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Richard David Precht, Harald Welzer: Die vierte Gewalt

Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Frindte, 11.10.2022

Cover Richard David Precht, Harald Welzer: Die vierte Gewalt ISBN 978-3-10-397507-9

Richard David Precht, Harald Welzer: Die vierte Gewalt - Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2022. 288 Seiten. ISBN 978-3-10-397507-9. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.

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Thema

„Deutschland, das Land der Qualitätspresse und eines im internationalen Vergleich vorbildlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, hat auch ein Problem mit dem Vertrauen in seine Leitmedien“ (S. 7 f.). [1] Das ist eine Hauptthesen des vorliegenden Buches. Empirische Belege für diese These finden Richard David Precht und Harald Welzer u.a. in einer 2022 veröffentlichten Umfrage von RTL/ntv, wonach nur 46 Prozent der Befragten (im Erwachsenenalter) angaben, sie hätten Vertrauen in die Presse. Dieser Befund deckt sich weitgehend mit den Ergebnissen anderer Studien und scheint auch internationaler Trend zu sein (z.B. Digital News Report, 2021). Fragt man Kinder (Sechs- bis Elfjährige) und Jugendliche (im Alter von 12 bis 16 Jahren), so sieht das Meinungsbild noch trüber aus. Einer im August 2022 veröffentlichten Studie der Universität Bielefeld zufolge äußern 71,6 Prozent der befragten Kinder und Jugendliche ihr Misstrauen gegenüber Journalistinnen und Journalisten (NDR, 2022). Precht und Welzer fragen nun nach den Ursachen für das schwach ausgeprägte Medienvertrauen und sehen dabei vor allem den politischen Journalismus in der Verantwortung. Dieser beschränke sich nämlich nicht mehr auf seine Kontrollfunktion gegenüber der Politik, sondern wolle selbst politischen Einfluss ausüben und Politik machen (S. 9). Auf diesem Wege habe sich in den letzten Jahren die Demokratie in eine „Mediokratie“ transformiert [2]. Dies zu belegen und die Ursachen sowie die fatalen Folgen zu benennen, haben sich Richard David Precht und Harald Welzer nun zur Aufgabe gemacht.

Autoren

Wie hieß es einst: Bekannt aus Funk und Fernsehen. Insofern müssten die Autoren nicht weiter vorgestellt werden. Seriöser Weise tut es der Rezensent dennoch.

Richard David Precht studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promovierte 1994 in Köln zu Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Er arbeitet als Essayist, Autor und Medienjournalist sowie als Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg sowie für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

Harald Welzer studierte Soziologie, Germanistik und Politikwissenschaft an der Universität Hannover, promovierte dort 1988 mit einer soziologischen Studie zu Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt. 1993 habilitierte er sich in Sozialpsychologie und 2001 in Soziologie. Von 2001 bis 2012 war er Professor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/​Herdecke. Welzer ist Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei, seit Juli 2012 Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg und ständiger Gastprofessor an der Universität St. Gallen.

Inhalt

Das Buch ist in zwölf Kapitel, einschließlich Einleitung, gegliedert.

Verbreitungsmedien (der Rezensent nutzt den von Niklas Luhmann eingeführten Begriff; Luhmann, 1986), wie das Fernsehen, das Radio oder die Zeitung und auch die sozialen Medien (Precht und Welzer verwenden den Begriff der Direktmedien, S. 10, 271), informieren und spekulieren über die Wirklichkeit; sie kritisieren, konstruieren und inszenieren Wirklichkeit; sie können auch radikalisieren, polarisieren und sozialisieren. Das ist bekannt und vielfach beschrieben sowie analysiert worden.

