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Florence Hervé, Renate Wurms (Hrsg.): Das Weiberlexikon. Von Abenteuerin bis Zyklus

Cover Florence Hervé, Renate Wurms (Hrsg.): Das Weiberlexikon. Von Abenteuerin bis Zyklus. PapyRossa Verlag (Köln) 2005. 5., neu bearbeitete, erweiterte und aktualisierte Auflage. 508 Seiten. ISBN 978-3-89438-333-6. 29,90 EUR, CH: 52,20 sFr.
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Das Wichtigste zur Neuauflage im Überblick

20 Jahre nach dem Erscheinen der 1. Auflage liegt jetzt ein inhaltlich und äußerlich rundum erneuertes "Weiberlexikon" vor. Es funktioniert als Nachschlagewerk ebenso wie als Lesebuch und als Bilderbuch. Das Layout wurde den heutigen Ansprüchen und Möglichkeiten entsprechend von einer Vielzahl illustrierender Bilder, Parolen und Gedichte entlastet und zum Teil durch neue Bilder, bzw. Bilder, die erst in den letzten Jahren zugänglich gemacht worden sind, ergänzt.

70 Autorinnen haben ihr Wissen zu allem, was emanzipierte Frauen zum Thema Frauenleben in Geschichte und Gegenwart interessiert, zusammen getragen. Ausschlaggebend für die Auswahl der Stichwörter war, dass die Begriffe für das Leben von Frauen bedeutsam sind, sie aber in traditionellen Lexika nicht oder nicht aus Frauensicht erläutert werden.  Neben den Herausgeberinnen haben vor allem Margret Gottlieb und Elly Steinmann eine Vielzahl von Einträgen bearbeitet. Die meisten Artikel enden mit Literaturhinweisen. Ein Namensregister erleichtert die Suche nach Personen.

Wie schon vor 20 Jahren versucht das Weiberlexikon eine Balance herzustellen zwischen parteilicher Polemik und wissenschaftlicher Genauigkeit. Die Autorinnen pointieren und bewerten die von ihnen mitgeteilten Entwicklungen und Gegebenheiten unter dem Gesichtspunkt der Emanzipationsinteressen von Frauen. Diese werden auf dem Hintergrund einer Politik der Befreiung von Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt interpretiert. So wird zwar über Erfolge der Frauenbewegung berichtet, aber der Grundtenor vieler Artikel fokussiert das noch bestehende Unrecht. Ein Vergleich der ersten und der aktuellen 5. Auflage verdeutlicht auch die Fortschritte feministischer Forschung und Theoriebildung in den letzten beiden Jahrzehnten.

Ausgewählte Beiträge

So werden die Ziele der Feministinnen von Renate Wurms in ihrem weitgehend neu verfassten Artikel "Utopie" jetzt in fünf Richtungen untergliedert und durch folgende gemeinsame Ideale charakterisiert: "die Unabgeschlossenheit, die Bedeutung von Natur und Umwelt, Gewaltfreiheit, radikaldemokratische Formen und die Überwindung des Geschlechterverhältnisses als Herrschaftsverhältnis." In der ersten Auflage war eine ähnlich differenzierte Abgrenzung verschiedener Linien noch nicht möglich gewesen, auch fehlten noch die jetzt eingearbeiteten Kenntnisse über die von Frauen entwickelten Utopien in der Vergangenheit.

Deutlich wird die Weiterentwicklung feministischer Theorie auch im Artikel "Emanzipation", ebenfalls von Renate Wurms. Hier werden aktuelle Diskussionen unter dem Label "Emanzipationskonzepte auf der Basis von Differenz und Gleichheit" referiert und zugleich als Weiterentwicklung der schon in der ersten Auflage genannten Emanzipationskonzepte diskutiert. Diese beschränkten sich 1985 noch auf die "sozialistische Emanzipationskonzeption", "das feministische Projekt der Befreiung" und "Sozialismus-Feminismus-Ansätze".

