Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Thomas Hax-Schoppenhorst, Jürgen Georg (Hrsg.): Ungewissheit und Unsicherheit durchleben

Rezensiert von Dr. Carsten Rensinghoff, 13.09.2022

Cover Thomas Hax-Schoppenhorst, Jürgen Georg (Hrsg.): Ungewissheit und Unsicherheit durchleben ISBN 978-3-456-86205-7

Thomas Hax-Schoppenhorst, Jürgen Georg (Hrsg.): Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? Hogrefe AG (Bern) 2022. 256 Seiten. ISBN 978-3-456-86205-7. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 47,90 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Bei der Ungewissheit handelt es sich um einen mentalen Zustand, bei dem man nicht weiß, wie die Entwicklung voranschreitet. In alltäglichen Lebenszusammenhängen erfahren wir Ungewissheit, als da beispielsweise wären die Corona-Pandemie, der Ukrainekrieg, die Klimakrise, die Ausbildung, die Berufstätigkeit o.ä. Nichts ist so gewiss und sicher, wie die Ungewissheit und die Unsicherheit.

Herausgeber

Thomas Hax-Schoppenhorst ist Lehrer und kommt aus Düren.

Jürgen Georg ist in der Schweiz Pflegefachkraft, Lehrer für Pflegeberufe und Pflegewissenschaftler. Er ist beim Hogrefe Verlag Programmleiter für die Pflege.

Entstehungshintergrund

In ihrem Vorwort schreiben die Herausgeber, dass die ersten Pläne zu dieser Publikation Ende 2019 erfolgten. Die Corona-Pandemie versetzte ab dem 12.03.2020 die Welt in Angst und Schrecken. Die Welt erfuhr, „dass so vieles im Leben ungewiss, unsicher ist“ (S. 23).

Aufbau

Teil I Ungewissheit und Unsicherheit verstehen

  1. Michael Niehaus: Unsicherheit, Ungewissheit, Risiko – Überlegungen zum Begriffsfeld
  2. Elke Wagner: Ungewissheit – zur sozialen Funktion von Unbestimmtheit
  3. Annette Haußmann: Theologische und religionspsychologische Perspektiven von Ungewissheit
  4. Werner Schüßler: Über die positive Bedeutung der menschlichen Ungewissheit
  5. Diana Staudacher: Die verborgenen Gesichter der Unsicherheit
  6. Barbara Schellhammer: Zum responsiven Umgang mit Ungewissheit
  7. Annelie Keil: „Ungewissheit“ – Wurzel der Neugier und Anstiftung zum Leben
  8. Alexander Lohner: Gewissheit und Wissen, Sicherheit und Heil-Sein

Teil II: Ungewissheit und Unsicherheit in der Praxis

  1. Jürgen Georg: Ungewissheit – pflegerisch betrachtet
  2. Regina Sauer: Ungewissheit – Konzeptentwicklung von Janice Penrod
  3. Bruno Hemkendreis: Ungewissheit – eine persönliche Erfahrung
  4. Elke Steudter: Unbestimmtheit als zentrale Erfahrung bei akutem Schlaganfall
  5. Julia Asimakis und Kerstin Huber-Eibl: Ungewissheit im Leben mit Multipler Sklerose
  6. Alexander Palant: Krankheitserfahrungen bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
  7. Marvin Kaiser: Überleben in Ungewissheit
  8. Franz Sitzmann: Aspekte des Sterbefastens
  9. Carina Heyde: Ungewissheit im Kontext Migration
  10. Robert Dörflinger: Sind psychiatrisch Pflegende unsicher?
  11. Ursula Immenschuh: Unsicherheit und Scham – gemeinsam für Würde
  12. Manfred Borutta: Umgang mit Nichtwissen und Kontingenz in der Pandemie und Pflege
  13. Christoph Müller: Nonverbale Kommunikation und Ungewissheit in der Begegnung mit Menschen

Teil III Wege aus Ungewissheit und Unsicherheit

  1. Nils Spitzer: Just to be certain
  2. Cornel Bindl-Krieglstein: Bewältigung von Ungewissheit im psychischen Erleben
  3. Fritz Böhle: Erfolgreich Handeln mit Ungewissheit
  4. Ralf T. Vogel: Kollektive Verunsicherung – Tiefenpsychologische und therapeutische Überlegungen
  5. Christopher Arnold und Michael Linden: Weisheit und die Bewältigung von Dilemmata und Ungewissheit
  6. Jörg Herdt: Achtsamkeit als möglicher Umgang mit Ungewissheit
  7. Sylvia Sänger: Und plötzlich war nichts mehr sicher
  8. Frank Habermann: Uncertainty Mapping – Methode zur Vermessung von Unsicherheit
  9. Nils Markwardt: Vom Risiko zur Vision

Inhalt

Ernst-Dieter Lantermann stellt in seinem Geleitwort fest, dass „Ungewissheit und Unsicherheit nicht immer nur als Bedrohung wahrgenommen werden sollte, sondern zugleich als eine gute Chance und Gelegenheit für einen konstruktiven, zukunftsoffenen und im besten Sinne menschlichen Umgang mit der Welt und miteinander auch oder gerade in einer Welt voller unvermeidlicher Ungewissheiten“ (S. 16).

