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Julia Müller (Hrsg.): Traumafolgen

Rezensiert von Dr. Jürgen Beushausen, 02.08.2022

Cover Julia Müller (Hrsg.): Traumafolgen ISBN 978-3-17-037563-5

Julia Müller (Hrsg.): Traumafolgen. Forschung und therapeutische Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 199 Seiten. ISBN 978-3-17-037563-5. 36,00 EUR.
Reihe: Psychotherapie in Psychiatrie und Psychosomatik
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Thema

Der Verlag kündigt das Buch wie folgt an: „Körperliche und sexuelle Gewalt, Krieg, Unfälle – traumatische Ereignisse sind mannigfaltig, können jeden treffen und zu schweren psychischen Erkrankungen führen. Inzwischen verfügen wir über ein umfangreiches Wissen über die psychophysischen Entstehungsprozesse posttraumatischer Belastungsstörungen. Gleichzeitig sind verschiedene störungsspezifische Psychotherapiemethoden zu ihrer Behandlung entwickelt worden. In diesem Sammelband stellen renommierte Autoren aus Wissenschaft und Praxis neue und bewährte, evidenzbasierte Therapieformen für Traumafolgestörungen aus Sicht unterschiedlicher psychotherapeutischer Verfahren vor. Dabei werden ambulante und stationäre Behandlungsmethoden sowie Therapien für Erwachsene wie auch für Kinder und Jugendliche berücksichtigt.“

Herausgeber*innen und Autor*innen

Fünf Herausgeber*innen geben gemeinsam das Buch Traumafolgen raus. Dies sind:

PD Dr. phil. Julia Müller, Therapeutische Leitung Station für Traumafolgestörungen und Transkulturelle Psychotherapie,

Dr. rer. nat. Martina Ruf-Leuschner, Therapeutische Leitung Ambulanz für Traumafolgestörungen,

PD Dr. phil. Bernhard Grimmer, Bereichsleitung Psychotherapie, Psychiatrische Klinik Münsterlingen,

Prof. Dr. phil. Christine Knaevelsrud, Professorin für Klinisch-Psychologische Intervention, Freie Universität Berlin und

PD Dr. med. Dipl.-Psych. Gerhard Dammann (verst.) war Spitaldirektor und Chefarzt, Psychiatrische Dienste Thurgau.

Fast alle der renommierten 21 Autor*innen arbeiten an universitären Instituten im Kontext der Psychologie oder in medizinischen Zentren für Psychotraumatologie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält zwölf Beiträge (jeweils 10 - 15 Seiten). Die Artikel beinhalten jeweils eine Zusammenfassung und bis auf eine Ausnahme ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Die ersten sechs Beiträge beschäftigen sich mit manualisierten und störungsspezifischen Therapieverfahren bei verschiedenen traumainduzierten Symptomkomplexen. Weitere vier Beiträge thematisieren die Traumatherapie in unterschiedlichen Settings und Entwicklungsphasen. Die beiden letzten Beiträge beziehen sich auf psychoanalytische Therapieverfahren. Das Buch beginnt mit kurzen Hinweisen über die Reihe „Psychotherapie in Psychiatrie und Psychosomatik“ des Verlages, einem kurzen Vorwort der Herausgeber*innen und einer kurzen Beschreibung einer ambulanten (sehr positiv gehaltenen) Traumatherapie einer Patientin. Das Buch schließt mit einem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren und einem Sachwortregister.

Im Folgenden werden die Inhalte und Themen der einzelnen Aufsätze kurz aufgeführt, kritische Aspekte werden erst im folgenden Gliederungspunkt benannt.

Im ersten Buchteil unter der Überschrift „Manualisierte und störungsspezifische Therapieverfahren bei verschiedenen traumainduzierten Symptomkomplexen“ geben Birgit Klein und Laura Meister zum Thema „Traumatherapie – quo vadis?“ eine sehr knappe Übersicht auf sechs Seiten. Präsentiert werden soll eine Übersicht über bestehende Erklärungsmodelle der PTBS, vorgestellt werden jedoch im Wesentlichen Hinweise und Wirkungen kognitiver Therapieverfahren.

Im zweiten Beitrag über die „Soziale Traumatisierung durch Eltern und Gleichaltrige –
unterschätzt und übersehen“ thematisieren Benjanin Iffland und Frank Neuner eine Problematik, die sonst häufig wenig Beachtung findet. Fokussiert werden emotional missbrauchte und vernachlässigte Kinder und deren Problematik in den Herkunftsfamilien. Zudem wird der Ausschluss von Kindern und Jugendlichen durch Gleichaltrige diskutiert. Aufgezeigt wird, welche drastischen Konsequenzen es für Personen haben kann, wenn das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit nicht erfüllt wird.