In der Einleitung (Kapitel 1) heben Richard David Precht und Harald Welzer noch eine weitere, gravierende Eigenschaft der Verbreitungsmedien hervor: „Migrationskrise, die Corona-Pandemie und zuletzt der Ukraine-Krieg haben die Rolle, die Funktionsweise und das Selbstverständnis der Leitmedien deutlich verändert“ (S. 8). Das Mediensystem kolonialisiere das politische System. Die Medien würden nicht nur mächtiger werden, sondern auch die Politik verändern und die demokratische Öffentlichkeit gefährden. In den letzten fünfzehn Jahren sei dieses Gefährdungspotenzial vor allem den sozialen, den Direktmedien (Twitter, TikTok, Telegram) angelastet worden. Der dort gepflegte Ungeist des moralischen Hyperventilierens und Diffamierens Andersdenkender sei mittlerweile auch in die Leitmedien eingewandert. Das geschehe nicht, wie in autoritären Staaten, durch Anweisung „von oben“, sondern durch die Leitmedien selbst (S. 12). Sie machen Meinungen durch Polarisieren, Simplifizieren, Moralisieren und Diffamieren und seien in ihren eigenen Echokammern ängstlich darauf bedacht, nichts anders zu sagen oder zu schreiben, was von der medialen Szene und von der durch sie suggerierten Mehrheitsmeinung abweichen könnte. Jüngstes Beispiel sei der Ukraine-Krieg, in dem die (deutschen) Leitmedien ihre Funktionen, zu differenzieren, zu informieren und zu integrieren, zu Gunsten des Kampfes um Aufmerksamkeit, Marktanteile und Deutungshoheiten zu vernachlässigen scheinen. Und wenn dieser Kampf „[…] mit immer aggressiveren Mitteln geführt wird, kann von einer funktionierenden Öffentlichkeit nicht mehr die Rede sein“ (S. 16). Das ist, wie Precht und Welzer betonen, für Politik-, Kommunikations- und Medienwissenschaftler nichts Neues. Wirkungsvoller könnte eine solche Medienkritik indes sein, wenn sie von Autoren komme (Precht und Welzer denken dabei auch an sich selbst), die selbst in den Leitmedien präsent sind. Und ein Letztes ist den Autoren wichtig, um es in der Einleitung zu betonen: Es verstehe sich von selbst, dass dann, wenn im Buch von Leitmedien oder amtierenden Medien die Rede gehe, nicht alle daran Beteiligten gemeint seien. „Angesprochen bei den von uns aufgezeigten Tendenzen ist nur, wer sich bei realistischer Selbstbetrachtung angesprochen fühlen muss, nicht aber all jene guten Journalistinnen, Redakteure und Blattmacher, die, wie wir aus lebhaften Debatten, ungezählten Gesprächen und persönlichen Freundschaften wissen, unsere Sorge nicht nur verstehen, sondern auch teilen“ (S. 17 f.). Das sollte, aus Sicht des Rezensenten, wohl auch ein Hinweis sein, das Buch von Precht und Welzer zunächst einmal gründlich zu lesen, bevor es pauschal als „Mist“ abgetan wird und seine Autoren auf Twitter als „arrogante, selbstverliebte Hengste, die die Ukrainer verachten,“ diffamiert werden.

Auch wenn Richard David Precht und Harald Welzer ihren Ärger über derartige Diffamierungen nicht sonderlich explizieren, scheint ihre Betroffenheit doch offenkundig zu sein. Im Mittelpunkt von Kapitel 2 („Der Brief“) stehen ein offener Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz und die öffentlichen Folgen. Mit dem Brief haben sich Precht und Welzer, gemeinsam mit 28 anderen Intellektuellen, wie Alice Schwarzer, Alexander Klug, Martin Walser oder Juli Zeh – im April 2022 an Olaf Scholz gewandt und appelliert, keine schweren Waffen an die Ukraine zu liefern. Eine Rückeroberung aller von Russland besetzten ukrainischen Gebiete sei unrealistisch. „Die unter Druck stattfindende eskalierende Aufrüstung könnte der Beginn einer weltweiten Rüstungsspirale mit katastrophalen Konsequenzen sein, nicht zuletzt auch für die globale Gesundheit und den Klimawandel“ (Der offene Brief an Kanzler Scholz, 2022). Obwohl der Brief kurz und harmlos war, habe er eine Welle der Empörung und des Hasses nach sich gezogen, inklusive widerwärtiger Gewaltphantasien (S. 20 f.).

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Briefes zeigten Meinungsumfragen, dass sich in der Gesamtbevölkerung die Zustimmungen und Ablehnungen der Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine durchaus die Waage hielten (46 Prozent Befürwortung, 44 Prozent Ablehnung). [3] Dagegen habe sich die politische Klasse (außer Linke und AfD) im Verein mit der medialen Deutungselite darauf verständigt, die Ukraine militärisch weiter zu stärken (S. 22). Precht und Welzer versuchen zu verdeutlichen, wie im Verlaufe des Ukraine-Krieges und der Diskussionen um das Für und Wider von Waffenlieferungen in den medial-politischen Debatten eine manichäische Weltsicht an Stärke gewann, in dem a) ein scharfes, simples und maßloses Gut-Böse-Schema zu dominieren scheint, b) Protagonistinnen und Protagonisten der Leitmedien sich schon immer auf der Seite der Guten wähnten, c) Politikerinnen und Politiker angesichts des russischen Angriffskrieges gedrängt worden sein, ihre historische Schuld im Umgang mit Putin und Russland zu bekunden, d) Abweichler, wie Jürgen Habermas oder die Autorinnen und Autoren des besagten Briefes als „Putinversteher“ oder „Unterwerfungspazifisten“ betitelt wurden und e) die Leitmedien ihre Rolle als differenzierende, informierende und neutrale Instanz nicht mehr wahrnahmen. „[…] für die Demokratie ist es gefährlich, Pluralismus zu verhindern, Meinungen zu monopolisieren und Einwände zu diskreditieren“ (S. 37 f.). Damit beförderten, so die Schlussfolgerung von Precht und Welzer, die „amtierenden Massenmedien“ nicht nur ihren eigenen Untergang, sondern auch die Erosion einer funktionierenden Öffentlichkeit und der Demokratie.

