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Benno Hafeneger: Jugend und Jugendarbeit in Zeiten von Corona

Rezensiert von Maria Wolf, 14.09.2022

Cover Benno Hafeneger: Jugend und Jugendarbeit in Zeiten von Corona ISBN 978-3-7344-1252-3

Benno Hafeneger: Jugend und Jugendarbeit in Zeiten von Corona. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 55 Seiten. ISBN 978-3-7344-1252-3. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR.
Reihe: Short read
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Thema

Insbesondere für junge Menschen brachte die Corona-Pandemie einschneidende Veränderungen. Die politische Diskussion der Krisenzeit berücksichtigte jedoch Jugendarbeit und Jugendbildung nur in sehr geringem Maße. Die Publikation wagt aus dem Blickwinkel des Frühjahrs 2021 eine vorläufige Bilanzierung der Krise.

Herausgeber

Benno Hafeneger ist emeritierter Professor des Instituts für Erziehungswissenschaften der Pilipps-Universität Marburg. Er bezeichnet sich als Experte für Jugendarbeit und Jugendbildung.

Aufbau und Inhalt

Die Skizzierung des zeitlichen Verlaufs der Krise zeichnet das Bild einer „Generation Corona“: Der Autor beschreibt anhand des ersten Lockdowns eine gemeinsame Generationenerfahrung auf Basis von Kontaktbeschränkungen, die zu vielfältigen Änderungen im Leben junger Menschen geführt haben. Die Lockerungen der zweiten Phase waren von einem „Drang nach draußen“ geprägt, der sich auch durch Aggressionen Luft machte. Es folgte eine Zeit der Ungewissheit. Im Lockdown light bis zum harten Lockdown war die Offenhaltung von Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit zumindest teilweise und unter Auflagen noch möglich.

Breiten Raum wird der Beschreibung von Mythen und Verschwörungen gewidmet, die in Ihrer Breite nebeneinandergestellt werden und so das Bild der Unübersichtbarkeit und Vermischung, das sich auch auf Querdenker-Demonstrationen wie im November 2020 in Leipzig zeigte, nachzeichnen. Dabei wird nach der sozialen Zusammensetzung der „Querdenker“ gefragt, die eine verhältnismäßig „alte“ und akademisch geprägte Gruppe ist. Abgerundet wird die Beschreibung von Gedanken zu Verschwörungstheorien und der Gegenüberstellung jugendlichen Protestverhaltens zum Querdenker-Milieu. Auf die Thematisierung dieses eindrücklich wahrnehmbaren Protestverhaltens folgt eine Klärung und Begründung der (tatsächlichen) Eingriffe in Grund- und Freiheitsrechte.

Die Bedeutung der Jugendzeit besteht in einer Fülle an Entwicklungsaufgaben, die in enger Folge bewältigt werden müssen. Beziehungen zwischen Gleichaltrigen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Problematisch ist es daher, dass man in der politischen Diskussion und den Entscheidungen, die zur Bekämpfung der Corona-Pandemie getroffen wurden, junge Menschen auf die Rolle als Schülerinnen und Schüler reduzierte und mitunter eine Stigmatisierung als „Risikotreiber“ erfolgte.

Eine Zusammenstellung der ersten empirischen Studien, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vorlagen, dokumentiert die psychischen Belastungen, die Verschärfung von Ungleichheit, die Mediatisierung von Lebenswelten, die ernsthaftere Einstellung junger Menschen gegenüber der Zukunft sowie ein verändertes Lern- und Freizeitverhalten.

Die Jugendarbeit musste entlang der Beschränkungen und Schließungen ihrer Einrichtungen reagieren, was zu einem Digitalisierungsschub führte. Für ihre Zukunft stellt die Veröffentlichungen nachstehende Folgerungen vor, die, will Jugendarbeit den Anforderungen risiko- und krisenbelasteten Zeiten entsprechen, Beachtung finden müssen:

  1. Junge Menschen haben ein Recht auf Angebote der Jugendarbeit.
  2. Die Bindungskraft von Jugendarbeit ist in Krisenzeiten besonders notwendig. Ob Jugendarbeit in der Coronakrise, ihre Aufgabe erfüllen konnte, bleibt abzuwarten.
  3. Es bedarf zukünftig einer Mischung an digitalen und analogen Formen, um junge Menschen angemessen zu fördern.
  4. Politische Bildung hat einen hohen Stellenwert in der Jugendarbeit.

