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Dagmar Domenig (Hrsg.): Transkulturelle und transkategoriale Kompetenz

Rezensiert von Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt, 02.12.2022

Cover Dagmar Domenig (Hrsg.): Transkulturelle und transkategoriale Kompetenz ISBN 978-3-456-85753-4

Dagmar Domenig (Hrsg.): Transkulturelle und transkategoriale Kompetenz. Lehrbuch zum Umgang mit Vielfalt, Verschiedenheit und Diversity für Pflege-, Sozial- und Gesundheitsberufe. Hogrefe AG (Bern) 2021. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 748 Seiten. ISBN 978-3-456-85753-4. D: 52,95 EUR, A: 54,50 EUR, CH: 69,00 sFr.

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Thema

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HerausgeberIn

Dagmar Domenig ist Juristin, Sozialanthropologin und Pflegefachfrau. Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sie sich mit Themen von Migration und Gesundheit und entwickelte hier maßgebliche theoriebasierte Konzepte. Seit 2011 ist Dagmar Domenig Direktorin der Stiftung Arkadis für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in Olten im Kanton Solothurn.

Entstehungshintergrund

Das Buch wird angekündigt als dritte Auflage des 2007 erschienenen Lehrbuchs „Transkulturelle Kompetenz“. Es stellt jedoch nicht nur eine Erweiterung und Überarbeitung dar, vielmehr wird der Blick auf Vielfalt und die Bedarfe der Sozial- und Pflegeberufe eröffnet, breit theoretisch fundiert und mit Praxisbeispielen gefüllt.

Aufbau und Inhalt

Das umfängliche und schwergewichtige Werk ist in sieben Großkapitel gegliedert. Jedes wird von der Herausgeberin Dagmar Domenig mit einemhinführenden oder theoretischen Teil eingeleitet. Für die Unterkapitel konnte sie 27 ausgewiesene ExpertInnen gewinnen. Deren Texte beginnen jeweils mit einem das Thema eröffnenden und ausbreitenden Teil und enden mit einer konsistenten Zusammenfassung. Das erste Kapitel widmet sich pluralistischen gesellschaftlichen Dynamiken und blickt auf die Megatrends Pluralisierung aus demographischer Sicht, Migration und Mobilität, ebenso wie Ein- und Auswanderung als Menschenrecht. Im zweiten großen Absatz finden sich unter dem Titel „Flüchtige Kategorien“ theoretische Zugänge zum Begriff der Kultur ebenso wie Diskurse zu Behinderung und Religion. Daran schließt sich der dritte Teil mit dem Schwerpunkt auf Ausgrenzungen an, der Stigmatisierung sowie Grund- und Menschenrechte fokussiert. Der Bedeutung transkategorialer Kompetenz gehen die Beiträge wie z.B. zur Mädchenbeschneidung, Traumatisierung und dem Alter im vierten Teil nach. Im Mittelpunkt des fünften Teils steht die Gesundheitsversorgung in komplexen Kontexten, wobei damit insbesondere solche der Migration und Behinderung betrachtet werden. Das sechste Kapitel nimmt sich dem Thema Kommunikation an und stellt dies in der Breite von Dolmetschen über unterstützte Kommunikation bis zu theoretischen Zugängen von Körper und Leib dar. Der letzte, siebte Teil ist mit dem Anliegen transkategoriale Kompetenz zu vermitteln sowohl methodisch als auch praxisorientiert ausgerichtet.

Inhaltlich sollen im Folgenden zwei Unterkapitel genauer betrachtet werden. Dabei handelt es sich um das aus dem zweiten Teil, in dem sich Dagmar Domenig den verschiedenen Kulturbegriffen annimmt, sie ordnet und historisch und politisch einbettet und um das Überblickskapitel zur Kommunikation von Charlotte und Michael Uzarewicz.

Dagmar Domenig stellt zunächst den essenzialistischen Kulturbegriff nach Edward Tylor vor. Dabei verweist sie deutlich auf dessen Funktion der Abgrenzung zwischen Natur- und Kulturvölkern, Primitivität und Zivilisation. Sie unterstreicht dabei die Funktionalität des evolutionistischen Begriffs, der davon ausgeht, dass an den als einfach bezeichneten Ethnien zu sehen sei, wie die zivilisierten und entwickelten in einer als in einem undefinierten „früher“ gelebt hätten. Ergänzend zu dem Fließtext sind zeitgenössische Artikel in Kästen dazugestellt, so der einer Vorlesung des Amazonasforschers Theodor Koch-Grünberg aus dem Jahr 1914. Zudem werden Begriffe in knapper Form nochmals – graphisch hervorgehoben- in ihrer Bedeutung erläutert und selbstreflexive Übungen angeboten. Dieser Kulturtheorie Tylors folgt die der Assimilation und des Multikulturalismus des beginnenden 20. Jahrhunderts. Hier stellt die Autorin die Unterschiede dieser Theorien dar und unterstreicht, dass bei der Assimilation die Angleichung verschiedener Kulturen erwartet werde, während bei dem Konzept des Multikulturalismus die Unterschiede als solche „anzuerkennen“ seien. Kritik übt sie an der Idee der Zuordnung zu einer als „fremd“ definierten Kultur, wodurch Subjektivität hinter einem „alles erklärenden Kulturschleier“ verschwinde. Den bisherigen statischen Kulturkonzepten folgt das des Verstehens des Gegenübers, der zunächst als „Anderer“ und nicht per se als „Fremder“ zu sehen sei. Hierbei werde auch die Veränderung und Durchlässigkeit und die Möglichkeit eigene kulturelle Identitäten zu entwickeln- unabhängig von konstruierten Kulturen oder gar Nationalitäten- betrachtet. Mit dem Fokus auf dem Konzept transnationaler Identitäten, die über Zuschreibungen an Nation Herkunft hinaus gehen, zeigt Domenig die aktuellen Diskurse auf. Dass dennoch Stereotypisierungen und Diskriminierungen stattfinden, die auf überkommenen Vorstellungen des „Fremden“ und politischer in Gesetz gegossener Restriktionen stattfinden, zeigt deutlich: Konzepte von transkultureller Kompetenz werden bisher marginal gekannt und im beruflichen oder Alltagshandeln umgesetzt.

