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Anja Besand (Hrsg.): Die Corona-Vorlesung

Rezensiert von Dr. Jutta Pauschenwein, 17.08.2022

Cover Anja Besand (Hrsg.): Die Corona-Vorlesung ISBN 978-3-7344-1126-7

Anja Besand (Hrsg.): Die Corona-Vorlesung. Sozialwissenschaftliche Perspektiven. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. 187 Seiten. ISBN 978-3-7344-1126-7. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Im ersten Jahr der Corona-Pandemie entstand eine Vorlesung, in der Sozialwissenschafter:innen politische, soziale, psychologische, theologische und philosophische Fragen zu den Herausforderungen beleuchteten.

Autorin/​Herausgeberin

Anja Besand ist Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der Technischen Universität Dresden und Direktorin der John Dewey Forschungsstelle für Didaktik der Demokratie.

Entstehungshintergrund

Im Sommersemester 2020 entwickelte die Philosophische Fakultät der TU Dresden in Kooperation mit der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen eine digitale Ringvorlesung, welche sich aus sozial-/kultur- und geisteswissenschaftlicher Perspektive mit der Corona Pandemie auseinandersetzte. Ein Großteil der Vorlesungen ist in diesem Buch enthalten. Die multimedialen Inhalte der Corona-Vorlesung sind online verfügbar.

Aufbau

Das Buch besteht aus zwölf Kapiteln sowie Informationen zu den Autorinnen und Autoren.

  • Anja Besand: Die Krise als Lerngelegenheit. Oder: Kollaterales politisches Lernen im Kontext der COVID-19 Pandemie
  • Mark Arenhövel: Der phantasmatische Kern der Corona Krise
  • Lucas von Ramin: Zum Verhältnis von Angst und Politik in Zeiten von Corona – Oder: Wie Angst zuweilen ein guter Ratgeber sein kann
  • Markus Tiedemann: Was sollen wir tun? Corona als ethische Herausforderung
  • Christian Schwarke: Vom Zeichen der Götter bis zur Apokalypse. Religion als Krisenverstärker oder -management. Oder: wie reagieren Menschen auf Bedrohungen?
  • Gerd Schwerhoff: Die Pest in der Frühen Neuzeit – ein ferner Spiegel. Oder: Was lehrt uns der Blick in die Geschichte?
  • Anna Holzscheiter: Viren kennen keine Grenzen – Warum globale Gesundheit nicht erst seit COVID-19 die internationale Politik beschäftigt und wie vergangene Krisen globale Gesundheitspolitik beeinflusst haben
  • Rico Behrens, Peter Birkenhauer, Stefan Breuer: Homeschooling im Krisenmodus
  • Felix Prehm: Die Didaktik des Existentiellen von Wolfgang Hilligen
  • Ulrich Fastenrath: Gebote in der Not – Grund- und Menschenrechte als Maß und Mitte der Pandemiebekämpfung
  • Lutz M. Hagen: Kommunikative Ansteckung. Memes, Fake News, Infodemien und andere virale Phänomene der öffentlichen Kommunikation in Zeiten von Corona
  • Tina Hölzel, Susanne Rentsch: Be my quarantine. Oder: Chancen und Herausforderungen digitaler Hochschullehre aus politikdidaktischer Perspektive – in globalen Krisenzeiten und darüber hinaus

Inhalt

Anja Besand setzt sich in ihrem Kapitel mit kollateralem Lernen auseinander und bezieht sich dabei auf Dewey (1928). Sie sieht positive und negative kollaterale Effekte des Lernens, möchte die Corona-bedingten Innovationen rund um den Online-Unterricht jedoch kritisch beleuchten. Eine herausfordernde kollaterale Lernaufgabe wäre das Wissen über unser Nichtwissen bezüglich Corona wach zu halten.

Mark Arenhövel setzt sich mit dem phantasmatischen Kern der Corona Krise auseinander, wie das Virus als Eindringling aus dem Ausland gesehen wird, gegen den gekämpft werden muss. Die Menschen fühlen sich selbst fremd in der Erfahrung ihres Körpers, der möglicherweise bereits krank ist, während sie sich gesund fühlen. Die Auseinandersetzung mit dem „Fremden“ wird durch die Pandemie verstärkt, ist doch jede und jeder potenziell ein bedrohlicher Fremder oder eine bedrohliche Fremde, an der man sich anstecken könnte.

Lucas von Ramin setzt sich mit Angst in Zeiten von Corona auseinander und sieht progressive und regressive Chancen in der Krise. Weltweit lernen Menschen mit einer Dauerbedrohung zu leben. Die Erkenntnis, dass das Virus uns alle betrifft, stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Andererseits ist eine Erosion der Demokratie wahrzunehmen, wenn massive Einschränkungen der Grundrechte zum Schutz der Bürger:innen implementiert werden und sich der Staat als Retter präsentiert.

Nach Markus Tiedemann bringt Corona drei große Herausforderungen: es braucht einen hohen Grad an Selbstdisziplin und Solidarität, die Risikoabwägung muss auf Basis ungenügender Kenntnisse erfolgen und Werte und Pflichten kollidieren. Insbesondere die sogenannte Triage, wenn also entschieden werden muss, wer (zuerst) medizinisch behandelt wird, zeigt sich als moralische Dilemma.

Christian Schwarke fragt sich, wie Menschen auf Bedrohungen reagieren. Die Corona-Epidemie wird als Zeichen – nicht der Götter – sondern anderer Mächte verstanden. Diese Interpretation greift auf alte religiöse Mächte zurück. Im Kern religiösen Krisenmanagements steht nach Schwarke die Herausforderung, trotz Bedrohung an einem guten Sinn des Lebens festzuhalten und hoffnungsvoll zu sein. Dies könnte auch bei der Corona-Krise helfen.

