Anwar Hadeed: Sehr gut ausgebildet und doch arbeitslos
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 09.08.2005
Anwar Hadeed: Sehr gut ausgebildet und doch arbeitslos. Zur Lage höher qualifizierter Flüchtlinge in Niedersachsen.
BIS-Verlag
(Oldenburg) 2004.
169 Seiten.
ISBN 978-3-8142-0913-5.
13,90 EUR.
Reihe: Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM).
Integrationschancen durch Qualifizierung - auch bei MigrantInnen?
Das Interdisziplinäre Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM) an der Universität Oldenburg ist uns bereits durch zahlreiche qualifizierte Arbeiten und Forschungsergebnisse auf den Gebieten der Integration von Migrantinnen und Migranten in die deutsche Mehrheitsgesellschaft bekannt (vgl. dazu z.B. die Rezension zu Gereke / Srur, Integrationskurse für Migrantinnen, 2003; die Rezension zu Gereke / Meinhardt / Renneberg, Sprachförderung in Kindertagesstätten und Grundschulen, 2005; die Rezension zu Möllendorff, Kinder organisieren sich, 2005).
Fragestellung der Untersuchung
Während in programmatischen Aufrufen immer wieder die Forderungen erhoben werden, dass es wichtig und notwendig sei, Migrantinnen und Migranten jeden Alters und jeder Herkunft zu ermöglichen, sich sprachlich und beruflich zu qualifizieren, um in der deutschen Gesellschaft "anzukommen" und Lebensperspektiven entwickeln zu können, gibt es in der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer noch erhebliche Vorbehalte und Barrieren, wenn zugewanderte Menschen ihre nicht selten qualifizierten, beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen einbringen wollen. Das liegt nicht in erster Linie an der schwierigen Arbeitsmarktsituation in Deutschland! Woran liegt es also? Das Forschungsprojekt am IBKM in Oldenburg wollte diese Frage, erstmals in Deutschland, am Beispiel von ausgewählten Flüchtlingen und Asylbewerbern in Niedersachsen, mit einer empirischen Studie beantworten. Wenn es um die Möglichkeiten geht, dass die Betroffenen ihre beruflichen Qualifikationen, die sie meist mitbringen, in die hiesige Gesellschaft einbringen, bedarf es einer differenzierten Wahrnehmung. Dabei können natürlich die Aspekte, Bedingungen, Chancen und Hindernisse nicht unbeachtet bleiben, wie neben der beruflichen die soziale Integration verläuft.
Bei der untersuchten Personengruppe handelt es sich um rund 260 Flüchtlinge, jüdische Zuwanderer und AsylbewerberInnen mit dem Status eines dauerhaften Bleiberechts in Deutschland. Damit verfügen die Menschen über einen relativ offenen Zugang zum Arbeitsmarkt, mit den umfassenden gesetzlichen Regelungen für Migranten zur Eingliederung und sozialen Absicherung. Die Forscher wollten überwiegend die folgenden Aspekte klären:
- In wieweit werden die mitgebrachten beruflichen und schulischen Qualifikationen und Abschlüsse bei der Eingliederung in die Gesellschaft berücksichtigt, bestehen Chancen zur Weiterentwicklung und der Anpassung an den deutschen Arbeitsmarkt?
- In welchem Maße werden die vom Staat angebotenen sprachlichen und beruflichen Eingliederungsmaßnahmen von den Asylberechtigten und jüdischen Kontingentflüchtlingen in Anspruch genommen und wie tragen die Betroffenen selbst zur gesellschaftlichen Eingliederung bei?
Ergebnisse
Eine erste Feststellung: "Mit der Migration findet offensichtlich ein Bruch in den Berufsbiographien und -karrieren statt. Nur bei einem Drittel der Befragten konnte eine Anerkennung der mitgebrachten Bildungsnachweise erzielt werden. Zwei Drittel gelten trotz ihrer hohen Qualifikation formell als ungelernte Arbeitskräfte". Im Forschungsprojekt werden zahlreiche, interessante und wichtige Daten zu den Migrationsbiographien und Qualifizierungsprofilen vorgelegt, Aussagen zu den (mangelnden) Sprachkenntnissen gemacht, die vorhandenen Eingliederungsmaßnahmen diskutiert und Indikatoren für die wirtschaftliche Integration der zugewanderten Menschen aufgezeigt. Die Ergebnisse, bezogen auf den Grad und die Chancen zur beruflichen Integration, als auch in Bezug auf die Gegenwarts- und Zukunftserwartungen der Betroffenen und ihrer Bereitschaft und Fähigkeit zur sozialen Integration, werden nicht allzu optimistisch bewertet: "Die gewonnenen Daten zeigen, dass die berufliche und soziale Integration vieler Flüchtlinge in Niedersachsen trotz ihrer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis und des Anspruchs auf Eingliederungsmaßnahmen sowie trotz ihrer hohen Qualifikationsabschlüsse signifikant nicht gelungen ist". Die Ursachen stellen sich in vielfältiger Weise dar; aber Formen der "Selbstethnisierung", wie sie z. B. für die zweite und dritte Generation der so genannten "Gastarbeiterkinder" genannt werden (vgl. die Rezension des Buches von Tarek Badawia u.a., Wider die Ethnisierung einer Generation, 2003 - das auch als ein Hinweis auf die etwas spärlich ausfallende Literaturliste des Forschungsberichts der Oldenburger), lassen sich bei der Klientel der untersuchten Personengruppe nicht ausmachen: "Bei den hier gewonnenen empirischen Daten konnten keine Hinweise auf vorhandene Abschottungstendenzen oder auf eine schwache Eingliederungsbereitschaft bei den Befragten ausgemacht werden. Im Gegenteil ist ein außerordentlich hohes Interesse an beruflicher Weiterbildung und Verbesserung der sprachlichen Kompetenz festgestellt worden". Die Forscher sprechen von einem dialektischen Zusammenhang zwischen dem Grad der Zufriedenheit und den Möglichkeiten bei den Beteiligten, ein "heimisches" Gefühl in Deutschland zu entwickeln.
Fazit
Das Forscherteam des Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen an der Universität Oldenburg legt zu dieser wichtigen, in Deutschland bisher kaum bearbeiteten Fragestellung nicht nur Daten und Fakten über die beruflichen und sozialen Befindlichkeiten von MigrantInnen vor, die ohne Zweifel Grundlage für die notwendige weitere Forschungstätigkeit in diesem sensiblen gesellschaftlichen Bereich sind, sondern es werden auch Empfehlungen und Handlungsanweisungen für die Theorie und Praxis bei Migrationsprozessen gegeben. Integration bedarf der aktiven Gestaltung und die Beseitigung von Integrationshemmnissen ist eine gesellschaftliche Aufgabe für Alle. Es ist zu hoffen, dass diese Forschungsergebnisse von den Verantwortlichen der Regel- und Sozialdienste wahr genommen werden, genau so wie von den Politikern und in der Migrationsforschung Tätigen.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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