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Ulrike Eichinger, Barbara Schäuble (Hrsg.): Konfliktanalysen

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf, 31.08.2022

Cover Ulrike Eichinger, Barbara Schäuble (Hrsg.): Konfliktanalysen ISBN 978-3-658-35856-3

Ulrike Eichinger, Barbara Schäuble (Hrsg.): Konfliktanalysen. Element einer kritischen Sozialen Arbeit : Ein Studienbuch. Springer (Berlin) 2022. 270 Seiten. ISBN 978-3-658-35856-3. D: 28,03 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 33,50 sFr.
Reihe: Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit - 32
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Herausgeberinnen

Prof. Dr. Ulrike Eichinger, Dipl. Sozialarbeiterin, Professur für Theorie und Praxis der Sozialpädagogik an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Prof. Dr. Barbara Schäuble, Sozialarbeiterin, Soziologin, Professur für diversitätssensible Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Thema

Die Autor:innen beleuchten Konflikte aus verschiedenen Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit. Konflikte werden subjekt- und bereichsorientiert reflektiert und unter Zuhilfenahme konflikttheoretischer Ansätze analysiert. Die Konfliktdarstellung im Buch ist facettenreich und bildet unterschiedliche Arten von Konflikten und Orten für diese ab. Durch die divergenten Sicht- und Herangehensweisen der 12 Autor:innen wird Konfliktbearbeitung theoretisch fundiert erfahrbar gemacht, wobei Leser:innen die Vielfalt von Konfliktthematiken und ‑bearbeitungsmöglichkeiten ebenso vor Augen geführt wird wie Widersprüche, welche die Konfliktbearbeitung hindern, aber auch zu deren Lösung oder zumindest Linderung beitragen können. Das Buch zeigt, dass die Sozialarbeitswissenschaft und -praxis wertvolle Impulse für die konstruktive Bearbeitung von Konflikten liefert.

Aufbau und Inhalt

Das Werk ist in der von Roland Anhorn und Johannes Stehr herausgegebenen Reihe»Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit« erschienen, deren Anliegen es den Herausgebern zufolge ist, „den Gegenstand und die Aufgaben Sozialer Arbeit eigenständig zu benennen und Soziale Arbeit in den gesellschaftspolitischen Kontext von sozialer Ungleichheit und sozialer Ausschließung zu stellen“, was nur dann gelinge, wenn die Professionellen der Soziale Arbeit „die eigenen Macht-, Herrschafts- und Ausschließungsanteile“ reflektierten (S. II). Das Buch umfasst 271 Seiten mit 14 Texten von 12 Autor:innen. Das Werk beginnt mit einer »Einleitenden Betrachtung«, in der Barbara Schäuble & Ulrike Eichinger zunächst einen Überblick über die Vielfalt von Konfliktanalysen geben, die Leser:innen im Band finden. „In diesem Buch rekonstruieren und analysieren wir Konflikterfahrungen in verschiedenen Bereichen der sozialarbeiterischen und professionalisierungsorientierten, das heißt hochschulischen Praxis der Sozialen Arbeit. Wir loten Konfliktkonstellationen aus, um sie besser zu begreifen bzw. begreifbarer zu machen. Wir versuchen so Handlungsmöglichkeiten durch eine bewusstere und kooperative Wahrnehmung von Konflikten und Möglichkeitsräumen zu vergrößern“, schreiben die Autor:innen (S. 2). Sie stellen unterschiedliche Formen der Konfliktbearbeitung vor und machen das Potenzial von konfliktanalytischen Ansätzen für die kritische Soziale Arbeit deutlich. Die „professionshistorischen Diskurse stehen exemplarisch für eine Vielfalt von Konfliktanalysen bzw. -bearbeitungsweisen und dafür, dass sich Konflikte auf verschiedenen Ebenen, mit unterschiedlichen zeitlichen Fokussen bzw. mit variierenden thematischen Bezügen untersuchen lassen“, erklären Schäuble & Eichinger (S. 3).

