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Fritz Breithaupt: Das narrative Gehirn

Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 26.09.2022

Cover Fritz Breithaupt: Das narrative Gehirn ISBN 978-3-518-58778-2

Fritz Breithaupt: Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2022. 368 Seiten. ISBN 978-3-518-58778-2. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783518297964 .

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Thema

Zu den seit vielen Jahrzehnten populären „homo sapiens“, „homo oeconomicus“, „homo faber“ oder auch „homo ludens“ hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der „homo narrans“, der erzählende Mensch, gesellt. Lebendiges Erzählen, das nicht auf der faktischen Rekonstruktion eines Ereignisses oder einer Sequenz von Ereignissen beruht, sondern vielmehr als dynamische, erweiterte und ausgeschmückte Mitteilung an Zuhörer*innen und Interaktionspartner*innen zu umschreiben ist, gilt als conditio sine qua non des Menschseins. Es fördert soziale, emotionale, kognitive und personale Kompetenzen im Zuge eines performativen Akts, der sich bereits mit alltäglichen „Klatsch- und Tratschgeschichten“ exemplifizieren, sich aber auch zur Kunst steigern kann. Gerade zu pandemischen Zeiten trifft man überall auf Erzählende, zu Erzählendes und Erzähltes, so etwa in den „Insta-Storys“, „TikTok-Kurzvideos“ oder anderen Social Media-Erscheinungen. Der zunehmenden Inflationierung alles Narrativen, seiner Vulgarisierung, Parzellierung und Verwässerung stehen wissenschaftliche Ansätze, dem Phänomen Erzählen auf die Spur zu kommen, gegenüber – allen voran die langen und nicht unkomplizierten Traditionslinien der Narratologie, die sich vorwiegend dem verschriftlichten Erzählen im breiten Gattungsspektrum der fiktionalen Prosa widmet, außerdem die komplexe Domäne der kasuistischen Analysen, ein Sammelbecken von Materialien und Fallgeschichten aus Medizin, Psychologie und Rechtswissenschaften. Von all dem offeriert „Das narrative Gehirn“ einen Querschnitt, wobei sein Autor, Fritz Breithaupt, qua Profession den Fokus auf Kognitionswissenschaft und Germanistik legt. Daraus erhellt die rundum existenzielle Bedeutung des Erzählens.

Autor

Fritz Breithaupt „ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington. Dort leitet er das in seiner Form einzigartige Experimental Humanities Lab, an dem er narrative Ereignisse, Empathie, moralisches Denken, Emotionen, Parteilichkeit, Ausreden, Gewalt und Überraschung mit seinem Team empirisch erforscht. Er schreibt regelmäßig für Die Zeit und das Philosophie Magazin“. (Klappentext)

Entstehungshintergrund

Breithaupts Forschungen setzen an bei der Frage, ob Menschen narrative Lebewesen seien. Die Überlegungen dazu basieren nicht auf gehirnanatomischen Untersuchungen, sondern allein auf dem, so wie der Autor expliziert, was man messen könne (vgl. S. 37). Der heuristische Ansatz bezieht sich auf die Funktionsweise des Gehirns.

Aufbau und Inhalt

Zwischen „Einleitung“ und „Ausblick“ befinden sich acht Kapitel, die in sich nach Subtiteln gegliedert sind. Ein nach Kapiteln aufgefächerter Anmerkungsapparat und eine umfängliche Bibliografie ergänzen den Band.

In der Einleitung stellt Fritz Breithaupt vier Fragen („Warum verbringen wir so viel Zeit mit Narrationen?“, „Warum lassen wir uns auf dieses narrative Denken ein?“, „Können wir unsere Narrative ändern?“ und „Sind wir narrative Lebewesen?“), die er zu seinen Leitthesen verwebt:

  • Narrationen ermöglichen das Miterleben.
  • Narrationen sind attraktiv, denn sie halten emotionale Belohnungen bereit.
  • Mit der Gliederung in Episoden und mit dem besonderen Schwerpunkt, der auf dem Anfang und dem Ende liegt, ist narratives Denken strukturiert.
  • Menschen tendieren dazu, in bestimmten Mustern bzw. Narrativen zu verharren.

