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Lieselotte Mahler, Ina Jarchov-Jadi u.a.: Das Weddinger Modell

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 07.03.2024

Cover Lieselotte Mahler, Ina Jarchov-Jadi u.a.: Das Weddinger Modell ISBN 978-3-96605-108-8

Lieselotte Mahler, Ina Jarchov-Jadi, Christiane Montag, Jürgen Gallinat: Das Weddinger Modell. Ein recoveryorientiertes Psychiatriekonzept. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2022. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 292 Seiten. ISBN 978-3-96605-108-8. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.
Reihe: Fachwissen. .

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Thema

Seit 2010 werden in Deutschland Wege zur trialogischen Recovery in der stationären und ambulanten Behandlung erfolgreich beschritten. Bezeichnet wird dieses Vorgehen als „Weddinger Modell“. Ein Schlüssel zu mehr Zufriedenheit bei Behandelnden und Behandelten ist die Integration aller Berufsgruppen in ein recoveryorientiertes, interprofessionelles Bezugstherapeutenteam. Aufgezeigt wird, wie die Strukturen einer Station verändert und die Mitarbeitenden geschult werden können. Nicht nur die Betroffenen werden einbezogen, sondern auch Angehörige und Mitarbeitende. Damit werden sämtliche Ressourcen für die Genesung mobilisiert.

Vorgestellt werden neben dem Behandlungsprozess auch die zugrundeliegenden Strukturen, sodass Mitarbeitende in stationären, teilstationären und ambulanten Einrichtungen diese Erfahrungen nutzen und sich selbst auf den Weg zu Veränderungen machen können. Das Buch enthält auch Hinweise auf Stolpersteine sowie praxiserprobte Downloadmaterialen für die Umsetzung.

AutorIn oder HerausgeberIn

Lieselotte Mahler ist Ärztliche Direktorin und Chefärztin der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin.

Ina Jarchov-Jádi ist Pflegedienstleiterin am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin. Zusammen mit Lieselotte Mahler hat sie das Weddinger Modell initiiert.

Christiane Montag ist Oberärztin am St. Hedwig-Krankenhaus und hat sich insbesondere an der Begleitforschung zum Weddinger Modell beteiligt.

Jürgen Gallinat ist Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und war Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus. Er hat die interne Umstrukturierung von Anfang an unterstützt und begleitet.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage erschien 2014, das hier vorgelegte Buch ist die zweite Auflage von 2024, sie ist gründlich überarbeitet worden. Ergänzt wurden die Darstellung von aufschlussreichen Erfahrungen mit der Implementierung des Konzepts und der Nachhaltigkeit von Veränderungsprozessen.

Aufbau und Inhalt

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Das Buch ist im Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 292 Seiten, die sich in acht Kapitel und zahlreiche Unterkapitel gliedern. Die Kapitel sind nicht durchnummeriert. Am rechten oberen Rand ist die Kapitelüberschrift abgedruckt, am linken oberen Rand der Titel des jeweiligen Unterkapitels. Der Fließtext wird durch Fallvignetten sowie graue TextBoxen ergänzt, darin finden sich z.B. ein sog. „Zwischenruf“, Leitfäden oder Hinweise zu 22 Downloadmaterialien. Überdies werden noch 31 Abbildungen und 11 Tabellen zur Verfügung gestellt. Eine Übersicht dazu findet sich im Inhaltsverzeichnis. Das Buch ist in der Reihe „Partizipation praktisch!“ erschienen. Die einzelnen Kapitel sind von unterschiedlichen Autor:innen geschrieben. Einleitend wird das Weddinger Modell, dessen Entstehung, die Herangehensweise und die Zielsetzung vorgestellt. Das Modell orientiert sich an den Konzepten Recovery und Empowerment, in denen Resilienz und Ressourcenorientierung eine bedeutsame Rolle zukommt. Eine Tabelle auf S. 29 zeigt eine Gegenüberstellung von klassischer Psychiatrie, Recovery-Ansatz und dem Weddinger Modell unter sechs Aspekten wie z.B. Ziele, Perspektive oder Selbstverantwortung. Die Abbildung 1 auf S. 32 zeigt die Wechselwirkung von Haltung und Strukturen. Ein weiterer zentraler Faktor ist die interprofessionelle therapeutische Haltung und Beziehung, bei der der Blickwinkel ein anderer ist als in der klassischen Psychiatrie. Therapie und Genesung werden individuell betrachtet, der Blick ist ganzheitlich und hermeneutisch, neben der Diagnose wird auch die Lebenswelt der Person und ihr Leiden betrachtet.

