Wolfgang Sander, Kerstin Pohl (Hrsg.): Handbuch politische Bildung
Rezensiert von Dr. Rolf Frankenberger, 06.05.2024
Wolfgang Sander, Kerstin Pohl (Hrsg.):Handbuch politische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. 5., vollständig überarbeitete Auflage. 640 Seiten. ISBN 978-3-7344-1362-9. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
Reihe: Politik und Bildung - Band 90.
Thema und Entstehungshintergrund
Politische Bildung und Politikdidaktik sind in Deutschland spätestens seit den 1960er Jahren in Wissenschaft und Gesellschaft gleichermaßen verankerte „Institutionen“ und haben sich von der „Re-Eduction“ zu einer wissenschaftlichen und pädagogischen Disziplin emanzipiert, die in Schulen und Universitäten ebenso wie in außerschulischen Bildungseinrichtungen ihren Platz und ihre Anwendung finden. Wie in vielen anderen Disziplinen auch ist in der politischen Bildung ein rasanter Wissensfortschritt bei einer gleichzeitigen Pluralisierung von Ansätzen und Themen zu beobachten.
Das inzwischen in der fünften vierten Auflage vorliegende Handbuch politische Bildung soll „der Leserschaft einen verlässlichen Überblick zum Stand der wissenschaftlichen Fachdiskussion zur politischen Bildung“ (S. 9) liefern. Zielgruppen sind Fachlehrerinnen und -lehrer, Pädagoginnen und Pädagogen in der schulischen und außerschulischen politischen Bildung, Studierende, Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst und bildungspolitisch Interessierte. Im Vergleich zur vierten Auflage 2014 wurde der Band vollständig überarbeitet und erweitert. So wurden die bisherigen 60 Beiträge aktualisiert und vier neue Beiträge in den Band aufgenommen. Dabei wirkten insgesamt auch 24 neue Autorinnen und Autoren mit, um mit dem Handbuch den aktuellsten Stand im Fach abbilden zu können.
Herausgerber:innen
Wolfgang Sander ist emeritierter Professor für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist einer der zentralen Autoren im Bereich der politischen Bildung und ist Autor und Herausgeber zahlreicher Werke zu Politikdidaktik und Politikunterricht. Das erstmals 1997 erschienene Handbuch Politische Bildung gibt er mittlerweile in der fünften Auflage heraus. Informationen zu Wolfgang Sander finden Sie unter https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb03/institutefb03/ifp/Lehrende_Team/​ehemalige_Profs/​sander. Dabei hat er mit Kerstin Pohl eine überaus kompetente Mitherausgeberin an Bord geholt. Sie ist Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Weiterführende Informationen finden Sie unter https://fachdidaktik.politik.uni-mainz.de/team/pohl/.
Aufbau und Inhalt
Im Unterschied zur vierten Auflage ist die fünfte Auflage etwas umfänglicher und umfasst 64 anstatt 60 Beiträge auf nunmehr 640 Seiten im Vergleich zu den schon beeindruckenden 623 Seiten der vierten Auflage. Das Design mit einer Untergliederung in sieben übergeordnete Kapitel, die jeweils mehrere inhaltliche Kapitel thematisch zusammenbinden, den seitlichen Abschnittszusammenfassungen und den separaten Literaturverzeichnissen je Kapitel ist weitgehend identisch mit der vierten Auflage. Während die vierte Auflage noch über sieben solche übergeordneten Kapitel verfügte, sind es in der aktuellen fünften Auflage noch sechs, da die beien Kapitel Institutionen und Praxisfelder für die neue Auflage zusammengefasst wurden:
- Kapitel I. Wissenschaftliche Grundlagen (S. 13–134) umfasst nunmehr zehn statt neun Beiträge.
- Kapitel II. Institutionen und Praxisfelder (S. 135–214) besteht aus neun Kapiteln anstatt der zwölf Kapitel in der vierten Auflage.
- In Kapitel III. Didaktische Prinzipiensetzen finden sich sechs Beiträge (S. 215–270).
- Kapitel IV. Aufgabenfelder besteht in der aktuellen Auflage aus siebzehn statt dreizehn Beiträgen (S. 271–420)
- Kapitel V. Methoden und Medien ist mit sechzehn Aufsätzen um zwei Beiträge gewachsen, ist aber nicht mehr das umfangreichste wie noch in Auflage 4 (S. 421–564).
- Politische Bildung im internationalen Vergleich wird in Kapitel VI (S. 565–621) in sechs Beiträgen abgehandelt.