Gerd Schwerhofffragt sich, was uns der Blick in die Geschichte lehrt und beleuchtet die Pest, die zwischen 1350 und 1750 in Europa wütete. Wie Corona verursachte die Pest eine Schwächung der Wirtschaft und einen Stresstest für soziale Bindungen. Und trotz Zunahme des Wissens sind etwa die Corona-Quarantäneregeln eher vergleichbar mit der pragmatischen Vernunft, die bereits im Spätmittelalter zum Einsatz kam.

Anna Holzscheiter hält fest, dass nicht das COVID-19-Virus die globale Gesundheitskrise auslöst, sondern die Bedingungen, auf die es trifft, wie beengte Wohnverhältnisse, der Zwang krank in der U-Bahn in die Arbeit zu fahren, zu teure Medikamente, eine ungleiche Gesellschaft. Gesundheit spielte bisher im Bereich der Internationalen Beziehungen eher eine kleine Rolle, möglicherweise ändert sich das nach der Corona-Pandemie.

Im Kapitel „Homeschooling im Krisenmodus“ schreiben die Väter Rico Behrens, Peter Birkenhauerund Stefan Breuer über die Erfahrungen der ersten 10 Tage. Sie zeigen Chancen und Wege auf, die positiven Aspekte des Homeschooling zu behalten, etwa indem die Schüler:innen auch Verantwortung für das eigene Lernen übernahmen.

Felix Prehm beschäftigt sich in seinem Kapitel mit der „Didaktik des Existentiellen von Wolfgang Hilligen“, welcher bereits 1965 meinte, dass die Schule auf das „Dasein als Ganzes“ vorbereiten muss. Die Ideen Hilligens scheinen auch in der Corona Pandemie relevant, etwa das inhaltlich jedes Unterrichtsthema von einem existentiellen Problem ausgehen sollte. Wie das methodisch umzusetzen wäre, ist anhand eines Unterrichtbeispiels schrittweise dargelegt.

Ulrich Fastenrath gibt in seinem Kapitel Einblick in „Grund- und Menschenrechte“ und unterzieht die Maßnahmen der ersten Corona-Monate einer kritischen Sichtung. Klar ist abgeleitet, dass die Grundrechte einen Rahmen für politische Entscheidungen bieten und Politiker:innen kontinuierlich Güterabwägungen durchführen müssen. Diese Güterabwägung findet teilweise sehr kleinmaschig – je nach Land, eventuell auch Landkreis und Stadt – statt, was zu unterschiedlichen Regelungen führt, die alle den gemeinsamen Erkenntnisprozess bereichern können.

Lutz M. Hagen setzt sich mit der „kommunikative Ansteckung“ auseinander und bietet einen fundierten Überblick zu Memes, Fake News, Infodemien und anderen viralen Phänomenen der öffentlichen Kommunikation. Insbesondere die Corona-Pandemie selbst dominierte die Medien wie selten ein Thema zuvor.

Tina Hölzel und Susanne Rentsch schildern die Herausforderungen digitaler Hochschullehre anhand eines Seminars, das im Sommersemester 2020 ganz anders als geplant ablief. Das adaptive Seminar wurde gemeinschaftlich gestaltet, wobei sich politikdidaktische Prinzipien, wie Adressat:innenorientierung, Transparenz und Orientierung bewährten.

Diskussion

Die „Corona-Vorlesung“ bringt eine sozialwissenschaftliche Perspektive in meine persönliche Reflexion der Pandemie. Die zeitliche Differenz – die Kapitel wurden im Juli 2020 abgeschlossen, ich lese das Buch im Juni und Juli 2022 – verstärkt die persönliche Auseinandersetzung anhand der Fragen, was war spezifisch für das Sommersemester 2020, was ist gültig bis heute.

Unterschiedliche Themen, Kapitel, Schreibstile fordern mich als Leserin heraus, bieten jedoch die Möglichkeit an, in Themen meiner Wahl tief einzutauchen. Leicht lesbar sind die Corona-Vorlesungen nicht, die verdichteten Inhalte machen jedoch neugierig zu dem einen oder anderen Thema weiterzuforschen.

Die Reihenfolge der Kapitel im Buch wirkt eher zufällig, die Ordnung auf der Website der Corona-Vorlesung unterstützt bei der thematischen Zuordnung der Themen, die sich von „Ängsten, Konflikten und Ungerechtigkeiten“ über „Krisenkommunikation und -steuerung“ bis zum „Zu Hause Bleiben und Lernen“ erstrecken.

Fazit

Das Buch forderte mich heraus die Corona Pandemie über meine persönliche und berufliche Betroffenheit hinaus zu betrachten. Die vielen unterschiedlichen Sichtweisen sind inspirierend und teilweise auch überfordernd. Beeindruckend ist die Weitsicht und Klugheit des Teams an der Technischen Universität Dresden, während des ersten Lockdowns, im ersten Distanzsemester, diese Corona-Vorlesung ins Leben zu rufen und mit der kritischen Distanz der Wissenschaft ein Gegengewicht zur allgemeinen Aufgeregtheit zu schaffen.

Rezension von
Dr. Jutta Pauschenwein
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Es gibt 19 Rezensionen von Jutta Pauschenwein.

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Zitiervorschlag
Jutta Pauschenwein. Rezension vom 17.08.2022 zu: Anja Besand (Hrsg.): Die Corona-Vorlesung. Sozialwissenschaftliche Perspektiven. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. ISBN 978-3-7344-1126-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29478.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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