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Armin Pfahl-Traughber: Intellektuelle Rechtsextremisten

Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Frindte, 27.09.2022

Cover Armin Pfahl-Traughber: Intellektuelle Rechtsextremisten ISBN 978-3-8012-0630-7

Armin Pfahl-Traughber: Intellektuelle Rechtsextremisten. Das Gefahrenpotenzial der Neuen Rechten. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2022. 184 Seiten. ISBN 978-3-8012-0630-7. 18,00 EUR.

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Thema

Ist sie neu oder alt – die Neue Rechte? Wer gehört dazu? Wer ordnet sich da ein? Wer wird eingeordnet? Welche Ziele haben die neuen oder Neuen Rechten? Und warum? Mittlerweile gibt es zahlreiche Versuche, Antworten auf diese Fragen zu finden. Einige dieser Versuche wurden an dieser Stelle bereits ausführlich besprochen (vgl. z.B. Fuchs u.a. 2019, Hufer & Schudoma 2022, Weiß 2017). Und der Autor des vorliegenden Buches hat sich vor einigen Jahren auch schon an der Suche nach Antworten beteiligt (Pfahl-Traughber 1998). Vom Verfassungsschutz werden verschiedene Gruppierungen der Neuen Rechten als „rechtsextremistische Verdachtsfälle“ beobachtet. Dort kann man u.a. lesen: „Unter die Bezeichnung Neue Rechte wird ein informelles Netzwerk von Gruppierungen, Einzelpersonen und Organisationen gefasst, in dem nationalkonservative bis rechtsextremistische Kräfte zusammenwirken, um anhand unterschiedlicher Strategien teilweise antiliberale und antidemokratische Positionen in Gesellschaft und Politik durchzusetzen“ (Verfassungsschutzbericht 2021, S. 73).

Mit seinem Buch hat sich Armin Pfahl-Traughber nun die Mühe gemacht, den Kern dieses Netzwerkes, seine gegenwärtigen Akteure, ihre geistigen Vorbilder, die ideologischen Grundpositionen der Neuen Rechten sowie deren Gefahrenpotenzial systematisch zu analysieren und vorzustellen.

Autor

Armin Pfahl-Traughber ist Politikwissenschaftler und Soziologe, war Referatsleiter in der Abteilung Rechtsextremismus im Bundesamt für Verfassungsschutz und ist seit 2004 Professor an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung. Er ist Mitglied im Unabhängigen Arbeitskreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages und im Beirat des Bündnisses für Demokratie und Toleranz. In zahlreichen Publikationen, so zum Rechtsextremismus, zur AfD oder zum Antisemitismus, hat er sich einen wissenschaftlichen Namen gemacht (z.B. Pfahl-Traughber 2002, 2019a,b).

Inhalt

Das Buch ist in zehn Kapitel, nebst Vor- und Nachwort, gegliedert.

Im Vorwort macht Armin Pfahl-Traughber u.a. deutlich, dass er sich seinem Thema aus der Perspektive der politikwissenschaftlichen Extremismusforschung[i] nähert und eine ideologiekritische Betrachtung der Neuen Rechten, ihres Personals und deren Positionen anstrebt.