- Ein umfangreiches Stichwortverzeichnis (S. 622–635) ermöglicht den schnellen Zugriff auf einzelne Themen. Kurzprofile der Autorinnen und Autoren runden den Band ab.
Die Struktur des Bandes zeigt die deutliche Überarbeitung, Umgruppierung und Ergänzung der in der vierten Auflage enthaltenen 60 Beiträge. Auch wenn der Band bei weitem nicht so stark gewachsen ist wie von der dritten mit 46 auf die vierte Auflage mit 60 Beiträgen, so gewinnt der Band auch und vor allem durch das Wirken der Mitherausgeberin und die Hinzunahme von insgesamt 24 neuen Autorinnen und Autoren, die ihre Kenntnisse teils in die Überarbeitung bestehender Aufsätze, teils in neuen Aufsätzen einbringen. Aufgrund der enormen Anzahl an Beiträgen können leider nicht alle in ihrer Gänze gewürdigt werden, sodass ich vor allem die Neuerungen der fünften Auflage in Abgrenzung zur vierten Auflage aufzeigen werde.
In Kapitel I wissenschaftliche Grundlagen finden sich wie schon in der vierten Auflage – freilich weitgehend überarbeitete – Beiträge zur Geschichte der politischen Bildung (Wolfgang Sander) und der Diskussion von Positionen und Kontroversen in den fachwissenschaftlichen Grundlagen (Reinhold Hedtke). Als wissenschaftstheoretische Grundlagen politischer Bildung werden Hermeneutik (Ingo Juchler), Pragmatismus (Armin Scherb) und Konstruktivismus (Wolfgang Sander) diskutiert und die empirische Bildungsforschung und ihre Befunde entlang der methodischen Zugriffe über qualitative (Sebastian Fischer und Dirk Lange) und quantitativen (Georg Weißeno) Ansätze vorgestellt. Neu sind die Kapitel von Michael May und Kerstin Pohl zu politikdidaktischen Konzeptionen (S. 29–39) und Susann Gessner zu bildungstheoretischen Grundlagen politischer Bildung. May und Pohl betonen dabei die praktische Relevanz politikdidaktischer Konzeptionen, die „sowohl bei der Planung als auch bei der Analyse und Bewertung von politischem Unterricht helfen“ (S. 36) könnten. Gessner wiederum geht vertieft auf die Unterschiede zwischen politischem Lernen und politischer Bildung ein und diskutiert die politikdidaktischen Implikationen dieser Unterscheidung. Wolfgang Sander rundet Kapitel I wie schon in der vierten Auflage mit einer Diskussion der Kompetenzorientierung als Konfliktfeld der politischen Bildung ab und wendet sich kritisch gegen damit verbundene „hypertrophe Steuerungserwartungen und Machbarkeitsphantasien“ (S. 130).
Das in der vierten Auflage neu eingefügte Kapitel zu Institutionen wurde für die fünfte Auflage mit dem Kapitel Praxisfelder zu einem neuen Kapitel II Institutionen und Praxisfelder zusammengeführt und umfasst nunmehr neun Aufsätze. Dabei zeigen sich einige Kontinuitäten und Veränderungen zur vierten Auflage. Weiterhin enthalten sind die Beiträge von Norbert Neuß zu vorschulischen Einrichtungen (S. 135–142), Klaus-Peter Hufer zu politischer Bildung als Erwachsenenbildung (S. 168–175), Benno Hafeneger zu politischer Bildung in der außerschulischen Jugendbildung (S. 176–185), Hans-Georg Golz und Andreas Kost über die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung (S. 194–203) sowie von Christoph Kühberger zu Unterstützungsstrukturen der politischen Bildung: Verbände, Materialien und Onlineangebote (S. 204–214). Der Beitrag von Kerstin Pohl zu politischer Bildung als Unterrichtsfach in der Schule (S. 143–151) hat einen neuen Titel und eine inhaltlich leicht andere Ausrichtung im Vergleich zur vierten Auflage. Auch der Beitrag von Wolfgang Sander über politische Bildung als fächerübergreifende Aufgabe in der Schule (S. 152–159) ist von der Ausrichtung auf die Überfachlichkeit her neu und greift einige Themen weggefallener Beiträge auf. Der Aufsatz von Michael May zu Lehrerbildung für die politische Bildung (S. 160–167) ersetzt den Beitrag von Frank Langner und Alexandra Lechner-Amante aus der vierten Auflage themengleich. Neu hinzugekommen ist der Beitrag von Michael Görtler, der sich mit politischer Bildung in der sozialen Arbeit auseinandersetzt (S. 186–193). Weggefallen ist der Beitrag von Andreas Lutter zu den Fächern der politischen Bildung in der Schule, der zumindest partiell durch Pohls Beitrag ersetzt wird, sowie die Beiträge von Christine Zeuner zu Institutionen außerschulischer politischer Bildung, von Alexandra Lechner-Amante zu politischer Bildung als Unterrichtsprinzip und von Peter Henkenborn zu politischer Bildung als Schulprinzip.