Die Autor:innen des Buches thematisierten „variierende Methodologien in ihrem jeweiligen Potenzial. Ihre konflikttheoretischen Bezüge reichen dabei von professionstheoretischen über (kritisch-)psychologische bis hin zu soziologischen, politikwissenschaftlichen sowie philosophischen Diskursen, beispielsweise um anerkennungs-, demokratie-, macht- und organisationstheoretische Aspekte auszuarbeiten“, spezifizieren die Herausgeberinnen (S. 5). Dabei zeigten sich in den Beiträgen „verschiedene Optionen, Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, beispielsweise durch bewusste Planung und das Entwickeln und Gestalten konkreter Bündnisoptionen“ (S. 8). Alle Beiträge im Buch zielten auf eine kritische Analyse von Veränderungsperspektiven ab und verfolgten Fragen der praktischen Gestaltung vorhandener „Spielräume im Versorgungssystem sowie in sozialen Beziehungen“, sind die beiden Autor:innen überzeugt (ebd.). Die Beiträge böten letztlich „Orientierungspunkte für ein Verstehen arbeitsbereichsspezifischer Widersprüche in Studium und Praxis sowie für die weitere fachliche und gesellschaftliche Diskussion“ (S. 10).

»Eine gemeinsame Welt existiert nur in der Vielfalt der Perspektiven« lautet der Titel des Beitrages von Meike Günthe. Sie befasst sich darin mit der Frage, mit welchen Konflikten (vor allem im institutionellen Hilfesystem) Familien mit autistischen Kindern sich konfrontiert sehen. Wie kann ein Kind mit Autismus-Diagnose möglichst gut in sein Leben begleitet werden? Und wie können Konfliktverhältnisse zur Aushandlung von Teilhabe genutzt werden? – So lauten zentrale Frage, der die Autorin hier u.a. bezugnehmend auf das Werk von Hannah Arendt nachgeht. Ihr Ziel sei es, schreibt Günther, „durch diese Auseinandersetzung zu zeigen, was sich in den Verhältnissen, aber auch in der ganz grundlegenden Perspektive des Hilfesystems ändern müsste, um tatsächlich unterstützend tätig werden zu können“ (S. 15).

»Selbstbestimmt absetzen in fremdbestimmten Verhältnissen? Reflexionen über Schwierigkeiten der (Nicht-)Einnahme von Psychopharmaka am Beispiel des antipsychiatrisch orientierten Berliner Weglaufhauses« – so der Titel des Textes von Christian Küpper. Der Autor legt darin dar, dass und warum sich Psychopharmaka seit ihrer Einführung „zu einer zentralen Interventionstechnologie der (Sozial)Psychiatrie entwickelt“ haben (S. 41). Viele Betroffene verbänden mit der Einnahme von Psychopharmaka schmerzvolle Erfahrungen, schreibt Küpper. Sie litten unter Nebenwirkungen und suchten mitunter Auswege aus der psychopharmakologischen Behandlung. Am Beispiel des Berliner Weglaufhauses zeigt der Autor auf, wie sich die antipsychiatrisch orientierte Praxis dieser Herausforderung annimmt. Ebenso verdeutlicht er, welche Widersprüche und Konflikte sich dabei ergeben (können), Menschen zu unterstützen, einen selbstbestimmten Umgang mit Psychopharmaka zu ermöglichen.

»Ertragen, beharren, einkreisen und einhaken in Schließungsprozesse – Konflikte um prekäre Kooperation und Missachtung in dominanzkulturell geprägten Settings antisemitismuskritischer Pädagogik« ist der Titel des Beitrags von Barbara Schäuble. Basierend auf Konfliktschilderungen einer Pädagogin beleuchtet die Autorin hier Konfliktkonstellation, die sich in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit ergeben können. Zu den Bearbeitungsweisen des Konfliktes gehören ihr zufolge „einerseits das Ertragen von Zumutungen, ein beharrliches Einfordern von Mitarbeit, das Anrufen gemeinsamer Überzeugungen als Versuch des Einhakens in Schließungsprozesse und ein Setzen auf die Eigendynamik von Prozessen der Perspektiverweiterung“ (S. 61). Es gäbe im Arbeitsbereich gleichwohl auch „ein Verdecken und Vermeiden des Konfliktes im Zusammenhang mit einseitigen Fokussierungen auf den Widerstand der Teilnehmer*innen“. Schäuble reflektiert den „dahinterliegenden Anerkennungskonflikten in demokratiepädagogischen und antisemitismuskritischen Settings“ (S. 62). Konflikte werden analysiert als „Moment einer grundlegend asymmetrischen und konflikthaften Konstellation, die unter anderem darin zum Ausdruck kommt, dass sie weiteren Reflexionsbedarf sieht, während die Teilnehmer*innen ihres Angebots problematisierende Impulse zurückweisen“ (ebd.) und andere Interessen in den Vordergrund stellten. Dass Teilnehmende die von der Pädagogin wahrgenommene Anerkennungsproblematik nicht aufgriffen und unbehandelt ließen, deutet sie „als Ausdruck typischer Lernwiderstände in Lern- und Bildungsprozessen, zum anderen sieht die Pädagogin dies als selbstbezogenen und aggressiven Rückzug dominanter Akteur*innen aus einer aus ihrer Sicht erforderlichen demokratisierenden Kooperation“, schreibt Schäuble (ebd.).

