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Rolf Ahlrichs, Stefan Hoffmann: Demokratische Partizipation in der Jugend­verbandsarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker, 28.09.2022

Cover Rolf Ahlrichs, Stefan Hoffmann: Demokratische Partizipation in der Jugend­verbandsarbeit ISBN 978-3-8487-7476-0

Rolf Ahlrichs, Stefan Hoffmann: Demokratische Partizipation in der Jugendverbandsarbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2022. 165 Seiten. ISBN 978-3-8487-7476-0. 39,00 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Jugendverbände versprechen mit ihrem Selbstverständnis viel: Sie wollen „Werkstätten der Demokratie“ sein. Aber wie setzen sie diesen selbst gesetzten Anspruch um? Wie geschieht Demokratiebildung in den Jugendverbänden? Das ist die Fragestellung der hier vorgestellten Studie.

Nicht erst seit dem 16. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2020) wird intensiv über die demokratische Bildung im Kindes- und Jugendalter diskutiert. Der Kinder- und Jugendarbeit wird dabei das Potenzial zugesprochen, ein Ort zu sein, an dem Kinder und Jugendliche demokratisches handeln einüben, konkret mitentscheiden und Verantwortung übernehmen können. Insbesondere Jugendverbände geraten aufgrund ihrer demokratischen Strukturprinzipien, ihres eigenen Anspruchs sowie ihres in § 11 und § 12 SGB VIII formulierten gesetzlichen Auftrags in den Blick von Forschung und Politik. Allerdings liegen kaum Studien vor, die Auskunft über die konkrete Praxis der Demokratiebildung in der Jugendverbandsarbeit geben. Bislang ist davon auszugehen, dass Jugendverbänden ihr Potenzial zur Demokratiebildung kaum bewusst ist (vgl. Riekmann 2011; Ahlrichs 2019).

Der Band von Ahlrichs und Hoffmann setzt hier an. Die qualitative Studie untersucht die demokratische Partizipation in der Jugendverbandsarbeit anhand von Gesprächen mit ehrenamtlich engagierten jungen Menschen in drei Jugendverbänden in Baden-Württemberg. Ziel der partizipativ angelegten Untersuchung ist es, die demokratischen Erfahrungen junger Menschen in ihren Jugendverbänden zu erheben und diese mit ihnen zu diskutieren. Methodologisch wird auf die Handlungspausenforschung (Richter 2020) zurückgegriffen.

Das in diesem Beitrag rezensierte Werk stellt den zweiten Band der von Elisabeth Richter, Wibke Riekmann und Rolf Ahlrichs im Nomos-Verlag herausgegebenen Reihe „Demokratiebildung“ dar. In der Reihe erscheinen Arbeiten, die eine sozialpädagogische Perspektive auf Demokratiebildung in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit eröffnen. Im ersten Band der Reihe gibt Helmut Richter (2022) einen historischen Überblick über die spannungsreiche Entwicklung der Demokratiebildung in der Sozialpädagogik. Er stellt damit die theoretischen Grundlagen der „Hamburger Schule der Demokratiebildung“ vor, auf die sich auch das vorliegende Werk bezieht (vgl. auch Richter, Elisabeth 2019).

Der nun vorliegende zweite Band der Reihe setzt die von Richter entfalteten historischen und systematischen Betrachtungen zur sozialpädagogischen Demokratiebildung im Zuge einer empirischen Studie fort. Die theoretischen Ausführungen zur Demokratiebildung werden dabei eher knapp gehalten, der Schwerpunkt liegt auf den empirischen Ergebnissen der Studie. Andererseits können die theoretischen Vorklärungen auch gut als eine Einführung in die Position der „Hamburger Schule der Demokratiebildung“ gelesen werden, die sich auf die Konzipierung und empirische Erforschung von demokratischer Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe fokussiert.

Autoren

Die Autoren des vorliegenden Bandes sind Mitarbeitende der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Rolf Ahlrichs, Dr. phil., Dipl.-Sozialpädagoge, ist Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit und Diakonie/​Jugend- und Erwachsenenbildung. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte liegen auf der Demokratiebildung, insb. in der Jugendverbandsarbeit. Stefan Hoffmann, Dr. phil., Dipl. Sozialarbeiter, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der EH Ludwigsburg und Landesreferent im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel. Den größten Teil des Buches nimmt dabei das vierte Kapitel zu den Ergebnissen mit knapp der Hälfte der Gesamtseitenzahl ein:

  1. Einleitung
  2. Theoretische Grundlagen
  3. Forschungsmethodik
  4. Ergebnisse der Studie
  5. Handlungsempfehlungen

In Kapitel 1 wird die Studie in aktuelle Fragestellungen der Jugendarbeitsforschung, etwa des 15. und 16. Kinder- und Jugendberichts (siehe meine Einleitung oben), eingeordnet und der Aufbau des Buches präsentiert.