Didaktische Prinzipien sind Gegenstand der sechs Beiträge in Kapitel III. Diskutiert werden hier wie schon in der dritten Auflage – wenngleich zum Teil von anderen Autoren – folgende zentrale Prinzipien:
- Adressatenorientierung mit der besonderen Bedeutung der Situation und der interaktiven Sinndeutung in dieser Situation (Andreas Petrik, S. 215–222).
- Problemorientierung als Grundsatz der inhaltlichen und methodischen Bearbeitung von politischen Problemen (Thomas Goll, S. 223–230).
- Kontroversität als didaktisches Prinzip, das darauf abzielt, eine „reflexive Distanz der Lehrenden zu den eigenen Überzeugungen“ zu erzeugen, „um begründet eine Auswahl und Strukturierung vorzunehmen, die über die Lerngegenstände die Perspektiven der Lernenden erweitern können“ (S. 237). (Stefan Müller, S. 231–239).
- Das exemplarische Prinzip als „relationaler Begriff, bei dem es immer um ein Verhältnis der didaktischen Repräsentation geht: vom Konkretem und Abstraktem“ (S. 240) (Tilman Grammes, S. 249–257), welches das allgemeine Lernen am spezifischen Beispiel ermöglicht.
- Handlungsorientierung als fachdidaktisches Prinzip, das die „Ermöglichung von Erfahrungen mit realem politischem Handeln“ (S. 254) in den Vordergrund stellt, um den Subjekten das Erfahren des eigenen Handelns zu ermöglichen. (Alexander Wohnig, S. 251–259).
- Wissenschaftsorientierung im Sinne einer Qualitätssicherung des Unterrichts durch die Orientierung am Kenntnisstand der jeweiligen Fachwissenschaft und der didaktischen Aufbereitung für die jeweilige Zielgruppe. Interdisziplinarität, Multiperspektivität, Kritisches Denken werden vor diesem Hintergrund zu wichtigen Lernzielen (Ingo Juchler, S. 260–270).
Aufgabenfelder werden in den siebzehn Beiträgen von Kapitel IV bearbeitet. Acht der siebzehn Beiträge sind überarbeitete und aktualisierte bzw. von anderen Autoren angefertigte Versionen zu demselben breiten und umfassenden Themenspektrum, das auch schon in der vierten Auflage bearbeitet wurde:
- institutionenkundliches Lernen (Peter Massing, S. 271–278),
- ökonomisches Lernen (Tim Engartner, S. 288–295),
- Rechtserziehung (Heinrich Oberreuter, S. 303–311),
- Historisches Lernen als Dimension politischer Bildung (Matthias Busch, S. 312–319),
- moralisches Lernen (Sibylle Reinhardt, S. 346–355),
- Bildung für nachhaltige Entwicklung: Umweltbildung und Globales Lernen (Bernd Overwien, S. 382–390),
- Friedenspolitische Bildung (Wolfgang Sander, 391–399), und
- Europabezogenes Lernen (Stefan Rappenglück, S. 400–409)
Die restlichen neun Beiträge in diesem Kapitel sind entweder neu oder zentral neu ausgerichtet im Vergleich zur vierten Auflage. Dies sind die Beiträge zu
- politischen Prozessen als Gegenstand politischer Bildung (Monika Oberle und Helmar Schöne, S. 279–287),
- Gesellschaft als Gegenstandsfeld politischer Bildung (Bettina Zurstrassen, S. 296–302)
- Demokratielernen als politische Bildung (Markus Gloe, S. 320–328),
- Förderung von Fach- und Bildungssprache (Muhammed Giraz, S. 329–338),
- Emotionen und politischem Lernen (Annette Petri, S. 338–345),
- der Prävention von extremistischen Einstellungen (Mirko Niehoff, S. 356–364)
- gesellschaftlicher Diversität und den damit verbundenen Herausforderungen und Ansätzen (Sabine Achour, S. 365–373),
- Medienbildung im Zeitalter der Digitalisierung (Inken Heldt, S. 374–381) und
- Global Citizenship Education (Annette Scheunpflug, S. 410–420).
