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Ben Westhoff: Fentanyl

Rezensiert von Prof. Dr. Carl Heese, 30.08.2022

Cover Ben Westhoff: Fentanyl ISBN 978-3-7776-2852-3

Ben Westhoff: Fentanyl. Neue Drogenkartelle und die tödliche Welle der Opioidkrise. Hirzel Verlag (Stuttgart) 2021. 264 Seiten. ISBN 978-3-7776-2852-3. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Autor

Ben Westhoff ist ein amerikanischer Investigativ-Journalist. Er hat sich ein hohes Ansehen mit seinen Recherchen in den Randzonen der amerikanischen Gesellschaft erarbeitet.

Inhalt

In der Einleitung erzählt Westhoff von zwei jungen Leuten, die nach Heroin und anderen Drogen an Fentanyl geraten sind. Einer von beiden stirbt an einer Überdosierung. Im Anschluss daran erzählt Westhoff die Geschichte von zwei Dealern, die mit dem Handel im Darknet ihr Geschäft machen. Im Zusammenhang damit umreißt er die Opioidkrise in den USA und in anderen Ländern. Hier steht Fentanyl als das am meisten verbreitete synthetische Opioid im Mittelpunkt der aktuellen Drogenwelle. Westhoff datiert die erste der jüngeren Drogenwellen auf die 1980er Jahre, hier stand Crack im Mittelpunkt, diese Welle wurde ab 2000 von einer mit Cristal Meth abgelöst und um 2010 standen dann Oxycodon und Heroin im Zentrum. Ab etwa 2015 breitet sich nun der Konsum von Fentanyl rasant aus und überbietet mit seinen verheerenden Folgen alle Vorläufer. Fentanyl ist ein hochpotentes synthetisches Opioid, das schon lange als Schmerzmittel eine legale Verwendung hat. Für Heroinabhängige ermöglicht es aber ein Euphorisierung, die nach längerem Gebrauch von Heroin allein ausbleibt. Aufgrund der minimalen Menge, die für einen Tripp benötigt wird, ist Fentanyl äußerst schwer zu dosieren, sodass es sehr leicht zu Todesfällen durch Überdosierung kommt. Der Autor schätzt, dass von den 68000 (!) Opfern einer Überdosierung in den USA im Jahr 2018 32000 überwiegend auf das Konto von Fentanyl gehen. Diese extreme Sterberate wurde von keiner der vorangehenden Drogenwellen erreicht. Insgesamt sinkt aktuell in den USA die Lebenserwartung unter anderem aufgrund dieser Welle.

Westhoff beschreibt dann weiter, wie er das Thema seines Buches erschlossen hat. In einer mehrjährigen Arbeit führte er mit Abhängigen sowie Dogenarbeitern, -beauftragten, -kontrolleuren und -fahndern auf allen Ebenen über 160 Interviews. Er nahm Kontakt zu Online-Händlern im Darknet auf und ging den Produktionswegen des Fentanyls mit Undercover-Recherchen in China nach.

Teil I geht kurz auf die Vorgeschichte der aktuellen Opioid-Welle ein und blickt dabei bis zu der Drogengesetzgebung in den USA zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zurück. Die vorletzte Opioid-Welle begann mit der erfolgreichen Vermarktung des angeblich harmlosen Oxycodons durch die Firma Purdue, des Pharmakonzerns der berüchtigten Familie Sackler. Die Folgen dieser Welle werden immer noch juristisch aufgearbeitet. In Prozessen, die denen gegen die amerikanische Tabakindustrie vergleichbar sind, wurde Purdue zu einer Multimillionen-Dollar-Strafe verurteilt. Der Schwerpunkt des Abschnitts liegt dann aber auf der Vorstellung der Entwicklung von Fentanyl und anderer synthetischer Drogen. Dabei geht die Darstellung meist von den Persönlichkeiten aus, die hier im wissenschaftlichen und im illegalen Bereich maßgeblich aktiv waren.