Abgerundet wird der kleine Band von einer fülle an Forschungsfragen, die sich nicht nur für die Situation junger Menschen, sondern auch für den politischen Umgang mit Krisen aus dem Jahr 2020 ergeben.

Diskussion

Der in der Reihe „Short Read“ erschienene Band bietet nur wenig Raum für eine ausführliche Erörterung dessen, was Jugend und Jugendarbeit unter Coronabedingungen geprägt hat. Man darf daher auch keine tiefergehenden Betrachtungen der Einflüsse und Auswirkungen, die die Pandemie und die Reaktionen darauf auf junge Menschen haben, erwarten, sondern es erfolgt eine eher dokumentarische Beschreibung von Erfahrungen, die prägend für die junge Generation sein können. Obwohl insbesondere in der Darstellung der Entwicklungsaufgaben aktuelle Jugendstudien einbezogen wurden, ist die Auswahl der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht systematisch an der Perspektive junger Menschen orientiert, sondern scheint eher der Gegenwartsbeobachtung und damit verbundenen Relevanzsetzung des Autors zu entsprechen. So wird beispielsweise die Altersstruktur der Querdenkerszene als zwischen 30 und 60 Jahren beschrieben und auf die Bedenklichkeit des Phänomens für junge Menschen hingewiesen, eine Bezugnahme auf ein zunehmend politisches Interesse junger Menschen, ihrer Bereitschaft, sich aktivistisch zu betätigen und ihrer gleichzeitigen Offenheit für populistische Argumentationen (bspw. Hurrelmann/​Albrecht 2020) wird nur angedeutet, nicht aber konsequent begründet, so das die LeserInnen daraus ganz individuelle Schlussfolgerungen ziehen müssen.

Offene Jugendarbeit ist für alle jungen Menschen da. Mit der Reform des SGB VIII wird Inklusion jedoch zum explizit benannten Thema. Somit benötigen Schlussfolgerungen für eine nach-pandemische Kinder- und Jugendarbeit den Einbezug der Perspektive junger Menschen mit Behinderung, insbesondere deshalb, weil wir uns mit der Krise in der Diskussion um Gesundheit und vulnerable Zielgruppen bewegen. Die zeitlich mit der Coronakrise zusammenfallende SGB VIII Reform findet in Hafenegers Überlegungen leider keine Beachtung. Die skizzierten Rahmenbedingungen des Aufwachsens junger Menschen zu Zeiten von Corona bilden nur ein unscharfes Bild, was jedoch – macht man sich dieses bewusst – nicht problematisch ist. Der eigentliche Wert der Arbeit liegt in der Zusammenstellung der zum Zeitpunkt der Untersuchung relevanten Studien zur Situation junger Menschen und den Folgerungen für die Jugendarbeit, an die hier kurz angeschlossen werden sollen.

Hafeneger fordert ganz folgerichtig einen Rechtsanspruch auf Angebote der Jugendarbeit, damit junge Menschen nicht auf ihre Rolle im Bildungssystem reduziert werden, sondern ihnen als gleichberechtigten BürgerInnen Teilhaberechte gewährt bleiben. Faktisch ist Jugendarbeit zwar keine freiwillige Aufgabe, den Kommunen wird jedoch ein hoher Grad an Gestaltungsfreiheit gewährt, sodass sich davon keine Ansprüche auf konkrete Leistungen ableiten lassen. Wie problematisch dieser Spielraum ist, zeigte sich durch die weitreichenden Einschränkungen im Zuge der Pandemie.

