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Maria Künzli, Stefanie Christ: Fremdplatzierte Kinder verstehen

Rezensiert von Prof. Dr. Marius Metzger, 16.01.2023

Cover Maria Künzli, Stefanie Christ: Fremdplatzierte Kinder verstehen ISBN 978-3-7272-6091-9

Maria Künzli, Stefanie Christ: Fremdplatzierte Kinder verstehen. Stämpfli Verlag (Bern) 2022. 191 Seiten. ISBN 978-3-7272-6091-9. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 34,00 sFr.

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Thema

Das Buch „Fremdplatzierte Kinder verstehen“ will vor allem eines: Den Erfahrungsexpertinnen und Erfahrungsexperten eine Stimme geben. Im Vordergrund stehen daher weniger Beiträge verschiedener Fachexpertinnen und Fachexperten, sondern sogenannte „Porträts“ von Betroffenen. Diese Porträts zeichnen nicht den ganzen Lebensweg der ehemaligen Heim- und Pflegekinder nach, sondern geben kurze Einblicke in deren Geschichte und deren (Platzierungs-)Erfahrungen. Es zeigen sich dabei verschiedene Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede, die zum Nachdenken darüber einladen, welche Wirkungen Fremdplatzierungsentscheidungen haben können und was sich zukünftig ändern muss.

Herausgeber

Verfasst wurde das Buch von Maria Künzli und Stefanie Christ. Maria Künzli studierte Germanistik, Medienwissenschaft und Musikwissenschaft in Bern und Wien. Stefanie Christ studierte in Bern Kunstgeschichte und Medienwissenschaft.

Die Herausgeberinnen verfügen über langjährige und breite journalistische Erfahrungen in der Erarbeitung verschiedener Themen. Finanziert wurde das Buch über ein Crowdfunding-Projekt, welches von der IG „Fremdplatzierte Kinder verstehen“ angestoßen wurde. Die Initiative für das Buch stammt vom Atelier für Systemische Projekt- und Organisationsentwicklung sowie Supervision (ASPOS), die als Kollektivgesellschaft 1992 von Susanne Frutig und Urs Kaltenrieder gegründet wurde. Ein wichtiges Projekt von ASPOS ist das „Jugendhilfe-Netzwerk Integration“, das Kinder und Jugendliche in qualifizierten Partnerfamilien in einem ländlichen Gebiet platziert und diesen Kindern und Jugendlichen geeignete Bildungseinrichtungen vor Ort zugänglich macht. Eine rund um die Uhr verfügbare Fachstelle unterstützt und begleitet nicht nur die Kinder und Jugendlichen selbst, sondern auch Familie, Schule und Lehrbetriebe. Interessant ist an diesem Projekt insbesondere auch das Bestreben, in vom landwirtschaftlichen Strukturwandel stark betroffenen Berggemeinden aussichtsreiche Gemeinde- und Regionalentwicklung zu ermöglichen, unter anderem über die Schaffung von Nebenerwerbsmöglichkeiten für die Partnerfamilien. Auf dieses Jugendhilfe-Netzwerk wird im Buch immer wieder Bezug genommen, da verschiedene Akteure des Jugendhilfe-Netzwerkes zu Wort kommen wie etwa Susanne Frutig als deren Mitgründerin, Marc Baumeler als deren Verwaltungsratspräsident oder Ruth Staub als deren Ombudsfrau.

Inhalt

In den Porträts der ehemaligen Heim- und Pflegekinder zeigen sich verschiedene Gemeinsamkeiten wie etwa die Problematik der Wechsel von Platzierungsverhältnissen. Diese Wechsel gelingen nicht immer und werden von den Erfahrungsexpertinnen und Erfahrungsexperten als Brüche im Platzierungsverlauf erlebt, deren Integration in die eigene Biografie sich als Herausforderung erweist. Insbesondere dann, wenn die Wünsche und Anliegen der Kinder und Jugendlichen unberücksichtigt bleiben, scheinen solche Wechsel selten erfolgreich. Hoffnungsfroh stimmen dabei jene Fachpersonen, die sich für die betroffenen Kinder und Jugendlichen stark machen und solche Brüche zu vermeiden versuchen.