Die erste Persönlichkeit in dieser Reihe ist der Chemiker Paul Janssen, der 1959 das Fentanyl als Morphinderivat synthetisierte. Mit ihm als besonders wirkungsvollem Schmerzmedikament wurden der Medizin neue Möglichkeiten der Behandlung erschlossen. Das Abhängigkeitsrisiko, das mit dem Stoff verbunden ist, wurde aber auch sehr schnell erkannt. Nach dem bis heute anhaltenden, auch kommerziellen Erfolg mit Fentanyl entwickelte Janssen weitere Analogstoffe. Einer davon gelangte auf dubiosen Wegen in den Drogenhandel und wurde als „China White“, angeblich ein besonders reines Heroin, verkauft. Es war schon Ende der Siebzigerjahre für eine Serie von Todesfällen verantwortlich. Als chemische Variante von Fentanyl war der Stoff zunächst nicht verboten, was seine Eindämmung sehr erschwerte. Dass die Kriminalisierung mit den Neuentwicklungen aus den Laboren kaum Schritt halten kann, ist ein Muster, das sich hier zum erstem mal zeigte.

Weiter wird der Drogenkoch George Marquardt, eines der Vorbilder für die Figur des Walter White, vorgestellt. Die Folgen seiner illegalen Entwicklungen werden mit denen von Thomas Riley kontrastiert. Riley war Professor für medizinische Chemie und entwickelte einen weiteren patentierten Fentanyl-Analogstoff, der in Russland als chemisches Kampfmittel eingesetzt wurde und in Osteuropa eine starke Verbreitung als Droge fand.

Sascha Shulgin entwickelte und probierte als „Psychonaut“ eine Unzahl von psychoaktiven Substanzen. Er synthetisierte das MDMA, das als Ecstasy Eingang in die Technoszene fand, das aber auch als psychotherapeutisches Mittel aktuell intensiv diskutiert wird, da MDMA die Amygdala, das Angstzentrum, betäubt und so eine wirkungsvolle Traumatherapie ermöglicht. Er verfasste Bücher über seine Versuchsreihen, die als Kochbücher in Drogenlaboren weltweit Verwendung fanden.

John Huffmann verwendete sein gesamtes Forscherleben darauf, synthetische Cannabinoide wie K 2 zu entwickeln. Aus seinem Labor kamen mehr als 400 dieser Stoffe, von denen viele Partydrogen geworden sind. Wegen der Hoffnung auf innovative Arzneimittel wurde seine Arbeit mit Millionen an Forschungsgeldern unterstützt.

Bei dieser Vorstellungsrunde zu den Erfindern und deren Produkten belegt Westhoff die These, dass die Entwicklung synthetischer Drogen durch das Verbot oder einen Mangel von bereits eingeführten Stoffen vorangetrieben wird. Ein besonderes Augenmerk hat der Autor zudem auf den Übergang von wissenschaftlichen Entwicklungen aus den Laboren in den illegalen Bereich der Drogenherstellung und des Vertriebs. Er sieht einen Konflikt zwischen legaler Forschung und illegaler Drogenproduktion.

Teil II stellt „Konsumenten und Dealer“ vor. Er beginnt mit dem sozialen Wandel und der Entwicklung der Drogenszene in St. Louis, Missouri, einer Stadt im Niedergang. Erzählt wird die Drogenkarriere einer Person mit dem Pseudonym Jack Sanders. Dieser war über zehn Jahre heroinabhängig und berichtet, wie seine Freunde mit dem Aufkommen von Fentanyl „wie die Fliegen“ wegstarben. In der überschaubaren Region St. Louis stieg mit der Verbreitung von Fentanyl die Zahl tödlicher Drogenunfälle auf über 1000 im Jahr 2018.

Neben den Konsumenten interessieren Westhoff die Anbieter und deren Vertriebswege. Er berichtet von den Kontakten, die er zu Dealern aufgenommen hat. Sie agieren im Darknet unter Namen wie „Desifelay1000“, „U4IA“ oder „high_as_fxck-GER“ und verschicken Fentanyl und andere Drogen einfach per Post. Zum Teil finanzieren sie damit die eigene Abhängigkeit. Das Risiko der Entdeckung ist trotz der Kontrollmaßnahmen gering, der gigantische Warenstrom im Versandhandel kann auch mit hochmoderner Aufspürtechnik nicht ausreichend kontrolliert werden.

