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Gerda Nüberlin: Woher Rassismus kommt und immer wieder kommt

Rezensiert von Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig, 29.07.2022

Cover Gerda Nüberlin: Woher Rassismus kommt und immer wieder kommt ISBN 978-3-947273-56-0

Gerda Nüberlin: Woher Rassismus kommt und immer wieder kommt. Analyse der Reproduktionspotenziale von Rassismen. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2022. 105 Seiten. ISBN 978-3-947273-56-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema

Die vorliegende Abhandlung fragt nach den Ursachen der beständigen Wiederkehr rassistischer Diskriminierungen, rassistisch motivierter Handlungen und rassistischer Denkfiguren und Zuschreibungen, obwohl es doch einen breiten gesellschaftlichen Konsens und rechtsstaatlich verbindliche Normen gegen Rassismus gibt. In den Fokus der Betrachtung rückt die Autorin dabei die blinden Flecken im Wissen und in ausgewählten und im wissenschaftlichen Diskurs verbreiteten Rassismustheorien und entwickelt daran anschließend einen eigenen Erklärungsansatz zur Beantwortung der Frage nach den Reproduktionspotenzialen der vielfältigen modernen differenziellen und kulturalistischen Neo-Rassismen.

Autorin

Gerda Nüberlin lehrt als Professorin am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain in den Studiengängen der Sozialen Arbeit über Methoden und Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit sowie zu den Themen Gender und Diskriminierung. Sie ist staatlich anerkannte Sozialarbeiterin, Diplompädagogin und promovierte Erziehungswissenschaftlerin. Sie forscht und publiziert zu Fragen der Selbstkonzeptentwicklung und Genderthemen.

Aufbau und Inhalt

Die Abhandlung gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil leistet die Autorin unter Bezug auf Arbeiten der französischen Soziologen Etienne Balibar und Immanuel Wallerstein eine komprimierte Darstellung aktueller Definitionen und Erklärungen des Neo-Rassismus und stellt ihre die Abhandlung leitende Forschungshypothese vor.

Nüberlin fasst Rassismus als „eine spezielle Unterart von Diskriminierung, in der das diskriminierende Merkmal der herabgewürdigten Person biologistisch oder kulturalistisch naturalisierend als ihre ,natürliche‘ Eigenart als ,Rasse‘ oder als ethnisch-kulturelle rasse-ähnliche Eigenart zugeschrieben wird“ (S. 25). Darin eingeschlossen betrachtet sie Sexismus als besondere Form des Rassismus, der patriarchale Frauenverachtung mit einer behaupteten natürlichen Minderwertigkeit von Frauen legitimiert. Hiervon ausgehend analysiert und diskutiert die Autorin im zweiten Teil der Arbeit wissenschaftliche Erklärungsansätze des Rassismus auf den verschiedenen Ebenen, auf denen er in Erscheinung treten kann, der gesellschaftsstrukturellen Ebene, der Institutionenebene und der Ebene der vielfachen Alltagsrassismen. Wohlbegründet plädiert die Autorin für eine Trennschärfe und grenzt Rassismus von sozioökonomischen und migrationsspezifischen Ungleichbehandlungen ab, wenngleich rassistische Entscheidungspraxen und Narrative in staatlichen und institutionellen Strukturen vorgefunden werden können. Anstatt soziale Ungleichbehandlungen strukturadäquat zu dekonstruieren, bleibe der Vorwurf eines strukturellen Rassismus ein moralisches Verdikt.

Der dritte Teil der Arbeit führt die diskutierten Erklärungsansätze in einem übergreifenden theoretischen Ansatz zusammen und expliziert die leitende Forschungshypothese. Die Autorin bezieht sich dabei auf die Anomietheorie des US-amerikanischen Soziologen Robert Merton, mit dem das Auseinanderfallen der in einer Gesellschaft geteilten Werte und Ziele mit den demgegenüber in der sozialen Struktur nur selektiv vorhandenen Ressourcen der Zielerreichung beschrieben wird. Den strukturfunktionalistischen Anomieansatz erweitert sie um die subjektive Dimension, d.h. die sozialpsychologischen Bewältigungsversuche und -strategien, mit denen Betroffene auf Exklusionseffekte und Anomien der sozioökonomischen Strukturen reagieren. Das Reproduktionspotenzial rassistischer Denk- und Handlungsstrukturen, trotz bestehender Diskriminierung und Rassismus verbietender Normen, verortet Nüberlin in der Persistenz sozialer und sozialökonomischer Überforderungssituationen, die auf sozialmoralischer Ebene zur Herausbildung von Rassismen als Bewältigungsreaktionen führen.

Die Arbeit endet mit einem Fazit (Teil 4), das auch Handlungsoptionen eröffnet.

Diskussion

Die Autorin belegt in eindrücklicher Weise Schwachstellen im politischen und wissenschaftlichen Diskurs um Rassismus, dessen Zählebigkeit und Widerständigkeit gegen seine Überwindung. Keineswegs, und hierbei ist der Autorin unbedingt zu folgen, sind die Entstehungsbedingungen von Rassismus so klar und greifbar herausgearbeitet, wie es für ein Gegenprogramm erforderlich wäre. Die von der Autorin eingeforderte Trennschärfe zwischen strukturellem Rassismus und sozialpsychologischen Aktivierungspotenzialen ist mehr als ein logisch-analytisches Erkenntnisinstrumentarium. Sie ist wesentlich für die Ausrichtung intervenierender Politiken. Hier plädiert die Autorin dafür, den Blick stärker auf die vielfältigen Alltagsrassismen zu richten und nach ihrer Bedeutung für die Selbstkonzepte der Ausgrenzenden zu fragen.

Politische Aktionspläne und Handlungskonzepte auch in der Sozialen Arbeit wären auf diesen Erkenntnisstand zu beziehen und einer kritischen Revision zu unterziehen. Hier wünschte man eine Fortführung der Arbeit. Die abschließende Empfehlung der Autorin einer intensiven dekonstruktiven Aufklärungs- und Bildungsarbeit greift hier möglicherweise etwas zu kurz. Die scheinbare Unausrottbarkeit des Rassismus hängt wesentlich auch davon ab, ob eine Gesellschaft das Gerechtigkeitsgebot und Diskriminierungsverbot mit Nachdruck verfolgt und seiner Durchsetzung Priorität einräumt.

Fazit

Das Buch ist sehr lesenswert und es kann an dieser Stelle eine ausdrückliche Empfehlung zur Lektüre gegeben werden, insbesondere für Studierende und Lehrende sowie praktisch Tätige in der antirassistischen Sozialen Arbeit. In einer komprimierten Form und Darstellung bietet es einen Leitfaden zur Lektüre und Erschließung wesentlicher Theorieansätze zur Erklärung des Rassismus und seiner Reproduktionspotenziale.

Rezension von
Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig
Fachhochschule Frankfurt/Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Es gibt 8 Rezensionen von Brigitte Stolz-Willig.

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Zitiervorschlag
Brigitte Stolz-Willig. Rezension vom 29.07.2022 zu: Gerda Nüberlin: Woher Rassismus kommt und immer wieder kommt. Analyse der Reproduktionspotenziale von Rassismen. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2022. ISBN 978-3-947273-56-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29567.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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