Neben solchen Gemeinsamkeiten laden die verschiedenen Porträts der Heimkinder insbesondere auch dazu ein, sich zu ganz unterschiedlichen Erfahrungen von Heim- und Pflegekindern Gedanken zu machen:

Im ersten Porträt von Martina Röthlisberger erfährt man von einer jungen Frau, die im Alter von zwei Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester in einem Kinderheim platziert wurde, was Familie und Herkunft für fremduntergebrachte Kinder mitunter bedeuten kann: Nicht nur die Ersatzfamilie des Kinder- und Jugendheims, sondern in ihrem Fall auch ein von außen etwas schwierig zu durchschauendes Beziehungsgeflecht zu sieben Halbgeschwistern mit deren Familien, einer leiblichen Schwester, zwei Pflegefamilien sowie den leiblichen Elternteilen. Daher antwortet Martina Röthlisberger auf die Frage nach Familie und Herkunft jeweils: „Ich erzähle es dir gern. Aber es dauert ein bisschen länger.“

Das zweite Porträt von Urs Kaltenrieder gibt Einblick in die Lebens- und Lerngeschichte eines innovativen Sozialpädagogen, der sich im Alter von 13 Jahren gewissermaßen selbst bei einer Pflegefamilie in einer ländlichen Gemeinde platzierte. Anlass für diese Platzierung war der Tod seiner Mutter und deren familiären Folgen, die sich dann auch nachteilig auf das schulische Lernen auswirkten. Dies erscheint wenig verwunderlich, denn wie soll Schulisches auswendig gelernt werden können, wenn inwendig schwerwiegende Verluste Verarbeitung einfordern? Die spätere Überwindung dieser Lernschwierigkeiten durch die Rückeroberung des Lernens als ein „Lernen durch Begreifen“ hat dann zu einer Begeisterung für alternative Lernwege geführt: „Gängige Lernpfade sind für mich problembehaftet, denn auf diesen habe ich ja meistens versagt. Das ist fest in mir verankert und hat mir ein lebenslanges Feuer für innovative Lösungen beschert“.

Im dritten Porträt von Vlora Sticher klingt in der Stimme einer erwachsenen Frau das kindliche Echo eines Mädchens nach, welches aufgrund unhaltbarer Zustände im Elternhaus bei liebevollen Pflegeeltern ein neues Zuhause erhalten hat. In diesem kindlichen Echo ist noch heute die Fassungslosigkeit über das behördliche Unvermögen auszumachen, die Auswirkungen der erzwungenen Elternbesuche aus kindlicher Perspektive betrachten zu können. Schließlich musste das zehnjährige Mädchen mit der Verweigerung der Pflichtbesuche bei den Eltern selbst jene Entscheidung treffen, die es für ein gesundes Aufwachsen braucht. Und für diese Entscheidung zahlte es einen hohen Preis: „Ich litt unter dem Verrat, den ich begangen hatte, und ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich wusste, dass es für meine Eltern schlimm war, ihr Kind nicht zu sehen. Aber es musste sein, damit ich Wurzeln schlagen konnte.“

Das vierte Porträt von Ruth Staub macht deutlich, dass die Schatten einer frühen Entwurzelung aus einer gelungenen Pflegefamilienplatzierung weit reichen und sich auch immer wieder auf die Seele der betroffenen Pflegekinder legen können. Ruth Staub durfte nach einem schwierigen Start ins Leben, ihre ersten Lebensjahre bei einer liebevollen Pflegefamilie verbringen. Leider musste sie nach diesen ersten, glücklichen Lebensjahren dann gegen ihren Willen zur leiblichen Mutter zurückkehren und damit ihren langdauernden Kampf mit den Schatten aufnehmen. Wie wichtig ihr diese ersten Lebensjahre respektive diese Verwurzelung war, umschreibt sie wie folgt: „Dass ich mein Leben einigermaßen meistern konnte, verdanke ich diesen sechs stabilen Jahren bei der Pflegefamilie“.