In vorgenanntem Zusammenhang erlaube ich mir bereits hier auf das 16. Kapitel zu verweisen, in dem Franz Sitzmann sich mit den Aspekten des Sterbefastens oder terminmalen Fastens befasst. Hierbei geht es um den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, dem FVNF. Unter FVNF versteht man eine legale Methode zur Herbeiführung eines natürlichen Todes. Dieser FVNF sollte nicht ohne ärztliche Begleitung durchgeführt werden, da der Sterbeprozess sonst nicht unbedingt komplikationslos erfolgt. Leiden im Sterben ist zu vermeiden.

Aus pflegerischer Sicht definiert Jürgen Georg Ungewissheit „als Unfähigkeit […], den Sinn von Krankheitsereignissen oder Lernprozessen zu bestimmen, wenn diese Ereignisse uneindeutig, unklar, sehr komplex, ohne Erklärung sind, oder wenn medizinische Befunde oder die Entwicklung der Pflegesituation nicht vorhersagbar sind“ (S. 111).

Michael Niehaus geht in seinem Beitrag davon aus, dass es eine vollständige Sicherheit nicht gibt. Immer besteht ein Restrisiko, also die Unsicherheit. Am Beispiel der Sicherheit der Rente führt er die Unsicherheit vor. Denn die Blümsche Floskel, dass die Rente sicher ist, beinhaltet „die Möglichkeit, dass sie nicht sicher ist“ (S. 27).

Dass ein hirntraumatisches Ereignis ein Leben unbestimmbar werden lässt, zeigt Elke Steudter am akuten Schlaganfall auf. „Das Leben von Schlaganfallbetroffenen verändert sich meist im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig“ (S. 139). Nichts ist mehr so, wie vor dem Schlaganfall. Alles ist ungewiss. Der Schlaganfall hat eine unklare Ursache und mündet in eine unklare Zukunft. Die Betroffenen „sind gefordert, dass Unbestimmbare in ihren Alltag zu integrieren und damit zu leben“ (S. 145) Das ist eine schwere Aufgabe, die nicht allen Betroffenen gleichermaßen gelingt.

Dass Ungewissheit eine Freundin sein kann, erkennt Bruno Hemkendreis, der mit einer chronischen Lungenkrankheit lebt und diese Freundschaft, nach einer stationären Behandlung, so begründet: Nach zwei Tagen „erfuhr ich […], wie unprofessionell Medizin auch sein kann. Ärztliches und pflegerisches Personal, das kaum Deutsch spricht, Patienten verwechselt und nach ganzen zwei Tagen im Arztbrief schreibt, man habe mich in einem sehr schlechten Allgemeinzustand aufgenommen, aber wesentlich stabilisiert entlassen“ (S. 134). Wenige Tage nach der Entlassung wurde eine Lungenentzündung diagnostiziert, die bei dem vorgenannten Krankenhausaufenthalt bereits hätte festgestellt werden müssen,

Cornel Binder-Krieglstein nimmt die helfende Position in den Blick. Er stellt fest, „dass Unsicherheit und Ungewissheit eine denkbar schlechte Basis für das grundsätzlich eher fragile und fehleranfällige emotionale Vorhaben des Helfens darstellen“ (S. 245). In helfenden Berufen ist soziales und fachlich kompetentes Agieren gefordert.

Diskussion

Hildegard Knef spricht von der Unordnung des Lebens, in dem alles unbestimmt ist. Sie sagt:

„‘Es ist nicht ordentlich, das Leben, und was immer dein Bestreben, es so ordentlich zu machen, wie du deine Siebensachen, ist vergebens. Es scheitert vor allem zeitlebens an der Unordnung des Lebens‘“ (Knef, 2022).

Sicher ist letztlich die Endlichkeit des Lebens, die, legal, selbstbestimmt und kostenneutral, vorzeitig durch das FVNF herbeigeführt werden kann. Mit Kostenneutralität ist der Verzicht auf die kostenintensive Apparatemedizin auf den Intensivstationen gemeint, der das menschliche Leiden am Lebensende nur vergrößert.

Fazit

Ungewissheit und Unsicherheit wird in diesem Herausgeberband aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen gelegt. Hierauf folgen im zweiten Teil Handlungsfelder, in denen sich Ungewissheit und Unsicherheit bemerkbar machen. Der Blick hier reicht über die gesamte Lebensspanne bis zum endgültigen Todesereignis – und hier, also beim Sterbefasten, wird die Selbstbestimmung hervorgehoben. Im letzten Teil werden dann Lösungswege aus Unsicherheit und Unsicherheit aufgezeigt.

Literatur

Knef, Hilde: „Halt mich fest.“ URL: http://www.hildeknef.de/3-2-Impulse-Zitate.html [Download: 08.09.2022].

Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Website
Mailformular

Es gibt 164 Rezensionen von Carsten Rensinghoff.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 13.09.2022 zu: Thomas Hax-Schoppenhorst, Jürgen Georg (Hrsg.): Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Wie mit Menschen in unvorhersehbaren Lebens- und Gesundheitssituationen umgehen? Hogrefe AG (Bern) 2022. ISBN 978-3-456-86205-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29561.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht