbeitet wird. Darauffolgend werden Anregungen für die Vereinfachung und Standardisierung des Verwaltungshandelns anhand von Praxisbeispielen dargestellt. Im Zuge der Pandemie und der Kontaktvermeidung hat zudem die Online-Beratung einen größeren Stellenwert erlangt. Die Soziale Schuldenberatung nutze diese Möglichkeit jedoch noch sehr zurückhaltend. Es werde das Risiko, den persönlichen Kontakt zu den Ratsuchenden dadurch zu verlieren, höher bewertet als die Chancen eines solchen Angebotes. Dabei solle Online-Beratung lediglich eine Ergänzung zur persönlichen Beratung darstellen und diese keinesfalls ersetzen.

Rosenkranz setzt in seinem Beitrag schließlich noch früher an. Er zeigt auf, welche Auswirkungen die zunehmende Digitalisierung auf das Leben der Menschen hat, noch bevor es zu einer Ver- oder gar Überschuldung kommt. Denn auch die Möglichkeiten der Verschuldung haben sich durch die fortschreitende Digitalisierung erweitert. Beispielhaft thematisiert Rosenkranz das Spielkonzept „Free to Play“ als neues Verschuldungspotenzial.

Perspektiven auf Beratung im Rahmen von Überschuldung in der Mittelschicht (Marion Müller, Patricia Pfeil)

Die Autorinnen versuchen sich zunächst an einer Definition der Mittelschicht und stellen fest, dass die Zuschreibung „Mittelschicht“ in der Literatur und Forschung unterschiedlich verwendet wird, was wiederum zu teilweise gegensätzlichen Forschungsergebnissen führt. Neben soziostrukturellen Merkmalen und bestimmten Normen und Werten scheint sich die Mittelschicht gerade auch über die persönliche Zuordnung zu derselben zu definieren: „Ihr gehören alle diejenigen an, die sich aufgrund ihrer Bildung, ihrer Einkommensverhältnisse, ihrer Lebensweise, ihres Status oder geteilter Werte und Normen dazuzählen“ (S. 132). Es wird festgestellt, dass die Überschuldung Mittelschichtsangehöriger bislang kaum erforscht ist und sich Forschungsergebnisse anderer Fokusgruppen kaum oder gar nicht übertragen lassen. Eine nähere Betrachtung lohnt sich aber gerade deshalb, da Überschuldung in der Mittelschicht regelmäßig eine Identitätskrise mit sich zieht. Auch damit mag es zusammenhängen, dass sich der Mittelschicht zuordnende Personen eher selten an eine Schuldenberatungsstelle wenden. Im vorliegenden Beitrag werden schließlich erste Ergebnisse der Studie vorgestellt. Aus den Ergebnissen schließen die Autorinnen, dass Angehörige der Mittelschicht zum einen keinen Zugang zu Schuldenberatungsstellen finden, da sie sich durch die Benennung nicht angesprochen fühlen – „Schuldner*innen – das sind für die Mittelschicht ˃die Anderen˂“ (S. 139) und zum anderen die eigenen Grundhaltungen, wie bspw. Autonomie und Entscheidungsfreiheit, den Weg zu einer Schuldenberatung verschließen. Der geringe Anteil der Befragten, der sich an eine Schuldenberatungsstelle gewandt hat, äußerte zum Teil den Wunsch nach mehr psychologischer und lebensweltlicher Begleitung neben den finanziellen Aspekten sowie einer Begleitung für die gesamte Dauer des Verbraucherinsolvenzverfahrens.

Konsum als Problem? Verschuldung aus psychologischer Perspektive (Georg Felser)