Die Erläuterung wesentlicher Grundbegriffe dient Breithaupt als Übergang zum Folgenden. Er listet „mobiles Bewusstsein“, „Simulation“, „Situation“, „predictive brain“, „prediction error“, „Multiversionalität“, „Ende, Urteil, Verdikt“, „Casting“, „Rezeption, Kommunikation“, „Co-Erfahrung, Mit-Erleben“, „Gefangen-Sein“, „Kulturelle Evolution“, „Gehirn“ und „Serielle Reproduktion“.

Kapitel 1 (Das Denken in Episoden: Vom Chaos zur Ordnung) führt von der Unterscheidung zwischen semantischem und episodischem Gedächtnis und dem bei beiden zu beobachtenden Ordnen in geschlossenen Einheiten zur Frage, wie Menschen einmalige „zeitliche Einheiten oder Episoden bilden und wie sie […] Erleben strukturieren“ (S. 45). Für das narrative Denken seien Episoden besonders aufschlussreich, weil man an ihnen die Segmentierung von Ereignissen ablesen könne.

Um Episoden zu verstehen, müsse man auch auf ihre Mitte achten. Breithaupt tut dies, indem er sich auf Gustav Freytag und seine Idee der Mitte bezieht: in der Mitte eines narrativen Bogens manifestiere sich, wie ein*e Protagonist*in von einer aktiven Figur zu einer passiven oder umgekehrt von einer eher passiven zu einer aktiven werde. Ein adäquates Mit-Erleben von Emotionen erreichten Rezipient*innen dann, wenn sie nicht nur Anfang und Ende einer Episode registrierten, sondern die Kehrtwende von aktiv zu passiv oder umgekehrt erlebten.

„Eine Minimalnarration oder Episode“, so das Fazit aus Kapitel 1, weise nicht nur Anfang, Ende und einen „Umschlag des Erlebens von Protagonisten“ auf, „der sich aus der Perspektive eines Beobachters miterleben“ (S. 58) lasse.

Diese erste Definition von Narration wird in Kapitel 2 (Was sind Narrationen?) vor dem Hintergrund des Zusammenhangs von „Emotionen, Kausalität und Konsequenz“ (S. 61) und der beiden definitorischen Extreme von „Narration als Zeigen auf tatsächliche Sacherhalte einerseits“ und als „mentale subjektive Transformationsleistung andererseits“ (S. 64) erweitert. Breithaupt rekurriert auf die den Extremen entsprechenden diametral einander entgegengesetzten „Lager der Narratologie“ (ebd.). Während für die Theoretiker*innen des ersten Lagers narrative Ereignisse von zentraler Bedeutung seien, konzentrierten sich die anderen auf die unterschiedlichen Perspektiven, die man auf ein Ereignis haben könne.

Kapitel 3 (Stille-Post-Spiele) widmet sich der Methode, mit der bestimmt werden könne, was das narrative Denken ausmache (vgl. S. 79).

Das erste „wissenschaftliche Stille-Post-Spiel“ bzw. „Verfahren der seriellen Reproduktion“, aus denen sich „Ketten von Nacherzählungen“ ergeben, rankt sich um das Konzept der Kausalität und eine „Tendenz zur Rationalisierung“ (S. 89). In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts behauptete Frederic Bartlett, dass Kausalität Stabilität garantiere. Seine Proband*innen ließ Bartlett Formen nachzeichnen oder Geschichten der indigenen Bewohner Nordamerikas nacherzählen. Seine These treffe vor allem zu auf „den Spezialfall von kulturell fremdartigen Texten und von Darstellungen, die von den Rezipienten als inkohärent aufgefasst werden“ (S. 92). Den Rezipient*innen gelinge es, die jeweiligen Texte zu reduzieren und zu rationalisieren.