Die damit abgedeckten Themenfelder repräsentieren in ihrem inhaltlichen Zuschnitt die zentralen Herausforderungen der in der politischen Bildung. Insbesondere die Aktualisierungen hinsichtlich der Bedeutung von Emotionen, digitaler Medien und der gesellschaftlichen Diversität sind wichtige Ergänzungen.
In Kapitel V (S. 421–564) setzen sich sechzehn Aufsätze mit Methoden und Medien der politischen Bildung auseinander. Wie schon im vorigen Kapitel finden sich auch hier überarbeitete und aktualisierte Versionen bewährter Beiträge, die zum Teil von anderen Autorinnen oder Autoren verfasst wurden und damit eine neue Ausrichtung erfuhren:
- Methoden der Diagnostik: Vorstellungen, Einstellungen und Wissen erfassen (Andreas Füchter, S. 421–432)
- Methoden des Beginnens: Unterrichtseinstiege (Hannes Strelow, S. 434–441)
- Inklusives und individualisiertes politisches Lernen (Christoph Kühberger, S. 442–449)
- Gesprächsformen in der Politischen Bildung (Peter Massing, S. 450–457),
- Textquellen und Textanalysen (Hans-Werner Kuhn, S. 458–466),
- Bilder und Filme (Anja Besand, S. 467–475),
- Narrative Medien: Biografie, Belletristik, Musik, Spielfilm (Ingo Juchler, S. 476–483)
- Digitale Medien (Dennis Hauk, S. 484–490),
- Spielformen in der politischen Bildung (Lothar Scholz, S. 498–506),
- Forschendes Lernen (Joachim Detjen, S. 507–514),
- Studienreisen und Exkursionen als Formen des reisenden Lernens (Paul Ciupke, S. 524–532), und
- Methoden der Evaluation und Leistungsbewertung in der politischen Bildung (Carl Deichmann, S. 553–564).
Zu diesen zwölf überarbeiteten Fassungen kommen vier neue Beiträge. Dennis Hauk setzt sich in seinem Beitrag zum blended learning (S. 491–497) mit der Kombination von digitalen und analogen Medien auseinander und ergänzt damit seinen Beitrag zu digitalen Medien. Der grundsätzlich positiven Erwartungshaltung setzt Hauk eine kritisch-reflektierende Betrachtung entgegen. Dabei verweist er kritisch darauf, dass „Blended-Learning-Umgebungen ihren politisch-bildenden Gehalt verlieren, wenn sie nicht mit der Ausbildung domänenspezifischer Kompetenzen und mit einem Mindestmaß an medienkritischer Distanz“ (S. 496) einhergehen. Mit außerschulischen politischen Lernorten beschäftigt sich Ingo Juchler (S. 515–523). Diese stellen für ihn wichtige Lernorte dar, an denen Schülerinnen und Schüler „kognitive und sinnliche Erfahrungen, die am Lernort Schule so nicht vermittelt werden können“, (S. 515) machen, da sie eine besondere Authentizität besitzen multiperspektivische Zugänge ermöglichen. Makromethoden wie Planspielen, Projekten, Sozialstudien und Zukunftswerkstätten sind Gegenstand des Beitrags von Kerstin Pohl (S. 533–542). Sie argumentiert, dass sich diese Methoden insbesondere für die Umsetzung komplexer Lernvorhaben eignen. Alle Methoden bieten Ergebnisoffenheit, Freiheitsgrade und Möglichkeiten zur Eigenaktivität. Allerdings betont Pohl, dass komplexe Lernvorhaben ein besonderes Maß an Metakognition und Metakommunikation erfordern, die Frage des Allgemeinen im Besonderen des jeweiligen Vorhabens immer wieder erklärt werden müsse und die „Brücke von der Lebenswelt der Lernenden zu Politik und Gesellschaft“ (S. 534) geschlagen werden müsse, um die Relevanz des jeweiligen Lernvorhabens einordnen zu können. Katrin Hahn-Laudenberg setzt sich in ihrem Aufsatz mit der Gestaltung von kompetenzorientiertem Unterrichten auseinander (S. 543–552). Dieses zielt darauf ab, „Lernende mit ihren individuellen Voraussetzungen anzuregen, relevante Kompetenzen für das Leben als mündige Bürger/-innen in einer Demokratie zu entwickeln“ (S. 543). Besonders wichtig ist für sie dabei, dass eine bedarfsorientierte Lernunterstützung erfolgt.
