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Steve Kenner, Tonio Oeftering (Hrsg.): Standortbestimmung Politische Bildung

Rezensiert von Julia Besche, 04.10.2022

Cover Steve Kenner, Tonio Oeftering (Hrsg.): Standortbestimmung Politische Bildung ISBN 978-3-7344-1352-0

Steve Kenner, Tonio Oeftering (Hrsg.): Standortbestimmung Politische Bildung. Gesellschaftspolitische Herausforderungen, Zivilgesellschaft und das vermeintliche Neutralitätsgebot. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. 224 Seiten. ISBN 978-3-7344-1352-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Schriftenreihe der DVPB.

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Thema

Politische Bildung ist in den letzten Jahren Gegenstand verschiedener Diskussionen geworden, zum einen hinsichtlich ihrer Funktion zur Bearbeitung von krisenhaften Erscheinungen welche seitens Öffentlichkeit und Politik als bearbeitungswürdig verstanden werden. Zum anderen im Hinblick auf das Verständnis des im Beutelsbacher Konsens zugrunde gelegten Neutralitätsgebots (Kenner/​Oeftering 2022:8).

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Veröffentlichung nahm ihren Ausgangspunkt in der Herbsttagung der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) im Jahr 2020, bei welcher das Ziel verfolgt wurde, eine Standortbestimmung für die Politische Bildung angesichts verschiedenster Herausforderungen vorzunehmen und dabei Perspektiven (interdisziplinärer) Forschung und gelebter Praxis einzubeziehen (Kenner/​Oeftering 2022:8). Der Tagungsband gibt einen Einblick in die Themen und Diskurslinien benannter Tagung.

Aufbau

Die Veröffentlichung gegliedert sich in zwei Schwerpunkte, ein Teil umfasst die Auseinandersetzung mit Aspekten der Neutralität und Normativität, während der zweite Teil den Themenbereich Politische Bildung vor dem Hintergrund krisenhafter Entwicklungen fokussiert (vgl. Kenner, Oeftering 2022:9).

Inhalt

Der erste Teil des Tagungsbandes wird von Reinhold Hedtke et. al. unter dem Titel „Politische Bildung in der Krise- eine Positionsbestimmung“ eröffnet. Dieser Beitrag vergegenwärtigt den Leser:innen den Gegenstand Politischer Bildung mit Bezugnahme auf aktuelle Herausforderungen und zeichnen so die Diskurslinie zur Standortbestimmung Politischer Bildung nach.

Daran schließt sich Sibylle Reinhardt unter dem Titel „Das vermeintliche Neutralitätsgebot für die politische Bildung“ an und diskutiert Forderung der Alternative für Deutschland (AfD) der Befolgung des „Neutralitätsgebots“ in Schulen, welche durch die Partei beispielsweise 2018 in Hamburg gestellt wurde. Dabei widmet sich die Autorin den zentralen Fehlern der Argumentation der Partei, welche sie als falsche Interpretation des Neutralitätsgebots, der Ausbeutung des Rechtsstaates und der Verfehlung von Unterricht und seinen Interaktionen beschreibt.

Der Artikel von Matthias Heil trägt den Titel „Die Neutralisierung der Lehrkraft. Indoktrinierende Lehrer*innen als ,folk devils‘“. Ausgehend von der Tatsache, dass sich Politische Bildung verstärkt mit Forderungen nach mehr Neutralität auseinandersetzen muss, welche von recht(sextrem)en Parteien und Bewegungen gefordert werden, entwirft der Autor aufbauend auf der Theorie der Moralpanik eine Deutung der Warnung vor Indoktrination als ebensolche.

Im nächsten Kapitel legt Philipp Mittnik den Fokus auf den Neutralitätsdiskurs aus österreichischer Perspektive. Anhand ausgewählter Grundlagen begründet er seine Position, dass „neutrale“ oder „objektive“ Lehrer:innen aus der Perspektive Politischer Bildung nicht wünschenswert sind, stellen sie für Schuler:innen doch mitunter die einzige Gegenposition zu demokratiefeindlichen Positionen dar.