Auch die Märchen der Brüder Grimm seien letztendlich serielle Nacherzählungen, seien sie doch über Generationen hinweg allein mündlich tradiert worden. Im Fall der Grimm’schen Märchen stehe die Vulnerabilität, die Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit der Held*innen im Zentrum, was sich insofern von epischen Texten früherer Epochen abhebe, als z.B. im Abenteuer- oder auch Schelmenroman nicht die Zerbrechlichkeit im Mittelpunkt stehe, sondern „die Vermeidung des Zerbrechens, die Vermeidung der Gefahr“ (S. 96).

Bevor Breithaupt zu seinen eigenen Experimenten übergeht, konstatiert er, dass jede*r, der*die „Verwundbarkeit für sich oder andere reklamiert […], sich Aufmerksamkeit“ verschaffe. Daher spiele „diese Reklamation eine wichtige Rolle […] in der Diskussion über die sogenannten Mikroaggressionen“ (S. 113).

Breithaupt und seine Mitarbeiter*innen gehen unter Laborbedingungen davon aus, „dass Emotionen eine zentrale Rolle für Narrationen spielen“ (S. 115). Es stellt sich die Frage, ob emotionale Einschätzungen lediglich eine Begleiterscheinung des nacherzählten Plots sind oder ob sie im Mittelpunkt der Wiedergabe einer Geschichte stehen. Die Studie, in der die Teilnehmer*innen aufgefordert wurden, eine von anderen Teilnehmer*innen in 12–15 Sätzen erzählte und von wiederum anderen auf das Maß an bestimmten emotionalen Kriterien hin beurteilte Geschichte im Stille-Post-Verfahren weiterzuerzählen, ergab, im Gegensatz zu Bartletts Ergebnissen, dass sich Komponenten der Rationalität von Nacherzählungsgeneration zu Nacherzählungsgeneration reduzierten. Viele Facetten der Emotionalität hingegen stabilisierten sich.

Kapitel 4 (Emotionen als Belohnung des narrativen Denkens) gründet zum einen auf der Feststellung, dass Narrationen in Episoden gegliedert sind (vgl. S. 137) und zum anderen auf der Beobachtung, dass sich Emotionen mehr als andere Bestandteile einer Geschichte im Gedächtnis verankern und so zu Meilensteinen des Nacherzählens werden (vgl. S. 135). Hinzu tritt die These der Belohnung, insofern nämlich als bei allen am narrativen Prozess Beteiligten, „seien es die Erlebenden oder die Zuhörer, Rezipienten, Beobachter und Erzeuger des narrativen Denkens“ (S. 137), eine emotionale Erwartungshaltung entsteht, die zu narrativem Denken bewegt und einen emotionalen Outcome im Blick hat. Narrative Emotionen definiert Breithaupt als solche, die Narrationen in Rezipient*innen hervorrufen. Wesentlich ist die Differenzierung zwischen „Beobachter-fokussierten Emotionen“ und den „empathischen narrativen Emotionen“ (S. 141). Während die einen durch Narrationen, den Akt des Erzählens selbst, ausgelöst werden, bilden sich die anderen qua Empathie oder Identifikation mit einem fiktionalen Charakter.

Im folgenden Kapitel (5: Das Narrativ als Antwort auf eine Krise) bewegt sich der Autor weiter zur transindividuellen Tragweite von Narrationen, hin zu dem Bereich, in dem nicht mehr Narrationen, sondern „Narrative“ entscheidend seien. Ein „Narrativ“ bestimme kollektive Erfahrungen und Erwartungen, besonders Narrative von Krisen (vgl. S. 185). Ein Narrativ zu definieren sei diffizil, festhalten könne man jedoch, dass Narrative „das Angebot eines Endes zur Auflösung einer Krise“ machten. Mit dieser Leitthese korrespondierten vier Erwartungen, die an ein Narrativ geknüpft seien: 1. Das Narrativ sei selbst ein Bestandteil der Überwindung der Krise. 2. Emotionen seien wichtiger als Kausalitäten. 3. Dem Narrativ wohne das Angebot einer neuen Identität inne sowie 4. die Möglichkeit, dass alles hätte anders sein können bei gleichzeitiger Fixierung des tatsächlichen Verlaufs (vgl. S. 188). Breithaupt analysiert das kollektive Narrativ des 11. Septembers und destilliert daraus „die therapeutische Dimension von kollektiven Krisen-Narrativen“ (S. 193). Das eigentliche therapeutische Narrativ pfropfe sich auf das Narrativ des Krisenereignisses und gebe diesem erst seine Form.