In Kapitel 2 stellen die Autoren die Rahmenbedingungen des untersuchten sozialpädagogischen Handlungsfeldes, der Jugendverbandsarbeit, dar. Sie gehen dabei vom gesetzlichen Auftrag aus, wie er in § 11 SGB VIII ausgeführt wird. Danach sind Angebote der Kinder- und Jugendarbeit an den Interessen von Kindern und Jugendlichen auszurichten, wobei diese über die Angebote mitbestimmen und sie mitgestalten sollen. Der gesetzlich formulierte Auftrag zur Mitbestimmung führt die Autoren zur Klärung des Partizipationsbegriffs. Sie gehen davon aus, dass Partizipation nicht gleichzusetzen sei mit Demokratie, auch wenn sie als wichtige Vorstufe gelten könne. Demokratietheoretisch schließen sie an die von Jürgen Habermas entfaltete deliberative Demokratie an und legen damit der Studie einen bestimmten partizipativen und keinen beliebigen Demokratiebegriff zugrunde. Danach bedeutet Demokratie, dass sich die Mitglieder einer Entscheidungsgemeinschaft (des demos, des Volkes) wechselseitig als mündige Aushandlungspartner:innen anerkennen und gemeinsam über Fragen der gemeinsamen Lebensführung beraten und entscheiden.

Der gesetzliche Auftrag der Kinder- und Jugendarbeit formuliert jedoch neben dem Partizipations- auch einen Bildungsauftrag mit dem Ziel, junge Menschen „zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement an(zu)regen und hin(zu)führen“ (§ 11 SGB VIII). Demokratiebildung wird von den Autoren, auch in Abgrenzung zur schulischen Wissensvermittlung, als Aneignung von Demokratie durch demokratische Praxis verstanden. Zur Erläuterung des Zusammenhangs von Partizipation und Bildung greifen die Autoren auf John Deweys Verständnis einer erfahrungsbasierten Demokratiebildung und Benjamin Barbers Konzept demokratischer Partizipation zurück. Dewey versteht Demokratie nicht nur als Regierungsform, sondern gleichzeitig auch als Form des Zusammenlebens im Gemeinwesen, wobei pädagogische Institutionen als „embryonic society“ – also als Gesellschaft bzw. Gemeinwesen im Kleinen – verstanden werden. In ihnen wird die Aneignung von Demokratie durch demokratische Erfahrungen möglich. Mit Barber machen die Autoren zudem den Aspekt der lokalen demokratischen Öffentlichkeit stark, auf die sich die Aktivitäten der Jugendverbände beziehen. Sie schließen den theoretischen Teil mit Ausführungen zum Begriff der Selbstwirksamkeit ab.

In Kapitel 3 wird das methodische Vorgehen der Studie vorgestellt. Zunächst sichten die Autoren den Forschungsstand und kommen zu dem Ergebnis, dass die demokratischen Erfahrungen junger Menschen in der Jugendverbandsarbeit ein bislang vernachlässigtes Forschungsfeld sind. Sie ordnen sodann die vorliegende Studie in die aktuelle Diskussion zur partizipativen Forschung ein, stellen die an der Universität Hamburg entwickelte Handlungspausenforschung als methodologische Grundlage ihrer Studie sowie das konkrete Vorgehen dar. Mit dem Rückgriff auf die Handlungspausenforschung verbinden die Autoren das Ziel, „demokratische Partizipation im Jugendverband nicht nur als Forschungsgegenstand zu behandeln, sondern den Forschungsprozess selbst möglichst dialogisch-partizipativ zu gestalten“ (S. 52). Die Handlungspausenforschung ermöglicht als sozialpädagogische Forschungsmethode neben wissenschaftlichen Erkenntnissen auch Bildungsprozesse bei allen an der Forschung Beteiligten, die in der vorliegenden Studie nachvollziehbar werden (s.u.).

