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Elisabeth Schramm, Nicola Thiel u.a.: Interpersonelle Psychotherapie in der Gruppe

Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 24.06.2022

Cover Elisabeth Schramm, Nicola Thiel u.a.: Interpersonelle Psychotherapie in der Gruppe ISBN 978-3-608-40140-0

Elisabeth Schramm, Nicola Thiel, Nadine Zehender: Interpersonelle Psychotherapie in der Gruppe. Das Therapiemanual. Schattauer (Stuttgart) 2022. 2., ergänzte und aktualisierte Auflage. 152 Seiten. ISBN 978-3-608-40140-0. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Die Interpersonelle Therapie wurde in den 40erJahren von der Washington School of Psychiatry um Harry Stack Sullivan entwickelt; es handelt sich um eine sozialpsychologisch erweiterte Lesart der Psychoanalyse. Wichtige Akteurinnen waren Frieda Fromm Reichmann, Erich Fromm, Harold Searles, Clara Thomson und zeitweise auch Karen Horney. Hanna Greens berühmter Roman „I never promised You a Rose Garden“ von 1964 gibt einen hervorragenden Einblick in die damalige Behandlungspraxis. Inzwischen hat sich die Interpersonelle Theorie an der Verhaltenstherapie abgearbeitet und ist bei einer manualisierten Praxis vorwiegend der Depressionsbehandlung angekommen, wie sie von dem vorliegenden Buch repräsentiert wird. In der knappst möglichen Zeit wird eine evidenzbasierte Praxis zur Behandlung Depressiver beschreiben, sowohl stationär wie ambulant, in kleinen Gruppen: drei Einzelvorgespräche, drei psychoedukative Gruppensitzungen, zwölf eigentliche Therapiesitzungen in drei Modulen – es wird ein in Ergebnis erreicht, das sich in RCT Studien der psychiatrischen Standardbehandlung als überlegen erweist.

AutorInnen

Elisabeth Schramm, Prof. Dr. phil, Dipl.-Psych ist Verhaltens- und interpersonelle Therapeutin, leitende Psychologin und Forschungsgruppenleiterin (Sektion Psychotherapie in der Psychiatrie) an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Freiburg im Breisgau; sie gilt als internationale Depressionsexpertin und hatte mehrere Gastprofessuren in den USA.

Nicola Thiel und Nadine Zehender sind klinische Psychologinnen und Psychotherapeutinnen (VT, IP) an der Freiburger Universitätsklinik und Mitarbeiterinnen in der Forschungsgruppe von Frau Prof. Schramm.

Aufbau und Inhalt

Dieses Manual beschreibt auf 83 Seiten ein interpersonelles Gruppenbehandlungskonzept für depressive Patienten, die in einer akuten Krankheitsphase stationär oder ambulant mit der Behandlung beginnen. Die Behandlung enthält insgesamt 18 Behandlungsstunden, die sich in drei vorgeschaltete Einzelsitzungen, drei psychoedukative Gruppensitzungen: Interpersoneller Kontext der Depression, Beziehungsanalyse sowie Behandlungsvertrag gliedern.

Die darauf folgenden Gruppensitzungen enthalten die Themen: Symptomatik und Verlauf einer Depression, Symptommanagement bei einer Depression und Ursachen und aufrechterhaltende Faktoren einer Depression. Zu jeder Sitzung werden Lernziele definiert, Arbeitsmaterialien ausgeteilt und der Inhalt wird in interpersonellen Rollenspielen geübt. Die Arbeitsmaterialien liegen in 28 Handouts vor; sie sind im Manual abgedruckt und können auch als digitale Zusatzmaterialien heruntergeladen werden.

Die eigentlichen interpersonellen (IPT) Gruppensitzungen sind in drei Module aufgeteilt und enthalten die Themen:

Modul I: Interpersonelle Grundfertigkeiten

  • Sitzung 1: Auswirkungen depressiver Kommunikation,
  • Sitzung 2: Beziehungsöffner und Barrieren

Modul II: Zwischenmenschliche Konflikte

  • Sitzung 1: Konfliktanalyse,
  • Sitzung 2: Kommunikationsstrategien,
  • Sitzung 3: Umgang mit Gefühlen bei Konflikten

Modul III: Rollenwechsel

  • Sitzung 1: Analyse des Rollenwechsels,
  • Sitzung 2: Abschied von der alten Rolle,
  • Sitzung 3: Fertigkeiten und Unterstützung,
  • Sitzung 4 ist optional und enthält das Thema: Selbstwertgefühl stärken

Modul IV: Arbeitsstress umfasst die Sitzungen

  • Risikoprofil für Burnout-Erleben,
  • Sitzung 2: Kommunikation am Arbeitsplatz,
  • Sitzung 3 (wieder optional) Werte am Arbeitsplatz.

Das Pensum lässt sich also auch in 10 Sitzungen verdichtet abarbeiten.

