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Rolf L. Jox: Rechtliche Aspekte der Suchthilfe

Rezensiert von Franziska Wächter, 05.09.2022

Cover Rolf L. Jox: Rechtliche Aspekte der Suchthilfe ISBN 978-3-17-028759-4

Rolf L. Jox: Rechtliche Aspekte der Suchthilfe. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 220 Seiten. ISBN 978-3-17-028759-4. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
Reihe: Sucht: Risiken - Formen - Interventionen
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Thema

Rechtliche Fragestellungen sind in der Arbeit mit suchtkranken Menschen zentral und können an unterschiedlichen Stellen eines Beratungs- und Unterstützungsprozesses auftreten. Im Erstkontakt, in dem eine schnelle Lösung zur Existenzsicherung gefunden werden muss; in der längerfristigen Beratung, in der Fragen der Schuldenregulierung auftauchen; bei der Therapievorbereitung und der Prüfung der versicherungsrechtlichen Voraussetzungen; während einer Krisenintervention im familiären Kontext; bei der Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt – die Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen. Vorliegender Band beleuchtet für die Arbeit mit suchbetroffenen Menschen ausgewählte Rechtsgebiete vor dem Hintergrund der aktuellen Rechtsprechung. Besonderheiten des Suchtkontextes werden in ihrer Relevanz für rechtliche Fragestellungen herausgearbeitet und anhand von Fallbeispielen verdeutlicht.

Autor

Rolf L. Jox ist seit 1997 Professor der Rechtswissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Er ist Studiengangsleiter im Masterstudium „Suchthilfe/​-therapie“ und bildet seit vielen Jahren Studierende für Tätigkeiten in der sozialen Praxis aus. Besondere Schwerpunkte seines Lehrgebiets sind das Familien- und Arbeitsrecht sowie das Kinder- und Jugendhilferecht.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist Bestandteil der von Oliver Bilke-Hentsch, Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank und Michael Klein herausgegebenen Reihe „Sucht: Risiken – Formen – Interventionen: Interdisziplinäre Ansätze von der Prävention zur Therapie“. Ziel der Reihe ist es, aus einer interdisziplinären Perspektive die neuesten Erkenntnisse der Suchtforschung und Entwicklungen im Praxisfeld der Arbeit mit suchtgefährdeten und suchtkranken Menschen zu bündeln und Praktiker*innen zur Verfügung zu stellen.

Aufbau

Das Werk gliedert sich in acht Kapitel. Nach einer Einleitung im ersten Kapitel werden im zweiten Kapitel Suchthilfe, Beratung und Therapie in ihrer Begrifflichkeit bestimmt und voneinander abgegrenzt. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit strafrechtlichen Aspekten vom Ermittlungsverfahren über das Gerichtsverfahren bis hin zum Straf- und Maßregelvollzug. Mit dem Familienrecht und dem Thema „Verschuldung“ findet im vierten Kapitel eine Einführung in zivilrechtliche Fragestellungen statt. Das fünfte Kapitel beleuchtet ausgewählte kinder- und jugendhilferechtliche Aspekte unter besonderer Berücksichtigung der Kindeswohlgefährdung und der Rolle der Suchthilfe im Kinderschutz. Das Sozialrecht wird im sechsten Kapitel in den Blickpunkt genommen. Die Existenzsicherung, die unterschiedlichen Kostenträger einer Suchtbehandlung und verfahrensrechtliche Gesichtspunkte werden ausgearbeitet. Im Fokus des siebten Kapitels steht die ausländerrechtliche Situation von EU-Bürger*innen und von Angehörigen eines Drittstaats, wobei die Auswirkungen auf bereits thematisierte Rechtsgebiete betrachtet werden. Es wird auch thematisiert, welche Folgen Suchtverhalten für den Aufenthaltsstatus haben kann. Mit einem Fazit im achten Kapitel endet der Band.

Inhalt

In einer kurzen Einleitung umreißt der Autor die rechtlichen Dimensionen, denen in der Suchthilfe begegnet werden kann und weist auf die zentrale Bedeutung der Beleuchtung rechtlicher Aspekte in diesem Praxisfeld hin. Daran anschließend stellt er die inhaltliche Gliederung seines Werks vor.