Im Artikel "Feminismus" musste dementsprechend ebenfalls eine Passage zu "Gleichheit und Differenz" aufgenommen werden, aber auch ein Absatz über "Rassismus", als eines 1985 in Deutschland noch nicht selbstverständlichen Bestandteils feministischer Theoriebildung. Dementsprechend heißt es im Artikel von Marianne Kolter im Artikel "Rassismus": "Neu: Frauenspezifische Forderungen gegen Rassismus sind sowohl integraler Bestandteil emanzipatorischer Bewegungen als auch ein eigenständiges Feld, das in diese Bewegungen eingebracht und/oder von den Frauen in ihren Bewegungen vertreten wird." Als neue Stichwörter wurden in diesem Kontext "Apartheid", "Asyl", "Dritte Welt", "Kolonialismus", "Rechtsextremismus" und "Xenophobie" aufgenommen. Der Artikel "Ausländerin", der in der Ausgabe von 1985 ausschließlich über Frauen, die über "Gastarbeiter"-Anwerbeprogramme in die BRD gekommen waren, und ihre Töchter handelt, wurde durch den Artikel "Migrantinnen" ersetzt, wobei bereits durch die Verwendung des Plurals deutlich gemacht wird, dass die Migration von Frauen viele verschiedene Ursachen hat.

Praktisch politische Erfolge der Frauenbewegung seit 1985 werden zum Beispiel daran erkennbar, dass unter anderem folgende Stichwörter neu aufgenommen wurden:

  • "Antidiskriminierungsgesetz",
  • "EU-Gleichstellungspolitik",
  • "Frauenförderplan",
  • "Führung",
  • "Gleichstellungsbeauftragte/Frauenbeauftragte",
  • "Karriere",
  • "Nobelpreisträgerin".

Eine Reihe neuer Stichwörter verweist aber auch auf die Existenz neuer Probleme bzw. auf die "Entdeckung" und Neuinterpretation alter Probleme von Frauen:

  • "AIDS",
  • "Armut",
  • "Behinderung",
  • "Essstörungen",
  • "Flexibilisierung",
  • "Frauenhandel",
  • "Pflege",
  • "PID",
  • "PND",
  • "Schwangerschaft",
  • "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz",
  • "Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen",
  • "Sucht und Abhängigkeit von psychotropen Substanzen",
  • "Teilzeitarbeit",
  • "Ungeschützte Arbeitsverhältnisse".

Ein Lexikon, das eine Orientierungshilfe im Alltag gewähren möchte, spiegelt auch neue Techniken, Tendenzen und Themen wie sie z.B. in den folgenden neuen Stichwörtern zum Ausdruck kommen:

  • "Coaching",
  • "Cyberfeminismus",
  • "Ehrenamtliche Arbeit",
  • "Ernährung",
  • "Europa",
  • "Femalismus",
  • "Fundamentalismus",
  • "Gender Mainstreaming",
  • "Gentechnologie",
  • "Geringfügige Beschäftigung",
  • "Girlie",
  • "Globalisierung",
  • "Internet",
  • "Islam",
  • "Kind",
  • "Lesbenbewegung",
  • "Männerbewegung",
  • "Männerforschung",
  • "Mentoring",
  • "Queer",
  • "Ritual",
  • "Womanismus",
  • "Zeit".

Um für all das Neue Platz zu schaffen, wurde nicht nur der Anhang mit schnell vergänglichem statistischem Material und leider auch mit der Zeittafel historischer Ereignisse fallen gelassen, sondern es wurden auch eine ganze Reihe insbesondere kleiner Einträge heraus genommen: zum Beispiel: "Unterleib", "unbefleckte Empfängnis" und "Unterbeschäftigung", sowie "Hort", "Hippie" und "Happy End", um nur einige Beispiele zu nennen.

