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Vogeley Kai, Voltz Raymond u.a.: Palliativ & Zeiterleben

Rezensiert von Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt, 20.07.2022

Cover Vogeley Kai, Voltz Raymond u.a.: Palliativ & Zeiterleben ISBN 978-3-17-032015-4

Vogeley Kai, Voltz Raymond, Ewald Hermann: Palliativ & Zeiterleben. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 224 Seiten. ISBN 978-3-17-032015-4. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
Reihe: palliativ &
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Thema

Das Buch ist als zweiter Band in der Reihe palliativ & erschienen und widmet sich philosophischen, psychologischen, medizinischen und kulturwissenschaftlichen Fragen um das Zeiterleben Schwerstkranker und Sterbender wie auch den Zugehörigen und den Professionellen. Neben theoretischen Konzepten werden ebenso praxisorientierte Zugänge gewählt mit der Absicht, Anstöße für die jeweilige Lebenssituation zu liefern.

Herausgeber

Das Herausgeberteam besteht aus: Dr. med. Hermann Ewald, der die ärztliche Leitung des Katharinenhospiz in Flensburg innehat, Prof. Dr. med. Dr. phil. Kai Vogeley arbeitet an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln ebenso wie Prof. Dr. med. Raymond Voltz, der dort Direktor des Zentrums für Palliativmedizin der Uniklinik Köln ist, zudem Vorsitzender des Palliativ- und Hospiznetzwerks Köln e.V. sowie Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin e.V.

Aufbau und Inhalt

Das Buch nimmt sich dem Thema in drei Kapiteln an. Zunächst wird der Frage nachgegangen, was Zeiterleben ist. Im ersten Unterabschnitt dieses Teils nähert sich Christian Kupke, tätig bei der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften der Psyche in Berlin mit einem philosophischen Essay dem bewussten und unbewussten Erleben von Zeit, der Idee von Zeit als Struktur und Fluss und der Bedeutung der Endlichkeit von Zeit für das Erleben derselbigen. Hierbei bezieht sich Kupke unter anderem auf Edmund Husserls zeitphänomenologische Analysen wie auch auf Epikur und John McTaggart Ellis, der die Linearität im Zeiterleben betont. Einen naturwissenschaftlichen Einstieg wählen Kai Vogeley und Marc Wittmann, der am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene arbeitet. Sie gehen den neuralen Zusammenhängen der Zeitverarbeitung nach. Der sich anschließende Beitrag des bereits 2017 verstorbenen Theologen Wolfgang Achtner nimmt sich der Zeit im Zusammenhand religiöser Anthropologie an. Dabei bezieht er sich auf Schöpfungsmythen, wie auch auf mystische Bewusstseinsformen aller großen Weltreligionen, die sich um Transzendenz aus der Zeit hin in eine Ewigkeit bemühen. Letztere beschreibt er aus christlich-theologischer Sicht als „vollständigen und vollendeten Besitz unbegrenzte Lebens“.

Das nächste große Kapitel steht unter der Frage „Was verändert unser Zeiterleben?“ und beginnt mit einem Text des Neurowissenschaftlers David H.V. Vogel und Kai Vogeley zur gelebten Zeit bei Depression und Todesnähe. Bei Depression, so konstatieren sie, ist eine Störung im Zeiterleben festzustellen, die die Betroffenen meist als gefühlte Verlangsamung, ab und an auch als Beschleunigung beschreiben. Oft sehen sie Depression als ein Phänomen in Todesnähe, das auch- empirisch noch nicht gesichert – den Wunsch vorzeitig zu sterben hervorrufe. Psychotherapie könne auch in dieser Lebensphase hilfreich und zukunftsorientiert sein, so das Resumée.

Die vor allem in Palliativkontexten als profunde Wissenschaftlerin ausgewiesene Marina Kojer nimmt sich dem Zeiterleben von an Demenz erkrankten Menschen an. Mit vielen Fallbeispielen kritisiert sie die These, Menschen mit Demenz würden nur in der Gegenwart und nicht mit ihrer Vergangenheit und Zukunft leben: Sie formuliert als Hinweise für die Praxis, das Anerkennen von Bedürfnissen nach Sinnerleben, nach Sicherheit und bewusster gelebter Sorgebeziehung.