Im zweiten Kapitel setzt sich der Autor zunächst mit der Bedeutung der Begriffe „Suchthilfe“ und „Sucht“ auseinander, wobei er wie auch bei der Beschäftigung mit dem Begriff der „Beratung“ die fehlenden gesetzlichen Definitionen anmerkt. Nach einer Abgrenzung der Interventionspraktiken „Beratung“ und „Therapie“, widmet sich der Autor ausführlicher der Frage, welche Personenkreise in der Suchtberatung und der Suchtbehandlung tätig werden dürfen. Dabei betrachtet Rolf L. Jox die gesetzlichen Rahmenbedingungen von Beratungstätigkeiten in rechtlichen Zusammenhängen sowie die Suchtbehandlung durch Suchttherapeut*innen.

Die Relevanz strafrechtlicher Aspekte in der Suchthilfe, wird einleitend im dritten Kapitel verdeutlicht. Zunächst beleuchtet der Autor im ersten Teil des dritten Kapitels „Strafbarkeit“ (3.1) die Voraussetzungen strafbaren Verhaltens, wobei besonders auf die Auswirkung von Suchtmittelkonsum auf die Schuldfähigkeit eingegangen wird. Es werden im Speziellen und gesondert Aspekte der Strafbarkeit anhand ausgewählter Substanzen (Alkohol, illegale Drogen, neue psychoaktive Stoffe) und Verhaltensweisen (Glücksspiel) thematisiert. Der zweite Teil (3.2) des Kapitels fokussiert das Ermittlungsverfahren. Hier werden zunächst Ansatzpunkte zur Intervention von Suchthelfer*innen in Ermittlungsverfahren skizziert und das Zeugnisverweigerungsrecht in Abgrenzung zur Schweigepflicht erläutert. Eine weitere Interventionsmöglichkeit beschreibt der Autor mit den gesetzlichen Möglichkeiten, die es betäubungsmittelabhängigen Straftäter*innen gewähren, durch die Wahrnehmung einer resozialisierenden Behandlung die Erhebung einer Klage zu verhindern. Der dritte Teil des Kapitels (3.3) konzentriert sich auf das Gerichtsverfahren. Rolf L. Jox beschreibt eine mögliche Beteilung der Suchthelfer*innen bei der Strafzumessung durch die Mitteilung der ihnen vorliegenden besonderen Kenntnisse über die Lebensumstände oder die Verhaltensweisen der Klient*innen. Ebenso können Suchthelfer*innen durch die Förderung der Therapiebereitschaft ihrer Klient*innen auf eine Aussetzung der Strafe zur Bewährung mit möglicher Therapieanweisung hinwirken. Besonders werden die Paragrafen §§ 35 ff. des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) in den Blickpunkt genommen, welche eine Zurückstellung der Strafvollstreckung durch Therapie ermöglichen. Ausführlich werden die Voraussetzungen beschrieben und die infrage kommenden Behandlungsformen dargestellt. Auch die Verpflichtung zur Mitteilung eines Therapieabbruchs durch Suchthelfer*innen wird vor der Auseinandersetzung um das Ausmaß der mitgeteilten Informationen diskutiert. Anhand von zwei Fallbeispielen verdeutlicht der Autor die Anrechnung einer Behandlung auf die Strafe. Abschließend wird die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nach § 63 StGB (Strafgesetzbuch) und die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt nach § 64 StGB als Maßregeln der Besserung und Sicherung dargestellt, wobei die Voraussetzungen einer Anordnung detailliert aufgeführt werden. Der vierte Teil des dritten Kapitels (3.4) geht kurz auf die Möglichkeiten einer fortgeführten suchtmedizinischen oder suchttherapeutischen Behandlung in der Justizvollzugsanstalt ein. Im fünften Teil (3.5) wird erneut der Maßregelvollzug thematisiert. Der Autor setzt sich mit den Rahmenbedingungen einer Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder einer Entziehungsanstalt auseinander und beschreibt die gesetzlichen Regelungen, welche die Überprüfung der Weiterführung oder Aussetzung der Unterbringung betreffen. Gesondert und anhand eines Fallbeispiels wird dabei auf die Unterschiedlichkeiten in der Unterbringungsdauer eingegangen. Im Abschluss des dritten Kapitels (3.6) erörtert Rolf L. Jox kurz die möglichen Reihenfolgen des Vollzugs einer Maßregel neben einer Freiheitsstrafe.

