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Dieter Haller (Hrsg.): Arbeit am Kindeswohl

Rezensiert von Dipl.-Sozialpäd. Gerhard Klug, 30.03.2023

Cover Dieter Haller (Hrsg.): Arbeit am Kindeswohl ISBN 978-3-17-041278-1

Dieter Haller (Hrsg.): Arbeit am Kindeswohl. Soziale Arbeit, Schule und Justiz in Kooperation. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2022. 239 Seiten. ISBN 978-3-17-041278-1. 34,00 EUR.

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Thema

Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche und interprofessionelle Aufgabe. Wie die unterschiedlichen Professionen oder Systeme zusammenarbeiten ist entscheidend ob ein wirksamer Kinderschutz umgesetzt werden kann oder nicht. Die Forschungslandschaft zum Thema Kinderschutz ist in den letzten Jahren sehr gewachsen. Der Titel Arbeit am Kindeswohl will ausdrücken, dass, „am Kindeswohl“ verschiedene Systeme beteiligt sind: professionelle Netzwerke, Familien und nicht professionelle Systeme. Deren Kooperation untereinander ist entscheidend bei der Sicherstellung des Kindeswohls. Im Vergleich zu anderen Publikationen, die häufig einen solo-Blick in diesem Themenbereich aufweisen, will dieser Band den kooperativen Blick zwischen den agierenden Systemen untersuchen, unter der Annahme, dass in diesem Bereich ein sogenannter Mehrwert (für den Kinderschutz) zu identifizieren ist.

Herausgeber

Dieter Haller ist der Herausgeber dieser Reihe und forscht an der Berner Fachhochschule in diesem Bereich. Die weiteren vier AutorInnen sind wissenschaftliche Mitarbeitende oder Lehrende im Gebiet der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das Werk lässt sich in zwei Abschnitte unterteilen. Den ersten Teil gestaltet der Herausgeber, Dieter Haller, indem er zunächst in das Thema einleitet. Im Anschluss daran öffnet Haller das Feld, indem er über mehrere kurze Kapitel die vielen Aspekte von Kinderschutz herausausarbeitet, angefangen vom gesellschaftlichen Stellenwert, den eingebetteten Kontexten, den darin stattfindenden Dynamiken, Kooperationen Responsivitäten, den Formen der Zusammenarbeit (zwischen den Systemen), familiale Aspekte, Kinderschutzverläufe etc. All die genannten Aspekte bilden zugleich die Grundlage der Studie MehrNetzWert, die als Hintergrundfolie präsent bleibt.

Im zweiten Abschnitt geht Birgit Kalter auf die Erlebens- und Verhaltensebene von betroffenen Eltern ein. Wie sich bei der Abwendung einer Gefährdung die jeweiligen Eltern einbringen ist unterschiedlich. Kalter arbeitet trotz aller Verschiedenheiten die Typen: widersetzende, duldende, instrumentalisierende und kooperierende Handlungsmuster aus. Abschließend formuliert sie mögliche Konsequenzen sozialarbeiterischen Handelns aus.

Anschließend wird die Perspektive des Kindes aufgegriffen. Julia Schatzschneider analysiert die Bedeutung „weitere(r) Personengruppen“ (S. 161) für die Kinder, die sich in einem ambulanten, teilstationären oder stationären Setting befinden. Fokussiert werden jene Personen außerhalb der Kernfamilie oder professioneller Netzwerke aus der Annahme heraus, dass in diesem Interaktionsgeschehen eine funktionale Bedeutung abzuleiten ist. Die Erkenntnisse werden für die Kinderschutzarbeit in einem Fazit aufbereitet.

Der dritte vertiefende Beitrag von Regina Jenzer beleuchtet aus schulischer Perspektive (Schweiz) die internen Abläufe im Kinderschutzverfahren. Für die Früherkennung von Ressourcen und Defiziten der Kinder und ihren Familien hat die Schule einen zentralen Stellenwert. Sieht die Schule die Kinderschutzarbeit als notwendig an, setzt eine anspruchsvolle Interaktionskette ein, die interdisziplinär gestaltet wird. Die Autorin geht dabei auf förderliche und hinderliche Bedingungen ein, die den Umgang der Systeme Schule und Soziale Dienste (in Deutschland Jugendamt) maßgeblich beeinflussen.

Im vorletzten Beitrag des zweiten Abschnittes bringt Jodok Läser, entlang ausgewählter Themenfelder, eine „quantifizierende Perspektive“ (S. 197) der zuvor aufgezeigten Ergebnisse. Er bezieht bspw. die Anzahl der Gefährdungsmeldungen ein und stellt sie sozioökonomischen und –strukturellen Eigenschaften der Versorgungsräume gegenüber. Läser arbeitet heraus, dass strukturelle Aspekte mit darüber entscheiden, wie hoch die Anzahl der Gefährdungsmeldungen ist und aus welcher „Urheberschaft“ (S. 210) sie entstammen.

Im letzten Beitrag des Bandes kommt Julia Schatzschneider erneut zu Wort. Auf Basis von Literaturquellen, Rechtsnormen und anderen Arbeiten vergleicht sie die Begriffe Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung jeweils aus schweizerischer und deutscher Perspektive, vergleicht die verschiedene institutionelle Landschaft beider Länder und arbeitet auch Gemeinsamkeiten aus.