Das Autor:innenteam Marc Wittmann, Solveig Dietrich, Stefan Schmidt und Tanja Vollmer stellt Ergebnisse einer empirischen Studie zum Zeitwahrnehmen in Todesnähe vor. Ein zentrales Resultat ist das der divergierenden Zeitbeziehungen – die Sterbenden leben in einer anderer Weise in ihrer Zeit wie die sie Betreuenden und Angehörigen. Als eine Möglichkeit der Synchronisierung entwickelte die Forschungsgruppe einen Leitfaden für mehr Achtsamkeit.

Mitherausgeber Hermann Ewald stellt dann im Anschluss Zeitkonzepte gesunder Menschen denen kranker gegenüber und vertieft dies nochmals durch den Blick auf Zugehörige und Behandler:innen. Der Sorge, anderen möglicherweise Zeit zu stehlen, kann nur durch ein würdeorientiertes Handlungskonzept begegnet werden, das dem Phänomen Zeit eine große Bedeutung zumisst, so Ewald.

Der Trauer und der in dieser Lebensphase empfundenen anderen Zeittaktung gehen die Trauerforscherin Ruthmarijke Smeding und Hermann Ewald nach. Hier wird das von Smeding formulierte Trauermodell, das Triptychon der Trauer“ vorgestellt und insbesondere mit vielen Beispielen untermalt sowie auf die heilsame Bedeutung von Ritualen hingewiesen.

 Das letzte große Kapitel mit dem Titel „Wie gehen wir mit Zeit um?“ beginnt mit einem Artikel des Coach und Leiters des Instituts für Zeitkompetenz Elmar Hatzelmann. Ausgehend von der Herausforderung der Zeitnot all derer, die sich um Sterbende kümmern, stellt er Handlungsstrategien des Umgangs damit vor. Hierbei geht es um Themen wie Rhythmus, Achtsamkeit oder die verschiedenen Chronotypen. Sein Aufsatz ist im Stil eines knappen Ratgebers an Hilfesuchende gerichtet.

Der Theologe und langjährig als Krankenhauspfarrer tätig gewesene Ulrich Eibach nähert sich daran folgend mit theologischen Ideen und Fallberichten der Zeit todkranker Menschen und der Zeit Gottes, die er als Ewigkeit bezeichnet. Hier weckt er Hoffnung auf ein göttliches Geschenk „des ewigen Lebens“ jenseits des unvollkommenen irdischen Daseins.

Der letzte Aufsatz des Sozialpädagogen Manfred Gaspar befasst sich mit kulturellen Unterschieden im Umgang mit Zeit. Gaspar bezieht sich dabei auf verschiedene Ethnolog:innen so auch auf Robert Levine, der Arbeitstempi in unterschiedlichen Ländern festzustellen meinte. Die unterschiedliche Bedeutung von Kalenderzeit versus Ereigniszeit wird mit knappen exemplarischen Verweisen angerissen.

Diskussion

Dieses Buch nimmt sich in unterschiedlicher Art und Weise, bunt und vielfältig dem Thema Zeit und Zeiterleben an. Eingangs stellen die Autor:innen klug und sachkundig Theorien vor, arbeiten dann wiederholt mit vielen Beispielen an konkreten Fallgeschichten, nehmen gekonnt und wissensreich Bezug auf gängige Trauermodelle oder streifen eher kursorisch kulturelle Vorstellungen vom Umgang mit Zeit. Die intellektuellen Herausforderungen bei den jeweiligen Artikeln sind unterschiedlich, die Gliederung und Kapitelüberschriften erscheinen austauschbar. Gleichwohl ist diese Diversität die Stärke dieses Büchleins: Es bietet alles vom Ratgeber über die theologische Befassung bis hin zu den philosophischen Grundkonzepten. Wer Geschmack an dem einen oder anderen gefunden hat, wird anhand der Literaturliste eine eigene Lektüre fortsetzen.

Fazit

Zeit als Thema ist es wert von unterschiedlichen Perspektiven her beleuchtet zu werden. Sprachlich von allen Autor:innen klar formuliert werden Theorien präsentiert, Studien vorgestellt, aus Erfahrungen Berichte vorgelegt und Auseinandersetzungen mit dem Umgang und Erleben von Zeit angestoßen. Dies gelingt in nahezu allen Kapiteln weshalb die Lektüre sehr zu empfehlen ist.

Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
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Es gibt 14 Rezensionen von Gudrun Silberzahn-Jandt.

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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 20.07.2022 zu: Vogeley Kai, Voltz Raymond, Ewald Hermann: Palliativ & Zeiterleben. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-032015-4. Reihe: palliativ &. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29509.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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