Das zweite Kapitel Interprofessionelle therapeutische Haltung und Beziehung definiert den Begriff der Interprofessionalität, dabei geht es nicht allein um ein mulitprofessionell aufgestelltes Team, sondern darüber hinaus um eine koordinierte und enge Zusammenarbeit, die auch Aspekte erfolgreichen Handelns und den Lebenskontext berücksichtigt sowie Bezugspersonen einbezieht. Der psychiatrische Raum wird dadurch authentisch, kreativ und normal. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und verantwortungsvoll vertreten. Dieses Kapitel schließt mit der Haltung zu Aggressionen und Zwangsmaßnahmen.

Veränderungen der klinischen Praxis und der Stationsstrukturen sind Gegenstand des dritten Kapitels. Dazu gehören multiprofessionelle Bezugstherapeutenteams, eine interprofessionelle Therapieplanung und -besprechung sowie Visiten, einbezogen werden Genesungsbegleitung und Angehörigen-Peers, damit entsteht eine aktive trialogische Arbeit, die psychiatrische Settings normalisieren. Die Kontinuität der Behandelnden bleibt bestehen, die Behandlungssettings werden flexibel. Postvention wird als Prävention verstanden. Sollten Zwangsmaßnahmen notwendig sein werden diese anhand eines Leitfadens nachbesprochen, Behandlungsvereinbarungen und Krisenpläne erstellt.

Die Kapitel vier, fünf und sechs stellen theoretische Vernetzungen wie die Resilienz- und Ressourcenorientierung, das Empowerment, die Salutogenese, eine bedürfnisangepasste Therapie sowie den „Trialog“ dar. Synergien ergeben sich durch eine integrierte Versorgung und dem Weddinger Modell, betrachtet wird auch Soteria und das Weddinger Modell (Kapitel 5) und im sechsten Kapitel werden Haltungsempfehlungen in Bezug auf die Psychotherapie und Medikation definiert.

Das siebte Kapitel Implementierung des Weddinger Modells stellt theoretische Grundlagen und praktische Hinweise vor, berichtet davon, wie Projektphasen gestaltet werden und wie eine Prozessbegleitung nach der Implementierung gelingt. Das Weddinger Modell wurde wissenschaftlich begleitet, das Buch schließt mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitstudien und Auswirkungen auf die Behandlungsqualität in den Jahren 2010–2011 sowie mit den Auswirkungen des Weddinger Modells auf die Häufigkeit und Dauer von Zwangsmaßnahmen.

Diskussion

Recovery bedeutet Erholung/​Wiedergesundung. Das Recovery-Modell ist ein ressourcenorientiertes Konzept, das bei psychischen Störungen und Suchtkrankheiten zum Tragen kommt. Entwickelt wurde es ursprünglich in der Drogentherapie in den USA und fand schnell Verbreitung in Australien/​Neuseeland und Großbritannien/​Irland. Recovery wird als persönlicher Prozess gesehen, im Mittelpunkt steht das Genesungspotenzial der Betroffenen in Zusammenarbeit mit allen Institutionen, die an der Therapie beteiligt sind. Recovery findet als Reihe kleiner Schritte statt, die nicht linear sind. Recovery bedeutet nicht, dass die Person nie wirklich psychisch behindert war, sie ist auf Gesundheit fokussiert, und nicht auf Krankheit, das Konzept ist eher ein soziales Modell von Behinderung und nicht ein medizinisches. Ziel ist, Hauptsymptome zu regulieren, psychosoziale Behinderung zu reduzieren und die persönliche Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Eine zentrale Rolle spielen also eine sichere Basis, Selbstbestimmung (Empowerment) und Selbsthilfe z.B. beim Einsatz von Medikamenten im Sinn von Entwicklung persönlicher Bewältigungsstrategien (einschließlich Eigenmanagement und Selbsthilfe), förderliche zwischenmenschliche Beziehungen und Problemlösungskompetenz, die alle das Ziel haben, einen Lebenssinn und Daseinszufriedenheit zu vermitteln.

