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Reinhold Feldmann, Erwin Graf (Hrsg.): Praxishandbuch FASD in der Jugendhilfe

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 23.08.2022

Cover Reinhold Feldmann, Erwin Graf (Hrsg.): Praxishandbuch FASD in der Jugendhilfe ISBN 978-3-497-03105-4

Reinhold Feldmann, Erwin Graf (Hrsg.): Praxishandbuch FASD in der Jugendhilfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2022. 189 Seiten. ISBN 978-3-497-03105-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Anhand zentraler Fragen z.B. zum Hilfebedarf von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit der Diagnose Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD), zu Unterstützungsangeboten von (Pflege-) Familien von Kindern mit FASD, zu Kenntnissen, die Fachkräfte in Einrichtungen mitbringen müssen, um Menschen mit FASD gut betreuen zu können will das Buch Orientierung geben. Deutlich wird, dass es viele Fragen und keine einfachen Antworten gibt. Das Spektrum der Beeinträchtigung ist sehr unterschiedlich und häufig mit Begleiterscheinungen (Komorbiditäten) verbunden.

Das Buch richtet sich an Fachkräfte in der Jugendhilfe, es will einen ersten Überblick, wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit FASD sowie ihre Familien gut begleitet werden können geben. Anhand von Best-Practice-Beispielen wird gezeigt, welche konzeptionellen, pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen besonders hilfreich sind, dabei wird auch die sozialrechtliche Seite angesprochen.

Autoren

Dr. rer. med. Dipl.-Psych. Reinhold Feldmann ist Psychologischer Psychotherapeut, er arbeitet in der FASD-Ambulanz in Walstedde. Dipl.-Psych. Erwin Graf ist Kinder und Jugendlichen-Psychotherapeut, er arbeitet an der Erziehungs- und Lebensberatungsstelle in Neustadt an der Aisch.

Entstehungshintergrund

Das Buch besteht aus Beiträgen (nach alphabetischer Reihenfolge) von Peter Anders, Monika Biener, Gisela Bolbecher, Reinhold Feldmann, Melissa Franke, Erwin Graf, Jana Hubelitz, Martina Kampe, Christoph Lutter, Sigrid Mosé, Jasmin Rüffer, Dagmar Sudhoff, Klaus ter Horst und Anneke Yamini

Aufbau und Inhalt

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Das Buch im Umfang von 189 Seiten ist im DIN A 5 Softcover Format erschienen, es gliedert sich in 12 Kapitel mit Beiträgen verschiedener Autor:innen. Diese sind durch Abschnittsüberschriften gegliedert. Am oberen linken Seitenrand ist die jeweilige Kapitelüberschrift abgedruckt, am oberen rechten Rand der Titel des jeweiligen Abschnitts. Textboxen mit Definitionen oder bedeutsamen Aussagen (Kennzeichen „!“) sind grau hinterlegt und heben sich dadurch vom Fließtext ab. Jeder Beitrag enthält ein eigenes Literaturverzeichnis. Am Ende des Buches findet sich ein Sachregister sowie Steckbriefe zu den Autorinnen und Autoren.

  • Geschichte und Diagnostik (ab S. 11)
  • Praxiserfahrungen und Konzepte für die Begleitung von Pflegefamilien (ab S. 40)
  • FASD in der stationären Jugendhilfe (ab S. 75)
  • Eingliederungshilfe und Sozialrecht (ab S. 112)
  • Therapieformen (S. 151).

Die Einführung, geschrieben von beiden Autoren, Reinhold Feldmann und Erwin Graf, beginnt im ersten Abschnitt mit der Geschichte und Diagnostik, insbesondere im Kapitel eins mit der Perspektive der historischen Entwicklung und des aktuellen Stands (Reinhold Feldmann). Daran schließen sich frühe Betrachtungen zur vorgeburtlichen Alkoholschädigung von Kindern, neuere Studien und der aktuelle Forschungsstand an.

Im zweiten Kapitel nimmt Reinhold Feldmann die Diagnostik der vorgeburtlichen Alkoholschädigung bei Kindern und Jugendlichen in den Fokus. Er gibt einen Überblick und beschreibt die Entwicklungs- und Verhaltensstörungen. Oft sind Diagnosen unzureichend und deshalb schließt das Kapitel mit der Bedeutung der Diagnosestellung.

