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Kerstin Pohl, Markus Höffer-Mehlmer (Hrsg.): Brennpunkt Populismus

Rezensiert von Dr. phil. Alexander Akel, 24.01.2023

Cover Kerstin Pohl, Markus Höffer-Mehlmer (Hrsg.): Brennpunkt Populismus ISBN 978-3-7344-1350-6

Kerstin Pohl, Markus Höffer-Mehlmer (Hrsg.): Brennpunkt Populismus. 15 Antworten aus Fachdidaktik und Bildungswissenschaft. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. 220 Seiten. ISBN 978-3-7344-1350-6. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
Reihe: Grundlagen Lehramt.

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Thema und Entstehungshintergrund

Das rasante Aufkommen populistischer Kräfte in der vergangenen Dekade ruft auch die politische Bildung an Schulen dazu auf, sich mit diesen Phänomenen vertieft auseinanderzusetzen. An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz fand daher zu dieser Thematik eine Ringvorlesung statt, aus der ein Sammelband mit dem Titel „Brennpunkt Populismus“ hervorging. Es ist nur zu begrüßen, dass sich die darin versammelten Beiträge nicht nur auf das Schulfach Politik beschränken, sondern die mit dem Populismus verbundenen Herausforderungen fächerübergreifend behandeln. Schließlich findet schulische politische Bildung im weiteren Sinne auch in den Sprach- oder MINT-Fächern statt. Gleichwohl ist bei dieser komplexen Thematik neben der fachdidaktischen auch die bildungswissenschaftliche Perspektive mit einzubeziehen. Diesem Anspruch will der von Kerstin Pohl und Markus Höffer-Mehlmer herausgegebene Band gerecht werden, indem er aus beiden Blickwinkeln 15 Antworten in Beitragsform für den Umgang mit Populismus vorschlägt.

HerausgeberInnen

Kerstin Pohl ist Professorin für Politikdidaktik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Der Erziehungswissenschaftler Markus Höffer-Mehlmer hat die geschäftsführende Leitung des Zentrums für Lehrerbildung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz inne.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in drei Hauptbereiche mit den jeweils zugeordneten Beiträgen:

  1. Einführung: Antworten auf Populismus in Schule wie Unterricht (Kerstin Pohl und Markus Höffer-Mehlmer), Klärung von Populismus (Carl C. Berning).
  2. Fachdidaktische Perspektive: Sprachtechniken von Rechtspopulismus als sprachlich-reflexiver Gegenstand (Anja Müller und Mandy Schönfelder), Populismus als sprachlich-reflexiver Gegenstand im Fach Italienisch (Sylvia Thiele), Populismen im Geschichtsunterricht (Meike Hensel-Grobe), Populismus als Herausforderung im Schulfach Politische Bildung (Kerstin Pohl), Chancen und Limitationen einer geschlechtsreflexiven politischen Bildung mit Blick auf rechtspopulistischen Antifeminismus (Elia Scaramuzza), Reflexionsmöglichkeiten von populistischer Identitätspolitik im Schulfach Religion (Jan-Hendrik Herbst und Andreas Menne), antipopulistische Praxis in den Schulfächern Biologie und Chemie (Matthias Simon), Populismusverstärkung durch Matheunterricht? (Ysette Weiss).
  3. Bildungswissenschaftliche Perspektive: Medienpädagogische Antworten auf Populismus und Medien (Stefan Aufenanger), digitale Kommunikation im Spannungsfeld zwischen Popularität, Rationalität und populistischer Agitation (Michael Bigos), zum Zusammenhang von Populismus und Familienerziehung (Markus Höffer-Mehlmer), rechtliche Handlungsmöglichkeiten für Lehrkräfte mit Blick auf Populismus als Herausforderung für schulische Demokratiebildung (Katja Bewersdorf), Argumentationstipps gegen (populistische) Stammtischparolen (Klaus-Peter Hufer).

Abgerundet wird der Band mit einem Verzeichnis der AutorInnen. Im Folgenden werden jeweils zwei Beiträge aus der fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Perspektive inhaltlich dargestellt und eingeordnet.

Inhalt

Anja Müller und Mandy Schönfelder stellen in ihrem Beitrag fest, dass mit dem (elektoralen) Erfolg des Rechtspopulismus in den vergangenen Jahren eine Verschiebung der Grenzen des Sagbaren einhergegangen sei. Als typisch für rechtspopulistische Sprache gelten insbesondere vier Strategien: (1) der Versuch, historisch belastete Begriffe zu rehabilitieren, (2) Begriffe umzudeuten, (3) politische Ideen abzuwerten bzw. politische GegnerInnen zu beschimpfen und (4) Begriffe neuzuschöpfen (S. 28). Die AutorInnen folgen einem inversiven Ansatz, indem sie vorschlagen, diese Strategien im Deutschunterricht gezielt aufzugreifen und damit kritisch-reflexiv umzugehen – unter sensibler Berücksichtigung der Gefahr, dass bei der Behandlung der Sprache von RechtspopulistInnen ihre Frames bei den SchülerInnen wiederum selbst gesetzt und damit reproduziert werden (können).

