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Heribert Prantl: Himmel, Hölle, Fegefeuer

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 30.06.2022

Cover Heribert Prantl: Himmel, Hölle, Fegefeuer ISBN 978-3-7844-3610-4

Heribert Prantl: Himmel, Hölle, Fegefeuer. Eine politische Pfadfinderei in unsicheren Zeiten. Langen Müller Verlag GmbH (München) 2021. 495 Seiten. ISBN 978-3-7844-3610-4. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Wieder ein Prantl-Buch! Wer das so betont, hat Erfahrung und Erwartungshaltung! Erfahrung durch die Lektüre von Prantl-Büchern, Essays und journalistischen Arbeiten (2016, www.socialnet.de/rezensionen/22422.php; 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24119.php; 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25281.php; 2019, www.socialnet.de/rezensionen/27181.php), und die Neugier, wie der Autor die Chancen für ein neues, ethisches Bewusstsein der Menschheit und den Hau-Ruck für den notwendigen, rationalen und emotionalen, humanen Perspektivenwechsel einschätzt. „Es geht um das Prinzip Verantwortung“.

In den Lebenslehren der Völker und Kulturen werden die gegenwärtigen und zukünftigen Lebensorte und –situationen interessanterweise janusköpfig beschrieben: Himmel als Belohnung für ein gutes Leben, und Hölle als Verdammungsstätte für Böses, Unmenschliches. Paradies und Hölle als Möglichkeiten, wie dies der französische Philosoph Fernand Braudel (1902 – 1985) in Aussicht stellt; Pflicht und Kür, Lust und Karma, Honorierung und Strafe. Um der Absolutheit zu entgehen, wird den positiven und negativen Orten ein Zwischenraum hinzugefügt: das Fegefeuer, die Bußstätte, der Reinigungsort und die Reinkarnation. So kommt Prantl zum Titel: „Himmel, Hölle, Fegefeuer“. Die sich immer interdependenter, entgrenzender und (scheinbar) „Alles-machbarer“ entwickelnde (Eine?) Welt enthält all die genannten Möglichkeiten: Ein menschenwürdiges Conditio Humana – die (Selbst-)Vernichtung der Menschheit – „Business as usual“. Immer wieder, in der Neuzeit beginnend mit Warnung vor den Grenzen des Wachstums (1972), der Aufforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden (1995, Weltkommission „Kultur und Entwicklung“), und der Zielsetzung, zeitnah ein gutes Leben für alle Menschen auf der Erde möglich zu machen (2015, Seventeen Goals), treten Individuen und Organisationen auf die Menschheitsbühne, werben und fordern einen grundlegenden, nachhaltigen Perspektivenwechsel.

Aufbau und Inhalt

Heribert Prantl ist überzeugt, dass sich das Bewusstsein und die Einstellung der Menschen zur Natur verändern muss: Es ist die indigene, indianische, ethische Auffassung, dass die Erde nicht den Menschen gehört; vielmehr gehören die Menschen zur Erde (MAB, 1990), die den „New Green Deal“ bestimmt. Der fast 70-jährige Journalist, langjähriges Mitglied der Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ und Kolumnist macht sich mit seinem aktuellen (Alters-?)Werk daran, um mit einem Rundumblick und Nutzung des Zeitungsarchivs Ausschau nach einer „neuen Welt“ zu machen. Neben Vor- und Nachwort gliedert er seine Analyse in die folgenden Überschriften:

  • „Eine neue Wachsamkeit“
  • „Eine neue Politik“
  • „Eine neue Gesellschaft“
  • „Eine neue Heimat“
  • „Eine neue Arbeitswelt“
  • „Ein neues Recht“
  • „Eine neue Sicherheit“
  • „Eine neue Kirche“.