Im fünften Porträt von Gilli Pauli wird die Geschichte eines zehnjährigen Buben erzählt, der seinem bereits platzierten Bruder in ein Internat folgt, da ein Verbleib bei deren Mutter nicht mehr möglich war. Aufgrund einer Veränderung des Betreuungsverhältnisses im Internat zeigt sich, dass dessen Bruder eine andere Form der Unterbringung und Begleitung benötigt. Er wird bei einer Pflegefamilie platziert, in die ihm der Bruder einige Jahre später folgt. Der Fünfzehnjährige meistert auch diesen Übergang, lebt sich in die Pflegefamilie ein, findet Freunde und absolviert eine Berufslehre. Als Erwachsener gründet er zusammen mit seiner Frau seinerseits eine Familie und wird in der neuen Rolle als Familienvater wieder mit seiner eigenen Familiengeschichte konfrontiert. Einiges kann er nun nachempfinden, anderes wurde ihm noch unverständlicher als vorher: „Das hat die ganze Geschichte noch einmal in mir hochgekocht.“ Aber er meistert mit Unterstützung seiner ehemaligen Pflegeeltern auch diesen Übergang.

Das sechste Porträt von Zoey Stark zeichnet ein Aufwachsen unter entwicklungsfeindlichen Bedingungen in der Herkunftsfamilie nach, welches insbesondere durch Zurückweisung und Ablehnung geprägt war. In den verschiedenen Heim- und Pflegefamilienaufenthalten konnte der Wunsch nach Nähe nicht ausreichend befriedigt werden, da hier die professionelle Distanz ein unüberwindbares Hindernis dargestellt hatte: „Alle sprachen im System über die nötige Distanz. Dabei habe ich als Kind vor allem das gesucht, was ich zuhause nicht erfahren habe: Nähe.“ Diese Distanz hat ausgerechnet zu jenen Personen eine Beziehung verhindert, bei denen am meisten Geborgenheit vorhanden war.

Im Porträt von Thomas Woodtli, der als Dreijähriger in einem Heim und anschließend bei einer alleinerziehenden Pflegemutter platziert wurde, zeigen sich jene Herausforderungen besonders deutlich, die aus der gegenwärtig immer noch unbefriedigend gelösten Situation von Care Leavers entstehen: Beim Übergang von Heim oder Pflegefamilie in die Selbstständigkeit fehlt es den Care Leavers an der nötigen Unterstützung: „Meine Freunde, die bei ihren leiblichen Eltern aufwuchsen, hatten ein Auffangnetz. Sie wussten, dass ihre Eltern helfen könnten, falls beruflich etwas schiefläuft. Sie hatten ein Zuhause, in das sie notfalls zurückkehren konnten. Dieses Auffangnetz fehlt vielen Pflegekindern“. Zwar erhalten Care Leavers durch engagierte Pflegeeltern oder ehemalige Bezugspersonen durchaus Unterstützungsleistungen, aber diese Leistungen sind strukturell nicht verankert und deren Zurverfügungstellung bemisst sich daher an den Möglichkeiten der einzelnen, ehemaligen Care Givers.

Das letzte Porträt von Sergio Devecchi spürt dem Beben nach, das einem öffentlichen Bekenntnis zur eigenen Heimvergangenheit durch ein Heimleiter und der Forderung nach einer gesellschaftlichen Aufarbeitung der Heimgeschichte folgt: „Auch weil ich begonnen hatte, mich öffentlich für die Aufarbeitung der Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen zu engagieren, spürte ich plötzlich einen gewissen Druck, mich für eine Seite entscheiden zu müssen.“ Es scheint immer noch Fachpersonen zu geben, die eigene Platzierungserfahrung anderer Fachpersonen primär als Problem, denn als Chance erachten. Diese Fachpersonen scheinen zu vergessen, dass Fachlichkeit eben erst durch ein reflektiertes Handeln sowohl in Bezug auf die eigene wie auch die kollektive Handlungspraxis hergestellt wird und nicht durch das große Schweigen. Der Mantel des Schweigens wärmt niemanden und passt auch nicht mehr in unsere Zeit.

Gerahmt werden diese Porträts durch Interviews mit verschiedenen Fachpersonen. Marc Baumeler, Marina Marthaler, Konrad Steiner, Andrea Weik und Gianni Zarotti diskutieren Fragen der Schnittstellenproblematik, des Pflegekinderwesens und der Psychiatriesierung. Ergänzend wird zudem die Übergangsproblematik beim Austritt aus stationären Hilfen vertieft. 