Im Kapitel 1 (Einleitung und Erkenntnisinteresse) hebt Armin Pfahl-Traughber u.a. a) die Bedeutung der Neuen Rechten und ein darauf bezogenes Erkenntnisinteresse hervor, kritisiert b) die „diffuse Begriffsverwendung“ von „Neue Rechte“, bemüht sich c) um eine trennscharfe Definition des Konstrukts „Neue Rechte“, erläutert d), was die „Neue Rechte“ nicht ist, ordnet e) die Neue Rechte dem konservativen Rechtsextremismus zu und zeigt f) den Forschungsstand zur Neuen Rechten auf. Das Konstrukt „Neue Rechte“ bezieht sich auf bestimmte Intellektuelle und ihre Positionen, mit denen sie einen „politischen Umsturz »vordenken«“ (S. 14) wollen und sich somit gegen die Normen und Regeln eines demokratischen Verfassungsstaates zu positionieren versuchen. Zu den Neuen Rechten (großgeschrieben) zählt Armin Pfahl-Traughber weder „Die Republikaner“, die in den 1980er Jahren als „neue Rechte“ bezeichnet wurden, noch die „Alternative für Deutschland“ (AfD) oder die Pegida-Anhänger. Auch die „Identitären“ zählen aus seiner Sicht nicht zu den Neuen Rechten, weil sie sich nicht als „Intellektuellengruppe“, sondern als Jugendbewegung verstehen (S. 20). Die Neue Rechte ist eine „lose Gruppen von Intellektuellen“, die ideologisch gesehen, Anhänger der Konservativen Revolution aus der Zeit der Weimarer Republik sind und in erster Linie versuchen, die geistigen Voraussetzungen für einen politischen Umbruchprozess zu schaffen (S. 18 ff.). Den Neuen Rechten geht es um den „Kampf um die Köpfe“, um eine „Kulturrevolution von rechts“ sowie um eine „Metapolitik des Widerstands“. Inhaltlich und historisch gesehen handelt es sich bei den „Neuen Rechten“ nur bedingt um etwas Neues. Sie versuchen – wie bereits angemerkt – einerseits an die konservativen Revolutionsbemühungen aus der Weimarer Republik anzuschließen, indem sie liberale Demokratiekonzeptionen ablehnen. Andererseits sind sie bestrebt, theoretische Grundlagen für die politischen Kämpfe der Gegenwart zu schaffen: quasi vor der Revolution der Tat eine kulturelle Revolution in den Köpfen anzustoßen.

Erste Publikationen zu den Neuen Rechten der Neuzeit erschienen bereits in den 1970er Jahren. Aber erst nachdem „…in Deutschland ein politischer »Rechtsruck« auszumachen war, wurden eigenständige Darstellungen zur Neuen Rechten wieder für ein breites Publikum veröffentlicht“ (S. 25). Pars pro toto erwähnt Armin Pfahl-Traughber die Publikation von Volker Weiß (2017), bemängelt aber eine fehlende Definition der Neuen Rechten in diesen und ähnlichen Arbeiten.

Um die Frage, wes Geistes Kind die Neuen Rechten von heute sind, geht es im Kapitel 2 (Konservative Revolution der Weimarer Republik als Vorbild). Eine Konservative Revolution scheint eine contradictio in adjecto zu sein, ein „scheinbarer politischer Widerspruch“, schreibt Pfahl-Traughber (S. 27). Den konservativen „Revolutionären“ der Weimarer Republik ging es einerseits um die Erhaltung oder Wiedereinsetzung alter, eben konservativer Werte („Führerwachstum“, „Gott“, „Natur“, „Ordnung“, „Volkspersönlichkeit“ und andererseits um die Überwindung der jungen demokratischen Strukturen in der Weimarer Republik. Um den Widerspruch aufzulösen, verwendet Pfahl-Traughber den Begriff „Jungkonservative“ als Synonym für Konservative Revolution (S. 30). Zu den intellektuellen Akteuren der Jungkonservativen zählt er Ernst Jünger, Carl Schmitt, Oswald Spengler, Arthur Moeller van den Bruck, Edgar Julius Jung, Werner Best, die kurz vorgestellt und ihre Positionen erläutert werden. Sie lehnten die Aufklärung und die Vernunft ab, verherrlichten Kampf und Leben, positionierten sich gegen allgemeine Menschenrechte und Pluralismus, bejahen einen Nationalismus, forderten eine diktatorische Herrschaft und bereiteten damit die Machterlangung des Nationalsozialismus vor, ohne sich selbst explizit als Nationalsozialisten zu outen.

