Eckhard Klein, Christiane Tilly (Hrsg.): Vom Leichtgewicht zum Gleichgewicht
Rezensiert von Prof. Dr. Eva Wunderer, 15.09.2022
Eckhard Klein, Christiane Tilly (Hrsg.): Vom Leichtgewicht zum Gleichgewicht. Mit Magersucht leben.
Balance Buch + Medien Verlag
(Köln) 2022.
192 Seiten.
ISBN 978-3-86739-280-8.
D: 17,00 EUR,
A: 17,50 EUR.
Reihe: BALANCE Erfahrungen. .
Thema
Das von Eckhard Klein und Christiane Tilly herausgegebene Buch lässt Menschen mit Anorexia nervosa zu Wort kommen. 16 Frauen und Männer erzählen ihre Geschichte mit der Essstörung, die sie teils noch begleitet, sie teils hinter sich gelassen haben. In zwei Fachbeiträgen stellen darüber hinaus Dr. Anna Westermair und Prof. Dr. Ulrich Schweiger Behandlungsangebote und Recovery bei Essstörungen dar, Judith Bernitt gibt Einblicke in die Ernährungsberatung. Am Ende des Buches findet sich ein Serviceteil mit hilfreichen Adressen und Literaturempfehlungen.
Herausgeber:innen
Eckhard Klein und Dr. Christiane Tilly bringen beide Essstörungserfahrungen mit. Eckhard Klein ist Sportwissenschaftler, Publizist und Pädagoge und arbeitet als Videoredakteur bei DER SPIEGEL. Seine Krankheitsgeschichte schildert er im Kapitel „Ich suchte stets ein Alibi“. Christiane Tilly ist Egotherapeutin und Diplom-Erziehungswissenschaftlerin und derzeit an der Universität Bielefeld als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.
Entstehungshintergrund
In ihrer Einleitung beschreiben Christiane Tilly und Eckhard Klein, wie sie sich im therapeutischen Rahmen kennenlernten und über ihre geteilten Erfahrungen die Idee zu diesem Werk entstand, das „in erster Linie ein Buch von Betroffenen für Betroffene“ (S. 10) ist, aber auch Fachleute und Angehörige anspricht.
Aufbau
Das Buch gliedert sich in sieben Teile. Der erste ist die Einleitung der beiden Herausgebenden, anschließend folgen 16 Erfahrungsberichte, die in die Themenfelder „Magersucht – und ihre Gesichter“, „Mit der Erkrankung leben“ und „Von Hilfen und Selbstakzeptanz“ unterteilt sind. Im Teil „Hoffnung vermitteln – Therapie als Chance“ folgen die beiden erwähnten Fachbeiträge, das Schlusswort der Herausgebenden sowie der Serviceteil beschließen das Buch.
Inhalt
Im Zentrum des Buches stehen die Erfahrungsgeschichten von Menschen, die eine Anorexia nervosa durchleben bzw. durchlebt haben. Dabei wird deutlich, dass eine Essstörung tiefgründig und durch viele Faktoren bedingt ist, dass sie eine Funktion hat und es nicht um Schlankheitsstreben geht. Anke Euler beschreibt ihre Erkrankung so: „Magersucht ist für mich ein verzweifelter Versuch, Struktur und Sicherheit zu erlangen und die schlimmen Dinge auf der Welt zu vergessen“ (S. 12). Jedes Kapitel wird dabei eingeleitet durch eine solche vorangestellte persönliche Definition der Essstörung.
Auch in anderen Geschichten stehen der Wunsch nach Struktur und Kontrolle, nach Selbstwert und Anerkennung, nach Bindung und Beziehung im Mittelpunkt – und damit grundlegende menschliche Bedürfnisse. Die Veränderungen und Einschränkungen im Zuge der COVID-19-Pandemie, während der das Buch entstand, stellten vor diesem Hintergrund viele der Autor:innen vor besondere Herausforderungen, da genau Kontrolle, Struktur und Beziehung verlorengingen – dies ist in mehreren Erfahrungsgeschichten Thema.