Zu Ende des Kapitels befasst sich Breithaupt mit einem zukünftig eventuell entstehenden Corona-Narrativ.

Identität als Pathologie – so ist Kapitel 6 überschrieben, in dem der Autor die Aufmerksamkeit auf die kognitiven Operationen lenkt, mit deren Hilfe eine Figur bzw. ein Individuum entsteht, das Teil einer Narration ist. Drei mentale Operationen, für die man nur einen geringen kognitiven Aufwand benötige, seien dabei von großer Relevanz: „das Spielen von Figuren (playability), das Tracken von Individuen und das Rechtfertigen ihrer Handlungen“ (S. 211). Der Begriff der Spielbarkeit sei übertragbar auf „narrative Figuren und verinnerlichte Mitmenschen, von denen man sich gedanklich ausmalen kann, wie und was sie in bestimmten Situationen tun, sagen oder empfinden könnten“ (S. 213).

Da wir meist mitten in eine Erzählung getaucht seien, „uns stets nur an einem einzigen Punkt der Erzählung befinden, erwägen und erleben wir viele mögliche und sogar unmögliche Versionen einer Geschichte, in denen eine Vielzahl an Ereignissen stattfindet, die sich von der tatsächlich eintretenden Geschichte am Ende deutlich unterscheiden“ (S. 244 f.). Konsequenterweise fokussiert Breithaupt in Kapitel 7 (Multiversionale Wirklichkeit, vielschichtige Narrationen) zunächst Antizipationen, bevor er auf der Grundlage des „Phänomens der Spannung“ auf „die Idee der Multiversionalität“ zu sprechen kommt.

Im narrativen Denken erschlössen sich uns Möglichkeitsräume, wir seien „immer in der Mitte einer Geschichte“, in jeder Narration eröffne sich „mentale Vieldimensionalität“. Das narrative Gehirn sei immer in jenen Momenten besonders aktiv, in denen „Vorhersagen nicht sofort reduziert werden müssen und auch entgegengesetzte Vorhersagen unterhalten werden können, sodass die Fiktionalität oder ‚Mentalität‘ der Versionen zu Tage tritt“ (S. 261).

In seinem letzten Kapitel (8: Evolution des narrativen Gehirns: Die Bühne als Geburtsort der Bewusstseinsmobilität) wagt Breithaupt einen Blick auf die Genese des „mobilen Bewusstseins“ bzw. auf das, was auch mit „Transportation“ (Psychologie), „Immersion“ (Narratologie) oder „Simulation“ (virtuelle Realität) bezeichnet wird (vgl. S. 264). Er regt an, die kulturelle Evolution von Bewusstseinsmobilität „in der Entwicklung von Bühnen zu verorten, verstanden im weiten Sinne als Schauplätze der Vorführung für andere, die vielleicht bereits seit einigen hunderttausend Jahren unser Gruppenverhalten geprägt haben könnten“ (S. 266). Auf Bühnen aktiviere sich eine „kollektive Aufmerksamkeitsfokussierung“ (ebd.). Unter den drei Bedingungen der „joint attention“ (geteilte Aufmerksamkeit), der „bewussten Täuschung oder Inszenierung für die anderen“ und der „Kultivierung einer rezeptiven Haltung der Beobachter“ (S. 270 f.) entstehe „kollektive Empathie“. Dabei müsse man sich in erster Linie fragen, wie die Vorführenden „zur Projektionsfigur der mentalen, mobilen Identität des Beobachters“ (S. 171) werden konnten.