Eine Querschnittsaufgabe ist die Abschiedsphase in der IPT, die etwa auch der Rückfallprognose gewidmet werden kann.

Die 28 Handouts liefern recht probate Informationen zu den bearbeiteten Themen und auch darüber hinaus; beispielsweise befasst sich das Handout 2 in einem Unterpunkt mit der Frage: Wann droht Suizidgefahr.

Diskussion

Das IPT-Manual ähnelt dem Seminarplan eines Psychologie-Leistungskurses: Die Themen werden direktiv und konkret behandelt; die Teilnehmer*innen haben aber auch Gelegenheit, sich mit Meinungen und Beiträgen zu Rollenspielen einzubringen.

Zeit zu vertrödeln gibt es nicht, schließlich bezahlt die Krankenkasse in der Fallpauschale depressive Akutbehandlung nur X Tage. Wird die „Liegezeit“ überschritten, droht Defizit in der Kasse, oder aber der Gewinn des Trägers wird beeinträchtigt.

Mag sein, dass das Manual auch dem Mainstream der empirischen Psychologie entspricht; wenn in RCT-Studien die Überlegenheit einer Behandlung gegenüber einer anderen gängigen Behandlungsform nachgewiesen werden kann (Wirksamkeitsnachweise werden auf S. 21 diskutiert), dann ist ein klinischer Zusatznutzen erwiesen, der es erlaubt das neue Verfahren vorrangig einzusetzen, selbst wenn es mehr kostet als die bisherige Regelbehandlung.

Verfahren, die diesen Nutzen belegen können, werden als evidenzbasiert in die Behandlungs-Leitlinien der jeweiligen Fachgesellschaften aufgenommen und so zum klinischen Standard. So wird die Psychotherapie ohne jede Androhung von Repression wie in totalitären Staaten einer neoliberalen Wettbewerbsordnung unterworfen. In den USA ist das bereits perfekt gelungen: Aufwändige und langwierige Psychotherapieverfahren sind nur noch für Selbstzahler verfügbar. Wer mit dem evidenzbasierten Standard unzufrieden ist, kann ja jederzeit zu einem Privatanbieter seiner Wahl ausweichen. Leider gibt es aber auch hier Risiken. Die Klinik Chestnut Lodge, die Wirkungsstätte Fried Fromm-Reichmanns in Rockville (Maryland) musste schließen: Ein Zahnarzt, dem angeblich eine leitniniengerechte Behandlung mit antidepressiver Medikation vorenthalten worden war, hatte erfolgreich auf millionenschweren Schadensersatz geklagt. So bekommt „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“ eine völlig neue Bedeutung.

Das Therapiemanual „Interpersonelle Psychotherapie“ in der Gruppe von Schramm/​Thiel und Zehender entspricht dem State of the Art in der modernen Psychotherapieforschung. Mehrere Studien belegen die Überlegenheit dieser Behandlung gegenüber „treatment as usual“ und gegenüber einer zufällig ausgesuchten Wartekontrollgruppe. Besonders nachhaltig erscheint die Überlegenheit dieses Behandlungsansatzes, wenn die behandelnden Psychiater nicht mehr flüssig mit ihren Patienten sprechen können, weil sie deren Sprache nicht sprechen, was zunehmend in Ostdeutschland aber auch in der Schweiz vorkommt.

Es wäre unfaire nicht anzuerkennen, dass das Manual auch etwas wesentliches leistet, war auch von mehr psychodynamischen oder existenziellen Verfahren oft verfehlt wird: Es ist möglich Patienten zu helfen, die für eine kurze Zeit auf der psychiatrischen Akutstation auftauchen, und auch Selbsthilfegruppen oder von Bürgerhelfern angeleitete Projekte können mit diesem Manual eine Unterstützung leisten die spezifische Fähigkeiten fördern wie sie bei der Überwindung depressiver Probleme von Nutzen sind.

Fazit

Das Therapiemanual bietet eine gute Einführung in die interpersonelle Gruppentherapie. Mit einer entsprechenden Vorbildung kann es auch von Pias und von Angehörigen des psychiatrischen Pflegepersonals manualgerecht umgesetzt werden.

Literatur

Fromm-Reichmann, Frieda (1959): Intensive Psychotherapie. Grundzüge und Technik

Green, Hanna (1964):I never promised You a Rose Garden, Holt: New York

Green, Hanna (1973): Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen. Bericht einer Heilung. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jürgen und Elisabeth Hilke und Ekkehard und Ursula Pohlmann. Radius: Stuttgart 

Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
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Es gibt 18 Rezensionen von Ulrich Kießling.

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Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 24.06.2022 zu: Elisabeth Schramm, Nicola Thiel, Nadine Zehender: Interpersonelle Psychotherapie in der Gruppe. Das Therapiemanual. Schattauer (Stuttgart) 2022. 2., ergänzte und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-608-40140-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29498.php, Datum des Zugriffs 03.07.2022.


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