Das Kapitel 3 (Andere Denker als intellektuelle Vorbilder) ist noch weiteren intellektuellen Vorbildern der Neuen Rechten gewidmet: Dazu gehören Johann Gottlieb Fichte (und besonders seine „Reden an die deutsche Nation“, die er zwischen Dezember 1807 und März 1808 im von Napoléon besetzten Berlin gehalten hat[ii]), Friedrich Nietzsche, dem Armin Pfahl-Traughber eine antihumanistische Grundposition zuschreibt (was manche Nietzsche-Anhänger bezweifeln), Martin Heidegger, aber auch Vertreter einer Elitesoziologie, wie Gaetano Mosca (der die Elitesoziologie begründete, aber auch den Faschismus im Sinne Mussolinis ablehnte), Vilfredo Pareto (der zwar zu den eingefleischten Machttheoretikern gehört, aber auch die psychologischen Handlungstheorien stark beeinflusste) oder Robert Michels, den manche zu den Begründern der modernen Parteienforschung zählen (vgl. z.B. Switek 2022). In den Schriften und Publikationen der Neuen Rechten unserer Zeit findet Armin Pfahl-Traughber noch eine ganze Reihe weiterer intellektuelle Vorbilder: So u.a. Nationalrevolutionäre aus den 1920er Jahren (zum Beispiel Ernst Niekisch), Anhänger des „Euro-Faschismus“ (wie der Brite Oswald Mosley), konservative Soziologen der Nachkriegszeit (allen voran Arnold Gehlen), nationalrevolutionäre Gruppierungen und Organe der 1970er Jahre (z.B. die rechtsextremistische Monatszeitschrift „Nation Europa“), Exponenten der frühen französischen Neuen Rechten. Zusammenfassend lässt sich wohl feststellen: „Keineswegs kennen alle Intellektuellen der Neuen Rechten die Werke der erwähnten Vorbilder, möglicherweise sind ihnen noch nicht einmal einzelne Namen bekannt“ (S. 52).

Und damit zu den „Akteure(n) der gegenwärtigen Neuen Rechten“ (Kapitel 4). Es ist schon auffallend, wie klein das Häuflein derer ist, die sich um eine intellektuelle Profilierung der Neuen Rechten zu mühen scheinen: Armin Mohler (die 2003 verstorbene Leitfigur der Neuen Rechten), Günter Maschke (auch schon tot und Epigone von Carl Schmitt), Alain de Benoist (zweifellos einer der einflussreichsten Protagonisten), Karlheinz Weißmann (der das „Institut für Staatspolitik mit gründete, in dem auch Björn Höcke gern zu Gast ist), natürlich Götz Kubitschek (der andere Mitbegründer des besagten Instituts, Geschäftsführer des mehr als rechtslastigen Antaios-Verlages und verantwortliche Redakteur der Zeitschrift „Sezession“), Thor von Waldstein (noch ein Anhänger von Carl Schmitt), Martin Lichtmesz, der eigentlich Martin Semlitsch heißt, kein systematischer Denker ist (S. 64), aber immerhin durch seine Übersetzungen den deutschen Neuen Rechten die Arbeiten von Alain de Benoist oder Renaud Camus zugänglich machte, Benedikt Kaiser (der sich bemüht, linke Strategien für die neu-rechten Bewegungen zu instrumentalisieren sowie David Engels, der Verehrer von Oswald Spengler, der bekanntlich schon 1918 das Abendland untergehen sah. Sowohl in der Darstellung dieser Personen, ohne Ausnahme Männer[iii] (sic!), als auch im Vergleich dieser Akteure verdeutlicht Armin Pfahl-Traughber, dass sie sich keinesfalls alle über einen Leisten schlagen lassen. Carl Schmitt scheint für die Männer der Neuen Rechten eine der wichtigsten Referenzquellen zu sein (S. 67), ebenso Alain de Benoist und Armin Mohler. „Ansonsten fällt beim Blick in die Buchpublikationen der genannten Personen auf, dass sie ihre Grundauffassungen und Konzeptionen nicht systematisch entwickeln. Eher hat man es mit einzelnen Fragmenten für ein angestrebtes Weltbild zu tun“ (S. 68).

Im Kapitel 5 (Einrichtungen, Publikationsorgane und Verlage) stellt Pfahl-Traughber die Plattformen vor, die die Protagonisten der Neuen Rechten nutzen, um ihre Ideen unters rechtslastige Volk zu bringen. Dazu gehören das frühere rechtskonservative Magazin „Criticon“, das Unternehmen „Thule-Seminar“, die überregionale Wochenzeitung „Junge Freiheit“, das rechte Magazin „Cato“, das schon erwähnte „Institut für Staatspolitik“ und die dort herausgegebene Zeitschrift „Sezession“ sowie diverse Buchprojekte des „Antaios-Verlags und des „Jungeuropa-Verlags“. Die auf diesen Plattformen vertretenen Auffassungen verdeutlichen, dass es sich bei den Neuen Rechten keinesfalls um ein homogenes Phänomen handelt. „Bilanzierend“, so Pfahl-Traughber, „darf … von einer strategisch bedingten Differenzierung der Neuen Rechten gesprochen werden, wobei sich auch bei den Publikationsorganen ein formal gemäßigter und inhaltlich rigoroser Flügel unterscheiden lässt“ (S. 82).