Einleitend zum vierten Kapitel verweist der Autor auf, im Zusammenhang mit einer Suchtthematik stehende, zivilrechtliche Fragestellungen hin. Der erste Teil des vierten Kapitels widmet sich dem Familienrecht (4.1). Dabei werden zunächst die rechtlichen Grundlagen der Eheschließung, einer Trennung und einer Scheidung betrachtet. Im Kontext der Scheidung wird auf den möglicherweise in suchtbelasteten Beziehungen relevant werdenden Aspekt der „unzumutbare[n] Härte“ (S. 75) hingewiesen, welcher zu einer Scheidung vor Ablauf der einjährigen Trennungsphase führen kann. Das zweite Unterkapitel setzt sich mit dem Sorgerecht auseinander. Nachdem die Grundlagen der elterlichen Sorge und der Übertragung dieser für unverheiratete Eltern, veranschaulicht an einem Fallbeispiel, erläutert werden, wendet sich der Autor der Kindeswohlgefährdung und damit in Zusammenhang stehender Auswirkungen auf das Sorgerecht zu. Es wird deutlich, dass eine Suchtproblematik der Eltern oder eines Elternteils keine zwangsläufige Kindeswohlgefährdung darstellt. Auch im Umgangsrecht zeigt der Autor, dass eine Suchterkrankung nicht notwendigerweise zu einer Verwehrung oder Einschränkung führen muss. Dazu kann es allerdings kommen, wenn das Kindeswohl im Umgang etwa durch problematisches Suchtverhalten gefährdet ist. Als weitere Maßnahme beschreibt Rolf L. Jox den begleiteten Umgang, welcher durch die Anwesenheit Dritter das Wohl des Kindes schützen soll. Das vierte Unterkapitel umfasst die rechtliche Betreuung und setzt sich vor dem Hintergrund einer Suchterkrankung mit den Voraussetzungen für die Anregung einer rechtlichen Betreuung auseinander. Ein besonderer Fokus wird auf die Zusammenarbeit und mögliche „Zuständigkeitskonflikte“ (S. 87) zwischen Suchthelfer*innen und rechtlichen Betreuer*innen gelegt. Dabei skizziert der Autor die Zuständigkeitsbereiche und Aufträge einer rechtlichen Betreuung und diskutiert diese in Zusammenhang mit den Möglichkeiten von Suchthilfeeinrichtungen durch ihr Angebotsspektrum, Unterstützungsbedarfe von Klient*innen abzudecken. Der zweite Teil des Kapitels (4.2) legt seinen inhaltlichen Schwerpunkt auf das Thema der Verschuldung. Dabei werden zunächst Fragen der Wirksamkeit von Forderungen bezüglich der Geschäftsunfähigkeit, der Willenserklärung im Rausch, einer vorliegenden rechtlichen Betreuung und des Wuchers – im Einzelnen für die Problematiken Suchterkrankter ausgeführt – geklärt. Danach widmet sich der Autor der Wirksamkeit von Nebenforderungen, wie Mahnkosten oder Verzugszinsen. Einer kurzen Ausführung zur Wahrung von Fristen, folgt eine Darstellung des Verbraucherinsolvenzverfahrens in Verbindung mit einer Restschuldbefreiung. Die Grundzüge dessen werden dargelegt und auf mögliche, besonders durch eine Suchterkrankung entstehende Problematiken und sich dadurch ergebende Unterstützungsmöglichkeiten durch Beratungsangebote der Suchthilfe, hingewiesen.

Das fünfte Kapitel beginnt mit einer Verortung des Kompetenz- und Verantwortungsbereichs von Suchthelfer*innen im Kinderschutz (5.1). Dabei wird deutlich, dass Mitarbeitende in Einrichtungen der Suchthilfe, auch, wenn sie keine Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) VIII erbringen, in die Abwendung einer Gefährdung von Kindern und Jugendlichen „eingebunden“ (S. 108) sind. Unter Bezugnahme auf das Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG), werden Aufgaben und Verpflichtungen von Suchthelfer*innen konkretisiert. Eine Grafik stellt den zeitlichen Ablauf der jeweils greifenden gesetzlichen Interventionen dar. Im zweiten Teil des Kapitels (5.2) wird unter Bezugnahme auf die beschriebene Abbildung das Vorgehen bei einer Kindeswohlgefährdung skizziert. Die Tätigkeiten des Jugendamts und des Familiengerichts beschreibt der Autor ebenso wie den Fall der Inobhutnahme eines Kindes bei Vorliegen einer dringenden Gefährdung. Rolf L. Jox verweist auf das Unterstützungspotenzial von Suchthilfeeinrichtungen bei der Bearbeitung der zur Kindeswohlgefährdung beitragenden Suchtproblematiken der Eltern und bei der Förderung der Akzeptanz von Maßnahmen des Hilfesystems. Im abschließenden dritten Teil des Kapitels (5.3) wird nochmals Bezug auf das KKG genommen, welches die verpflichtende Zusammenarbeit und Vernetzung am Kinderschutz beteiligter Institutionen formuliert, worunter auch Einrichtungen der Suchthilfe fallen können.