Was ist „Öffentlichkeit“, welchen Auftrag haben die Medien im öffentlichen Diskurs und wie nehmen sie diesen wahr? Um diese Fragen kümmern sich Richard David Precht und Harald Welzer im Kapitel 3 („Ungleiche Meinungen über das Gleiche“). Den Auftakt liefert ein knapper historischer Exkurs über die Entwicklung von Öffentlichkeit von der antiken Demokratie über das idealtypische Bild von Öffentlichkeit in der Zeit der Aufklärung bis hin zum Habermas’schen Strukturwandel der Öffentlichkeit sowie eine kritische Diskussion über die Rolle, die die Medien – als zunehmend „vierte Gewalt“ agierende Instanzen – in dieser Entwicklung zu spielen bereit waren. Auch die Macht der Zeitungstycoone zu Beginn und im Verlaufe des 20. Jahrhunderts (Joseph Pulitzer, William Hearst, Alfred Hugenberg oder später Axel Springer) wird kurz, kritisch und in – für Kommunikations- und Medienwissenschaftlerinnen – bekannter Weise erörtert. Eine der wichtigen Aufgaben der Leitmedien sei es, „[…] den freien Austausch der Ideen zu ermöglichen und jenen eine Plattform zu bieten, deren Philosophie sich von der vorherrschenden unterscheidet“ (S. 59). Aber, so Precht und Welzer, mit der aufkommenden Konkurrenz durch die Direktmedien (sensu soziale Medien), in denen mit Polarisierung, Personalisierung und Diffamierung gearbeitet wird, haben sich die Leitmedien die Mittel der Direktmedien zunutze gemacht. Mit der Folge: Meinungsvielfalt werde in den Leitmedien nicht integriert, sondern häufig exkludiert. „Wenn, wie beim Ukraine-Krieg, sogar sämtliche Leitmedien die gleiche weltanschaulich-ethische Haltung einnehmen und fast alle Waffenlieferungen und einer eskalierenden Konfrontation mit dem Aggressor Russland das Wort reden, geschieht eine kollektive Pluralitätsverengung. Gegenteilige Überzeugungen finden nur noch als abständige Randpositionen ihren Platz, wenn überhaupt“ (S. 65).