Über die inhaltlichen Differenzierungen der Neuen Rechten berichtet Armin Pfahl-Traughber im Kapitel 6 (Positionen zu verschiedenen Themen). Relativ einig dürften sich die Protagonisten der Neuen Rechten in ihren Berufungen auf die bereits in den Kapiteln 2 und 3 erwähnten zentralen Denker der Konservativen Revolution sein (Carl Schmitt, Ernst Jünger etc.). Obwohl sich kein offenes Bekenntnis zu faschistischen Inhalten in den Publikationen der Neuen Rechten finden lässt, sind die nationalistischen und rechtslastigen Positionen offenkundig, so in der immer wiederkehrenden Betonung der „ethnischen Identität“ einer „bewussten Nation“, der darauf bezogene „Ethnopluralismus“ oder das Schlagwort vom „Großen Austausch“, mit dem – in Anlehnung an den französischen Publizisten Renaud Camus – eine Verschwörungserzählung verbreitet wird, nach der „geheime Mächte“ durch Migration einen Bevölkerungsaustausch zu Lasten der einheimischen Menschen herbeiführen wollen.

In ihren „Strategien für die politische Wirkung“ (Kapitel 7) bedienen sich die Neuen Rechten gern bei ihren Gegnern. So reden und schreiben sie – unter Berufung auf den italienischen Philosophen und Kommunisten Antonio Gramsci (1891-1937) – von „Kulturrevolution“ und „kulturelle Hegemonie“[iv], um mit einer „Metapolitik“ die öffentliche Atmosphäre zu beeinflussen. Dabei sehen die Neuen Rechten ihre Hauptfeinde nicht primär auf der linken Seite des politischen Spektrums, sondern vor allem in den Vertreter*innen des „Kosmopolitismus“, „Multikulturalismus“ und „Universalismus“. Mit „konservativ-subversiven“ Aktionen, politischen Täuschungsmanövern und „Fundamentalopposition“ sollen diese Vertreter*innen provoziert und rechtsextreme bzw. rechtspopulistische Gleichgesinnte motiviert werden.

Und derartige Strategien sind nicht ohne Wirkung, wie Armin Pfahl-Traughber im Kapitel 8 zeigt (Auswirkungen und Kontakte ins politische Umfeld). So ist der Einfluss der neu-rechten Nachdenker auf die AfD und der parteinahen „Erasmus-Stiftung“ offenkundig (S. 113 ff.). Mit der „Identitären Bewegung“ gibt es ebenfalls große Gemeinsamkeiten. Obwohl die Neue Rechte den Protestbewegungen distanziert gegenübersteht, haben Neu-Rechte, wie Götz Kubitschek, die Pegida-Veranstaltungen auch schon mit ihrer Anwesenheit beglückt (S. 116 f.). Personelle, finanzielle und intellektuelle Unterstützung durch die Neuen Rechtenerfährt auch das rechtsextreme und rassistische Kampagnenprojekt „Ein Prozent für unser Land“ (S. 119 f.). Die inhaltliche Nähe zwischen den Positionen der Neuen Rechten und den einflussreichen Publikationen von Thilo Sarrazin sind ebenfalls nicht zu übersehen (S. 122 f.).

Im Kapitel 9 liefert Armin Pfahl-Traughber seine „Demokratie- und extremismustheoretische Einschätzung“ der Neuen Rechten:

  • Die Intellektuellen der Neuen Rechten lassen sich dem Rechtsextremismus zuordnen (S. 126).
  • Ihre (wenn auch fragmentarische) Berufung auf die klassischen Vorbilder und Vertreter der Konservativen Revolution zeigt die Distanz zum demokratischen Verfassungsstaat.
  • Die Neuen Rechten versuchen die individuellen Menschenrechte zu delegitimieren (S. 129 f.) und einen „homogenen“ Volksstaat zu begründen (S. 131).
  • Die Einstellungen der Neuen Rechten zum Nationalsozialismus reichen von Distanz bis zur Verherrlichung (S. 133 f.).
  • Direkte Bezüge zur Judenfeindlichkeit werden zwar vermieden, latent antisemitische Auffassungen sind indes nicht zu übersehen.
  • Die Haltungen der Neuen Rechten zur politischen Gewalt sind zwar ambivalent. Ihre Äußerungen zum „Widerstand“, zur „Kulturrevolution von rechts“ oder zum politischen „Umsturz“ legen die Vermutung nahe, dass sie Gewalthandlungen gegen demokratisches Regierungshandeln durchaus und unter Umständen legitimieren würden (S. 137 f.).