Thomas Elbert und Maggie Schauer beschäftigen sich mit der epigenetisch gestützten Vererbung von Trauma- und Gewalterfahrungen. Sie zeigen auf, wie die Genexpression sich insbesondere in den Regulatorensystemen verändert und auf nachfolgende Generation übertragen wird. Stressreiche Umwelterfahrungen von Eltern und Großeltern wirken so bei den Kindern und Eltern, selbst dann, wenn sie ihre Vorfahren nie kennengelernt haben.

In ihrem Beitrag“ Zur Biologie des Überlebens – Ätiologie und Behandlung
traumainduzierter Dissoziation“ möchten Maggie Schauer und Inga Schalinski dazu beitragen, dass die Ausprägung der Dissoziation nach traumatisierenden Lebensereignissen besser verstanden wird und auf sich hieraus abzuleitende erfolgreiche Traumatechniken hinweisen. Beschrieben wird eine Verteidigungskaskade und Anmerkungen über die Zusammenhänge von Traumata und Selbstverletzungen. Somit lassen sich aus dem Verteidigungskaskadenmodell und dem evolutionsbiologischen Verständnis dissoziativer Reaktionen praktische therapeutische Techniken ableiten.

Im fünften Beitrag gibt Birgit Wagner einen Überblick über die anhaltende Trauerstörung. Kritik und Vorteile der anhaltenden Trauerstörung als Diagnose werden beschrieben, die Wirksamkeit der Trauerinterventionen zusammengefasst und Möglichkeiten Internetbasierter Interventionen vorgestellt.

Die Narrative Expositionstherapie in der Behandlung von komplex traumatisierten Patienten in der klinischen Praxis stellen Martina Ruf-Leuschner und Patricia Westerhausen vor. Hierbei erfolgt diese Therapieform einem standardisierten, manualisierten und evidenzbasierten Ablauf. Zudem geben die Autorinnen einen Überblick über die Wirksamkeitsstudien dieser Störungsform.

Im zweiten Teil des Buches mit der Überschrift „Traumatherapie in unterschiedlichen Settings und Entwicklungsphasen“ fassen Christine Knaevelsrud und Noemi Lorbeer Onlinetherapeutische Behandlungsmöglichkeiten der Posttraumatischen Belastungsstörung zusammen. Fokussiert wird insbesondere die Wirksamkeit dieser Methode, vorgestellt wird zudem der Einsatz digitaler Medien in der psychologischen Versorgung von Geflüchteten.

Besonderheiten in der Traumatherapie mit schwer traumatisierten Menschen thematisiert Julia Müller. Deutlich wird, dass in diesem speziellen Personenkreis unspezifische Therapien nicht hilfreich sind. Eine spezifische Behandlung benötigt daher verschiedene Interventionsmodi. Kritisch wird auch diskutiert, inwieweit eine lediglich stabilisierende Unterstützung hilfreich ist.

Im neunten Beitrag „Trauma und Persönlichkeitsstörung – Vorstellung und Diskussion eines Behandlungsverlaufs präsentieren Emilie Frigowitsch und Bernhard Grimmer eindrucksvoll einen komplexen Fall. Abschließend wird auf die besondere Bedeutung von Übertragung und Gegenübertragung in der Teamdynamik hingewiesen.

Anna Vogel, Rebekka Eilers und Rita Rosner geben im zehnten Beitrag einen Überblick über die Besonderheiten der Therapie der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Kindern und Jugendlichen. Wirksamkeitsstudien, wichtige Behandlungsansätze und ein Fallbeispiel werden vorgestellt.

Im dritten Teil des Buches werden zwei Beiträge über psychoanalytische Therapieverfahren angefügt. Über die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP) bei Patienten mit Persönlichkeitsstörung und Traumatisierung berichten Michael Rentrop und Agnes Schneider-Heine. Bei diesem Konzept wird davon ausgegangen, dass in Bezugnahme auf Otto Kernberg, bei schweren Persönlichkeitsstörungen eine tiefgreifende Störung der Identität in Form einer Identitätsdiffusion zugrunde liegt. Den Schwerpunkt ihrer Überlegungen legen die Autor*innen auf die Beschreibung der Übertragungs- und Gegenübertragungsmechanismen.

Im zwölften Beitrag mit dem Titel „Trauma – neuere psychoanalytische Konzeptionen und Behandlungsstrategien“ stellt Werner Bohleber verschiedene psychoanalytische Konzeptionen vor.

Das Buch schließt mit einem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren und einem Sachwortregister.