Das sechste Kapitel beginnt mit einem Blick auf die Grundsicherung für Arbeitssuchende. Die Erwerbsfähigkeit wird als eine Voraussetzung für den Leistungsbezug erläutert. Besonders relevant im Rahmen der Tätigkeit mit suchtkranken Menschen ist die sich daran anschließende Ausführung zum Ausschluss vom Leistungsbezug nach dem SGB II durch einen stationären Aufenthalt (etwa in einer Rehabilitationseinrichtung). Nachdem die Leistungen zur Eingliederung in Arbeit mit den sichtbar werdenden Problematiken dargestellt werden, erläutert der Autor die Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts. Die Zusammensetzung der Leistungen wird mit einer gesonderten Ausführung zu Mehrbedarfen und Sachleistungen im Kontext einer Suchterkrankung beschrieben. Ein letzter Teilaspekt der Grundsicherung für Arbeitssuchende umfasst die Sanktionierung von Leistungen aufgrund von Pflichtverletzungen oder Meldeversäumnissen. Änderungen in aktuellen Rechtsprechungen werden ebenso berücksichtigt wie Möglichkeiten, Sanktionierungen anzugreifen. Als weitere Form der Existenzsicherung werden die Leistungen nach dem SGB XII für nicht Erwerbsfähige angebracht. Der Autor führt zunächst in die Hilfen zum Lebensunterhalt ein. Wie bereits bei der Grundsicherung für Arbeitssuchende werden Mehraufwendungen und Sanktionsregelungen thematisiert. Neben den Hilfen zum Lebensunterhalt, wird die Grundsicherung im Alter und bei dauerhafter voller Erwerbsminderung kurz angesprochen, bevor sich mit den Hilfen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten einem aufgrund der Relevanz für die Zielgruppe ausgewählten Kapitel der Leistungen der Sozialhilfe zugewendet wird. Insbesondere die Abgrenzung zu Leistungen der Eingliederungshilfe und die Ergänzung beider Hilfearten wird als eine Herausforderung in der Beratungstätigkeit mit suchtkranken Menschen beschrieben. Wie Suchtbehandlungen finanziert werden, wird im zweiten Teil des Kapitels (6.2) thematisiert. Beginnend wird mit der ambulanten Soziotherapie eine durch Krankenkassen finanzierte Leistung vorgestellt, welche im Kontext von Sucht als eher weniger beansprucht eingeordnet wird. Der Autor führt anhand der Soziotherapie-Richtlinie aus, dass Suchterkrankte durchaus die persönlichen Voraussetzungen zur Wahrnehmung einer soziotherapeutischen Behandlung erfüllen können. Die Entzugsbehandlung fällt in die Zuständigkeit der Krankenkassen und wird hinsichtlich der Behandlungsziele zur Rehabilitation abgegrenzt. Die Entwöhnungsbehandlung ordnet der Autor anhand der Ziele und Inhalte sowie der weiteren Leistungen im Rahmen einer medizinischen Rehabilitation ein. Die folgenden Ausführungen betreffen die Darstellung der unterschiedlichen Rehabilitationsträger (gesetzliche Krankenkassen, Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, der gesetzlichen Rentenversicherung, der Kriegsopferversorgung und Kriegsopferfürsorge, der öffentlichen Jugendhilfe und der Eingliederungshilfe) mit den jeweiligen Voraussetzungen der Leistungsfinanzierung. Die nächsten Abschnitte widmen sich unter der Hinzuziehung einer erklärenden Grafik dem gesetzlich festgelegten Verfahrensablauf. Dabei wird für den Beratungsprozess in der Suchthilfe deutlich, dass eine vertiefte Kenntnis über das Verfahren zu einer im Kontext einer Suchterkrankung wichtigen Zeitersparnis führen kann. Dies zeigt sich in den anschließenden Ausführungen über die Verfahrensabläufe und zeitlichen Fristen im Falle einer Zuständigkeit oder einer notwendigen Weiterleitung an einen anderen Rehabilitationsträger. Zum Abschluss des zweiten Kapitelteils wird die zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und den Rentenversicherungsträgern geschlossene Vereinbarung „Abhängigkeitserkrankungen“ betrachtet. Neben der Zuständigkeitsklärung für Entzugs- und Entwöhnungsbehandlungen, diskutiert der Autor die in der Vereinbarung festgehaltenen Regelungen zur Qualifikation von Suchttherapeut*innen. Im dritten Teil des Kapitels (6.3) werden grundlegende Regelungen zu sozialrechtlichen Verfahren dargestellt. Dies umfasst den Verfahrensablauf von der Antragsstellung bis zu einer möglichen Klage vor dem Verwaltungs- oder Sozialgericht mit den dazugehörigen Fristen. Mit der Gewährung von Vorschüssen und vorläufigen Leistungen sowie einer einstweiligen Anordnung werden Möglichkeiten beschrieben, Verfahren zu beschleunigen. Der Verweis auf den besonders „niedrigschwellig“ (S. 167) geregelten Zugang zu Sozialgerichten beendet das sechste Kapitel.