Und damit zu den Schlussfolgerungen im Kapitel 10 (Schlusswort und Zusammenfassung). Den Neuen Rechten geht es um einen „geistigen Kampf“ um die Köpfe. Dazu haben sie als Organisationsform ein „informelles Netzwerk“ geschaffen (S. 140), um die theoretischen Grundlagen für eine „Kulturrevolution von rechts“ anzuschieben. Die theoretischen Grundpositionen sind allerdings zu vage und diffus, um ein „Gegenprogramm“ zum demokratischen Verfassungsstaat erkennen zu können. Die Neuen Rechten verstehen sich als geistige Avantgarde, die auch diverse Kooperationen mit rechtslastigen Akteuren pflegt. Am häufig diagnostizierten „Rechtsruck“ der Gesellschaft sind die Neuen Rechten nicht ganz „unschuldig“. Allerdings: „Ein gesellschaftlich befürchtetes Kippen der Republik durch die Neuen Rechte steht gegenwärtig wie zukünftig für eine unrealistische Einschätzung“ (S. 148 f.).

Im Nachwort spezifiziert Armin Pfahl-Traughber diesen Satz: Die Bedeutung der Neuen Rechten und deren Gefahrenpotenzial „… sollte weder dramatisiert noch verharmlost werden, differenzierte und kritische Reflexionen fördern auch demoktratietheoretische Weiterentwicklungen“ (S. 154).

Diskussion

Eine solche differenzierte und kritische Reflexion der Neuen Rechten legt Armin Pfahl-Traughber mit diesem Buch vor. Gewiss, die Publikationen zum Rechtsextremismus und zu den Neuen Rechten sind mittlerweile zahlreich. Google Scholar findet im Zeitraum von 1990 bis 2022 mehr als 8.000 Einträge (ohne die Zitate mitzuzählen) mit dem Suchwort „Neue Rechte“. Insofern kann man darüber streiten, wie neu und umfassend die Analysen von Pfahl-Traughber sind. Manche Passagen sind überdies nicht frei von Wiederholungen und Redundanzen. Hin und wieder müssen sich Leser und Leserin auch auf Argumente gefasst machen, die mehr als die dargebotenen Begründungen verdient hätten. Eines ist dem (mehr oder weniger politikwissenschaftlich fachfremden) Rezensenten aber deutlich geworden: Im Vergleich mit manch anderen Publikationen zum Thema hat Pfahl-Traughber eine systematische und informative Übersicht über die Akteure, Strategien und Inszenierungen der Neuen Rechten vorgelegt.

Fazit

Das Buch sei deshalb Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und engagierten Menschen im Kampf gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus empfohlen. Lesen sollten es auch jene Politiker*innen, die in historischer Unkenntnis, wie Alexander Dobrindt im Frühjahr 2018, versuchten, eine „konservative Revolution“ aus christlich-sozialer Perspektive zu befürworten (Dobrindt 2018).

Literatur

Butterwegge, C. (2010). Die Entsorgung des Rechtsextremismus. Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 1/2010, S. 12-15.

Dobrindt (2018). Die Volkspartei der Zukunft ist bürgerlich-konservativ. Quelle: https://www.welt.de/debatte/​kommentare/​article174088983/​Alexander-Dobrindt-Die-Volkspartei-der-Zukunft-ist-buergerlich-konservativ.html. Zugegriffen: 29. August 2022.

Dörfler-Dierken, A. (2017). Fichtes Reden an die deutsche Nation. Multivalenzen fördern missbräuchliche Rezeptionen. In K. Hagemann, M. Hofbauer & M. Rink (Hrsg.), Die Völkerschlacht bei Leipzig (S. 303-328). Berlin/​Boston: Walter de Gruyter.

Fichte, J. G. (1965; Original: 1793). Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution. Sämtliche Werke, Band 6. Berlin: Walter de Gruyter. https://archive.org/details/​smtlichewerke06fichuoft. Zugegriffen: 24. Februar 2020.

Fuchs, C. & Middelhoff, P. (2019). Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Reinbeck: Rowohlt (siehe auch: https://www.socialnet.de/rezensionen/​25612.php).