Felix Busch-Geertsema nimmt sich in seinem Text der»Voraussetzungen positionierten Handelns im Kontext extrem rechter Angriffe auf Demokratiebildung« an. „Angriffe extrem rechter Akteur*innen auf Einrichtungen der Demokratieentwicklung, der politischen Bildung und der Sozialen Arbeit stehen im Kontext einer gesellschaftlichen Rechtsverschiebung globalen Ausmaßes“, schreibt er (S. 81). „Im Feld der Demokratiearbeit und der politischen Bildung haben Angriffe extrem rechter Akteur*innen in den letzten fünf Jahren stark zugenommen“, erklärt Busch-Geertsema (S. 83). Bezugnehmend auf angefeindete Projekte gegen rechts greift er exemplarisch den Konflikt zwischen der AfD und einem Berliner Demokratieprojekt auf. Vorgehen und Ergebnis fasst der Autor so zusammen: Von der „Makroebene des gesellschaftlichen Konflikts (extrem rechte Angriffe auf demokratiepädagogische Bildung) ausgehend, entwickelte ich Prämissen, unter denen ich die Mikroebene des lokalen Demokratieprojekts im Bezirk untersuchte, das sich zwar in diesem Konflikt positionierte, ihn jedoch gar nicht als ein professionstheoretisches Dilemma oder aufwühlendes Problem in der eigenen Praxis wahrnahm. Das Ergebnis stellt eine begründete Widerlegung meiner Vorannahmen dar, dass gesellschaftliche Konflikte auch zu Konflikten der Einzelnen werden“ (S. 94). Deutlich geworden sei ihm, dass organisationale Rückendeckung, Organisationswissen sowie das professionelle Selbstverständnis zentrale Voraussetzungen für den konstruktiven Umgang mit solchen Konflikten sind.

»Konflikte in der Kinder- und Jugendhilfe zwischen Autoritarismus, Transformation und Teilhabe« ist der Themenkomplex, den Timo Ackermann in seinem Textbeleuchtet. Der Autor fokussiert die Fallarbeit im Jugendamt und das Tätigkeitsfeld der Heimerziehung. Er erklärt, im Text werde „das Konzept des Konfliktes, wie die Herausgeberinnen vorschlagen, als Ausgangspunkt genommen, um konkrete Situationen auf unterschiedlichen Ebenen zu rekonstruieren“ (S. 98). U. a. nimmt er sich der Strategien im Alltag von Heimeinrichtung im Umgang mit Konflikten an, die er analysiert und kommentiert. Empirische Grundlage seiner Darlegungen seien dabei Materialien aus der ethnografischen und der partizipativen Forschung. Dabei würden „Referenzen zu einem partizipativem Forschungsprojekt hergestellt, in dem gemeinsam mit Jugendlichen und Pädagog*innen untersucht wurde, wie Partizipation von jungen Menschen in Einrichtungen der Heimerziehung ermöglicht bzw. verunmöglicht wird“ (S. 99). Die Datenanalyse bringe, so schreibt der Autor, „für die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe innerpsychische, interaktionale und handlungsfeldtypische Konfliktlagen hervor. Sowohl für die Fallarbeit des Jugendamtes als auch für das Feld der stationären Erziehungshilfen wurden Handlungsstrategien aufgezeigt, die darauf ausgerichtet sind, Konflikte zurückzudrängen oder diese einseitig, expertokratisch aufzulösen“ (S. 115). Ackermann kommt zum Schluss, dass es ob des Machtgefälles für die Adressat*innen Sozialer Arbeit risikoreich sein könne, Konflikte mit Sozialarbeiter*innen auszutragen, denn Regelverletzungen und Widerstand würden „von Sozialarbeiter*innen als dispräferiertes, störendes Verhalten behandelt“ (ebd.)

