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Birgit Keydel (Hrsg.): Die Big Five der Konfliktarbeit

Rezensiert von Dipl.-Kfm. Werner Thomas, 18.10.2022

Cover Birgit Keydel (Hrsg.): Die Big Five der Konfliktarbeit ISBN 978-3-96117-091-3

Birgit Keydel (Hrsg.): Die Big Five der Konfliktarbeit. Prinzipien - Mythos oder Wirklichkeit? Wolfgang Metzner Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2021. 297 Seiten. ISBN 978-3-96117-091-3. D: 34,60 EUR, A: 35,60 EUR.

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Thema

Die Literatur zur Konfliktlösung durch Mediation ist reichhaltig. Viele Aspekte aus der Anwendung in den unterschiedlichen Feldern in Wirtschaft, kommunales und privates Leben sind dort thematisiert. Dabei werden in den meisten Fällen zunächst die methodischen Grundlagen der Mediation dargestellt um anschließend die Spezifik des jeweiligen Anwendungsfeldes praktisch und theoretisch zu erläutern. Das hier rezensierte Buch legt einen anderen Fokus und wählt eine andere Herangehensweise, die wesentliche Aspekte der Methodologie der Methode „Mediation“ bearbeitet.

Herausgeberin und Autorinnen

Birgit Keydel ist Philosophin und arbeitet als Coach, Trainerin und Teamentwicklerin. Sie hat sich mit Yvonne Hofstetter Rogger, Mary Caroll und Doris Morawe und Jutta Hohmann ein Autorenteam zusammengestellt, das eine breite, theoretische und praktische Kompetenz zum Thema Mediation mitbringt.

Entstehungshintergrund

Keydel wurde vom Chefredakteur der Fachzeitschrift „Spektrum der Mediation“ angefragt, ob sie nicht ein Buch zu den „Big Five“ der Mediation zu schreiben. Angestachelt von diesem Gedanken, begann in ihr die Frage, was die wesentlichen Grundlagen der Mediation sind, wach zu werden. Diesem Impuls verdanken wir dieses vorliegende Buch, in dem Keydel zusammen mit ihrem Autorinnenteam die Früchte ihres gemeinsamen Nachdenkens zusammengetragen haben.

Aufbau

Das Buch besteht aus sechs Kapiteln. Das erste Kapitel legt den theoretischen Rahmen der „Big Five“ der Konfliktarbeit dar. In den folgenden fünf Kapiteln wird je ein Prinzip mit vielen Praxisbezügen dargestellt und seine Relevanz und die Anwendung im Konfliktlösungsprozess diskutiert. Dem Buch werden ein Vorwort und ein Prolog vorangestellt. Darin find die Entstehungsgeschichte des Buches wiedergegeben und sein Aufbau erläutert. Es endet mit einem kurzen Epilog.

Inhalt

Nachdem im Vorwort und im Prolog der Rahmen, in dem das Buch entstanden ist, erläutert wurde und auch die Auswahl der Mediation als Instrument der Konfliktlösung und der Bestimmung der Big Five begründet wurde, befasst sich Birgit Keydel im Kapitel 1 mit der Bestimmung der Big Five auf dem Hintergrund der Mediation. In einem deduktiven Verfahren leitet sie aus Prinzipien der Mediation, die immer wieder in der Literatur genannt werden, fünf ab, die in ihrer Komplexität das Potenzial haben, alle anderen Prinzipien zu subsumieren und gleichzeitig die „Grundsätze kooperativer Konfliktlösung beschreiben“.

Das sind:

  • Vertraulichkeit
  • Neutralität
  • Selbstbestimmung
  • Freiwilligkeit
  • Wertschätzung.

Keydel betont ausdrücklich die Bandbreite der Interpretation dieser Prinzipien, die sie auch als Wertegerüst bezeichnet. Damit sie nicht absolut gesetzt werden, sondern ein Handlungsraum für die Mediation entstehen kann, schlägt sie vor, die einzelnen Prinzipien in ein Beziehungssystem einzubetten, das aus Gegensatzpaaren entsteht. Dadurch ergibt sich eine dialektische Wechselbeziehung, die es in der Mediation anzuwenden und auszugestalten gilt.

Folgende Gegensatzpaare schlägt sie vor:

  • Vertraulichkeit zu Transparenz
  • Neutralität zu Parteilichkeit
  • Selbstbestimmung zu Fremdbestimmung
  • Freiwilligkeit zu Zwang
  • Wertschätzung zu Ablehnung.

Im anschließenden Kapitel 2 expliziert Keydel, wie die Wechselbeziehung von Vertraulichkeit und Transparenz in der Konfliktbearbeitung situativ unterschiedlich interpretiert werden kann. Dabei sind die jeweilige Fallkonstellation, die Rollenzuschreibung der Beteiligten und das Format die wesentlichen Determinanten für die Entscheidung zur Ausgestaltung dieser Wechselbeziehung.