Diskussion

Aus den verschiedenen Porträts lassen sich interessante Fragen ableiten, die an anderen Stellen fachlich bereits diskutiert werden. Es wäre daher interessant gewesen, eine zusammenfassende Übersicht über ebendiese Fachdiskurse zu geben. Aber dazu hätte wohl ein anderes Buch geschrieben werden müssen, welches dann auch Gefahr gelaufen wäre, die Fachperspektive auf Kosten der Erfahrungsperspektive zu übergewichten. Wichtig scheint, dass die aus den Porträts abgeleiteten Fragen nicht nur (aber natürlich auch) dazu führen, außerfamiliäre Platzierungen zu verbessern, sondern vielmehr auch als Impulsgeber für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung wirken.

So wird etwa im ersten Porträt aufgezeigt, was Familie für Martina Röthlisberger bedeutet. Dieses Familienverständnis steht nur auf einen ersten Blick im Kontrast zur biologischen «Normalfamilie» mit Vater, Mutter und Kinder: Wenn beispielsweise die Kinder dieser Familie zeitweilig in einer Tagesfamilie untergebracht sind, die Eltern nach einer ersten gemeinsamen Zeit getrennte Wege gehen, ein Kind von der Regelschule auf ein Internat wechselt usw., dann ist gar nicht mehr so klar, wie denn nun diese Familie bestimmt sein soll. Gehören die Kinder der Tagesfamilie auch zur Familie? Was ist mit dem neuen Partner der Mutter? Wie ist das Verhältnis zwischen den Institutionen Familie und Internat zu bestimmen? Diese Fragen zeigen auf, dass die Selbstverständlichkeit des Zustandekommens und des Fortbestandes von Familie in der heutigen Zeit längst nicht mehr so klar ist (und vielleicht auch gar nie war). Vielmehr kommt Familie als Herstellungsleistung durch Praktiken der beteiligten privaten und öffentlichen Akteure zustande. Die Herstellung eines eigenen Familienbildes müsste daher also die neue Normalität darstellen, da sich (moderne) Familien primär durch solche Herstellungsleistungen konstituieren. Die Abweichung von der «Normalfamilie» ist die neue Realität, das lehrt uns das Familienverständnis von Martina Röthlisberger.

Das Buch „Fremdplatzierte Kinder verstehen“ gibt dank der Porträts von Erfahrungsexpertinnen und Erfahrungsexperten einen kleinen Einblick in ganz unterschiedliche Platzierungsverläufe. Dank des mutigen und lauten Nachdenkens dieser Erfahrungsexpertinnen und Erfahrungsexperten über die eigenen Platzierungsverläufe, wird die Leserschaft dazu eingeladen, sich selbst Gedanken über Fremdplatzierungen von Kindern zu machen. Und Gedanken entstehen so viele. Zu hoffen ist, dass diese Gedanken, dann auch zu Taten führen. Heime und Pflegefamilien sollen sich für Kinder und Jugendlichen als lohnende Lebensorte bewähren, die dazu führen, dass zukünftig möglichst viele Kinder wie Martina Röthlisberger bilanzieren können: „Viele gehen davon aus, dass es einem Heimkind schlecht geht. Doch mir ging es die meiste Zeit eigentlich gut, ich hatte Glück.“

Fazit

Das Buch „Fremdplatzierte Kinder verstehen“ gibt Erfahrungsexpertinnen und Erfahrungsexperten eine Stimme, um so verschiedene Aspekte von Fremdplatzierungen aus Betroffenenperspektive zu beleuchten. Die Leserinnen und Leser werden so zum Nachdenken darüber eingeladen, welche Wirkungen Fremdplatzierungsentscheidungen haben können und was sich zukünftig ändern muss.

Rezension von
Prof. Dr. Marius Metzger
Verantwortlicher Kompetenzzentrum Erziehung, Bildung und Betreuung in Lebensphasen am Institut für Sozialpädagogik und Bildung der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
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Es gibt 16 Rezensionen von Marius Metzger.

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Zitiervorschlag
Marius Metzger. Rezension vom 16.01.2023 zu: Maria Künzli, Stefanie Christ: Fremdplatzierte Kinder verstehen. Stämpfli Verlag (Bern) 2022. ISBN 978-3-7272-6091-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29539.php, Datum des Zugriffs 07.02.2023.


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