Die Studie beruht auf insgesamt sieben Gruppendiskussionen, die pandemiebedingt ausschließlich online mit jungen Menschen aus jeweils drei Jugendverbänden durchgeführt worden sind. Ein wesentlicher Schritt der Handlungspausenforschung ist die kommunikative Validierung, die im vorliegenden Fall durchgeführten wurde, indem den Beteiligten die Transkripte ihrer jeweiligen Gruppendiskussion zur Korrektur und Ergänzung zugeschickt wurden. Die überarbeiteten Transkripte bildeten die Grundlage für die Auswertung der Autoren. Diese wurde in Thesenform komprimiert als argumentative Validierung erneut mit den Beteiligten diskutiert, dieses Mal in vier Gruppendiskussionen in gemischten Gruppen, d.h. über Jugendverbandsgrenzen hinweg.

Den Kern des vorliegenden Buches bildet die Darstellung der Ergebnisse der durchgeführten Gruppendiskussionen im Kapitel 4. Zunächst werden die Ergebnisse für die drei beteiligten Jugendverbände separat als unterschiedliche Profile der Demokratiebildung vorgestellt. Ein zweiter Auswertungsschritt führt über die Zusammenführung und Verdichtung von Ergebnissen zu zehn Thesen zur Demokratiebildung in Jugendverbänden. Diese vorläufigen Thesen waren Inhalt der argumentativen Validierung. Daraus entstanden letztlich zehn finale Thesen, die die Kernergebnisse der Studie komprimiert darstellen. Schließlich wird ein kurzer Ausblick auf den noch andauernden Transfer der Ergebnisse in die Praxis gegeben.

Zu den markantesten Ergebnissen der Studie zählt die von den ehrenamtlichen jungen Menschen aus zwei Jugendverbänden selbstverständlich und weitgehend unhinterfragt eingeführte Figur des:der „Teilnehmenden“. Dies macht deutlich, dass es in manchen Jugendverbänden einen deutlichen Unterschied für die demokratische Mitgestaltung macht, ob junge Menschen als Teilnehmende oder als Mitglieder oder als ehrenamtlich Mitarbeitende adressiert werden. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die Mitgliedschaft als zentrales Strukturprinzip der Vereine kaum eine Rolle spielt. Damit wird unklar, wer eigentlich über formelle Mitentscheidungsrechte verfügt. Ähnliches gilt für das Vereinsprinzip der (Binnen-)Öffentlichkeit, dass in den befragten Jugendverbänden insgesamt wenig Beachtung findet: Es gibt zu wenig offene Artikulationen und Debatten auf den unterschiedlichen Ebenen der Verbände und kaum Beteiligung an Diskursen in der kommunalen Öffentlichkeit. Gleichwohl macht die Studie deutlich, dass die jungen Menschen Erfahrungen demokratischer Beratungs- und Entscheidungsprozesse in Jugendverbänden machen und diese zum Teil auch intensiv reflektieren. Kritisch sehen sie selbst vor allem Exklusionsmechanismen, die einerseits den Zugang zu einem Jugendverband einschränken, indem bestimmte Einstellungen oder teilkulturelle Handlungsmuster vorausgesetzt werden, andererseits auch die Auswahl von Gremienmitgliedern betreffen. Die befragten Jugendlichen beschreiben diese Selektionskriterien selbstkritisch und zum Teil durchaus humorvoll und diskutieren über Möglichkeiten ihrer Überwindung. Immerhin wird auch damit ein wichtiges Problem von Demokratie konstruktiv angegangen. Auffällig ist auch die konzeptionelle Verankerung des Konsensprinzips mit entsprechenden Verfahrensweisen in einem der Jugendverbände, die dort zu intensiven Reflexionen der Mitglieder über ihre demokratische Entscheidungsfindung führt.

In Kapitel 5 formulieren die Autoren an die Ergebnisse anknüpfend Handlungsempfehlungen, die sich an die Praxis der Jugendverbandsarbeit richten. Zudem werden offene Fragen markiert, die in weiteren Forschungsprojekten aufgegriffen werden könnten, und methodologische Schlussfolgerungen für die partizipative Forschung gezogen.

Diskussion

Die Publikation ist von einer grundsätzlich positiven und solidarisch-kritischen Perspektive auf die Jugendverbandsarbeit geprägt. Die Autoren gehen von dem Leitgedanken aus, dass Jugendverbände aufgrund ihrer Strukturen ein großes Potenzial für demokratische Bildungsprozesse junger Menschen bieten. In den vielen Zitaten, die im Ergebniskapitel zu lesen sind, wird eben dieses Potenzial sehr deutlich. Gleichzeitig werden aber gerade durch die Unterschiedlichkeit der betrachteten Jugendverbände Herausforderungen deutlich, die sich für die Jugendverbandsarbeit ergeben.