Die Händler beziehen ihre Ware von Zulieferern aus China. Hier beziehen auch die Drogenkartelle die Grundstoffe des Fentanyls. Die Kartelle haben mittlerweile die Vorteile der synthetischen Drogen erkannt, die nicht mehr landwirtschaftlich erzeugt werden müssen und aus wenigen Grundstoffen, die aus China importiert werden können, relativ einfach herzustellen sind. Westhoff beschreibt, wie die Vertriebsorganisation sich den Kundenwünschen anpasst. Da die Bewohner der amerikanischen Vorstädte die Drogen wie die Pizza geliefert bekommen wollen, integrieren sich die Drogenhändler in die amerikanischen Suburbs, um in den Sozialmilieus ihrer Kunden unauffällig präsent zu sein.

Teil III „Die Quelle“ berichtet von ausführlichen Recherchen, die der Autor in China unternommen hat. Hier gibt es illegale, halblegale und legale Produzenten synthetischer Drogen oder ihrer Vorläuferstoffe. Eine Reihe von Unternehmen hat sich auf Fentanyl-Vorläufer und Anabolika spezialisiert, die zwar im Westen illegal, in China aber legal sind. Die Produktion läuft industriell und ist nicht mit der Herstellung in illegalen Untergrund-Drogenküchen zu vergleichen. Sie erfolgt wie bei der Firma Yuancheng in Chemiefabriken, die als Hochtechnologie-Unternehmen eine besondere staatliche Förderung erhalten. Bei der relativ einfachen Kontaktaufnahme über das Internet gab sich Westhoff als Vertreter aus, der für einen Händler in den USA Verbindungen aufbauen und die Produktionsstätten in China inspizieren sollte. Er hatte in mehreren Fällen damit Erfolg. Seine Geschäftspartner betonten häufig, dass sie sich in einem legalen Rahmen bewegen, da die Stoffe, die in ihren Betriebsstätten hergestellt werden, in China nicht verboten seien. Gleichwohl ist ihnen bewusst, dass es sich um Vorläuferstoffe für den Drogenmarkt in den USA und anderswo handelt. Und nach der Deklaration einiger Vorläuferstoffe als illegal waren die Geschäftspartner dennoch zu weiteren Lieferungen bereit. Westhoff versucht auch die Rolle der chinesischen Regierung bei der Drogenproduktion zu bestimmen. Letztlich bleibt es aber unklar, ob die Produktion ernsthaft bekämpft oder bewusst geduldet wird oder sogar außerhalb der Kontrollmöglichkeiten der Zentralregierung liegt. Trotzdem sieht er einen neuen Opiumkrieg, diesmal mit umgekehrten Machtverhältnissen. Deprimierend ist schließlich der Ausblick auf eine mögliche positive Entwicklung. Selbst wenn die chinesische Regierung ernsthafte Restriktionen durchsetzen würde, so stünde eine leistungsfähige Chemieindustrie in Indien bereit, die ihrerseits mit Tramadol ein vergleichbares Geschäft weiter ausdehnen würde, das derzeit nur durch die Konkurrenz Chinas auf einem niederen Niveau gehalten wird.

Im Teil IV „Ein neuer Ansatz“ werden die Versuche der amerikanischen Eindämmungspolitik als gescheitert resümiert. Sie führten vor allem zu weiterer Diversifikation von synthetischen Rauschmitteln. Es sei an der Zeit, den unter Präsident Nixon begonnenen und seither fortgesetzten Krieg gegen die Drogen zu beenden. Die Drogenabhängigkeit sei zu entkriminalisieren, als Krankheit anzuerkennen und zu behandeln. Im letzten Abschnitt berichtet Westhoff von Initiativen und Modellen, die auch für amerikanische Verhältnisse wegweisend sein könnten. Er stellt u.a. Initiativen vor, die auf Festivals Testangebote zur Überprüfung der Reinheit von feilgebotenen Stoffen machen, er berichtet von spanischen Einrichtungen, in denen saubere Spritzen ausgegeben und Konsumräume vorgehalten werden und er diskutiert die Ausgabe von reinem Heroin an langjährig Drogenabhängige in der Schweiz.