„Die Beobachtungen solcher Verhaltensweisen, die im Konflikt von der erwarteten Normalität abweichen, die Regeln und Erwartungen verletzen, führen nicht selten zu verschärften Falleinschätzungen und sanktionierender Interventionspraxis“, meint der Autor (ebd.). Insgesamt müssten Konflikte, so sein Fazit, in der Kinder- und Jugendhilfe vermehrte Aufmerksamkeit erfahren, wobei das „Miss- oder Gelingen in der Bearbeitung von Konflikten […] aber keinesfalls Fachkräften Sozialer Arbeit individualisierend, z.B. als Frage der Haltung, zugeschrieben werden [sollte]“ (S. 116). Konstruktive Konfliktbearbeitungen könnten z.B. in systematischen Artikulationsräumen entwickelt werden, „in denen Nutzer*innen und Adressat*innen in der Kinder- und Jugendhilfe die Gelegenheit haben, Konflikte zur Sprache zu bringen – und klärend zu bearbeiten“ (ebd.). Auch kämen „Qualitätsdialoge, Beschwerde- oder Ombudsstellen sowie andere Formen der Nutzer*innen-Beteiligung“ in Betracht (ebd.). Dabei müsse die Organisationskultur stets ein partizipatives Arbeiten am Konflikt erlauben, denn andernfalls „droht immer wieder die autoritäre, vermeintliche Auflösung des Konfliktes durch einseitige Interventionen von Expert*innen, die im Zweifel ihre Deutungsweisen durchsetzen“, ist Ackermann überzeugt.

»Konfliktanalysen in der arbeitsmarktbezogenen Beratung und Vermittlung – Professionalisierung durch Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und Grenzen der Aneignung und Bearbeitung?« – ist der Themenkomplex, dem sich Urban Nothdurfter annimmt. Bezugnehmend auf die Aktivierungspolitik, welche die Transformation vom Wellfare- zum Workfare-Staat kennzeichnet, die mit „Hartz IV“ eingeleitet wurde, und mittels Rückgriff auf die street-level bureaucracy in der Grundsicherungsverwaltung reflektiert der Autor, die „Dilemmata der Arbeit in öffentlichen Diensten und die zentrale Bedeutung der Nutzung von Ermessens- und Handlungsspielräumen für die Umsetzung politischer Maßnahmen“ (S. 122). Er rekurriert in seinen Darlegungen auf diverse Befunde aus der Begleitforschung wie auch auf eine qualitativen Untersuchung im Kontext des Wiener Arbeitsmarktservice (AMS). Die Adressat:innen der Aktivierung sollen sowohl in Deutschland wie auch in Österreich zu „eigenverantwortlicher sozialer Absicherung durch Erwerbsarbeit und zur Verbesserung der eigenen Arbeitsmarktfähigkeit erzogen werden. Sie sollen eine entsprechende Haltung, aber auch eine moralische Pflicht gegenüber der Gesellschaft verinnerlichen und Unterstützungsleistungen nur bedingt – in einer Logik von Leistung und Gegenleistung – in Anspruch nehmen“, schildert der Autor den Tenor der Aktivierungspolitik (ebd.). Wenig berücksichtigt sei dabei indes „die Frage des professionellen Umgangs mit Konflikten und Widersprüchen aktivierender Politik, wie sie in sozialen Diensten am Arbeitsmarkt zutage treten“, schreibt Nothdurfter. Darauf legt er den Fokus.