Die Bindungskraft zwischen den Einrichtungen und den jungen Menschen wird im vorliegenden Text als Stärke der Jugendarbeit beschrieben, von deren Qualität es abhängt, inwieweit sich das Engagement junger Menschen während und nach den Corona-Beschränkungen aufrechterhalten lässt. Unter Pandemiebedingungen erfuhr Jugendarbeit – so empirisch beispielsweise in Hamburg nachgewiesen (Voigts/​Blohm 2022) – eine verstärkte Entgrenzung hin zu Feldern wie Schule oder Jugendsozialarbeit, um das Versagen anderer institutioneller Systeme zu kompensieren. Einher geht damit allerdings die Gefahr, dass grundlegende Prinzipien Offener Kinder- und Jugendarbeit vernachlässigt werden. Fachkräfte bekamen während der Pandemie Kontrollaufgaben hinsichtlich der Einhaltung von Hygieneregeln übertragen, was eine Belastung der Beziehung zu den jungen Menschen darstellte. Insbesondere von der Fähigkeit der Fachkräfte unter Bedingungen und Auflagen, die den Prinzipien offener Kinder- und Jugendarbeit entgegenstehen, ein Arbeitsbündnis mit den jungen Menschen herzustellen, wird abhängen, wie gut junge Menschen in den Einrichtungen gehalten werden können. Ganz unabhängig davon werden die Fachkräfte jedoch große Anstrengungen unternehmen müssen, ihre Zielgruppe wieder zu erreichen und Vertrauensverluste wett zu machen.

Ganz zu recht fordert die Publikation einem analog-digitalen Mix in den Angeboten der Offenen Kinder-und Jugendarbeit, um innovative Ansätze, die unter enormen Zeitdruck in Zeiten des Lockdowns entwickelt wurden, mit der besonderen Qualität von Begegnungen in Präsenz zu verbinden. Nach wie vor besteht in vielen Einrichtungen die Problematik, dass junge Menschen aufgrund der Einhaltung sinnvoller Datenschutzauflagen und fehlender Infrastruktur nur unzureichend digital erreicht werden können. Ohne einer finanziell besseren Ausstattung und dem Einbezug eigener IT-Abteilungen liegt eine angemessene und qualitätvolle Umsetzung noch in weiter Ferne. Politische Bildung findet in den Einrichtungen ganz selbstverständlich und auf vielfältige Art statt, auch wenn die Ausgestaltung des Partizipations-Prinzips gewissen Anforderungen unterliegt. Damit ist Jugendarbeit der richtige Ort für die Unterstützung der Entwicklung junger Menschen hin zu BürgerInnen, die konstruktiv mit Teilhabemöglichkeiten umgehen. Vor allem die Stärkung von (Alltags-)Partizipation muss im Vordergrund stehen, damit Offene Kinder- und Jugendarbeit ihren Auftrag auch unter erschwerten Bedingungen erfüllen kann. Gleichzeitig bedarf es einer Jugendarbeit, die vermehrt als politischer Akteur zur Interessenvertretung junger Menschen in Erscheinung tritt.

Fazit

Benno Hafeneger legt eine kurze, mitunter selbstklärend wirkende Zusammenschau der Corona-Krise des Jahres 2020 vor. Bleibt auch Vieles nur angedeutet, so bietet sich doch eine handliche Argumentationshilfe für VertreterInnen der Jugendarbeit, die gezwungen sind, die Bedeutung dieses Handlungsfeldes auch gegen Sparzwänge und politische Eingriffe zu verteidigen. Der vorliegende Titel zeigt, dass es sich lohnen kann, einen Aufsatz, der sich als Zeitschriftenbeitrag anbietet, als schmale, selbstständige Schrift zu veröffentlichen.

Rezension von
Maria Wolf
MA Soziale Arbeit
Lehrkraft für besondere Aufgaben, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
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Es gibt 14 Rezensionen von Maria Wolf.

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Zitiervorschlag
Maria Wolf. Rezension vom 14.09.2022 zu: Benno Hafeneger: Jugend und Jugendarbeit in Zeiten von Corona. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1252-3. Reihe: Short read. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29483.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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