In seinem Ausblick plädiert Breithaupt für einen Auszug aus der narrativen Unmündigkeit. Obwohl narratives Denken zurzeit mit Fake News und Extremismus in eine Ecke gestellt werde und Geschichten wohl einen perniziösen Einfluss auf unser Leben haben könnten, seien Bedenken hinsichtlich einer „Narrationsarmut“ oder eines „Narrationsunmuts“ (S. 292) weitaus begründeter. Narratives Denken sei dynamisch und weise zwei einander entgegengesetzte Tendenzen auf. Feste Episoden mit Anfang, Mitte und Ende sowie einer emotionalen Belohnungsstruktur seien in einem Balanceakt mit dem Denken in einer Vielzahl von virtuellen Räumen zu sehen. Abgeschlossenheit und Offenheit rivalisierten, denn „wer narrativ denkt, will etwas zu Ende bringen und zugleich alle Alternativen mitbedenken und miterleben“ (S. 294). Alternativen zum narrativen Denken (z.B. rational-kausales Denken, Denken in festen Identitäten (vgl. S. 297) entwickelten sich aus dem narrativen Denken oder leiteten zu ihm hin.

Seine Sorge in puncto Erzählen beziehe sich auf „den Verlust des aktiven Erzählens und das Fehlen einer Kultur des Erzählens“ (S. 298). Die Abundanz an Erzähl-Angeboten treffe auf das Schreckgespenst der narrativen Verarmung. Doch auch neue Medien und Social-Media-Plattformen seien zu befürworten, weil auch sie die Öffnung zur Pluralität zuließen (vgl. S. 298).

Diskussion

So breitgefächert und divers die Samples, auf die Breithaupt seine Experimente und Analysen stützt, so systematisch und stringent gibt sich nahezu immer seine Vorgehensweise. Bereits die Einleitung punktet mit einem ausführlichen Streifzug durch Fragen und Grundannahmen rund um Narrationen und Narrative. Dieser adäquate und vielversprechende Auftakt antizipiert das Kommende, aber nicht so, dass auf die Kapitel hingewiesen werden würde, in denen diese Begriffe eine prominente Rolle spielen. Dies wäre ein zusätzlicher Vorteil gewesen.

Alle Makro- und Mikrotransitionen im Verlauf seines Textes meistert Fritz Breithaupt sehr geschickt: mit Zusammenfassungen am Kapitelende gewährleistet er die Kohärenz der einzelnen Teile und mit Zwischenresümees gelingt ihm die interne Strukturierung eines Kapitels. Zu begrüßen ist ebenso, dass er in der Mitte seiner Ausführungen, zu Beginn des vierten Kapitels, mit dem, was er „zwei starke Vermutungen“ (S. 137) nennt, einen Zwischenstopp einlegt.

Wenn vom „narrativen Gehirn“ die Rede ist, erwartet man wohl eine prononciertere neurowissenschaftliche Perspektive auf die behandelten Fragestellungen. Diesbezüglich positioniert sich Breithaupt von Anbeginn an sehr deutlich, indem er unterstreicht, dass man viel zu wenig über das Gehirn wisse, um „aus der Gehirnarchitektur oder der Beschaffenheit von Synapsen Rückschlüsse auf optimale Narrationen zu ziehen oder auf die Art und Weise, wie wir Sinneseindrücke in Narrationen umwandeln“ (S. 37). Und dennoch: man hätte sich wünschen dürfen, dass der Autor sich mehr auf das sicher ab und an spekulative Terrain der Neurowissenschaften begeben hätte und zwischen „narrativem Gehirn“ und „narrativem Denken“ ein Feintuning festzustellen gewesen wäre.

Die Trennschärfe zwischen Fiktion und Wirklichkeit, mit anderen Worten zwischen im weitesten Sinne „schöngeistigen“, fiktionalen Erzählungen einerseits und jenen, die uns im Alltag begleiten andererseits, bleibt weitestgehend gewahrt. Dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass die Differenzierung beim Fortschreiten der Überlegungen ein bisschen schwächelt.

Während Kapitel 1 in jeder Hinsicht vorzüglich ist, wirken die Reflexionen zu Narrationen in Kapitel 2 leicht reduzierend. Da zusätzliche Ausführungen zum sehr breiten und in allen Kulturwissenschaften rege diskutierten Feld der Narratologie sicherlich den Rahmen eines interdisziplinären Ansatzes gesprengt hätten, ist die diese Ökonomie nur allzu verständlich.