Es stellt und beantworte fragen wie diese: „Wie werden die fördernde und die fordernde Dimension der Aktivierung im konkreten Fall im Gleichgewicht gehalten? Wann und weshalb kommt es zu Widersprüchen und Mandatskonflikten? Wie wird mit diesen umgegangen und welche Rolle spielt dabei das professionelle Selbstverständnis der Fachkräfte?“ (S. 123). Der Autor zeigt auf, wie Mitarbeiter*innen in sozialen Diensten am Arbeitsmarkt auftretende Konflikte angehen und erklärt, „Konflikte in der arbeitsmarktbezogenen Beratung und Vermittlung sind weder dadurch zu lösen, dass diese Tätigkeiten nur in Verwaltungszusammenhängen gedacht werden und der Umgang mit Herausforderungen als persönliche Angelegenheit der einzelnen Berater*innen auf diese zurückfällt, noch in einem expertokratischen Verständnis der Konzipierung und Etablierung dieser Tätigkeiten als neutraler Anwendung technischer Beratungs- und Vermittlungskompetenzen“ (S. 133) Vielmehr gelinge eine konstruktive Konfliktbearbeitung in der arbeitsmarktbezogenen Beratung und Grundsicherungsarbeit nur durch die „Entwicklung einer kritisch-reflexiven Professionalität, die trotz eigener Verstrickungen eine kritische Distanz zu aktivierungspolitischen Strategien und Zumutungen einnehmen und Herausforderungen der entsprechenden Praxis im Rahmen einer reflexiven Auseinandersetzung professionell bearbeiten kann“, ist Nothdurfter überzeugt (ebd.).

Zur Konfliktverdeckung, Konfliktverlagerung und Transformation des Selbstverständnisses Sozialer Arbeit am Beispiel der risikoorientierten Bewährungshilfe nimmt Roland Anhorn im Text »Das „Risiko“ in der Sozialen Arbeit« Stellung. Als eines der zentralen Elemente in der Macht- und Herrschaftstechnologie des Neoliberalismus habe das Risiko „mittlerweile auch Eingang in die Soziale Arbeit gefunden, am avanciertesten in Gestalt der risikoorientierten Bewährungshilfe“, heißt es in der Zusammenfassung seines Textes (S. 137). Die risikoorientierte Bewährungshilfe (ROB) grenze sich ab von der auf Reintegration ausgerichteten Bewährungshilfe und „artikuliert den Anspruch, in erster Linie einen substanziellen Beitrag zur öffentlichen Sicherheit leisten zu wollen. Dabei stützt sie sich zur Kontrolle und Verhaltensteuerung von Straftätern auf eine neue, IT-basierte Technologie der Risikoabschätzung und -klassifikation“, schreibt Anhorn (ebd.). Die ROB habe allerdings „nicht nur keinen (expliziten und theoretisch eingeholten) Konfliktbegriff“, sie „operiert zudem mit einem geradezu naiv anmutenden und in den Sozialwissenschaften so nicht mehr für möglich gehaltenen positivistisch-objektivistischen Wissenschaftsverständnis auf der Grundlage eines unbesehen unterstellten Normen- und Wissenskonsenses“ ist Anhorn überzeugt (S. 162). Die ROB habe „keinen (selbstkritischen) Blick auf die Verdeckung von Konfliktverhältnissen bzw. die Verlagerung auf Ebenen und in Wirkungsbereiche, die – zeit(geist)gemäß – restriktivere und kontrollierendere Praktiken individualisierender Responsibilisierung ermöglichen und zugleich öffentlich artikulierte Sicherheitsbedürfnisse – zumindest symbolisch – bedienen“ (ebd.). Die ROB falle damit, so schreibt der Autor, „hinter ein verfügbares Niveau der Reflexivität (vgl. Cremer-Schäfer & Resch, 2012) zurück, mit dem für die Soziale Arbeit erst die Voraussetzungen für ein selbstkritisches Nachdenken über die eigenen Verstrickungen in die jeweiligen Macht und Herrschaftsverhältnisse gegeben sind“ (ebd.). Für die soziale Arbeit sei das keine gute entwicklung, reflketiert Anhorn.