Der Beitrag von Georg Felser vermag Fachkräfte der Sozialen Schuldenberatung zunächst zu irritieren, da der Titel einen individualisierenden Ansatz vermuten lässt. Dem ist aber nicht so: „tatsächlich zeigt gerade die psychologische Forschung, dass die größten Risikofaktoren für Überschuldung im Bereich der sozioökonomischen Faktoren liegen“ (S. 239). Felser zeigt zunächst auf, dass Menschen unterschiedliche Bereitschaften aufzeigen, eine Belohnung aufzuschieben. Daraus folgert er jedoch gerade nicht, dass ein bestimmter Persönlichkeitstypus grundsätzlich dazu neigt, sich zu verschulden. Hingegen macht Felser deutlich, dass individuelle Lebensumstände die Bereitschaft zum Belohnungsaufschub beeinflussen können, so zum Beispiel ein geringes Einkommen oder mangelndes Vertrauen in die Zukunft aufgrund persönlicher Lebenserfahrungen, die in prekären Verhältnissen häufiger gemacht werden. Als weiteren situationalen Faktor benennt Felser das Verführungspotenzial der Umwelt – so kann zum Beispiel die bloße Art der Darstellung eines Kreditangebotes Auswirkungen darauf haben, ob trotz der höheren Kosten eine längere Laufzeit gewählt wird. Daran schließt sich die Frage an, ob mangelndes (finanzielles) Wissen mit Verschuldung zusammenhängt. In der Tat scheinen die Rechenfähigkeiten der Bevölkerung – so die Ergebnisse einer weltweiten Studie – allgemein ausbaufähig zu sein. Aus derselben Studie gehe aber auch hervor, dass Personen ohne finanzielle Schwierigkeiten oftmals über ebenso geringes finanzielles Wissen verfügten. Felser kommt zu dem Schluss, dass psychologische Faktoren durchaus eine höhere Anfälligkeit für Ver- und Überschuldung begünstigen können, nach wie vor aber strukturelle Bedingungen die entscheidenden Auslöser von Überschuldung sind und nicht-begünstigende psychologische Faktoren daher auch keinen sicheren Schutz vor Überschuldung bieten.

Diskussion

Zunächst fällt auf, dass der Titel des Werkes dieses Arbeitsfeld als „Schuldenberatung“ bezeichnet und nicht, wie es allgemeinhin noch üblich ist, als Schuldnerberatung. Dies wird wie folgt begründet: „Schuldenberatung soll den Fokus von der*m Schuldner*in auf die Beratung von Menschen mit Schulden verschieben, Ver- und Überschuldung als gesellschaftliches Problem hervorheben und knüpft damit an andere Arbeitsfelder wie z.B. die Sucht- oder Migrationsberatung an, die auch ohne personalisierende Problemdeutung psychosoziale Folgeprobleme bearbeiten“ (S. 9). Die Begründung überzeugt und auch im Hinblick auf eine genderneutrale Sprache wäre eine allgemeine Umbenennung des Arbeitsfeldes wünschenswert.

Es handelt sich hier nicht um ein Standardwerk, das Grundlagen und Grundwissen der Schuldenberatung vermitteln will. Für allgemein Interessierte, Studierende und neue Fachkräfte in der Schuldenberatung kann es dennoch erste Einblicke in die Zielgruppen und Themen dieses Arbeitsfeldes bieten. Vielmehr eignet es sich jedoch für erfahrene Schuldenberatungsfachkräfte. Diesen bietet es Möglichkeiten des Perspektivwechsels, z.B. durch die darin vorgestellten Studienergebnisse, in denen die Ratsuchenden zu Wort kommen. Dabei werden auch bislang wenig erforschte Zielgruppen der Schuldenberatung, wie beispielsweise junge Erwachsene sowie Ratsuchende aus der Mittelschicht berücksichtigt. Auch bietet es neue Impulse durch Themen wie Digitalisierung oder Blickwinkel angrenzender Professionen. Das Buch lädt ein zur Neu-Fokussierung oder auch Wiederbesinnung auf die Anteile der Sozialen Arbeit in dem Arbeitsfeld Schuldenberatung, somit zu einer Abwendung von reiner Expert*innenberatung hin zu mehr Fallverstehen und sozialpädagogischem Handeln, das sich über den Einzelfall hinaus erstreckt.

Fazit

In dem vorliegenden Sammelband von Mattes, Rosenkranz und Witte wird die Bedeutung der Sozialen Arbeit für die Schuldenberatung herausgearbeitet. Dies geschieht anhand von grundsätzlichen Überlegungen, zielgruppenspezifischen Aspekten und unter Heranziehung interdisziplinärer Sichtweisen zu und auf das Soziale in der Schuldenberatung. Insbesondere für Fachkräfte der Sozialen Schuldenberatung bietet das Buch Anregungen, neben der reinen Expert*innenberatung dem Fallverstehen mehr Raum zu geben und über den Einzelfall hinaus die Ursachen von Überschuldung zu bekämpfen.

Rezension von
Larissa Gregarek
Sozialarbeiterin B.A., tätig in der Schuldner- und Insolvenzberatung der Wissenschaftsstadt Darmstadt
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Es gibt 5 Rezensionen von Larissa Gregarek.

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Zitiervorschlag
Larissa Gregarek. Rezension vom 06.02.2023 zu: Christoph Mattes, Simon Rosenkranz, Matthias D. Witte (Hrsg.): Das Soziale in der Schuldenberatung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2022. ISBN 978-3-8340-2188-5. Reihe: Grundlagen der Sozialen Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29451.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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