Die meisten Beiträge wurden mehr oder weniger unverändert übernommen oder um neuere Entwicklungen ergänzt. So musste Uta Ranke-Heinemann in ihrem Artikel über "Kirche - katholische" lediglich nachtragen, dass Messdienerinnen nach dem kurzen aber fruchtlosen Versuch, diese zu verbieten, wieder zugelassen wurden. Antje Olivier und Sigrid Reihs dagegen mussten den Beitrag zu "Kirche - evangelische" um die Darstellung des wachsenden Einflusses von Frauen in kirchlichen Ämtern und in der Theologie erweitern. Allerdings werden diesen Erfolgen - dem Geist vieler Beiträge bzw. dem Zeitgeist entsprechend - sogleich Misserfolge und mögliche Rückschritte gegenübergestellt: "Kleine Schritte rückwärts, die auffällig an die 30er Jahre erinnern? In der feministischen Gegenbewegung, die seit Ende der 70er Jahre die Kirchen gleichermaßen verstörte wie heilsam in Bewegung brachte, hat sich seit Ende der 90er Jahre viel verändert. Vorbei ist der Schwung der frühen Jahre (…)." Angesichts dieser nostalgischen Töne verblüfft die am Ende folgende Situationsbeschreibung: "Heute hat eine junge Generation von Theologinnen, die vorwiegend ökumenisch arbeitet, fast flächendeckend das Netz der feministischen Theologie in West- und Ostdeutschland gespannt (…)." Dem schließt sich allerdings eine Schlussbemerkung an, die wenig Vertrauen in die Zukunft und die künftig einflussreiche Frauengeneration erkennen lässt: "Es ist nun an den jungen Nachwuchs-Theologinnen, das Erreichte weder zu verraten, noch überzubewerten."

Ein Gegenbeispiel eines ungebrochenen Optimismus bietet der Artikel von Wiebke Buchholz-Will über die "gewerkschaftliche Frauenarbeit heute". Der Artikel schildert in vielen Details die geradezu schmerzhaft langsame Öffnung der Gewerkschaften für Fraueninteressen. "Als qualitativer Sprung ist zu werten, dass die Frauengremien das eigenständige "Verlautbarungsrecht" haben. Statt ewigem Spagat zwischen autonomer Meinungsbildung und Bevormundung durch langwierige (und männlich dominierte) Beschlusswege gibt es die Möglichkeit einer eigenen Öffentlichkeitsarbeit." Nachdem am Ende des Artikels auf eine Studie der IG Metall aus dem Jahr 1997 verwiesen wurde, die "die Abkehr junger Frauen von einem Status, der einem "Aufenthaltsrecht in einer Männergewerkschaft" gleichkommt", resümierte, endet die Autorin mit dem Ausdruck der "Hoffnung für eine Zukunft, in der die Gewerkschaftsbewegung erneut aufblüht und nachhaltig Fraueninteressen vertritt."

Historische Ereignisse wie zum Beispiel die Hexenverfolgung haben sich seit der ersten Auflage des "Weiberlexikons" nicht verändert - allerdings der Stand der historischen Forschung. Anders als im Artikel "Matriarchat" hat Renate Wurms hier leider keine Aktualisierung vorgenommen. Texte mit juristischen Inhalten vermitteln die grundsätzliche Bedeutung von Regelungen im Kontext der Frauenpolitik, nicht immer jedoch den aktuellen Stand der Gesetzgebung, der ohnehin ständig im Fluss ist. Als Rechtsratgeber kann das Lexikon daher nicht empfohlen werden, wohl aber als Wegweiser durch einzelne Felder der Rechtspolitik.

Fazit

Das "Weiberlexikon" ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Buch für alle, die sich für Frauenpolitik und/oder die Geschichte und Kultur von Frauen interessieren. Es enthält eine Art Momentaufnahme der heute im Kontext der Frauenbewegung interessierenden Themen und relevanten Diskussionen. Schon deshalb lohnt sich die Anschaffung der 5. Auflage auch für diejenigen, die bereits eine ältere Auflage besitzen.


Rezension von
Prof. Dr. Sibylla Flügge
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Zitiervorschlag
Sibylla Flügge. Rezension vom 19.09.2006 zu: Florence Hervé, Renate Wurms (Hrsg.): Das Weiberlexikon. Von Abenteuerin bis Zyklus. PapyRossa Verlag (Köln) 2005. 5., neu bearbeitete, erweiterte und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-89438-333-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2956.php, Datum des Zugriffs 24.09.2020.


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