Kapitel 4 („Eine Frage des Systemvertrauens. Die Repräsentationslücke“): Dass das Zutrauen der deutschen Bevölkerung (und nicht nur dieser, vgl. z.B. Roth, 2022) in die Verlässlichkeit des gesellschaftlichen Zusammenlebens kriselt, wird vielfach diskutiert und empirisch illustriert. Precht und Welzer berufen sich, um das abnehmende Systemvertrauen der deutschen Bevölkerung zu illustrieren, auf Meinungsumfragen, auf die Wahlbeteiligung, auf die sinkenden Mitgliederzahlen in Gewerkschaften oder in den christlichen Kirchen. Repräsentationslücken finden sie auch, wenn sie die sozio-ökonomische Zusammensetzung des Bundestages betrachten. Um die Brücke zwischen Gesellschaft und politischer Repräsentation zu schlagen, käme den Leitmedien eine wichtige Aufgabe zu. Medienwissenschaftliche Inhaltsanalysen (z.B. Haller, 2017) zeigten indes, dass auch hier einiges im Argen liege. Nicht die eigentlichen Akteure (in der „Flüchtlingskrise“ von 2015 z.B. Angehörige von Hilfsorganisationen, ehrenamtliche Helfer, Polizei oder die Geflüchteten selbst bzw. während der Corona-Pandemie z.B. Betroffene oder Corona-Skeptiker) spielten in der Berichterstattung der Leitmedien eine herausragende Rolle. Vielmehr nahmen überregionale Leitmedien zusammen mit Spitzenpolitikern eine Art „Helikopterperspektive“ ein. Sie, die entsprechenden Leitmedien „[…] interessierten sich weniger für das konkrete Geschehen als dafür, wie die politischen Eliten damit umzugehen versuchten“ (S. 79). Ähnliches sei in der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg zu beobachten. Beiträge, die sich „[…] kritisch mit dem unbedingten Wunsch der ukrainischen Regierung nach immer mehr Waffen, der Darstellung des Vorgehens der beiden beteiligten Armeen oder der Frage der internationalen Bewertung des Agierens des Westens“ (S. 88) beschäftigten, seien kaum zu finden. Auch Vergleiche zwischen dem brutalen Vorgehen Russlands und anderen früheren menschenverachtenden Kriegshandlungen (z.B. im Vietnam-Krieg oder im Irak-Krieg) vermisse man in der Berichterstattung. Es gebe keinen sauberen Krieg. Umso verständlicher sei die Empörung und Trauer angesichts der abscheulichen russischen Kriegsverbrechen. Massaker wie jene im ukrainischen Butscha stellen „[…] ein kaum steigerungsfähiges Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar; im Vergleich zu anderen Kriegsverbrechen anderer Armeen sind sie es leider nicht“ (S. 90). Die amtierenden Medien blieben so nicht nur hinter journalistischen Standards zurück und nahmen statt einer realistischen Analyse einen „fruchtlosen Haltungsjournalismus“ ein. Repräsentationslücken, ob durch dominierende Elitediskurse in der Migrationsfrage und während der Pandemie oder „gesinnungsethische Parteinahme“ im Falle des Ukraine-Krieges, führten letztlich zu Frust und Distanz zu den politischen Repräsentanten bei jenen, die sich durch die Berichterstattung nicht repräsentiert sehen.

Wieso passiert das in den Leitmedien? Danach fragen die Autoren im Kapitel 5 („The unmarked space. Was Leitmedien nicht thematisieren“). Bekanntlich ist jede Beobachterin, jeder Beobachter, ob als Augenzeuge, als (journalistischer) Berichterstatter oder als wissenschaftliche Analystin mit mehrfacher Blindheit geschlagen: So schließen die Beobachter durch ihre Entscheidung, etwas beobachten zu wollen, jene Möglichkeiten aus, die eventuell auch noch beobachtet werden können. Auf diese Weise wird stets auch jene Unterscheidung, die die Beobachter getroffen haben, um etwas zu beobachten, verdeckt. Die einmal getroffene Entscheidung, etwas zu beobachten, ist im Prozess der Beobachtung nicht mehr präsent, kann nicht mehr präsent sein, denn keine Beobachterin, kein Beobachter kann während des Beobachtens ihre und seine Beobachtung beobachten, wie der kluge Niklas Luhmann einst feststellte (Luhmann 1991, S. 63 ff.). Und schließlich liegen jeder Beobachtung individuelle und/oder gruppenspezifische (meist implizite) Vorannahmen, Vor-Einstellungen oder Vor-Urteile zugrunde (Frindte & Frindte, 2020, S. 267 ff.). Insofern sind auch jene Beobachtungen selektiv, die der journalistischen Berichterstattung in den Leitmedien zugrundliegen. Richard David Precht und Harald Welzer bemühen, um diese selektive Blindheit zu erklären, die aus dem (radikalen) Konstruktivismus stammende und mittlerweile zum geflügelten Wort gewordene Formulierung vom „unmarked space“ (Spencer-Brown, 1969). „Eine Nachricht, ein Bericht, ein Kommentar markieren nicht nur ein Terrain, sie lassen notwendigerweise all das im Dunkeln, was dabei nicht markiert wird“ (S. 95). Um der deliberativen Öffentlichkeit, also der Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger an der öffentlichen Kommunikation, gerecht zu werden, sollten die Leitmedien in ihrer Berichterstattung dieses Dunkel möglichst klein halten. Durch Überzeichnungen, Sensationierungen und Vereinseitigungen werde das Dunkel indes noch vergrößert und die besagte Repräsentationslücke keinesfalls geschlossen (S. 99f). Mehr noch: Durch die Verflechtung von Politik und Leitmedien, einem Elitediskurs, aus dem abweichende Meinungsvertreterinnen und –vertreter ausgeschlossen würden, und einer weitgehenden Übereinstimmung von grundsätzlichen Auffassungen innerhalb der politischen und journalistischen Eliten werde die Repräsentationslücke noch verdoppelt (S. 113).