Warum ausgerechnet die Märchen der Brüder Grimm zwischen Bartletts Experimenten zur Kausalität und den von Breithaupts Forschungsgruppe durchgeführten seriellen Reproduktionen behandelt werden, mag auf den ersten Blick verwundern. Beim Lesen offenbart sich aber sehr schnell, wie geschickt Breithaupt den Spagat zwischen dem Motiv der Verwundbarkeit aus den Grimm’schen Märchen und den emotionalen Implikationen iterativen Nacherzählens managt. Bemerkenswert ist insbesondere der Brückenschlag von der Vulnerabilität hin zu Mikroaggressionen des 21. Jahrhunderts, hin zu larvierten Formen der Herabwürdigung und Ausgrenzung, wie sie sich in den vielfältigen Ausprägungen des Alltagsrassismus spezifizieren.

Nach diesem Kapitel (3), unumstrittenes Herzstück des Buches, prozediert der Autor sehr sicher auf dem komplizierten Gebiet der emotionalen Belohnung, die aus Geschichten resultiere. Facettenreiche Beispiele, einige literarisch, einige aus dem Alltag, tummeln sich in Kapitel 4. Zwar hätte den literarischen Bezugnahmen eine intensivere narratologische Grundierung gutgetan, der gesamten Analyse aber einen anderen Twist verliehen, weil sie – so ist zu folgern – eher interpretierend geworden als vorwiegend empirisch geblieben wäre. Breithaupt fährt thematisch eine breite Palette an Emotionen auf, deren Exemplarität er zu Recht hervorstreicht. Er nuanciert diese hinreichend und akzentuiert die Unterschiede zwischen ihnen.

Im an sich hervorragenden Kapitel 6 kann man sich gleichwohl des Eindrucks nicht erwehren, dass Breithaupt den Begriff der „Figur“ ausnahmslos auf Personen anwendet, die in Erzählungen, egal welcher Art, vorkommen und agieren. Die drei mentalen Operationen des Spielens und des Trackens von Figuren sowie das Rechtfertigen ihrer Handlungen (vgl. S. 211) werden zwar auf gewohnt vortreffliche Weise präsentiert, dieser Analyse ist nichts hinzuzufügen, trotzdem bleibt einiges Theoretische rund um Figur ungesagt und opak. Hier müsste man unbedingt nachschärfen. Darüber hinaus hätte man im Kontext der Festschreibungen „pathologischer Identitäten“ die politische, aktuelle Dimension, die angerissen wird, vertiefen können.

Die Spannung steigt, wenn es um das Thema Spannung und die Frage geht, wie Rezipient*innen dem Ende einer Erzählung entgegenfiebern und sich bis dahin ihre eigenen Versionen ausmalen. Auch mit der Darstellung von Multiversionalität überzeugt Breithaupt, obschon Experimente aus seinem „Experimental Humanities Laboratory“ oder zumindest Hinweise auf ein zukünftiges Forschungsdesign bereichernd gewesen wären. Gerade im Umkreis der Multiversionalität hätte sich ebenso ein Mini-Exkurs zu „Fandoms“ angeboten, weil es gerade in ihnen um das Weiterspinnen einer Geschichte und das Austarieren unendlich vieler narrativer Möglichkeiten geht.

Wie überbordend und wie implikationsreich der Zirkelschlag ist, den Breithaupt unternimmt, führt Kapitel 8 erneut eindrücklich vor Augen. Dass er die Genese des narrativen Denkens, eines Denkens, das sich in letzter Konsequenz in die Großgattung der Epik einreiht, in einem anderen Teil der Großgattungstrias, dem Drama, verortet, ist vollumfänglich nachzuvollziehen. Aber weil erneut ein unüberschaubar weites Areal betreten wird, kommen Fragen auf: wo bleiben das aristotelische Konzept der Katharsis, die berühmte Reinigung von Furcht und Mitleid durch Furcht und Mitleid, oder überhaupt Wirk- und Rezeptionstheorien etwa aus dem Bereich der Tragödie und des bürgerlichen Trauerspiels. Ohne jeden Zweifel wäre all das schlichtweg zu viel geworden, aber ein paar spärliche Anmerkungen historischer Natur hätten ausgereicht.