Diskussion

Im ersten ca. sechsseitigen Beitrag und einem zusätzlichen ausführlichen Literaturverzeichnis der Autorinnen Birgit Kleim und Laura Meister soll ein Überblick über die Traumatherapie gegeben werden und aufgezeigt werden “wo es hingehen könnte“. Dieser Anspruch kann auf diesen wenigen Seiten nicht erfüllt werden. Neue Themenfelder und Impulse für die Forschung und Anwendungsfelder der Traumatherapie können, wie beabsichtigt, nicht beleuchtet werden. Im Wesentlichen finden sich Anmerkungen über den kognitiven Ansatz der Traumabehandlung. Auch im Abschnitt über die Wirksamkeit wird lediglich auf diese Forschungen eingegangen.

Benjanin Iffland und Frank Neuner weisen in ihrem Artikel über die „Soziale Traumatisierung durch Eltern und Gleichaltrige – unterschätzt und übersehen“ auf eine wichtige Problematik hin. Bedeutsam erscheint mir auch der Hinweis der Autoren, dass die enge Definition traumatische Ereignisse einer PTBS in den gängigen Klappklassifikationssystemen die schädlichen Auswirkungen von sozialer Zurückweisung und Erniedrigung nicht angemessen aufnehmen. Sie schlagen daher vor, den Begriff einer Traumatisierung auf aggressive, soziale und emotionale Ereignisse auszuweiten.

Allerdings ist für mich hier der Begriff der sozialen Traumatisierung nicht schlüssig, da einerseits dieser zu eng gefasst ist und wichtige soziale Faktoren wie Armut, Hunger Wohnverhältnisse u.a. nicht aufgenommen werden und andererseits nicht berücksichtigt wird, dass sich soziale Traumatisierungen nicht von körperlichen und psychischen trennen lassen.

Die weiteren Beiträge über die epigenetisch gestützte Vererbung und die Ätiologie und Behandlung traumainduzierter Dissoziation geben ebenso wie die folgenden Beiträge einen herausragenden Überblick über wichtige Thematiken.

Nur in Teilen nachvollziehbar sind für mich die Ausführungen von Michael Rentrop und Agnes Schneider-Heine ihrer Beschreibung des psychoanalytischen Ansatzes. Die Autoren scheinen die „Wirklichkeit“ der Klientinnen bestimmen zu können, sie formulieren Aussagen, jedoch keine Hypothesen. Beispielsweise werden in den angefügten Tabellen (S. 169) sehr schematisch Beziehungserfahrung, psychische Folgen, resultierende Übertragungsmuster in der therapeutischen Beziehung und ein typisches Gegenübertragungserleben des Therapeuten benannt. Hier führt beispielsweise emotionales Alleingelassen werden zu den psychischen Folgen der Verlassenheit und einer tiefen Einsamkeit, zu einer Täterübertragung des Klienten, in der der Therapeut als gleichgültig und nicht schützend erlebt wird, was zu einer Ohnmacht und einer hilflosen Überforderung, Unvermögen und Inkompetenz in der Gegenübertragung des Therapeuten führen würde. Dies könnte jedoch auch ganz anders sein!

Auch der Widerstand in der therapeutischen Arbeit seitens des Klienten (S. 172) wird sehr einseitig betrachtet, hier insbesondere als Angst vor einer Retraumatisierung. In diesem Beitrag werden die integrativen Einflüsse, die in den vorherigen Beiträgen thematisiert werden, nicht aufgenommen, stattdessen wird sehr einseitig in der Traumabehandlung der Schwerpunkt auf die Analyse der Übertragungsbeziehungen gelegt.

Hingegen betrachtet Werner Bohleber im abschließenden Beitrag über neuere psychoanalytische Konzeptionen und Behandlungsstrategien umfassender analytische Konzepte. Der Autor fasst zusammen, dass die psychoanalytische Theorie Schwierigkeiten hat traumatische Phänomene angemessen zu konzeptualisieren. Diese Erkenntnis sollte dazu führen, dass Psychoanalytiker*innen realisieren, dass die Behandlung traumatisierter Menschen integrativer Ansätze bedarf.

Einleitend hätte in diesem Buch ausgeführt werden können, nach welchen Kriterien die Inhalte ausgewählt wurden. Weitere bedeutsame traumatherapeutische Ansätze hätten mit aufgenommen werden können, beispielsweise die Bedeutung sequenzieller Traumatisierung und der mehrgenerationale Einfluss und dessen Bedeutung für traumatisierte Menschen oder der Einfluss weiterer sozialer Faktoren.

Fazit

Den Leser*innen wird mit diesem Band sehr kompakt eine umfassende Darstellung bedeutsamer Thematiken geboten Das Buch ergänzt unser Wissen über die Traumafolgen.

Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
lehrt als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der Diploma Hochschule. Er ist zudem als Supervisor und in der Weiterbildung tätig.
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Es gibt 58 Rezensionen von Jürgen Beushausen.

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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 02.08.2022 zu: Julia Müller (Hrsg.): Traumafolgen. Forschung und therapeutische Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-17-037563-5. Reihe: Psychotherapie in Psychiatrie und Psychosomatik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29557.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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