Jana Sämann widmet sich in ihrem Beitrag der Frage, inwiefern Neutralitätspostulate als Einflussnahmeversuche bewertet werden müssen und welche Folgen daraus für die adressierten Akteur:innen, aber auch für den Bereich der Politischen Bildung als solchem entstehen. In ihrem Fazit weist die Autorin ebenso darauf hin, dass eine Theorie politischer Bildung nicht neutral sein könne, wie auch auf weitere Gefährdungen Politischer Bildung in der Jugendarbeit durch prekäre Finanzierung- vielmehr müsse außerschulische Jugendarbeit als Raum politischer Bildung anerkannt und gestärkt werden.

Unter dem Titel „Extremismusprävention als Herausforderung für die politische Bildung“ widmet sich Friederike Bartels der Frage, „worin die Herausforderungen der Strukturen der Extremismusprävention für die politische Bildung bestehen und welche Implikationen sich für deren Zielgruppen ableiten lassen.“ (Bartels 2022: 72). Zur Beantwortung stellt die Autorin die Analyse relevanter Dokumente sowie drei leitfadengestützter Experteninterviews vor und teilt die zentralen Ergebnisse einer Studie zum Masterabschluss.

Jennifer Farber und Anna Maria Krämer widmen sich dem Thema „Position beziehen- Aber wie?! Ein Praxisgespräch“. Der Artikel basiert auf einem Beitrag der Autorinnen zur Herbsttagung der DVPB 2020 und ist als kollegiales Fachgespräch angelegt.

Mit ihrem Artikel „Inclusive Citizenship Education aus rassismuskritischer und antiziganismuskritischer Perspektive“ legen Lara Möller und Arne Schrader eine subjektbezogene Orientierung in der Didaktik Politischer Bildung nahe, welche sie mit dem Ansatz der Inclusive Citizenship Education verknüpfen, um so den Konnex zwischen subjektiver Dimension und gesellschaftlichen Strukturen, Verhältnissen und Bedingungen aufzuzeigen.

Sebastian Fischer stellt unter der Fragestellung „Warum fällt es vielen Lehrkräften in Sachsen schwer, in der Schulöffentlichkeit gegen Rechtsextremismus Position zu beziehen?“ die Ergebnisse einer akteurszentrierten Untersuchung im Rahmen des Projekts „Starke Lehrer- starke Schüler“ vor, welches unter Teilnahme von neun Berufsschulen aus verschiedenen Regionen Sachsen durchgeführt wurde.

Marc Grimm plädiert für die stärkere Berücksichtigung von Emotionen in der Bildung gegen Antisemitismus und verweist auf drei thematische Kontexte: Kognition, Emotion, (Selbst)Reflektion. Aus der Perspektive, dass Lernen über Antisemitismus grundsätzlich ergebnisoffen du damit potenziell scheitern kann, wird dieses Plädoyer im Fazit vorsichtig eingeschränkt. Sofern jedoch verschiedene Perspektiven auf dieses Thema eröffnet würden, könnten diese auch Affekte in Bezug auf das Thema umfassen und diese zum Gegenstand der Reflektion werden. Das Ziel des Einbezugs von Emotionen in die Bildung gegen Antisemitismus beschreibt Grimm als „eine mündigkeitsorientierte Ausgestaltung der Förderung von Denk-, Handlungs- und Urteilsmöglichkeiten, und damit auch die Befähigung von Schüler*innen die eigenen Emotionen zu reflektieren“ (Grimm 2022:125).