Der erste Teil des siebten Kapitels (7.1) stellt die verschiedenen Aufenthaltsstatus für Unionsbürger*innen und Drittstaatsangehörige vor. Es werden die Regelungen zur Freizügigkeit für Unionsbürger*innen und deren Familienangehörige sowie das Daueraufenthaltsrecht beschrieben. Für Menschen aus Drittstaaten führt der Autor in das Aufenthaltsgesetz und den darin festgelegten Voraussetzungen für die für einen Aufenthalt notwendige Erteilung oder Verlängerung eines Aufenthaltstitels ein. Für den Personenkreis ohne Aufenthaltstitel wird auf die Unrechtmäßigkeit des Aufenthalts und die damit verbundene Ausreisepflicht hingewiesen. Die daran ersichtlich werdenden besonderen Schwierigkeiten für Suchthelfer*innen, die sich mit diesem Personenkreis beispielsweise in der Behandlungsplanung befinden, werden angesprochen und auf die Möglichkeiten einer Duldung oder eines Asylantrags verwiesen. Die Erteilung einer Duldung kann für suchtkranke Menschen etwa aufgrund ihres Gesundheitszustands oder der inadäquaten suchtmedizinischen Versorgung im Herkunftsland eine Aussetzung der Abschiebung bewirken. Wird Asyl beantragt, besteht während des Asylverfahrens ein Aufenthaltsrecht. Im zweiten Kapitelteil (7.2) beschäftigt sich Rolf L. Jox mit der Frage, wie sich insbesondere strafrechtlich relevantes Verhalten von Suchterkrankten auf den Aufenthaltsstatus auswirken kann. Im Rahmen der Freizügigkeit wird erläutert, unter welchen Voraussetzungen eine Verurteilung zu einem Verlust des Aufenthaltsrechts führen kann und welche Interventionsmöglichkeiten Suchthelfer*innen dabei zur Verfügung stehen. Auch bei Personen aus Drittstaaten kann (strafbares) Suchtverhalten zur Ausweisung führen. Hierbei findet eine Abwägung eines sich von staatlicher Seite ergebenden Ausweisungsinteresses und des diesem entgegenstehenden Bleibeinteresses statt. Es wird ausgeführt, welche rechtlichen Aspekte dabei maßgebend sind und welche Folgen sich für die Suchthilfe ergeben können. Der abschließende Teil des Kapitels (7.3) greift bereits angesprochene Rechtsgebiete auf und prüft die Auswirkung und Anwendbarkeit auf Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Im Einzelnen betrachtet Rolf L. Jox dabei den Geltungsbereich des Strafrechts und das für die Frage der Anwendbarkeit des Zivilrechts entscheidende Internationale Privatrecht (IPR), bevor er die rechtlichen Bestimmungen der Kinder- und Jugendhilfe im SGB VIII über die Gewährung von Leistungen einerseits und die Erfüllung von anderen Aufgaben andererseits hinsichtlich der unterschiedlichen Relevanz eines rechtmäßigen Aufenthaltsstatus beschreibt. Sozialrechtliche Aspekte umfassen Ausführungen zu den Anspruchsvoraussetzungen und den Ausschlusskriterien beim Bezug von Leistungen nach dem SGB II und der Sozialhilfe (SGB XII) sowie Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung unter Berücksichtigung der Versicherungspflicht. Eine Einordnung der Ansprüche auf Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung und der Unfallversicherung sowie der Sozialen Entschädigungsleistungen ergibt keine Unterschiede zwischen versicherten deutschen und ausländischen Staatsbürger*innen. Bevor mit einem Exkurs zu den Voraussetzungen zum Bezug von Elterngeld von Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft das Kapitel beendet wird, setzt sich der Autor mit Leistungen der Eingliederungshilfe auseinander, welche außer für den anspruchsberechtigten Personenkreis eine Ermessungsleistung darstellen und für Leistungsberechtigte nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) unter bestimmen Voraussetzungen gewährt werden können.