Es ist wahrlich ein ganzheitliches Unterfangen, das als Registratur und Vision daherkommt. Es ist Lexikon und Prolegomena, Aufforderung zum Selbst- und zum agonalen Denken (Karl Heinz Bohrer, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php). Beim Versuch, die „Lage der Welt“ zu skizzieren gerät der Mensch nur allzu leicht in die Sphären einer „Nimmerleins“- oder „Chaoszeit“. Es sind Fragen nach einem gelingenden, menschenwürdigen Leben, und es sind Ahnungen und Befürchtungen von Macht und Ohnmacht, Ideologie und Egozentrismus, Hoffnung und Resignation. Es sind Situationsbeschreibungen, Analysen und Fingerzeige, die Prantl in Newslettern, Kolumnen, Vorträgen und Büchern in den letzten Jahrzehnten zur Sprache gebracht hat. 

Diskussion

Um nicht in „Ohne-mich“-Einstellungen zu verfallen, hilflose „Was-kann-ich-kleines-Licht-da-schon-ausrichten“-Haltungen zu praktizieren, und egoistische, rassistische und populistische Meinungen zu leben, braucht es die objektive, journalistische, professionelle Auffassung. Heribert Prantls, der auch als Richter und Staatsanwalt tätig war, ist dafür ausgezeichnet geeignet. Es sind Fragen nach Sinn und Unsinn, nach Allem und Nichts, nach Wahrheit und Fake News, die als Exempel für eigenes Denken serviert werden; zum Beispiel, indem er sein eigenes, journalistisches, ethisches, heimatliches und Rechtsdenken misst am Denken des Schriftstellers Adalbert Stifter (1805 – 1868): Es ist nichts zu klein, um nicht groß beschrieben zu werden! Es sind Stichwörter, die fordern und fatalisieren, und die wichtig und bedeutsam sind für ein individuelles, lokal- und globalgesellschaftliches, humanes Dasein: Autonomie, Demokratie, Menschenwürde, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Respekt, Solidarität, Resonanz (Joachim Bauer, Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/29229.php). Es sind Aufrufe zum politischen, kritischen Denken und Handeln, und damit zum humanen Lebensweg, der Extremismus und Menschenfeindlichkeit ausschließt. Der Schriftsteller Navid Kermani hat mit seinem Kinderbuch über den Islam als Glaubensgemeinschaft die Metapher als Titel gewählt: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen (2022, www.socialnet.de/rezensionen/29121.php).

Der „Highway to heaven“ ist keine Achterbahn, auch keine Spielwiese. Es ist ein beschwerliches, anstrengendes, lebenslanges Mühen, um den „Teufeleien“ zu entgehen: Egoismus, Individualismus, Fundamentalismus, Profitismus, Marktradikalismus, Nationalismus, Rassismus… Es kommt darauf an, die dem anthrôpos angeeignete Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können (Markus Gabriel/Gerd Scobel, Zwischen Gut und Böse. Philosophie der radikalen Mitte, 2021, www.socialnet.de/28603.php), neu zu entdecken und anzuwenden, und auf die „Zeitenwenden“ angemessen, intellektuell und tätig zu reagieren (Corinne Michaela Flick, Wie viel Freiheit müssen wir aufgeben, um frei zu sein? 2022, www.socialnet.de/rezensionen/29300.php). Wenn Heribert Prantl die Metapher „Fegefeuer“ als Muster für eine freie, demokratische, humane Staatsform vorschlägt, will er damit nicht die göttliche Strafe vom Himmel holen; vielmehr könnten die erdlichen Zumutungen und Gefahren, wie sie der menschengemachte Klimawandel, Epidemien und neue Kriege mit sich bringen, Aufforderung zum Perspektivenwechsel sein.

Fazit

Prantls engagierte, aktuelle, tiefschürfende gesellschaftspolitische Arbeiten sind Anstöße zum Selbstdenken. Es sind Handbücher und Texte zur Selbstvergewisserung und zur Auseinandersetzung mit sich und der Welt. Der Münchner Zôon politikon ist ein Anreger und kritischer ProvokateurSeine Bücher lassen sich sowohl lexikalisch, als auch als Labyrinthe der schulischen und außerschulischen politischen Bildung lesen!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1554 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.06.2022 zu: Heribert Prantl: Himmel, Hölle, Fegefeuer. Eine politische Pfadfinderei in unsicheren Zeiten. Langen Müller Verlag GmbH (München) 2021. ISBN 978-3-7844-3610-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29510.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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