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Peter V. Zima: Diskurs und Macht

Rezensiert von Dr. Alexander Brandenburg, 22.11.2022

Cover Peter V. Zima: Diskurs und Macht ISBN 978-3-8252-5830-6

Peter V. Zima: Diskurs und Macht. Einführung in die herrschaftskritische Erzähltheorie. UTB (Stuttgart) 2022. 314 Seiten. ISBN 978-3-8252-5830-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 26,90 sFr.

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Thema

In der Corona-Zeit konnten wir erleben, wie Herrschaftsmächte den gesamten Diskurs im Lande bestimmt haben. Medien, Politik, Gewerkschaften, Verbände, Organisationen im Gesundheitswesen, Wirtschaft etc.- alles, was nur Hände und Füße besaß- hatte eine gemeinsame Meinung zur Sache und vertrat sie aggressiv und kompromisslos. Das war kein Zufall, sondern Ausdruck einer Planung und Strategie, die in den Hinterzimmern von Macht -und Interessengruppen erarbeitet worden war und fachgerecht umgesetzt wurde. Wer eine andere Meinung hatte und zum Beispiel nicht zur Impfung ging, wurde ins Abseits gestellt und nach Kräften auch von seinen Mitbürgern bis hin zu den Familien-Angehörigen diskriminiert. Heute tut man so, als hätte es diese Machtdemonstration der Herrschaftseliten und die Folgsamkeit der Bürgerschaft in Deutschland nie gegeben. Die herrschaftskritische Erzählung blieb auf den Raum einer informierten Kleingruppe beschränkt und konnte deshalb nicht vermittelt werden, weil die Positionen der Macht besetzt und der Diskurs eben von den Schaltstellen der Macht bestimmt wurde. Der Weg in die Öffentlichkeit war verriegelt. Auf Dauer jedoch war die Bildung einer herrschaftskritischen Haltung und Bildung einer Gegenöffentlichkeit nicht zu verhindern. Es gibt noch eine kritische Masse in der Gesellschaft, die sich eine Bevormundung verbietet und noch weiß, was im Nürnberger Kodex geschrieben steht. Eine herrschaftskritische „Erzähltheorie“ gegen den Corona-Diskurs der Macht findet zunehmend Zustimmung.

Autor

Peter V. Sima ist emeritierter Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Das Literaturverzeichnis nennt fünf weitere Veröffentlichungen, die durchaus auch lesenswert zu sein scheinen. Wie wichtig und befruchtend der Blick in die klassische Literatur auch im Kontext der Erhellung des Themas „Diskurs und Macht“ sein kann, macht uns Peter V. Sima deutlich.

Aufbau und Inhalt

Erster Teil: Theorie

Im ersten Teil des Buches geht es um die Darstellung der wichtigsten Diskurstheorien, in denen die Verbindung von Sprache und Macht analysiert wird.

Wir listen zur Orientierung die 4 Kapitel – Überschriften des ersten Theorie-Teiles auf:

  • Wie man gedacht wird: Von Michel Foucault zu Louis Althusser und Michel Pêcheux (I)
  • Machtausübung und Ermächtigung durch Sprache: Pierre Bourdieus „autorisierte Sprache“ und und Jan Blomaerts „voice“ (II)
  • „Critical Discourse Analysis“: Norman Faircloughs linguistische Perspektive (III)
  • Von der Strukturalen Semiotik zur Textsoziologie: Diskurs und Macht (IV)

Bei Foucault, dessen Werk wie kein anderes in der Diskursforschung rezipiert wurde, wird man wider Erwarten nicht fündig, wenn man nach einer brauchbaren und präzisen Definition des Begriffes Diskurs sucht. Er verzichtet auf eine positive Begriffsbestimmung und spricht einfach von einem Diskurs als „Ensemble von Aussagen“. Ausgangspunkt seines Denkansatzes besteht darin, die allgemeine Ansicht infrage zu stellen, dass der Mensch selbst es ist, der autonom denkt, redet und handelt. In Wirklichkeit werden die Menschen von opportunen Wissens- und Sprachregelungen gesteuert. Das Leben der Menschen ist von der Macht vereinnahmt. Unser Wissen, Sprechen und Handeln ist weder spontan, noch frei. Erkenntnisse und ihre sprachlichen Ausdrucksformen sind keine freischwebenden Produkte. Foucault analysiert die Instanzen und Disziplinarmächte, die Formen der Überwachung und die Biopolitik, denen die Menschen unterworfen sind. Dabei wertet er zugleich Europas Erfahrungen mit Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus aus. Wahrheit ist stark partikularisiert und hängt ganz konkret von der in einem Lande herrschenden Machtausübung ab. Ungeklärt bleibt die Frage, wie es dennoch immer wieder zu Widerstand gegen die Macht der Herrschenden gekommen ist und kommt. Die Kluft zwischen Determiniertheit durch ein Wissensregime und Diskursformen auf der einen Seite und der grundsätzlichen Freiheit des Individuums auf der anderen bleibt bei Foucault ein Rätsel, eine Leerstelle in seinem Denken.

