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Veronika Hermes: Psychologie für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten

Rezensiert von Sebastian Schiwy, 28.10.2022

Cover Veronika Hermes: Psychologie für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten ISBN 978-3-7799-6345-5

Veronika Hermes: Psychologie für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 168 Seiten. ISBN 978-3-7799-6345-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

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Thema

Für Menschen, die sich im Rahmen ihrer Arbeit mit der Lebenslage und Lebensweise ihrer Klient*innen auseinandersetzen, spielt die Psychologie als „Lehre vom Verhalten, Erleben und den mentalen Prozessen des Menschen“ (S. 2) eine bedeutsame Rolle, wenn es darum geht, die eigenen Klient*innen sowie deren Handeln und Verhalten zu verstehen. Mit dem vorliegenden Buch verfolgt die Autorin das Ziel, für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten hilfreiches Wissen aus verschiedenen Teilgebieten der Psychologie zu vermitteln. Auf diese Weise soll es Leser*innen ermöglicht werden, Situationen im Berufsalltag aus einem psychologischen Blickwinkel zu betrachten, welchen Hermes auch in Bezug auf ihre eigene Tätigkeit als Bereicherung beschreibt (vgl. S. 7 f.).

Autorin

„Veronika Hermes ist Diplom-Psychologin, systemische Paar- und Familientherapeutin und systemische Supervisorin. Neben ihrer Arbeit im psychologischen Fachdienst in einer Einrichtung für Menschen mit Lernschwierigkeiten ist sie als Supervisorin, Dozentin und Fachautorin tätig.“ (S. 4)

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist Teil der Reihe „Psychologie für Soziale Berufe“, herausgegeben von Eva Wunderer und Christiane Heigermoser, deren Ziel es ist, Psychologie für die berufliche Praxis nutzbar zu machen (vgl. S. 2). So sollen die Veröffentlichungen der Reihe Praktiker*innen durch ein hohes Maß an Praxisbezug Reflexionsanstöße liefern, durch die verschiedene Sachverhalte im Berufsalltag aus einer psychologischen Perspektive betrachtet und eingeordnet werden können, um so die eigene „,professionelle Brille‘ durch eine psychologische Färbung“ (ebd.) zu erweitern.

Aufbau und Inhalt

Bei der Gliederung orientiert sich die Autorin an verschiedenen Teildisziplinen der Psychologie, woraus sich folgender Aufbau der vorliegenden Veröffentlichung ergibt:

  1. Grundlagen
  2. Entwicklungspsychologie
  3. Kognitive Psychologie
  4. Klinische Psychologie
  5. Sozialpsychologie
  6. Schlussbetrachtung

Im ersten Kapitel Grundlagen befasst sich die Autorin zunächst einführend mit Gegenstandsbestimmungen der geistigen Behinderung sowie der Psychologie. Hierbei enthält der Abschnitt zur geistigen Behinderung sowohl Ausführungen zur begrifflichen (vgl. S. 9 f.; hier entscheidet sich die Autorin dafür, den Begriff Lernschwierigkeiten zu verwenden, der aus diesem Grund auch im Folgenden bevorzugt Verwendung findet) als auch zur inhaltlich-definitorischen Dimension von (geistiger) Behinderung. In Bezug auf die Psychologie werden, neben einer allgemeinen Begriffsbestimmung, einige bedeutsame psychologische Paradigmen sowie deren jeweilige Bezüge zur Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten vorgestellt. Darüber hinaus enthält das Kapitel einen kurzen Abschnitt zu psychologischer Forschung im Bereich Behinderung.

Das zweite Kapitel beginnt mit einer Einführung in allgemeine Fragestellungen der Entwicklungspsychologie, wobei die Autorin auf die Anlage-Umwelt-Kontroverse, die Diskussion darüber, ob Entwicklung kontinuierlich oder diskontinuierlich verläuft, sowie die Übertragbarkeit von Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie auf Menschen mit Lernschwierigkeiten eingeht. Im Folgenden geht die Autorin auf die Bereiche der sozio-emotionalen Entwicklung, der Sexualität und psychosexuellen Entwicklung sowie der kognitiven Entwicklung ein, wobei für alle Bereiche zunächst bedeutsame Konzepte und Modelle vorgestellt werden, bevor die Anwendbarkeit und mögliche Besonderheiten in der Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten thematisiert werden.

Kapitel drei beschäftigt sich im Anschluss mit der kognitiven Psychologie. Nach einer kurzen Klärung grundlegender Fragestellungen setzt sich die Autorin mit den Untersuchungsgebieten Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, Gedächtnis, exekutive Funktionen sowie Intelligenz und Intelligenztests auseinander. Letztere werden hier zudem, insbesondere vor dem Hintergrund des Einsatzes in der Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, einer kritischen Einordnung unterzogen.

Es folgt ein umfangreiches Kapitel zur klinischen Psychologie, welche sich mit „Abweichungen im Erleben und Verhalten [befasst], wobei der Fokus auf den störenden Abweichungen liegt“ (S. 77). Im Rahmen der Erörterung grundlegender Fragen der Teildisziplin setzt sich die Autorin zunächst mit der Frage auseinander, wann Abweichungen im Erleben und Verhalten eines Menschen für die klinische Psychologie relevant werden, bevor sie auf Diagnostik, Klassifikation, Erklärungsmodelle für die Entstehung psychischer Störungen sowie deren Therapie eingeht. Darüber hinaus findet hier im Rahmen eines kurzen Exkurses auch das Thema Resilienz Beachtung. Im zweiten Teil des Kapitels stellt die Autorin mit der Posttraumatischen Belastungsstörung sowie Demenz zwei ausgewählte Störungsbilder vor und widmet sich zudem in einem Exkurs dem sexuellen Missbrauch als einer Form des Traumas, „dem Menschen und insbesondere Frauen mit Behinderung mit erhöhter Wahrscheinlichkeit ausgesetzt sind“ (S. 110).