Lehrkräfte im Schulfach Politische Bildung stehen vor der Herausforderung, wie populistische Positionen im Unterricht mit Blick auf den Beutelsbacher Konsens angemessen behandelt werden können. Da Populismus nicht grundsätzlich demokratie- und menschenfeindlich ist, könnte seine Ausgrenzung im Unterricht zumindest eine Zuwiderhandlung gegen das Kontroversitätsgebot sein. Für Kerstin Pohl beruht diese Problematik auf einem Missverständnis des Kontroversitätsgebots, das oftmals fälschlicherweise als Neutralitätsgebot interpretiert werde. Sie schlägt hierfür eine mögliche Lösung vor, indem sie eine „Unterscheidung zwischen der Thematisierung solcher Positionen einerseits und ihrer Zulassung als normativ gleichberechtigte Diskurspositionen andererseits“ (S. 77) fordert. Sofern PopulistInnen mit ihren Positionen die Prinzipien der Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit als normative Grundsäulen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ablehnen, könnten sie neben Positionen, die diese Werte unberührt lassen, nicht als gleichwertig angesehen werden. In diesem Fall seien Lehrkräfte dazu angehalten, diese Äußerungen im Unterricht zurückzuweisen. Schließlich beschränke sich das Kontroversitätsgebot auf heterogene Positionen, die jene Minimalprinzipien anerkennen.

Damit Populismus erfolgreich ist, muss er mit den Medien im Allgemeinen und insbesondere mit den digitalen Medien eine Symbiose eingehen. Ohne öffentlichkeitswirksame Plattform kann der populistische Tabubruch, die Skandalisierung keine Wirkung entfalten. Mit Blick auf die bildungswissenschaftliche Perspektive widmet sich Stefan Aufenanger daher dem Zusammenhang von Populismus und Medien, um aus Sicht der Medienpädagogik schulbezogene Empfehlungen für den Umgang mit populistischen Inhalten in den (digitalen) Medien zu unterbreiten. Entsprechend fokussiert sich der Autor auf die Zielgruppe der Jugendlichen. Er bettet seine medienpädagogischen Handlungsoptionen in das prominente Medienkompetenzmodell von Dieter Baacke ein, indem Aufenanger Lehrkräften empfiehlt, ihren SchülerInnen Wissenswertes in Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung zu vermitteln. Hierfür müssten Lehrkräfte allerdings selbst erstmal medienkompetent werden, was sie aufgrund des Mangels an medienpädagogischen Angeboten im Lehramtsstudium oftmals nicht seien. Es bedürfe daher ihre zusätzliche Weiterbildung in diesem Bereich, um nicht zuletzt auch neben den benannten „medienpädagogischen Schwerpunkten“ (S. 171) im Unterricht eine konstruktive Auseinandersetzung mit Populismus in den (digitalen) Medien – hier insbesondere zu Fake News – durchführen zu können.

Fällt der Name Klaus-Peter Hufer, sind seine Argumentationstrainings gegen (populistische) Stammtischparolen nicht weit. Für den schulbezogenen Band bettet der Autor seine Ausführungen zur praktischen Durchführung von Argumentationstrainings gegen populistische, aber auch extremistische Parolen am Stammtisch in den Kontext Schule ein. Dafür dienen ihm sieben Fragen, die er der Reihe nach beantwortet: Für einen Trainingserfolg dürften die Angebote nicht im vorgegebenen Klassenverbund, sondern etwa in schulischen AGs durchgeführt werden. In der Klasse würden unter Umständen bestehende Konflikte aktiviert. Zudem sei es wichtig, dass die Argumentationstrainings nicht von bekannten Lehrkräften, sondern von externen TrainerInnen geleitet würden, um für SchülerInnen den „Reiz des Neuen“ (S. 211) zu gewährleisten. Schließlich könnten sie aufgrund ihrer zeitlichen wie fachlichen Ressourcen im Gegensatz zu Lehrkräften mit den SchülerInnen eingehend Themen wie Rassismus oder Antisemitismus als grassierende Probleme in unserer Gesellschaft behandeln.