Im Geleitwort zu 2. Auflage ist ein Zitat von Andreas Heinz zu lesen: „Gerade die selbstgesteckten Ziele der Patientinnen und Patienten hinsichtlich einer lebenswerten Teilhabe an der Gesellschaft, Genesung und Inklusion sind entscheidend für die therapeutischen Interaktionen und wichtiger als professionelle Fokussierung auf einzelne Symptome oder Beeinträchtigungen.“

Das Weddinger Modell nutzt zentrale Aspekte der Systemischen Therapie wie z.B. Aspekte der Wirklichkeitskonstruktion (Auftragsklärung, Erwartungsklärung aller Beteiligten) sowie Fragen zur Möglichkeitskonstruktion (lösungsorientierte Fragen, zirkuläres Fragen). Neben der Arbeitshaltung verändern sich auch Abläufe und Strukturen in den Psychiatrien, ein wichtiger Prozess. Neun Grundbausteine definieren die praktische Tätigkeit des psychiatrischen Alltags. Diese Strukturveränderungen werden konkret durch ein Übersichtsschema (ab S. 74) erläutert, Beschreibung von Ansatzpunkten in der Praxis, Erfahrungsberichte sowie Hilfestellung in der Umsetzung. Erfolgreich ist das Modell, wenn ein „kleinster gemeinsamer Nenner“ in der praktischen Arbeit gefunden wird, eine Übersicht auf S. 76 ff zeigt Prinzipien auf. Aktive trialogische Arbeit wie hier im Weddinger Modell „.verfolgt den Anspruch, Patientinnen in ihren Lebenskontexten zu verstehen und zu behandeln“ (S. 76).

Der Begriff Trialog entwickelte sich aus den Psychoseseminaren heraus, die 1989 von Thea Bock und Thomas Bock in Hamburg ins Leben gerufen wurden und sich inzwischen deutschlandweit, aber auch in Österreich und in der Schweiz etabliert haben. Das aktive trialogische Arbeiten hat sich mehr und mehr als Kommunikationsform in psychiatrisches Handeln etabliert. Trialog bedeutet gleichberechtigtes Handeln der drei Gruppen: Psychoseerfahrene, Professionelle und Angehörige. Ziel dieser Konstellation ist ausgleichend zu wirken‚ Vorurteile zu entkräften und neue Perspektiven zu eröffnen, um einen gemeinsamen Umgang mit Psychosen zu ermöglichen. 

Ein spannendes, wichtiges Buch! Teilweise sind die Texte sehr lang, hier wäre mehr Strukturierung durch Zwischenüberschriften und Abschnitte wünschenswert gewesen. Die ergänzenden Fallvignetten heben sich zu wenig vom Fließtext ab, wodurch das gezielte Suchen erschwert wird.

Wertvoll sind die zahlreichen Materialien. Im Buch finden sich 31 Abbildungen und 11 Tabellen, zudem werden Materialien zum Download zur Verfügung gestellt.

Fazit

Recovery ist ein Schlüssel zu mehr Zufriedenheit bei Behandelnden und Behandelten. Berufsgruppen werden in ein recoveryorientiertes, interprofessionelles Bezugstherapeut:innenteam integriert, Strukturen werden verändert, Mitarbeitende geschult. Betroffenen und auch Angehörige, einschließlich Personen, die für die Patientinnen wichtig sind, werden einbezogen, alles Ressourcen für die Genesung.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 07.03.2024 zu: Lieselotte Mahler, Ina Jarchov-Jadi, Christiane Montag, Jürgen Gallinat: Das Weddinger Modell. Ein recoveryorientiertes Psychiatriekonzept. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2022. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-96605-108-8. Reihe: Fachwissen. . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29520.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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