Diese Herausforderungen werden von den Autoren präzise ausgearbeitet und in zehn Thesen verdichtet. Gerade diese Thesen können eine gute Grundlage für andere Jugendverbände darstellen, um die eigenen Potenziale für demokratischen Erfahrungen zu diskutieren. Mit ihrem (durch eigene Jugendverbandserfahrungen geprägten) positiven Blickwinkel und Sprachduktus gelingt es den Autoren das Thema der Demokratiebildung auch für ehrenamtliche Gremien in Jugendverbänden zu öffnen und ihnen fachliche Impulse anzubieten. Die partizipative Erzeugung der Ergebnisse und ihre verständliche Darstellung, macht die Studie für den Transfer in die Praxis besonders geeignet.

So positiv die partizipativen Forschungspraxis des Projektes bewertet werden muss (denn Forschung über Demokratiebildung muss selbst demokratisch und bildend die Befragten seien), so müssen doch auch forschungsmethodische Verkürzungen benannt werden. So wird zwar sehr präzise in die theoretischen Grundbegriffe und damit in die Perspektiven zur Aufschlüsselung des Materials eingeführt, diese werden allerdings nicht detaillierter operationalisiert. So ist ein Leitfaden der Interviews nicht wirklich erkennbar und die Kodierungskategorien des gewählten inhaltsanalytischen Verfahrens werden nicht berichtet. Das wäre allerdings besonders spannend gewesen, weil gerade durch die partizipative Forschung eine Kombination von deduktiven Deutungsweisen mit induktiv kommunikativ gemeinsam mit den Beteiligten erstellten Deutungskategorien geleistet werden muss. Den Leser:innen werden nur in der Zusammenfassung der Ergebnisse der Befragungen des jeweiligen Verbandes grundsätzliche Deutungskategorien angeboten. Diese sind Ebenen der Mitbestimmung, Einflussmöglichkeiten, Selbstwirksamkeit, Hürden und Grenzen, Exklusion und Inklusion, Machtverhältnisse, Bildungsprofil, Demokratieverständnis. Diese Begriffe sind zwar in den theoretischen Vorklärungen angesprochen, aber nicht noch einmal als Deutungskategorien (der inhaltsanalytischen Kodierung) herausgearbeitet und begründet worden. Damit wird für die Leser:innen weniger der Forschungsweg, als hauptsächlich dessen partizipativ erzeugten Ergebnisse erkennbar. Diese sind allerding innerhalb der einzelnen Kategorien durchaus nachvollziehbar entwickelt, weil sie immer wieder an Originalzitaten aus den Interviews begründet und so auf Plausibilität geprüft werden können.

Insofern funktioniert der partizipative Forschungsansatz hier durchaus. Den Autoren ist es gelungen, wissenschaftliche Erkenntnisse mit jungen ehrenamtlich engagierten Menschen zu diskutieren, weil sie einerseits an ihren Fragestellungen angesetzt und diese zum Mittelpunkt ihrer Forschung gemacht haben, sie andererseits durch die Aufbereitung der Ergebnisse in Thesenform eine Verdichtung erreicht haben, die bei den Beteiligten Lust auf die Diskussion der Ergebnisse geweckt hat. Damit ist die Studie ein überzeugendes Beispiel partizipativer Forschung, das zeigt, wie mit begrenztem zeitlichem und finanziellem Budget nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse erhoben, sondern bei den Beteiligten auch Bildungsprozesse angestoßen werden können.

Eine gewisse Einschränkung der Verallgemeinerbaren der Ergebnisse liegt in der Auswahl des Samples begründet. Es wurden drei traditionsreiche Jugendverbände in einem westlichen Bundesland untersucht. Inwiefern die Ergebnisse auf die besondere Situation der Jugendverbandsarbeit in den ostdeutschen Bundesländern oder auf die vielfältigen selbstorganisierten Jugendinitiativen (z.B. Fridays for Future) übertragbar sind, ist fraglich. Dies zeigt einmal mehr, wie wichtig eine umfassendere Untersuchung zur Jugendverbandsarbeit wäre, die Bundeslandübergreifend Vereine, Initiativen und Jugendverbänden mit unterschiedlichen Ausgangssituationen in den Blick nimmt.