In der weiteren Analyse wird sichtbar, dass der Unterwerfung der Menschen durch Diskurse und Ideologien durchaus Grenzen gesetzt sind und sie sehr wohl als autonome Subjekte agieren können. Es gibt einen Spielraum in jedem herrschenden System der Macht. Der Mensch ist prinzipiell in der Lage, das System, von dem er manipuliert und gesteuert wird, kritisch zu sehen und ihm durch Reflexion die Spitze zu nehmen (Rüdiger Bubner). Aber man darf nicht übersehen: Es gibt ein Syndrom aus Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, das für die Unterwerfung des Menschen neue Machtdispositive vorantreibt, die die Menschen endgültig von einem Zweck zu einem Mittel degradieren sollen. Diese inhumane und freiheitsfeindliche Verwandlung der Gesellschaften und der Staaten ist nicht mehr ein Privileg totalitärer Staaten, sondern schließt auch die freiheitlich- demokratische Welt mit ein. Immer mehr Bürger sehen darin einfach eine ganz normale Entwicklung.

Zweiter Teil: Praxis

Im zweiten Teil des Buches geht es darum, die Erkenntnisse aus den theoretischen Kapiteln für die Analyse konkreter Diskurse und ihrer Machtverhältnisse zu nutzen.

Wir listen zur Orientierung die 4 Kapitel-Überschriften des zweiten -Praxis-Teiles auf:

  • Wer erzählt wen? Ideologie, Stigma und narrative Vereinnahmung des Subjektes bei Luigi Pirandelo und Erving Goffman (V.)
  • Die Vereinnahmung des Subjekts durch die Diskurse der Justiz: Von Albert Camus‘ „Der Fremde“ zu Artur Londons „Ich gestehe“ (VI.)
  • Diskurse der Präsidenten Barack Obama, Donald Trump und Joe Biden: Modalitäten Helfer und Aktantenmodelle (VII.)
  • Der Machtfaktor in sozialwissenschaftlichen Diskussionen. Wer erzählt wen? (VIII.)

Den Ausführungen über den „Machtfaktor in sozialwissenschaftlichen Diskussionen“ zufolge werden Wissenschaften und Universitäten immer stärker eingeschränkt und den Interessen der Herrschaftsmächte angepasst. Die Freiheit der Wissenschaften scheint es nie gegeben zu haben, wenn man liest, dass die Auswahl des lehrenden Personals bis hin zu den Professoren von der Beantwortung der Frage nach der Einwerbung von Drittmitteln beantwortet wird. Wichtiger jedoch – und darauf macht unser Autor uns am Beispiel des „Positivismusstreit“ und der „Habermas-Luhmann-Debatte“ aufmerksam – ist die Abschaffung der offenen Diskussionen und der unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen und Meinungen. Die Möglichkeit, die Schwachstellen und Stärken von Theorien auf den Prüfstand zu stellen und zu neuer Theoriebildung und zu Korrekturen beizutragen, wird vergeben. Diese Entwicklung, die auf Machtausdehnung und nicht auf Erkenntnisgewinn zielt, bedeutet langfristig den Tod jeder wissenschaftlichen Einrichtung.

Diskussion

Die Zeit des Individuums mit seinem Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung als Modell und Wegweiser des vernünftigen Lebens ist wohl endgültig abgelöst von einer durch unkontrolliert agierende Kräfte der Macht auf allen Ebenen durchgesetzten Fremdbestimmung. Der Einzelne wird in ein Korsett der Mächtigen gelegt und braucht ihnen nur für ein „gelungenes Leben“ folgsam zu sein. Die dabei angewandten omnipräsenten „Erzählungen“ sind leider nicht so harmlos, wie sie klingen, und haben ein Potenzial des Schreckens, insofern jeder Andersdenkende – geschweige Handelnde – in vielen Fällen damit rechnen muss, stigmatisiert und verfolgt zu werden. Und das ist keine Situationsbeschreibung aus einer anderen Welt.

Fazit

Es lohnt sich, sich mit diesem Buch von Peter V. Zima zu beschäftigen. Es ist ein Buch der Anregungen und gedanklichen Überraschungen. Natürlich gibt es bei einer solchen fachlichen Thematik Probleme des Verständnisses. Auch gibt es eine Vielzahl von fachlichen Ausdrücken, die mindestens gute Latein – und Kenntnisse des Griechischen oder doch ein Nachschlagewerk im Bücherschrank voraussetzen. Dennoch empfehle ich uneingeschränkt eine Lektüre von „Diskurs und Macht“, weil hier Einiges gelernt werden kann.

Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Es gibt 94 Rezensionen von Alexander Brandenburg.

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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 22.11.2022 zu: Peter V. Zima: Diskurs und Macht. Einführung in die herrschaftskritische Erzähltheorie. UTB (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-8252-5830-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29491.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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