Der Abschnitt Praxiserfahrungen und Konzepte für die Begleitung von Pflegefamilien beinhaltet drei Kapitel: Gisela Bolbecher und Jasmin Rüffer berichten von dem Aufbau einer regionalen FASD-Beratung (Kapitel 3), den Elementen des Netzwerks, Beratungsthemen, die Zielgruppen, die Ziele der Fachberatung sowie die Förderangebote des Netzwerks für Kinder und Jugendliche mit FASD. Dieses Kapitel schließt mit einem Interview aus der Arbeit der Beratungsstelle.

Im Mittelpunkt des Beitrags von Sigrid Mosé (Kapitel 4) steht die Konzeption für eine FASD-qualifizierte Arbeit im Pflegekinderfachdienst. Sie benennt Chancen und Grenzen in der Betreuung von Pflegefamilien, strukturelle Erfordernisse für eine FASD-gerechte Arbeit des Fachdienstes, die Grundlagen einer kompetenten Begleitung der Pflegefamilien mit FASD-Kindern, die Vermittlung einer FASD-spezifischen Pädagogik und der Einsatz von alltagsstrukturellen Hilfen für Kinder mit FASD. Reflektiert werden auch Chancen und Grenzen von Therapien und die Ermöglichung von Psychoedukation.

Von einem Coaching-Projekt für Pflegefamilien (Kap. 5) berichten Erwin Graf & Martina Kampe. Vorgestellt wird die Institution der Erziehungsberatungsstelle, mit dem Schwerpunkt der Erziehungsberatung für Pflegeeltern zum Thema FASD. Der rote Faden besteht aus Fragen wie z.B. was Familien mit FASD-betroffenen Kindern bewegt, welche Tipps für den Alltag hilfreich sind und was bleibt.

Zum Abschnitt FASD in der stationären Jugendhilfe gehören zwei Beiträge. Zum einen ein Beitrag von Klaus ter Horst zum fetalen Alkoholsyndrom (FAS) in der stationären Kinder- und Jugendhilfe (Kap. 6) und zum anderen ein Beitrag von Melissa Franke zu Intensivgruppen – stationären Wohn- und Betreuungskonzepten für FASD-Betroffene (Kap.7). Ter Horst berichtet über die Jugendhilfe und FAS, die Aufnahme von Kindern mit FAS in der stationären Jugendhilfe und die Unterschiede von Kinder mit FAS zu anderen Kindern in der stationären Jugendhilfe. Hervorgehoben wird, wie wichtig Qualifizierungsmaßnahmen für stationäre Jugendhilfeeinrichtungen sind. Melissa Frankes Beitrag stellt nach einer ausführlichen Einführung, Konzepte vor, beschreibt die Koordination der Aufnahme und des Einzug sowie den Alltag in diesen Gruppenkonstellationen.

Im Abschnitt Eingliederungshilfe und Sozialrecht wird von Dagmar Sudhoff ein Schlaglicht (in Kap 8) auf die fetale Alkoholspektrumstörung im Erwachsenenalter geworfen. Auf diese Beschreibung des Hintergrunds der Eingliederungshilfe für erwachsene Personen folgen Erklärungsmodelle für die alltäglichen Probleme der betroffenen Erwachsenen und deren Unterstützungsbedarf,vorgestellt werden praxiserprobte Methoden für die Lebensbegleitung der Betroffenen und es wird von einer begleiteten Selbsthilfegruppe und der entsprechenden Psychoedukation berichtet.

Hilfen aus dem Sozialsystem sind Gegenstand des Beitrags von Peter Anders, Christoph Lutter, Reinhold Feldmanns (Kap. 9). Neben einer fachlichen Einordnung und dem Benennen verschiedener Leistungen aus den Sozialgesetzbüchern wie die Beantragung Pflegegrad – Sozialgesetzbuch XI, gesetzliche Krankenversicherung – Sozialgesetzbuch V und dem Schwerbehindertenausweis im Sozialgesetzbuch IX. Eingegangen wird zudem auf die Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII und die Opferentschädigung. Der Beitrag schließt mit der gesetzlichen Betreuung (gem. Bürgerlichem Gesetzbuch §§ 1896 ff.).

Der Abschnitt Therapieformen enthält drei Kapitel. Jana Hubelitzs Beitragthematisiert die Psychoedukation bei Kindern und Jugendlichen mit FASD im Rahmen der stationären Jugendhilfe (Kap. 10) insbesondere mit Interventionen bei FASD, sie empfiehlt, einen Blick über die Landesgrenze zu werfen. Neben der Definition von Psychoedukation werden Wirkmechanismen, deren Möglichkeiten und Grenzen im Allgemeinen und dem aktuellen Stand der FASD-Psychoedukation in Deutschland sowie der Psychoedukation im FASD-Kontext mit Implikationen für die Zukunft erarbeitet.