Yvonne Hofstetter Rogger widmet sich in ihrem folgenden Beitrag im Kapitel 3 dem Gegensatzpaar Neutralität und Unparteilichkeit versus Parteilichkeit. Anhand von Praxisbeispielen lotet sie dieses Spannungsverhältnis aus. Dabei wird deutlich, dass die in der Diskussion zur Mediation häufig verwendeten Begriffe, hier vor allen Dingen die Allparteilichkeit, einen Anspruch formulieren, der in der Praxis schwer einzulösen ist. Daher schlägt sie den Begriff der „Mehrgerichtetheit oder mehrgerichtete Parteilichkeit“ vor, den sie aus dem familientherapeutischen Ansatz von Boszormenyi-Nagy übernimmt. Sie meint, er beschreibe eher das, was mit Allparteilichkeit gemeint ist und auch in der Praxis der Mediation einlösbar ist. In den von ihr vorgestellten Praxisbeispielen illustriert sie und begründet es anschließend, wie auch hier Gegensatzpaare den Handlungsraum beschreiben können und wie in der Mediation ein Ausgleich darin gefunden werden muss.

Im Kapitel 4 wird das Begriffspaar Selbstbestimmung und Fremdbestimmung von Mary Caroll bearbeitet. In drei Fallbeispielen zeigt sie, dass im Verlauf der Konfliktbearbeitung das Ausmaß an Selbstbestimmung und an Fremdbestimmung variiert. Sie zeigt, dass dies notwendig ist, damit schlussendlich eine selbstgestimmte Lösung eines Konflikts möglich wird.

Freiwilligkeit und Zwang ist das Gegensatzpaar, das in Kapitel 5 von Doris Morawe thematisiert wird. An zwei Fallbeispielen stellt sie das Spannungsverhältnis dar und zeigt, wann Freiwilligkeit notwendig ist aber auch wann Zwang berechtigt ist. Allerdings kann Zwang nur am Anfang des Lösungsprozesses stehen, damit er beginnen kann. Der Weg der Lösungsfindung dagegen kann nur gelingen, wenn er von den Konfliktparteien in Freiheit gegangen werden kann.

Das letzte Gegensatzpaar der Big Five wird von Jutta Hohmann bearbeitet: Wertschätzung und Ablehnung. An Fallbeispielen, denen Verbrechen zugrunde liegen, wird deutlich, wie schwierig die Konfliktlösung sein kann, wenn die Tat, die den Konflikt verursacht hat, nicht vom Täter getrennt werden kann. Wenn Tat und Täter dagegen getrennt voneinander betrachtet werden können, ohne die Tat dadurch relativieren zu wollen, dann ist durch eine empathische Kommunikation die Überwindung der Ablehnung des Täters erst möglich. Das ist die Voraussetzung, damit eine Konfliktlösung erst möglich wird.

Im abschließenden Epilog stellt Keydel einen dreifachen Gewinn des Buchs vor. Erster Gewinn ist, die Flexibilität im Umgang mit den Big Five verhilft ihnen erst zu ihrer praktischen Relevanz. Dadurch werden sie praxisnäher und für das Handeln der Mediatoren in konkreten Situationen anwendbar, Gewinn zwei. Und schließlich vermittelt das Buch als dritten Gewinn die Einsicht, dass die Big Five auch über den Kontext der Mediation hinaus wirksam eingesetzt werden können.

Diskussion

Die Darstellung der Big Five gibt einen guten, vertiefenden Einblick in die Komplexität von fünf wichtigen Prinzipien der Mediation und in ihre Anwendbarkeit im Mediationsverfahren. Geleichzeitig unterliegt der Leser und die Leserin der Gefahr, dass sie aus dem Blick verlieren, dass über die Big Five hinaus, auch andere Wertekategorien wie z.B. das Menschenbild, die Haltung des Mediators und auch der Kommunikationsstil wesentlich sind.

Ebenso muss die Auswahl der Big Five hinterfragt werden und auch die Feststellung im Buch, dass unter diesen Begriffen bzw. den damit verbundenen Gegensatzpaaren alle anderen Grundsätze und Prinzipien subsumiert werden können. Eine nachvollziehbare Begründung der Festlegung wird dem Leser und der Leserin nicht gegeben. Das wäre jedoch angesichts des absoluten Anspruchs, der mit den Begriffen verbunden wird, hilfreich.

Lesenswert ist es trotzdem, denn in kaum einer anderen Monografie aus dem Themenfeld der Mediation werden Prinzipien und Grundsätze so detailliert bearbeitet und in ihrer praktischen Relevanz beschrieben. Gerade die Bearbeitung der Gegensatzpaare in den Fallbeispielen macht ihre Bedeutung in er Praxis klar. So ist das Buch für alle ein Gewinn, die sich mit der Konfliktarbeit beschäftigen.

Fazit

Das Buch von der Autorengruppe von Birgit Keydel ist ein Lesetipp für Mediatorinnen und Mediatoren, Rechtanwältinnen und -anwälte und alle, die in der Konfliktarbeit tätig sind. Neben den in anderen Büchern häufig dargestellten Verfahrensfragen wird in diesem Buch den Werten, Prinzipien und Grundsätzen der Mediation Raum gegeben und das auf einem theoretischen und vor allem praktischen Niveau, das im Alltag der Konfliktlösung sehr hilfreich ist.

Rezension von
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Mediator, Hadamar
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Es gibt 15 Rezensionen von Werner Thomas.

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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 18.10.2022 zu: Birgit Keydel (Hrsg.): Die Big Five der Konfliktarbeit. Prinzipien - Mythos oder Wirklichkeit? Wolfgang Metzner Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-96117-091-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29554.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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