Mit einem kurzen Fazit im achten Kapitel, in dem die Wichtigkeit einer soliden Kenntnis der für die Suchthilfe relevanten Rechtsgebiete im besonderen Interesse eines gelingenden Beratungs- und Unterstützungsprozesses betont wird, endet das Buch.

Diskussion

Rolf L. Jox legt mit seinem Werk einen überaus wertvollen Begleiter sowohl für die Suchthilfepraxis als auch als Lehrbuch für die akademische Ausbildung u.a. in den Bereichen der Suchthilfe und der Sozialen Arbeit vor. Dem Autor gelingt es über alle Kapitel hinweg, komplexe Fragestellungen anschaulich und konkret am Tätigkeitsfeld der Suchthilfe darzustellen. Immer wieder und spezifisch auf einzelne Thematiken runtergebrochen, werden mögliche Interventionspunkte in Hilfeprozessen beschrieben und wertvolle Hinweise für eine gelingende Beratungspraxis gegeben. Dies trägt auch zur guten Lesbarkeit des Bandes bei. An verschiedenen Punkten stellt der Autor Bezüge zu bereits behandelten Themen her, was stellenweise zwar die Komplexität beim Lesen erhöht, aber dazu führt, dass Wissenslücken kontinuierlich und entlang einer immer stringent bleibenden Gliederung geschlossen werden. Die Auseinandersetzung mit den Begriffen der „Suchthilfe“, „Beratung“ und „Therapie“ bleibt im zweiten Kapitel schlaglichtartig, was angesichts des Fokus des Werks auf rechtliche Aspekte verständlich ist. Wünschenswert wäre an dieser Stelle eine kurze Klärung des häufig verwendeten Begriffs „Suchthelfer*in“ gewesen, der für mich hinsichtlich der professionellen Zugehörigkeit unklar bleibt. Besonders hervorzuheben ist die im sechsten Kapitel deutlich problematisierte Regelung der Qualifikation von Suchttherapeut*innen seitens der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung. Insgesamt schafft es der Autor, eine Auswahl an Themen zu treffen, welche weite Bereiche rechtlicher Fragestellungen in der Suchthilfe abdeckt. Damit können Leser*innen ihre rechtlichen Kenntnisse spezifisch für das Feld der Suchthilfe vertiefen und mithilfe derer neue professionelle Kompetenzen entwickeln.

Fazit

Der Band führt durch die im Tätigkeitsfeld der Suchthilfe relevantesten Rechtsbereiche: Strafrechtliche, zivilrechtliche, kinder- und jugendhilferechtliche, sozialrechtliche und ausländerrechtliche Aspekte werden mit engen Bezügen zu suchtspezifischen Problematiken dargestellt. Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen finden hier ein ideales Lehrbuch zur intensiveren Auseinandersetzung mit rechtlichen Fragestellungen in der Suchthilfe. Praktiker*innen können damit ihr Fachwissen erweitern und ihre Handlungssicherheit steigern. Im komplexen Feld der Suchthilfe ist eine Kenntnis aktueller rechtlicher Zusammenhänge unerlässlich, um gelingende und stärkende Unterstützungsprozesse gestalten zu können. Dazu leistet der von Rolf L. Jox veröffentlichte Band einen wertvollen Beitrag.

Rezension von
Franziska Wächter
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Es gibt 3 Rezensionen von Franziska Wächter.

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Zitiervorschlag
Franziska Wächter. Rezension vom 05.09.2022 zu: Rolf L. Jox: Rechtliche Aspekte der Suchthilfe. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-17-028759-4. Reihe: Sucht: Risiken - Formen - Interventionen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29545.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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