Unter den Auspizien einer Parodie des berühmten Kant’schen Diktums von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ gelangt Breithaupt abschließend zum Paradoxon des Narrativen, das als Generator und Motor von Intensität eingestuft werden kann. Wer eine narrative Reflexion zum Abschluss führt und in demselben Maße eine ganze Phalanx von Alternativen in Betracht zieht, wird mit einem intensiven Leben belohnt. Wer Geschichten liebt, wird freudig zustimmen können. Schade nur, dass auch hier lediglich ein ultrakurzer, mithin wunderbar treffender Blick auf das Ästhetische integriert wird.

Zu erwähnen ist des Weiteren, dass in manchen Textpassagen nicht gegendert wird. Ab und an zieht der Autor den „Gender-Doppelpunkt“ heran, an anderen Stellen kommen männliche und weibliche Formen nebeneinander vor oder auch nur männliche bzw. einmal weibliche, was aber kaum mit dem im Englischen mitunter gebräuchlichen Alternieren von Maskulinum und Femininum identisch sein dürfte. Hinzu kommt, dass die Druckfahnen etwas genauer hätten Korrektur gelesen werden müssen. Einige Flüchtigkeitsfehler hätten damit vermieden werden können.

All diese, im Wesentlichen minimalen, meist der Komplexität des Themas zu schuldenden Kritikpunkte tun der exzellenten Qualität der vorliegenden Publikation keinen Abbruch. Als Wanderer zwischen den Disziplinen ist Breithaupt nicht zuletzt methodisch divers unterwegs, faszinierend und brillierend mit der summa summarum höchst geglückten Volte zwischen Literatur-, Kultur und Kognitionswissenschaften.

Viele der Kriterien, die Breithaupt für gute Narrationen ausmacht, sind in seinem eigenen Buch zu finden: es ist sprachlich gefällig, dabei aber nicht einfach, wenn er sich z.B. Bildern bedient, die Emotion etwa zu unserer „Karotte“ mutiert, „der wir nachjagen, wenn wir uns in einen narrativen Strang begeben“ (S. 185). Aufgrund ihrer Strukturierung und ihrer stilistischen Attraktivität lädt die Ausarbeitung zum Nacherzählen ein. Sie bietet das berühmte Horaz’sche „prodesse et delectare“ – die wissenschaftlich fundierte Metanarration bringt also Nutzen und Freude gleichermaßen.

In den breiten thematischen Bogen fügt sich zudem sowohl Biografisches als auch Politisches ein. Mit wohldosierten Anekdoten aus seinem eigenen Leben verleiht Breithaupt seinen Sätzen eine gewisse Lockerheit, ohne dass sie dabei der Wissenschaftlichkeit verlustig gehen. Beim Persönlichen ist immer auch ein Quäntchen Ironie zu spüren, das profunder Ernsthaftigkeit weicht, wenn der Autor über den Tellerrand seiner Disziplinen hinweg die politische Relevanz von Narrationen und Narrativen skizziert. Diese kommt nicht nur den a priori als kollektiv zu definierenden Narrativen zu, sondern genauso den Festlegungen von Identität, Etikettierungen und kognitiven Verzerrungen, zu denen sich eine Myriade historisch gewachsener und tradierter individueller Narrationen addieren können.

Fazit

Fritz Breithaupt hat mit „Das narrative Gehirn“ eine absolut lesenswerte, in hohem Maße anschlussfähige Forschungsarbeit vorgelegt, die transdisziplinär gewinnbringend gelesen werden kann. Indem er neuro- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse kombiniert, verdeutlicht er, dass Narrationen und Narrative wesentlich für Menschsein und Menschlichkeit sind.

Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Es gibt 35 Rezensionen von Anne Amend-Söchting.

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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 26.09.2022 zu: Fritz Breithaupt: Das narrative Gehirn. Was unsere Neuronen erzählen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2022. ISBN 978-3-518-58778-2. Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783518297964 . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29523.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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