Das Kapitel, das einen Überblick über zentrale wissenschaftliche Theorien zu „Körper, Leib und Kommunikation“ liefert, ist das von Charlotte und Michael Uzarewicz. Begonnen wird mit der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Mary Douglas, die den Körper als natürliches Symbol analysiert, der als Abbild der Gesellschaft wirke und unsere Kommunikation beeinflusst. Im Anschluss wird knapp und gut verständlich das Habituskonzept des französischen Soziologen Pierre Bourdieu vorgestellt und dabei betont, dass der Körper als Kapital betrachtet werden könne. Mit Erving Goffman rückt der Körper als Instrument der Kommunikation und Strukturierung stets neuer Ordnungen in den Mittelpunkt. Dem folgt das theoretische Konzept von Michel Foucault, bei dem Körper durch Diskurse hervorgebracht werden und sich nie macht- oder herrschaftsfrei präsentieren. Mit der Theorie der Philosophin Judith Butler folgt eine der prominentesten, feministischen, konstruktivistischen Zugänge auf den Körper. Sie betont ebenfalls die Macht der Diskurse und kritisiert die Zweigeschlechtlichkeit als Konstrukt. Mit Hermann Schmitz wird neben der Dimension des Körpers die des Leibes aufgenommen und ausführlich beschrieben. Im Anschluss wird dann an Beispielen durchdekliniert, wie leibliche Kommunikation über Blicke, Akustik, Stimmung und Atmung, Berührung und Gestalt der Umgebung Wirkung entfaltet. Mit einer knappen Conclusio, in der die deutliche Favorisierung des Leibkonzepts formuliert wird, schließt dieses auch graphisch übersichtlich gestaltete und mit Reflexionsaufgaben begleitete Kapitel.

Diskussion

Das Buch stellt eine konsequente Weiterentwicklung der beiden Vorgängerausgaben dar und legt durch theoretische Hinführungen, Praxisbeispiele und Übungen konsequent den Fokus auf die Kompetenzerweiterung hin zu Transkulturalität und Transkategorialität. Es finden sich zentrale Theorien und Konzepte wieder, vom Capabilityansatz über Intersektionalität und Leiblichkeit bis hin Trauma. Auch unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge kommen durch die AutorInnen aufgrund ihrer Herkunft aus den Fachgebieten Psychologie, Philosophie, Pflege, Medizin, Ethnologie zur Sprache. Hilfreich ist neben den Praxisbeispielen und Übungen zudem der klare Aufbau des Buchs. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass der so zentrale Begriff der Transkategorialität und das Konzept der transkategorialen Kompetenz erst im letzten Teil ausgebreitet wird.

Als Lehrbuch kann jedes Kapitel eigens bearbeitet werden und es zeigt sich hier deutlich die immense redaktionelle Arbeit. Es wurde auf einheitliche Begrifflichkeiten geachtet, und in allen Artikeln unabhängig davon, ob sie Traumatisierung, Mädchenbeschneidung oder Religion thematisieren, erfolgt eine Weitführung auf mehrere Kategorien wie z.B. Alter, Migration und Behinderung und ihre Bedingtheiten. Dass zudem ein Stichwortverzeichnis angelegt ist, ermöglicht ein Erschließen der Texte über bestimmte Begriffe. Das Verzeichnis hätte aber durchaus noch feiner und vollständiger sein können, um alle Beiträge nochmals tiefer zu durchdringen. So findet sich darin Erving Goffman, aber nicht Edward Tylor, Assimilation fehlt ebenso wie Integration.

Fazit

Das Werk ist überaus gelungen und breit angelegt. Alle Beiträge sind gut lesbar und geben die aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstände wieder. Mit Beispielen aus Pflege und Sozialer Arbeit, sowie übersichtlichen Grafiken und Tabellen bietet dieses Buch auch zu hochkomplexen und praxisrelevanten Theorien einfach Zugänge. Es ist zu wünschen, dass dieses Buch in die Ausbildung von Gesundheits- und Sozialberufen Eingang findet und sich ein Kompetenzzuwachs bemerkbar macht.

Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
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Es gibt 15 Rezensionen von Gudrun Silberzahn-Jandt.

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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 02.12.2022 zu: Dagmar Domenig (Hrsg.): Transkulturelle und transkategoriale Kompetenz. Lehrbuch zum Umgang mit Vielfalt, Verschiedenheit und Diversity für Pflege-, Sozial- und Gesundheitsberufe. Hogrefe AG (Bern) 2021. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-456-85753-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29500.php, Datum des Zugriffs 30.01.2023.


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