Am Ende listet jede:r Autor:in auf, was ihr/ihm individuell geholfen hat. Oft sind es Gespräche über die eigenen Probleme, Beziehungen zu Freundeskreis und Familie oder einem Haustier, aber auch therapeutische Behandlungen, Yoga, Achtsamkeit und Geduld sowie Ziele und Zukunftspläne.
Andere Personen mit Essstörungen werden von vielen der Autor:innen als sehr hilfreich beschrieben, doch sie können auch Konkurrenz schüren und die Angst, selbst nicht krank genug zu sein, wie einige Geschichten zeigen. Das Bedürfnis, es alleine schaffen zu wollen, verhindert immer wieder, dass frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird.
Diskussion
Das Buch zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass Essstörungen eine Funktion haben, ein Lösungsversuch sind – ein sehr destruktiver, vor allem im Falle der Anorexia nervosa ein lebensgefährlicher, doch in Phasen des Lebens wichtig für die erkrankten Personen. Die Essstörung schafft eine Identität, hinter der andere Aspekte der Person temporär zu verschwinden scheinen. Vor diesem Hintergrund ist schade, dass an einigen Stellen des Buches die Erkrankung mit der Person gleichgesetzt wird („Magersüchtige“), was diese Identifikation weiter unterstützt. An vielen anderen Stellen wird jedoch explizit mit Externalisierung gearbeitet und die Essstörung quasi als „eigenständiges Wesen“ gesehen, das beispielsweise als „innerer Zensor“ oder „Mann im Ohr“ betitelt wird.
Das Buch zeigt viele Gemeinsamkeiten, jedoch auch die Individualität und Einzigartigkeit jeder einzelnen Erfahrungs-, Krankheits- und Gesundungsgeschichte. Die Einteilung der 16 Berichte in die drei Themengebiete erschließt sich mir nicht deutlich, da in fast allen Geschichten sowohl die Gesichter der Magersucht, das Leben mit der Erkrankung als auch Hilfen und Selbstakzeptanz angesprochen werden.
Beeindruckend ist die Offenheit, mit der die Autor:innen ihre Erfahrungen schildern – unter anderem auch der Herausgeber Eckhard Klein. Die Fachbeiträge sind wertschätzend und auf Augenhöhe verfasst, ermutigend und gut verständlich für Menschen mit Essstörungen und ihre Angehörigen. Wertvoll ist das Kapitel zur Ernährungstherapie, die selten so ausführlich dargestellt wird. Leider fehlt ein Kapitel zur Sozialen Arbeit bzw. Klinischen Sozialarbeit als weitere wichtige Säule in der Beratung und Behandlung der Essstörung.
Nicht-Essen, Erbrechen, Kalorienzählen sind nicht das Problem, sie sind vielmehr der Lösungsversuch und begründet in biologischen (Prä-)Dispositionen, aber auch individuellen psychosozialen Erfahrungen. Sie sind keine „Kalorienspinnerei“ und kein „Schlankheitswahn“. Wer den Weg durch sie geht, braucht Mut und oft einen langen Atem, doch jeder Schritt ist ein Erfolg und bringt, das zeigen die Erfahrungsberichte, nicht nur näher zu einem gesunden und genussreichen Leben, sondern auch näher zu sich selbst. „Wenn ich achtsam bin, kann ich die Botschaften der Magersucht richtig interpretieren und ihr dankbar dafür sein, dass sie mir mitteilt, wenn mein Leben aus dem Gleichgewicht gerät“, so fasst es Lilly Hoffmann eindrucksvoll zusammen (S. 69).
Fazit
Das Buch gibt Menschen mit Essstörungen eine Stimme und ist daher lesenswert! Für Menschen mit Essstörungen und Angehörige, um Verständnis zu schaffen und zu finden und Mut zu machen. Für Fachkräfte, um diejenigen in den Mittelpunkt zu setzen, um die und deren Leben es in der Beratung und Therapie geht.
Rezension von
Prof. Dr. Eva Wunderer
Diplom-Psychologin, Systemische Paar- und Familientherapeutin, Hochschule Landshut
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