Hufer, K.-P. & Schudoma, L. (2022). Die neue Rechte und die rote Linie. Weinheim/​Basel: Beltz Juventa (siehe auch: https://www.socialnet.de/rezensionen/​28487.php).

Pfahl-Traughber, A. (1998). Konservative Revolution und Neue Rechte. Opladen: Leske + Budrich.

Pfahl-Traughber, A. (2002). Antisemitismus in der deutschen Geschichte. Opladen: Leske + Budrich.

Pfahl-Traughber, A (2019a). Rechtsextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme. Wiesbaden: Springer VS.

Pfahl-Traughber, A (2019b). Die AfD und der Rechtsextremismus. Eine Analyse aus politikwissenschaftlicher Perspektive. Wiesbaden: Springer VS.

Quent, M. (2016). Rassismus, Radikalisierung, Rechtsterrorismus. Wie der NSU entstand und was er über die Gesellschaft verrät. Weinheim/​Basel: Beltz Juventa.

Salzborn, S. (2020). Extremismus und/oder Demokratie?! Zur Kritik des Extremismuskonzepts. Polis, 24(4), 7-10.

Switek, N. (2022). Parteitage und Parteikultur. Zeitschrift für Parteienwissenschaften, (2), 155-160.

Verfassungsschutzbericht (2021). Bundesministerium des Innern und für Heimat. PDF-Dokument, uploaded 28.08.2022.

Weiß, V. (2017). Die autoritäre Revolte: Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart: Klett-Cotta (siehe auch: https://www.socialnet.de/rezensionen/​22470.php


[i] Die Prämissen, Konsequenzen und methodischen Instrumentarien der „Extremismusforschung“ sind in den Wissenschaftlergemeinschaften bekanntlich nicht unumstritten, da sie eine Gleichsetzung von Linksextremismus und Rechtsextremismus nahelegen und so von der besonderen Problematik und Gefährlichkeit des Rechtsextremismus abzulenken scheinen (vgl. z.B. Butterwegge 2010, Quent 2016, Salzborn 2020). Armin Pfahl-Traughber vermerkt, dass der Ausgangspunkt für das Extremismusverständnis in der Grundauffassung besteht, „…dass Abwahlmöglichkeiten und Gewaltenkontrolle, Menschenrechte und Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit und Volkssouveränität anerkennens- und verteidigungswert sind“ (S. 16). Dem dürften sicher auch die Kritiker*innen der Extremismusforschung zustimmen.

[ii] Bekanntlich war Fichte zunächst ein großer Anhänger der Französischen Revolution, die er als wichtig für die gesamte Menschheit ansah, ausgenommen die Juden, denen er die Bürgerrechte absprach (Fichte 1965, S. 150; Original: 1793). Später, in seinen Jahren an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, wandte er sich gegen die Napoleonische „Fremdherrschaft“ und bildete mit akademischen Kollegen, so u.a. mit Friedrich Schleichermacher einen „Landsturm“ und übte sich im Kriegsspiel. Man soll Fichte, so berichten es Zeitzeugen, auf dem Wege zu den Übungen „[…] bis an die Zähne bewaffnet, zwei Pistolen im breiten Gürtel, einen Pallasch hinter sich herschleppend“ (zit. nach Dörfler-Dierken 2017, S. 316) gesehen haben.

[iii] Zu den wenigen Frauen, die sich intellektuell in den Neuen Rechten bewegen, gehören, wie Armin Pfahl-Traughber erwähnt, Ellen Kositza, die Ehefrau von Götz Kubitschek, sowie Caroline Sommerfeld-Lethen, die sich selbst den rechtsextremen Identitären zuordnet.

[iv] Gramsci wollte damit darauf aufmerksam machen, dass es – in der Zeit des Faschismus – nicht nur darum gehen kann, gegen die ökonomische Macht des Kapitals zu kämpfen, sondern der strukturellen Hegemonie, also der Macht des Kapitalismus und dem Faschismus die neue Kultur einer zivilen Gesellschaft entgegenzusetzen.Gramsci würde sich angesichts der neu-rechten Instrumentalisierungen wohl in seinem Grabe rumdrehen.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 27.09.2022 zu: Armin Pfahl-Traughber: Intellektuelle Rechtsextremisten. Das Gefahrenpotenzial der Neuen Rechten. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2022. ISBN 978-3-8012-0630-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29552.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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