Diskussion

Insgesamt rollt Haller das Feld breit auf und orientiert sich eng an die Systematik der empirisch untersuchten Gegenstände. Grundsätzlich wertvoll ist die Erwähnung des Phänomens Drohkulisse (als Interaktionsmuster zwischen Jugendamt und Eltern) und als (weitere) Methode die jugendamtliche Anwendung von Macht, sowie auch die Scheinfreiwilligkeit von Eltern, die nur eine vorgespielte Zusammenarbeit anbieten. Ebenfalls wichtig ist die Beschreibung bzw. Typisierung der Dynamiken adjuvant und invasiv, als Charakteristika von Kinderschutzverläufen. Mitunter wird der versierte Leser sich kurios die Augen bei dem Kinderschutzbeispiel reiben, wenn er (aus deutscher Sicht) liest, dass das Jugendamt vom Schulsystem eingeschaltet wird, weil Eltern ihren Kindern die sedierenden Medikamente nicht verabreichen – eine vom Schulsystem psychiatrisch indizierte Behandlung, mit dem Ziel, das Kind im Unterricht ruhig zu stellen. Manchmal erscheint der erste Abschnitt langatmig und abstrakt geschrieben, obwohl die Unterabschnitte relativ kurz ausfallen. Besonders gefallen an einigen Stellen die angeschnittenen Zwischenfazite. Sie bauen einen Spannungsbogen auf die Inhalte der später folgenden Beiträge.

Die weiteren Beiträge im zweiten Abschnitt sind in der Lage tiefergehende Ergebnisse dazustellen und diese im Praxiskontext zu stellen. Die Ausführungen von Kalter über die Erlebens- und Verhaltensebene betroffener Eltern sind sehr informativ und lassen sich obendrein geschmeidig lesen. Ihre geclusterten Variationen elterlichen Handelns sind als Forschungsergebnisse bestens geeignet, um professionelles Handeln begründbar zu machen. Das Erleben des Kindes im Kontakt mit nicht-professionellen Akteuren ist schlussendlich eine wichtige und nicht zu vernachlässigende Perspektive und wird von Schatzschneider differenziert ausgearbeitet. Fach- und Dienstvorgesetzte sowie Qualitätsbeauftragte in den Jugendämtern werden hier zahlreiche Impulse für eine wirksame, professionelle und auch ökonomische „Handlungslehre“ in der Kinderschutzarbeit finden.

Die schulische Seite wird leider nur aus schweizerischer Sicht herausgearbeitet. Die aufgedeckten Schwierigkeiten des Schulsystems in der Kinderschutzarbeit, sowie die Initiierung von Hilfen ist hoch relevant und zeigt deutliche Optimierungsbedarfe auf. Schade, dass eine ähnliche Analyse auf deutscher Seite nicht vorzufinden ist, da insbesondere die Schulsozialarbeit in den letzten Jahren (abhängig vom jeweiligen Bundesland) einen extremen Professionalisierungsschub erfahren hat. Ebenso vermisst, der Bereich der frühkindlichen Bildung, der als erste Bildungs-, Erziehungs- und Sozialisierungsinstanz eine ebenso wichtige Rolle spielt bei der Erkennung und Bearbeitung kindeswohlgefährdender Aspekte. Sehr anregend und inspirierend ist der Erkenntnisgewinn aus der quantifizierenden Perspektive von Läser – der Leser erhält quasi aus einer Metaperspektive einen anderen Blick auf die zuvor dargestellten Ergebnisse.

Mit Arbeit am Kindeswohl erscheint ein lesenswerter Band. Herausragend an diesem Werk ist die Erfassung eben jener Dynamiken, die sich in der Arbeit zur Sicherstellung des Kinderschutzes (Kinderschutzverfahren; in der Schweiz: Sicherstellung des Kindeswohls) ergeben. Die Erfassung, Verdichtung, sowie die Beschreibung dieser Dynamiken, wo familiale Werte auf institutionelle Werte treffen und der Kinderschutz von der jeweiligen institutionellen Ebene (Schule, KESB/Jugendamt) heraus bearbeitet wird, ist aus empirischer Sicht ebenso bedeutsam wie aus handlungstheoretischer Sicht. Sie lassen Prozesse im Kinderschutzverfahren (zur Sicherstellung oder Wiederherstellung des Kindeswohls) aus einer Metasicht beleuchten und identifizieren verschiede Optimierungsmöglichkeiten. Für erfahrene Praktiker aus dem Schulsektor, der Schulsozialarbeit und den Sozialen Diensten/​Jugendamt, die sich professionell und empirisch fundiert mit diesem Thema befassen wollen, ist Hallers Werk eine rundum gute Empfehlung.

Fazit

Das Werk wendet sich klar an erfahrene Praktiker und Professionelle aus den Feldern Schule und Soziale Arbeit. Es trägt dazu bei den erfahrenen und gelebten Praxen vor den Hintergrund der empirischen Befunde kritisch zu reflektieren und die Kinderschutzarbeit fachlich und strukturell weiter zu entwickeln. Für die Forschung und Lehre ist Hallers Werk ebenso fruchtbar, da es den wechselseitigen Transfer von Forschung/​Wissenschaft und Praxis in den Bereichen Beratungsarbeit, Krisenintervention und Klinische Sozialarbeit enorm befördern vermag.

Rezension von
Dipl.-Sozialpäd. Gerhard Klug
Klinischer Sozialarbeiter, M.A., Sozialpädagoge im Referat 4, Stadt Augsburg
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Es gibt 11 Rezensionen von Gerhard Klug.

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Zitiervorschlag
Gerhard Klug. Rezension vom 30.03.2023 zu: Dieter Haller (Hrsg.): Arbeit am Kindeswohl. Soziale Arbeit, Schule und Justiz in Kooperation. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-17-041278-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29614.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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