Kai E. Schubert beschäftigt sich in seinem Artikel „Der Nahostkonflikt und auf ihn bezogene Kontroversen als Lerngegenstände. Perspektivierungen in Materialien der politischen Bildung und ihre Bezüge zur Antisemitismusprävention“ mit Bildungsmaterialien, welche er in zwei Kategorien unterteilt: Bildungsmaterialien, die den Nahostkonflikt direkt thematisieren und Bildungsmaterialien, welche den Konflikt über den Konflikt thematisieren. Diese Differenzierung führt den Autor zur Erkenntnis, dass die Materialien des ersten Typs kaum geeignet sind, um eine Antisemitismusprävention zu erfüllen, während die ausschließliche Arbeit mit Materialien des Typ 2 wiederum ein Grundwissen über den Nahostkonflikt voraussetzen würden, welches bei vielen Bildungsteilnehmer*innen nicht vorliegen würde. Somit würden sich diese Typen gegenseitig ergänzen, indem der „Konflikt über den Konflikt“ in eine Lernumgebung überführt wird, welche das Erkennen, Benennen und Problematisieren antisemitischer Ressentiments ermöglichen.

Werner Friedrichs widmet sich mit dem Beitrag „Radikale Demokratiebildung im Anthropozän“ der Frage, wie Politische Bildung in diesem Zeitalter gedacht werden muss, um aktuellen Herausforderungen gerecht zu werden. Die Beantwortung folgt fünf Bemerkungen: Charakterisierung des Anthropozäns, dass das Anthropozän nicht als Radikalisierung der Bildung für nachhaltige Entwicklung zu verstehen ist, sich aber in ihr problematische Resilienzen im Modernen Denken zeigen würden. Zu deren Überwindung muss aus Sicht des Autors die vermittlungstheoretische Lesart Politischer Bildung um eine kontakttheoretische erweitert werden. Werner Friedrichs zeigt im Anschluss skizzenhaft Strategien der politischen Bildung in diesem Sinne auf.

Michael Nagel thematisiert die „Politische Bildung in der Klimakrise“. Zunächst wird die Klimakrise mitsamt ihrer Folgen beschrieben. Daran anschließend wird die Bewegung Fridays für Future vorgestellt und erläutert, was mit der Forderung nach Klimagerechtigkeit gemeint ist. Dabei wird die Wichtigkeit des demokratischen Diskurses über die Bewältigung beschrieben und dargestellt, wie dieser Diskurs gefährdet wird. Aus Sicht des Autors ist es Aufgabe der Politischen Bildung sich aktiv in diesen einzubringen, um dem Leitbild einer friedlichen, demokratischen und gerechten Gesellschaft zu folgen und zeitgleich unwissenschaftlichen und undemokratischen Tendenzen entgegenzutreten.

Ingo Juchler greift in seinem Artikel „… die im Dunkeln sieht man nicht. Zur Mensch-Tier-Beziehung in der politischen Bildung“ das Thema des Verhältnisses von Mensch und Tier und gibt dazu konkrete Handlungsvorschläge, indem er die Darstellung von Möglichkeiten der Integration des Themas im Rahmen der Lehrpläne des Faches Politische Bildung zum Mittelpunkt seines Beitrages macht.

Unter dem Titel „Mit emanzipatorisch-politischer Bildung sozial-ökologische Transformation gestalten. Ein Praxisbericht aus dem Saarpfalz- Kreis“ stellen Fabian Müller, Johannes Domnick und Lennart Berwanger einen Ansatz vor, wie die Vernetzung der Fachdiskurse von Bildung zu nachhaltiger Entwicklung und Politische Bildung derartige Prozesse unterstützen können. Anhand eines Praxisbeispiels erläutern sie, wie Politische Bildung und BNE zwischen Verwaltung, außerschulischen Bildungsträgern und Jugendarbeit verzahnt werden kann, um eine Struktur von Bildungs- und Beteiligungsmöglichkeiten vorzuhalten.