Auch das Kapitel zur Sozialpsychologie beginnt zunächst mit einer kurzen Einführung in die Teildisziplin sowie einer kurzen Darstellung zentraler Fragestellungen. Im Anschluss befasst sich die Autorin zunächst mit Familien, wobei sie die Diagnosestellung und das Belastungserleben, die Zusammenarbeit mit Hilfesystemen sowie die Bewältigung von Behinderung in familiären Systemen beleuchtet. Anschließend setzt sich die Autorin mit Gruppen und Gruppendynamiken auseinander, bevor sie mit dem Abschnitt zu Stereotypen, Vorurteilen, Stigmatisierung sowie Inklusion auch die gesellschaftliche Ebene in den Blick nimmt. Hier schlägt sie den Bogen von der Entstehung der entsprechenden Phänomene über Möglichkeiten, diese zu Verändern bis hin zu der Frage, „wie psychologische Erkenntnisse für Inklusionsbestrebungen genutzt werden können“ (S. 153).

Das Buch endet mit einer Schlussbetrachtung, in der die Autorin die Bedeutung der in den einzelnen Kapiteln behandelten Teildisziplinen für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten rekapituliert. Zudem kommt sie hier zu dem Schluss, dass das Thema Lernschwierigkeiten bzw. geistige Behinderung im Studium der Psychologie an den meisten Hochschulen kaum präsent ist und betont zudem die Wichtigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit, in deren Rahmen Erkenntnisse aus verschiedenen Professionen in den Blick genommen und in die eigene Arbeit einbezogen werden (vgl. S. 157 f.).

Diskussion

Vor dem Hintergrund des Themas, welches auf Anhieb aus dem Titel hervorgeht, wirkt das vorliegende Buch mit seinem Umfang von lediglich 168 Seiten auf den ersten Blick sehr kurz. Auch die Autorin selbst betont, dass eine ausführlichere Behandlung der verschiedenen Themen zu einem „Werk mit mehreren hundert Seiten“ (S. 8) geführt hätte. Der scheinbar geringe Umfang ergibt sich hierbei zum einen aus der Auswahl der behandelten Themen, bei der sich die Autorin auf Inhalte beschränkt, die sie aus ihrer eigenen Erfahrung heraus als hilfreich für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten einstufen würde. Zum anderen hat sich Hermes für das vorliegende Buch für eine kompakte Darstellung der behandelten Themen entschieden, für deren Vertiefung sie im Laufe des Buches immer wieder weiterführende Literaturtipps liefert. Dadurch macht das vorliegende Buch trotz des scheinbar geringen Umfangs nicht den Eindruck, wichtige Themen auszulassen oder Leser*innen einen unzureichenden Einblick in die behandelten Themen zu geben.

Das Ziel, Praktiker*innen für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten hilfreiches psychologisches Wissen zu vermitteln, merkt man dem Buch während der Lektüre durchgehend an. So liefert die Autorin neben den bereits erwähnten Literaturtipps unter den Überschriften Praxistipp, Anregung zur (Selbst-)Reflexion oder Fallbeispiel immer wieder kurze Einschübe, die Leser*innen dazu anregen, die behandelten Themen umgehend in die eigene Berufspraxis zu übertragen und das im Rahmen des Buches vermittelte Wissen somit umgehend anzuwenden. Auf diese Weise wird nicht nur der Praxistransfer deutlich vereinfacht und unterstützt, sondern zudem auch die Relevanz der Themen für die berufliche Praxis unterstrichen. Darüber hinaus finden sich am Ende einzelner Abschnitte kurze Zusammenfassungen der im jeweiligen Abschnitt dargestellten Inhalte. Sowohl besagte Zusammenfassungen und Literaturtipps als auch die oben erwähnten Anregungen zur Übertragung der vermittelten Inhalte in die Berufspraxis sind durch jeweils eigene Piktogramme an den Seitenrändern gekennzeichnet, was dem Buch ein zusätzliches Maß an Übersichtlichkeit verleiht.

Fazit

Mit dem vorliegenden Buch bietet Veronika Hermes einen kompakten Überblick über für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten hilfreiches psychologisches Wissen. Darüber hinaus regt sie ihre Leser*innen in hohem Maße dazu an, die vermittelten Inhalte in die eigene Berufspraxis zu übertragen und ermöglicht diesen so, Themen und Situationen aus dem „Arbeitsalltag durch eine ,psychologische Brille‘“ (S. 8) betrachten zu können.

Rezension von
Sebastian Schiwy
Heilerziehungspfleger, Sozialarbeiter/-pädagoge
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Es gibt 2 Rezensionen von Sebastian Schiwy.

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Zitiervorschlag
Sebastian Schiwy. Rezension vom 28.10.2022 zu: Veronika Hermes: Psychologie für die Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6345-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29473.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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