Diskussion

Das Buch schildert Entstehung, Ausmaß und Bedingungen der Fentanyl-Krise in den USA und zeigt im Zusammenhang damit die rasante Entwicklung der synthetischen Rauschmittel. Es basiert auf einer umfangreichen engagierten und auch mutigen Recherche, die tief ins Dunkelfeld hineingeführt wurde. Dabei werden zwar Entwicklungen in vielen Teilen der Welt angesprochen, der Schwerpunkt der Darstellung liegt aber eindeutig auf den Vereinigten Staaten. Es besteht immer wieder die Sorge, dass in den USA das Zukunftsszenario für deutsche Verhältnisse zu sehen ist. Einstweilen sind aber die Unterschiede zwischen mitteleuropäischen und amerikanischen Verhältnissen noch sehr deutlich. Zwar steigen auch hierzulande die Verschreibungen von Opioiden und auch der Gebrauch von synthetischen Drogen, aber die Erfahrung einer von einem kaum regulierten Markt befeuerten Drogenwelle, die durch die Verschreibungspraxis im Gesundheitssystem hervorgerufen wurde, ist eine spezifisch amerikanische.

Dennoch lässt sich aus dem Buch einiges auch für deutschsprachige Leser lernen. Es bietet einmal einen Überblick über die Entwicklung der synthetischen Rauschmittel, die so zahlreich sind, dass der Anhang am Ende des Buches mit einer Übersicht über die angesprochenen Stoffe wirklich hilfreich ist. Man kann dort immer wieder einmal nachblättern und sich vergegenwärtigen, von was für Stoffen gerade die Rede ist. Und dann zeigt das Buch (einmal mehr) die Grenzen der restriktiven Drogenpolitik, die häufig zum Hase-und-Igel-Spiel zwischen kriminalisierenden Gesetzgebern und innovativen Rauschgiftproduzenten gerät. Westhoffs Einschätzung, dass der Krieg gegen die Drogen gescheitert ist, wird inzwischen von immer mehr Akteuren geteilt. Die vorgestellten Modelle einer Drogenarbeit auf neuen Wegen werden allesamt auch für deutsche Verhältnisse diskutiert. In diesem Zusammenhang ist die Darstellung von Westhoff zu den Schwierigkeiten der staatlichen Eindämmungsbemühungen aktuell sehr hilfreich. Schließlich sind auch die Einblicke in die frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen in den chinesischen Fabriken, die die Recherchen dort auch ergeben haben, ein zusätzlicher Gewinn.

Die Darstellung ist insgesamt sehr personenbezogen, das entspricht einem journalistischen Stilideal. Die Biografien der Akteure, die Westhoff mit seinen Interviews eingefangen hat, sind auch besonders bunt und oft spannend. Insgesamt hätte mir aber eine weniger personalisierte Darstellung besser gefallen, vor allem wenn damit auch eine strukturiertere Sachdarstellung verbunden gewesen wäre. Der Grundaufbau des Buches mit seinen vier Teilen ist zwar klar und sehr gut nachvollziehbar, im Detail ist die Darstellung mitunter aber etwas verschlungen.

Eindrucksvoll sind die Proben der moralischen Beurteilung, die der Autor liefert. Er befragt gerade auch die illegalen Akteure nach ihren persönlichen Rechtfertigungen. Dabei macht er es sich mit deren Äußerungen aber keineswegs einfach, wenn er den passionierten Drogenkoch neben den etablierten Pharma-Ingenieur stellt. Auch bei der Einschätzung der Rolle der chinesischen Regierung für die Drogenproduktion zeigt sich eine genau abwägende Umsicht. Hier lässt er das widersprüchliche Bild, dass die chinesische Staatsführung abgibt, lieber stehen, als es zu einer griffigen Anklage zu verdichten.

Nicht zu vergessen ist schließlich, dass das Buch außerordentlich schön gestaltet ist. Der Hirzel-Verlag hat mit dem dezenten Zweifarbenkonzept eine ästhetisch sehr überzeugende Lösung für das Druckbild gefunden.

Fazit

Dem Autor ist ein spannendes Buch zur Entwicklung von Fentanyl und anderen synthetischen Drogen gelungen, das eine Reihe von Argumenten für eine flexible und pragmatische Drogenpolitik liefert.

Rezension von
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
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Es gibt 29 Rezensionen von Carl Heese.

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Zitiervorschlag
Carl Heese. Rezension vom 30.08.2022 zu: Ben Westhoff: Fentanyl. Neue Drogenkartelle und die tödliche Welle der Opioidkrise. Hirzel Verlag (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-7776-2852-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29537.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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