Einen Beitrag zu einer fächerübergreifenden Perspektive von Unterricht zum Thema Klimakrise stellen Lara Gildehaus, Michael Liebendörfer, Bastian Vajen und Christoph Wolf dar. Sie verfolgen eine Intersektion aus Mathematik und Politischer Bildung, um auf die zunehmende Komplexität der Herausforderungen für demokratische Gesellschaften zu reagieren. Am Beispiel der Klimakrise verdeutlichen die Autor*innen, dass neben Analyse- und Urteilskompetenz als Ziele Politischer Bildung weitere Kompetenzen notwendig sind, diese jedoch nicht vermittelt werden. In der Folge plädieren sie in ihrem Beitrag für interdisziplinäre Diskurse und Bildungsprozesse.

Einen interdisziplinären Ansatz verfolgt der Beitrag von Sophia Bickhardt unter dem Titel „Weltoffenheit bracht Weltverstehen. Politische Bildung im Digital- Kapitalismus“. Ihr Beitrag verfolgt das Ziel, „in aufklärerischer Tradition den Diskurs um Fragen zu Wirtschaft, Gesellschaft und die sie durchziehenden Machtverhältnisse als integralen Bestandteil politischer Erwachsenenbildung zu favorisieren“ (Bickhardt 2022:201). Sie bezieht sich dazu auf Michel Foucaults Überlegungen zu Macht und schließt daran anhand des Beispiels der Einführung digitalen Geldes Überlegungen zu Strategien zur Erzeugung eines „smarten Subjekts“ an. Dabei reflektiert die Autorin auch die Grenzen Politischer Bildung, welche sie mit Überlegungen zum Gelingen von Empowermentstrategien kontrastiert.

Philip Legrand und Martin Althoff betrachten in ihrem Beitrag eine bisher weitgehend unbeachtete Perspektive, in dem sie unter dem Titel „Politische Bildung im Kontext der Verwaltungsausbildung und der Verwaltungshandelns- Handlungskorridore und Perspektiven“ diese wichtige Schnittstelle zwischen Politik und Bildungspraxis thematisieren. Bilanzierend stellen sie fest, dass demokratische Prozesse lokal durch kommunales Verwaltungshandeln begleitet werden können. Sie geben den Leser*innen eine Skizze zur Implementierung Politischer Bildung in der Verwaltungsausbildung und dem Verwaltungsstudium mit auf den Weg und stellen eine Konzeptidee hinsichtlich eines kommunalen Demokratiebeauftragten vor.

Diskussion

Der vorliegende Tagungsband gibt den Leser*innen einen übersichtlichen Einblick in unterschiedlichste Perspektiven Politischer Bildung vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen. Während sich der erste Teil des Bandes unter dem Titel „Neutralität und Normativität“ eher übergeordneten Themen wie dem „Neutralitätsgebot“ widmet und hier zahlreiche Argumentationslinien hinsichtlich dieses Diskurses aufzeigt, widmet sich der zweite Teil „Politische Bildung in Krisenzeiten“ einzelnen Aspekten der Politischen Bildung und gibt hier auch praxisnahe Empfehlungen.

Fazit

Sofern Leser*innen einen Überblick zu aktuellen Positionierungen und Herausforderungen der Politischen Bildung wünschen, ist dieses Buch durchaus lesenswert. Es bietet mit seinen 230 Seiten einen kompakten Ausblick mit zahlreichen Anregungen zur Vertiefung einzelner Aspekte.

Rezension von
Julia Besche
Verwalterin der Professur für Normative Rahmungen der Sozialen Arbeit an der HAWK Holzminden
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Es gibt 2 Rezensionen von Julia Besche.

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Zitiervorschlag
Julia Besche. Rezension vom 04.10.2022 zu: Steve Kenner, Tonio Oeftering (Hrsg.): Standortbestimmung Politische Bildung. Gesellschaftspolitische Herausforderungen, Zivilgesellschaft und das vermeintliche Neutralitätsgebot. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. ISBN 978-3-7344-1352-0. Schriftenreihe der DVPB. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29481.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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