 »Konflikte im Ringen um Partizipation von Nutzer*innen Sozialer Arbeit«stehen im Zentrum des Aufsatzen von Rossana Berge, Ulrike Eichinger & Rebekka Kuf. Die Autor:innen befassen sich mit der Wirkung eines kooperativen Praxisforschungsprojekts, das in Kooperation mit Fachkräften und Nutzer:innen eines Trägers der Drogenhilfe entstanden ist. Wer daran beteiligt war, was untersucht wurde, wie die Arbeit im Projekt erfolgte, welche Probleme und Erwartungen es dabei gab und was letztlich herausgefunden wurde, wird beschrieben. Festgehalten werden könne, so schreiben die Autor:innen, „dass die durch den Forschungsprozess angeregte Auseinandersetzung der Nutzer*innen und des Teams mit dem Thema Partizipation erste Veränderungen angestoßen hat“ (S. 182). Es seien durch das Projekt organisationale Spielräume, (verdeckte) Konflikte und Grenzen sowie Bearbeitungsweisen rund um Partizipation sichtbar geworden. Die konfliktanalytische Perspektive habe dazu beigetragen, „(ungenutzte) organisationale bzw. situationale Handlungsmöglichkeiten ins Bewusstsein zu rücken bzw. darin zu halten“ (S. 183). Der konfliktanalytische Fokus habe es zudem erleichtert, „die Projekterfahrungen hinsichtlich ihrer Vermitteltheit mit den institutionellen Voraussetzungen des Arbeitsbereichs zu vertiefen“ (ebd.). So seien Dilemmata, Paradoxien sowie eigene ungenutzte Möglichkeitsräume freigelegt worden.

Transversale Kollektivierung von Konflikterfahrungen. Zur Arbeit an urbanen und institutionalisierten Konflikten« ist der Titel des Aufsatzes von Thomas Wagner. In ihm analysiert der Autor „die Entstehungsgeschichte einer auf Transversalität basierenden Strategie der Auseinandersetzung mit einem urbanen Konflikt, in dessen Zentrum sowohl die kommunalen Umgangsweisen mit Wohnungslosigkeit stehen als auch die Erfahrungen, im beruflichen Alltag Sozialer Arbeit an institutionalisierte Grenzen zu stoßen“ (S. 187). Wagner nimmt dabei eine konflikttheoretische Perspektive ein, „die sich aus dem Demokratieverständnis Jacques Rancières sowie aus konflikttheoretischen Ansätzen der Gemeinwesenarbeit gewinnen lassen“, erläutert er (ebd.). Er versteht seinen Beitrag als ein Plädoyer für die Kultivierung einer Konfliktdidaktik. „Anstelle Konflikte auszublenden und damit letztlich selbst den eigenen Beitrag zu einer Post-Demokratisierung unhinterfragt zu lassen, gäbe es auch für Sozialarbeiter*innen die Option, aus Konflikten ihres beruflichen Alltags zu lernen“, ist Wagner überzeugt (S. 204). Wie das gelingen könne und warum es so sei, erläutert er im Text.

»Konfliktkonstellationen als gesellschaftliche Verhältnisse begreifen – Welche Theorien und Methoden tragen dazu bei?« ist der Titel des Beitrages der beiden Herausgeberinnen, Ulrike Eichinger & Barbara Schäuble. Sie wollen mit ihrem Text „in demokratisierungs-, emanzipations- und professionalisierungsorientierter Absicht dazu beitragen, Konfliktkonstellationen in der Sozialen Arbeit als gesellschaftliche Verhältnisse und umkämpfte Möglichkeitsräume zu verstehen“ (S. 209). Zwecks dessen eruieren sie sozialpolitische, -theoretischen und psychologische Theorien, die ein „verständigungsorientiertes, gemeinwesenbildendes und subjektorientiertes Ausloten von Konflikten unterstützen“ (ebd.).