Mit der politischen Bildung im internationalen Vergleich setzen sich in Kapitel VI sechs Beiträge auseinander. Wie schon in der vierten Auflage gibt Thomas Hellmuth einen Überblick über die politische Bildungslandschaft in Österreich (S. 565). Daei verweist er darauf, dass die Entwicklung weg von der Staatsbürgerkunde hin zur Bildung von Aktivbürgerinnen und -bürgern ein zäher Prozess ist, der bislang keinen Eingang in die Schulen gefunden hat. Monika Waldis und Béatrice Ziegler schildern in einer aktualisierten Version des Beitrags von Ziegler in der vierten Auflage die Entwicklung der politischen Bildung in der Schweiz (S. 574–582). Dabei zeigen sie, dass es in der (halb-)direkten Demokratie Schweiz ganz unterschiedliche Verständnisse von und Haltungen zu politischer Bildung gibt, auch wenn politische Bildung gerade im außerschulischen Bereich deutlich mehr Aufmerksamkeit erfahren habe und auch zunehmend in die Lehrpläne integriert werde. Zusammen mit Sophie Schmitt hat Andreas Eis den Beitrag zu politischer Bildung in der Europäischen Union überarbeitet (S. 593–601). Die Autoren rekonstruieren die Debatte um ein „(überfachliches) Verständnis demokratischer Bürgerbildung im Anschluss an das Education for Democratic Citizenship-Programm“ (S. 593) und diskutieren die Erweiterung dieses Programms durch bildungs- und beteiligungspolitische Initiativen der EU sowie Entwicklungstrends in ausgewählten Mitgliedsstaaten. Kerry J. Kennedy schreibt in englischer Sprache über Civic Education in Asia und aktualisiert damit ihren Beitrag aus der vierten Auflage (S. 602–610), in dem sie über das Spannungsfeld lokaler und globaler Einflüsse und Interessen in Asien reflektiert. Anhand von Fallbeispielen aus Hong Kong, Malaysia und Myanmar illustriert sie die Bedeutung lokaler Entwicklungen für die politische Bildung. Neu ist das Kapitel zur politischen Bildung in Luxemburg von Marc Schoentgen (S. 583–592). Er verweist angesichts der Defizite hinsichtlich der Beteiligung an demokratischen Entscheidungsprozessen auf die Notwendigkeit einer Professionalisierung politischer Bildung in Schule und außerschulischer politischer Bildung. Ebenfalls neu ist der Beitrag von Tetyana Kloubert und Peter Levine zu politischer Bildung in den USA (S. 611–621). Sie zeigen die Traditionslinien und Standards politischer Bildung in den USA entlang der Ansätze versammlungsbezogener Demokratie bei Tocqueville, pragmatischer Vorstellungen von Bildung bei Dewey, emanzipatorischer Bildung bei Freire und liberaler Bildung wie etwa bei Mill auf und rekonstruieren zentrale Debatten, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven politischer Bildung in den USA.
Diskussion
Die Entwicklung des Handbuch Politische Bildung lässt sich von Auflage zu Auflage positiv nachzeivhnen. Während Franz Edele in einer Besprechung die dritte Auflage insbesondere aufgrund ihres „democracy bias“ harsch kritisierte [1], habe ich selbst die vierte Auflage 2014 positiv besprochen [2]. Den damals eingeschlagene Weg der gründlichen Überarbeitung und Erweiterung setzen die Herausgeberin Kerstin Pohl und der Herausgeber Wolfgang Sander konsequent fort. Einerseits werden bewährte Beiträge aktualisiert und andererseits neue Entwicklungen und Themen aufgegriffen.
Fazit
Das Handbuch Politische Bildung ist in seiner fünften und erneut sehr gründlich überarbeiteten, aktualisierten und ergänzten Auflage immer noch und schon wieder ein Standardwerk zur Politischen Bildung. Gegenüber der dritten und vierten Auflage wurde es erneut entlang der Entwicklungen des Faches überarbeitet und lohnt sich daher auch für diejenigen, die eine der vorigen Auflagen ihr Eigen nennen.
[1] Franz Edele: Rezension von Sander, Wolfgang (Hg.): Handbuch Politische Bildung, (3., völlig überarbeitete Auflage; Reihe Politik und Bildung, Bd. 32). Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag 2005. In: EWR 4 (2005), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2005), URL: http://www.klinkhardt.de/ewr/899740998.html
[2] Rolf Frankenberger: Rezension von Wolfgang Sander: Handbuch politische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 4. völlig überarb. Auflage. 628 Seiten. ISBN 978-3-8997-4969-4 [Rezension bei socialnet]. 64,80 EUR. In: socialnet; https://www.socialnet.de/rezensionen/​16344.php (Veröffentlicht am 19.6.2014)
Rezension von
Dr. Rolf Frankenberger
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