Diskussion

Der Band erfüllt den Anspruch, sowohl aus fachdidaktischer als auch bildungswissenschaftlicher Perspektive Handlungsempfehlungen für den Umgang mit der „Herausforderung Populismus“ an Schulen zu unterbreiten. Seine Lektüre sensibilisiert: allgemein für den Umstand, dass politische Bildung nicht nur im Fach Politik, sondern im weiteren Sinne grundsätzlich in jedem Unterrichtsfach stattfindet. Und im Besonderen, dass die Auseinandersetzung mit populistischer Ideologie somit nicht auf den Unterricht in Politischer Bildung beschränkt ist.

Das unterstreichen Anja Müller und Mandy Schönfelder in ihrem Beitrag, in dem sie dazu raten, einen kritisch-reflexiven Umgang mit rechtspopulistischer Sprache nicht nur im Deutschunterricht zu pflegen, sondern darüber hinaus eine fächerübergreifende Kooperation etwa mit dem Fach Geschichte einzugehen (S. 34). Davon können schließlich alle Seiten – Lehrkräfte wie SchülerInnen – nur profitieren, denn veränderte Blickwinkel machen neue Möglichkeiten – hier zu den Umgangsempfehlungen mit Populismus – sichtbar, die ohne einen Wechsel der Perspektive schlechterdings verborgen blieben.

Auch Stefan Aufenanger macht in seinem medienpädagogischen Beitrag auf diesen Aspekt aufmerksam, indem er Demokratieerziehung fächerübergreifend als „Kernpunkt moderner und zeitgemäßer Bildung“ (S. 171) betrachtet. Wenngleich seine Ausführungen zur Auseinandersetzung mit Populismus in den (digitalen) Medien äußerst knapp ausfallen, vom Gegenstand der Medienpädagogik eher losgelöst sind und wenig Erkenntnisreiches enthalten. Ungeachtet dieser Kritik hat das Plädoyer für eine fachlich ganzheitliche Demokratieerziehung aber zur Folge, dass Lehrkräfte, die nicht im Fach Politik unterrichten, sich mit dem Beutelsbacher Konsens intensiv auseinandersetzen müssen.

Kerstin Pohl zeigte in ihrem Beitrag, dass Lehramtsstudierende offensichtlich nicht weil sie Lehramt studieren den Beutelsbacher Konsens kennen(lernen), sondern damit in erster Linie in Berührung kommen weil sie das Fach Politik auf Lehramt studieren (S. 77). Hier besteht mithin Verbesserungsbedarf: Wer Lehramt studiert, muss unabhängig der gewählten Fächerkombination mit dem Beutelsbacher Konsens frühestmöglich und intensiv konfrontiert werden – vor allem dahingehend, dass mit dem Kontroversitäts- kein Neutralitätsgebot einhergeht.

In dem Zusammenhang bieten sich auch die von Klaus-Peter Hufer vorgeschlagenen Argumentationstrainings gegen (populistische) Stammtischparolen an. Wenn angehende Lehrkräfte bereits an den Universitäten damit fit gemacht würden, könnten sie dieses Konzept in ihren späteren Unterricht mit einbinden. Dies gilt auch, wie bereits angedeutet, für eine angemessene Ausbildung ihrer medienpädagogischen Kompetenzen.

Fazit

Der Band „Brennpunkt Populismus“ versammelt durchgängig instruktive Beiträge zum schulbezogenen Umgang mit den Herausforderungen, die insbesondere durch das hohe Aufkommen populistischer Kräfte in der vergangenen Dekade entstanden sind. Sie richten ihren Blick dabei sowohl aus der fachdidaktischen als auch bildungswissenschaftlichen Perspektive auf den Gegenstand. Der Grundtenor des Buches, politische Bildung fächerübergreifend zu betreiben und damit einhergehend Populismus nicht nur im Fach Politik zu behandeln, sollte von den Schulen aufgegriffen und in die Unterrichtspraxis überführt werden.

Rezension von
Dr. phil. Alexander Akel
B.A. Politikwissenschaft/Philosophie, Leitung der externen Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie beim Verein für Völkerverständigung e.V. der Hansestadt Warburg, Lehrbeauftragter für Politik und Soziologie an der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (HöMS) in Kassel
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Es gibt 14 Rezensionen von Alexander Akel.

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Zitiervorschlag
Alexander Akel. Rezension vom 24.01.2023 zu: Kerstin Pohl, Markus Höffer-Mehlmer (Hrsg.): Brennpunkt Populismus. 15 Antworten aus Fachdidaktik und Bildungswissenschaft. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. ISBN 978-3-7344-1350-6. Reihe: Grundlagen Lehramt. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29479.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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