Elke Schimpf hat den Aufsatz »Das kritische Potenzial der Konfliktorientierung im Studium der Sozialen Arbeit« verfasst. Darin macht sie deutlich, dass Konflikte auf gesellschaftliche Widersprüche und institutionelle Machtverhältnisse verwiesen und somit zum Gegenstand der kritischen Sozialen Arbeit gehörten. Die Autorin beleuchtet die Frage, wie „Konfliktsituationen, die im beruflichen Alltag von Studierenden der Sozialen Arbeit während ihrer Praxisphasen erlebt werden, bereits im Studium rekonstruiert und bearbeitet werden können“ (S. 235). Sie legt mögliche Begrenzungen und Perspektiven des Handelns der Professionellen durch Konfliktanalysen dar und reflektiert, wie deren Werte für die Soziale Arbeit sichtbar gemacht werden können. Die Rekonstruktion der Konflikterfahrungen von Studierenden in Praxiskontexten Sozialer Arbeit „ermöglichen ein Hinterfragen institutioneller Alltagspraktiken von Sozialarbeiter*innen und Sozialpädagog*innen“ ebenso wie „die Entdeckung alternativer Handlungsspielräume und institutioneller Gestaltungsmöglichkeiten“ schreibt Schimpf (S. 251). Es bedürfe dafür indes „entsprechender Verständigungs- und Zeiträume im Studium“ wie auch verlässlicher Gruppenbezüge, „die ein wechselseitiges Hinterfragen und offene Reflexionsprozesse eröffnen können“ (ebd.). Im Kontext dessen geht die Autorin auch der Frage nach den strukturellen Voraussetzungen und Ressourcen an Hochschulen nach, die erforderlich seien, „um das Potenzial von Konfliktorientierung in der Sozialen Arbeit erschließen zu können“.

Mit Whistleblowing und dessen Wirkung im Hinblick auf Konflikte befasst sich Nivedita Prasad im Text »Whistleblowing – ein Mittel zur Konfliktbearbeitung im Kontext Sozialer Arbeit?«. Die Autorin definiert zunächst, was unter Whistleblowing verstanden wird und erläutert, wie und warum dieses ein Mittel zur ethischen Konfliktlösung in der Praxis Sozialer Arbeit sein könne bzw. als solches diskutiert werde. In ihrem Aufsatz listet sie „Beispiele und Anlässe für ethisch begründete fachliche Entscheidung zum Schutz von Klient*innen, zum eigenen Schutz oder zum Schutz professioneller Werte“ auf (S. 265). Etwaige Risken werden dabei ebenso benannt wie Rahmenbedingungen und Strukturen, die hilfreich oder weniger hilfreich sein können. Da Whistleblower:innen in Deutschland keinen expliziten Schutz durch Gesetze genießen, „könnte es hilfreich sein, beispielsweise in Leitbildern oder Selbstverpflichtungen von Organisationen – als Teil des Qualitätsmanagements – zu verdeutlichen, dass das Äußern ethischer Bedenken nicht nur geduldet wird, sondern explizit gewollt ist“, schreibt Prasad in diesem Kontext (S. 259). Organisationen müssten sich somit zwar potenziell oft mit Kritik auseinandersetzen, der Vorteil dieses Vorgehens sei allerdings, dass die Konfliktbearbeitung dann „intern geschehen würde, also kein Reputationsverlust zu befürchten wäre. Hinzu käme, dass dadurch einem wichtigen Teil der ethischen Verpflichtung der Profession Rechnung getragen würde“, ist die Autorin überzeugt (ebd.).

Der letzte Aufsatz des Sammelbandes, den erneut die beiden Herausgeberinnen verfasst haben, ist überschrieben mit »Grenzerfahrungen beim Veröffentlichen von Konfliktanalysen in der Sozialen Arbeit – rechtliche und politische Möglichkeitsräume«. Die Autorinnen beschreiben darin, welchen Zweck sie mit ihrem Sammelband verfolgt haben. Sie wollten die „Vielstimmigkeit zur Entwicklung und Professionalisierung Sozialer Arbeit durch konfliktorientierte Analysen und Handlungen“ deutlich machen und hätten daher „neben Autor*innen aus der hochschulischen Forschung und Lehre sowie Studierenden auch in beruflicher Praxis Tätige“ eingeladen, erklären sie (S. 262). Das Buch böte „Möglichkeiten des Austauschs über die Grenzen der eigenen Arbeit und eine Option der Transparenz im Hinblick auf die Realitäten der Sozialen Arbeit allgemein“, sind die Autor:innen überzeugt (ebd.).