Der Beitrag in Kapitel 11 von Monika Biener trägt den Titel „Sattelfest durchs Leben“: Therapieansätze für FASD-Betroffene. Inhalt sind Sinn und Zweck von therapeutischen Angeboten bei FASD, die Autorin gibt einen Überblick, welche therapeutischen Angebote es gibt, vertiefend nennt sie die Reittherapie, deren Wirkung bei Kindern und Jugendlichen mit FASD sowie Möglichkeiten und Grenzen der Reittherapie.

Der letzte Beitrag, verfasst von Reinhold Feldmann & Anneke Yamini beleuchtet die medikamentöse Behandlung (Stimulanzien, Sedativa, Neuroleptika und Antidepressiva). Besprochen werden auch Medikamente bei Schlafstörungen und Medikamente zur Empfängnisverhütung.

Diskussion

FASD, bezeichnet die Fetale Alkoholspektrumstörung. Geschätzt sind in Deutschland ca. 2 von 100 Menschen betroffen. Durch Alkohol in der Schwangerschaft wird das Gehirn des Embryos geschädigt, mit der Folge gravierender psychischer Behinderungen, die jedoch häufig nicht sichtbar sind. Betroffene erleben nicht selten, dass Erwartungen der Umwelt nicht zu den eigenen Fähigkeiten passen.

Die verschiedenen Beiträge von 12 Autorinnen und Autoren geben einen Überblick über praxiserprobte Konzepte im Zusammenhang mit FASD. Das Buch gliedert sich in vier große Abschnitte, mit Ausführungen von der Geschichte und der Diagnostik über Praxiserfahrungen und Konzepten für die Begleitung von Pflegefamilien sowie Konzepten in der stationären Jugendhilfe. Daneben wird auch die rechtliche Situation in der Eingliederungshilfe und im Sozialrecht thematisiert.

Am Ende des Buches findet sich eine Tabelle über bekannte therapeutische Angebote zur Erhöhung der Lebensqualität wie Frühförderung, sensorische Integration oder Logopädie, besonderes Augenmerk wird auf die Reittherapie und deren Wirkung bei Kindern und Jugendlichen mit FASD gelegt.

Das Buch schließt mit Hinweisen zur medikamentösen Behandlung (Stimulanzien, Sedativa, Neuroleptika und Antidepressiva), auch werden Medikamente bei Schlafstörungen und Medikamente zur Empfängnisverhütung besprochen. Der Einsatz der Medikamente dient nicht primär der Ruhigstellung, sondern der Ermöglichung sozialer Teilhabe.

Positiv ist die Zusammenstellung der 12 Artikel, sie zeigen die vielen verschiedenen Facetten des Themas FASD, rein rechnerisch entfallen auf jeden Artikel knapp 15 Seiten, für dieses komplexe Thema zu wenig. Hilfreich ist das Sachwortverzeichnis, es erlaubt gezielt nach Stichworten zu suchen. Allerdings finden sich zum Beispiel unter dem Stichwort ICF nur zwei Hinweise mit jeweils zwei kurzen Textstellen mit beschreibendem Charakter, wer vertiefende Informationen erwartet, wird enttäuscht werden.

Im Reinhardt Verlag sind kindgerechte Bilderbücher zum Thema erschienen wie z.B. „FAS(D) perfekt!“. Solche Bücher sind wichtig, sie zeigen den betroffenen Kindern, dass sie nicht alleine sind, das entlastet.

Das Buch richtet sich an Fachkräfte in der Jugendhilfe, es gibt einen ersten Überblick, wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit FASD sowie ihre Familien gut begleitet werden können. Best-Practice-Beispielen zeigen, welche konzeptionellen, pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen besonders hilfreich sind, dabei wird auch die sozialrechtliche Seite angesprochen.

Fazit

Anhand zentraler Fragen z.B. zum Hilfebedarf von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit der Diagnose Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD), zu Unterstützungsangeboten von (Pflege-)Familien von Kindern mit FASD, zu Kenntnissen, die Fachkräfte in Einrichtungen mitbringen müssen, um Menschen mit FASD gut betreuen zu können will das Buch Orientierung geben. Deutlich wird, dass es viele Fragen und keine einfachen Antworten gibt. Das Spektrum der Beeinträchtigung ist sehr unterschiedlich und häufig mit Begleiterscheinungen (Komorbiditäten) verbunden.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 23.08.2022 zu: Reinhold Feldmann, Erwin Graf (Hrsg.): Praxishandbuch FASD in der Jugendhilfe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2022. ISBN 978-3-497-03105-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29493.php, Datum des Zugriffs 28.09.2022.


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