Der zweite Band der Reihe „Demokratiebildung“ zeigt, dass junge Menschen in Jugendverbänden demokratische Erfahrungen machen können, sie aber gleichzeitig durchaus kritisch die eigene Jugendarbeitspraxis reflektieren und Handlungsbedarfe weiterer ‚Demokratisierung‘ benennen. Dazu gehört beispielsweise, sich über die Exklusionsprozesse des eigenen Jugendverbands bewusst zu werden und miteinander zu beraten, ob und wie diese überwunden werden können.

Durch die Systematisierung und thesenhafte Verdichtung der Herausforderungen für Jugendverbände kann die Publikation ehrenamtlich und hauptamtlich tätige Menschen dabei unterstützen, die aktuelle Situation in ihrem Jugendverband zu reflektieren und zu diskutieren und so ihren gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, Kindern und Jugendlichen die Mitbestimmung der Angebote zu ermöglichen. Für den Diskurs besonders hilfreich sind die in den Profilen der Jugendverbände deutlich werdenden Unterschiede zwischen den Jugendverbänden, weil sie zeigen, welche speziellen Lösungen beispielsweise für die Mitbestimmung von Kindern oder auch für eine systematische konsensuelle Entscheidungsfindung gefunden werden. In diesem Zusammenhang werden auch die Bildungsprozesse deutlich, die die beteiligten jungen Menschen insbesondere in den heterogen besetzten Gruppendiskussionen im zweiten Teil der Studie durch den Austausch ihrer je eigenen Konzepte und Verfahrensweisen sowie ihrer Erfahrungen mit Demokratie und Partizipation machen konnten. Einige zitierte Äußerungen machen deutlich, dass die an der Studie teilnehmenden jungen Menschen Anregungen aus diesem Austausch in ihre Jugendverbände mitnehmen und dort diskutieren wollen.

Fazit

Die Studie von Ahlrichs und Hoffmann zeigt in qualitativ exemplarischer Auswahl, wie junge Aktive in der Jugendverbandsarbeit selbst deren Probleme und Chancen in der Realisierung von Demokratiebildung sehen. Deshalb eignet sich das Buch besonders für Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit insgesamt und speziell für Ehrenamtliche in der Jugendverbandsarbeit. Auch für Fördergeber aus Politik und Verwaltung ist das Buch relevant, weil es Hinweise auf Potenziale und Entwicklungsbedarfe von Demokratiebildung in der Jugendverbandsarbeit gibt. Studierende der Sozialpädagogik erhalten hier einen kompakten Einblick in Konzepte von Demokratiebildung in der Jugendarbeit und zum Stand des empirischen Wissens darüber.

Literatur

Ahlrichs, Rolf (2019): Demokratiebildung im Jugendverband. Grundlagen – empirische Befunde – Entwicklungsperspektiven. Weinheim: Beltz Juventa.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht – Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Berlin.

Richter, Elisabeth (2020): Handlungspausenforschung im Prozess: partizipativen Forschung am Beispiel des Forschungsprojekts „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen“. In: Eßer, Florian/Schär, Clarissa/​Schnurr, Stefan/​Schroer, Wolfgang (Hrsg.) (2021): Partizipative Forschung in der Sozialen Arbeit. Zur Gewährleistung demokratischer Teilhabe an Forschungsprozessen. In: neue praxis, Sonderheft Nr. 16, Verlag neue praxis: Lahnstein. S. 63–75.

Richter, Helmut (2019): Sozialpädagogik – Pädagogik des Sozialen. Grundlegungen, Institutionen und Perspektiven der Jugendbildung. 2., bearb. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.

Richter, Helmut (2022): Sozialpädagogik in Geschichte und Gegenwart – Demokratiebildung aus historischer und systematischer Perspektive. Baden-Baden: Nomos.

Riekmann, Wibke (2011): Demokratie und Verein. Potenziale demokratischer Bildung in der Jugendarbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Rezension von
Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker
Universität Hamburg Fakultät für Erziehungswissenschaft Fachbereich 2, Arbeitsbereich Sozialpädagogik/Außerschulische Bildung
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Es gibt 7 Rezensionen von Benedikt Sturzenhecker.

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Zitiervorschlag
Benedikt Sturzenhecker. Rezension vom 28.09.2022 zu: Rolf Ahlrichs, Stefan Hoffmann: Demokratische Partizipation in der Jugendverbandsarbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2022. ISBN 978-3-8487-7476-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29467.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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