Diskussion

Was die Formalia anbelangt, ist der Sammelband fachbuchtypisch gestaltet. Die Times-New-Roma-Schrift ist hinreichend groß und gut zu lesen. Im Hinblick auf die Verständlichkeit der Texte ist zu sagen, dass diese – wie so oft in Sammelbänden – sehr unterschiedlich ausfällt. Die meisten Beiträge sind relativ gut zu verstehen, einige der Texte, darunter »Konfliktkonstellationen als gesellschaftliche Verhältnisse begreifen« und »Transversale Kollektivierung von Konflikterfahrungen« sind aber herausfordernd zu lesen und ohne Vorwissen schwer zu verstehen, da sie mit relativ komplizierter Wissenschaftssprache inklusive diverser Schachtelsätzen aufwarten. Dass sich im ganzen Buch kein einziges Schaubild findet, macht das Verständnis gerade dieser Texte nicht leichter. Angenehm und für die Orientierung sehr hilfreich ist allerdings, dass jeder Text im Buch mit einer Zusammenfassung dessen beginnt, was Leser:innen darin erwartet. So kann man schnell die Texte finden, die zu lesen am meisten interessiert. Was die Zielgruppe anbelangt, richtet sich das Buch an Studierende der Sozialen Arbeit, Sozialpädagogik und Sozialwissenschaften, wobei sich ob der konstatierten herausfordernden Verständlichkeit mancher Beiträge wohl am ehesten Studierende höherer Semester angesprochen fühlen dürften. Mit ihnen einige der Text in einem Seminar zur kritischen Sozialen Arbeit zu thematisieren, kann sich der Rezensent gut vorstellen, denn auch für Lehrende an Hochschulen bietet das Buch eine umfassende Informationsgrundlage.

Ferner können Sozialarbeiter:innen aus der Praxis und ggf. auch (angehende) Mediator:innen von der Lektüre profitieren, die sich theoretisch fundiert mit Konflikten befassen möchten. Allerdings ist zu betonen, dass es sich bei dem rezensierten Werk nicht um einen Leitfaden für Konfliktlösungen handelt. Es ist ein wissenschaftliches Fachbuch, in dem sich die Autor:innen analytisch, wissenschaftlich reflexiv mit Fragen der Konfliktentstehungen, mit Konfliktkonstellationen und Konfliktbearbeitung auf individueller und institutioneller Ebene befassen. Wer z.B. im Rahmen einer Weiterbildung in gewaltfreier Kommunikation oder in Mediation Fachliteratur sucht, die ihm/ihr eine konkrete Hilfestellung bei der Konfliktbearbeitung an die Hand gibt, findet am Markt weit praxisnähere Bücher. Wer sich hingegen aus soziologischer und professionstheoretischer Perspektive näher mit Konflikten befassen will, für den/die kann die Lektüre erkenntnisreich sein. Dies auch, weil in den Beiträgen so unterschiedliche Konfliktarten in so unterschiedlichen Settings der Sozialen Arbeit beleuchtet werden. Für die theoretisch-reflexive Auseinandersetzung mit Konflikten, deren Potenziale und Auswirkungen ist das Buch kurzum eine gute Informationsquelle. Die Lektüre kann eine Perspektivenerweiterung dessen bewirken, wie komplex die Betrachtung, Bearbeitung, Lösung und Linderung von Konflikten sein kann, was dabei aufeinander einwirkt und welche gesellschaftlichen und organisationalen Bedingungen dabei zu beachten sind.

Fazit

Die Herausgeber:innen legen ein nicht immer leicht zu lesendes, aber durchweg interessantes Werk vor, welches das Blickfeld der Leser:innen im Hinblick auf die Komplexität von Konfliktentstehungen und -bearbeitungen erweitern kann. Sozialarbeitenden und Sozialwissenschaftler:innen, die sich dafür interessieren, kann die Lektüre empfohlen werden. Für die Bearbeitung und Besprechung in Seminaren an Hochschulen ist das Buch ebenfalls geeignet.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Systemischer Berater (DGSF), Case Manager im Sozialwesen (DGCC), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit und Integrationsmanagement an der Hochschule der Wirtschaft für Management (HdWM) in Mannheim.
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Zitiervorschlag
Christian Philipp Nixdorf. Rezension vom 31.08.2022 zu: Ulrike Eichinger, Barbara Schäuble (Hrsg.): Konfliktanalysen. Element einer kritischen Sozialen Arbeit : Ein Studienbuch. Springer (Berlin) 2022. ISBN 978-3-658-35856-3. Reihe: Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit - 32. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29487.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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