Beispiele für die Verdoppelung oder Vergrößerung der Repräsentationslücke liefern Richard David Precht und Harald Welzer im Kapitel 6 („Gala-Publizistik. Politischer Journalismus ist Journalismus über Politiker, weniger über Politik“). Aus Platzgründen versagt es sich der Rezensent, der die Seitenvorgaben eh schon etwas überspannt hat, ausführlich auf dieses Kapitel und die dort aufgeführten illustren Beispiele einzugehen, verlässt sich stattdessen auf die Neugier der Leserinnen und Leser des Buches und verweist nur auf den nicht unwichtigen Gedanken, den die Autoren bereits im Untertitel des Kapitels andeuten: Überpersonalisierung und Überpsychologisierung scheinen die politische Berichterstattung in den Leitmedien zu dominieren.

Und noch etwas scheint aus Sicht von Precht und Welzer das publizistische Handeln der Leitjournalistinnen und –journalisten zu bestimmen. Die Autoren nennen es „Cursor-Journalismus“ und erläutern das Gemeinte im Kapitel 7 („Auf den Cursor kommt es an. Warum Dabeisein wichtiger ist als Unabhängigkeit“). Ein Cursor-Journalismus folge dem neuen publizistischen Imperativ: „»Schreibe stets so, dass deine Meinung die Meinung der anderen Journalisten sein könnte.« Auf diese Weise ersetzt der Cursor die idealtypische Habermas’schen Voraussetzungen: Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit. Und die mit Macht und Vehemenz vorgetragene Moral entspringt mitnichten der festen Haltung, die man vermeintlich einnimmt, sondern man moralisiert Opportunität“ (S. 153; Hervorh. im Original). Es geht schlicht um die Konformität im deutschen Journalismus, der sich vor allem in Krisen- und Kriegszeiten zeige und in moralisierender und konformer Weise kritische und nichtmehrheitsfähige Positionen ausgrenze. Man könnte es auch, so meint der Rezensent, Intermedialität nennen. Mit diesem mittlerweile sehr inflationär gebrauchten Begriff wird allgemein die Wechselwirkung oder das Zusammenspiel verschiedener Medien benannt (vgl. auch Wehdeking, 2007). Oder schlichter: Medien gucken voneinander ab, wenn es etwas abzugucken gibt und über das, was abgeguckt wird, wird in Variationen solange mit großer Empörung berichtet, bis ein neues Thema in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit gerät.

Wie kommt dieser mediale Konformismus zustande? Darum kümmern sich Richard David Precht und Harald Welzer im Kapitel 8 („Kapieren kommt von Kopieren. Wie der Cursor-Journalismus seine Breitenwirkung entfaltet“). Die Autoren greifen dabei tief ins sozialpsychologische Schatzkästlein. Sie berufen sich u.a. auf die Theorie der Sozialen Identität (z.B. Tajfel & Turner, 1986), auf die Bedeutung der Wir-Gruppen-Zugehörigkeit nach Norbert Elias (z.B. Elias & Scotson, 1990), auf die Konformitätsexperimente von Solomon Asch (z.B. 1952) oder auf das bekannte, von Irving Lester Janis erstmals 1972 eingeführte und diskutierte Phänomen des Groupthink (Irving, 1972). Gerade bei den jüngsten Krisenereignissen seien, so Precht und Welzer (S. 177), die Leitmedien, statt nach journalistischer Wahrheit zu streben, dem Gruppen- und Konformitätsdenken gefolgt.

Dass dafür auch der ökonomische Druck und die Konkurrenz durch die Direktmedien (Twitter etc.) verantwortlich sind, behandeln die Autoren im Kapitel 9 („Die große Ansteckung. Wie es kam, dass die Leitmedien so erregt wurden“). Wenn nun die Leitmedien als selbsternannte Vierte Gewalt „[…] zum Akteur politischer Erregungssteuerung und –steigerung wird […], dann wird es für die Demokratie gefährlich“ (S. 198).

Krisen und Kriege verstärken bekanntlich nicht nur die Ingroup-Favorisierung und die Outgroup-Diskriminierung. Auch die Definitionskämpfe reduzieren sich zunehmend auf zweiwertige Logiken. Im Kapitel 10 („Verzweiseitigung. Wie Leitmedien durch die Direktmedien an Qualität verlieren“) diagnostizieren Precht und Welzer eine in Folge des dominierenden Einflusses der Direktmedien zunehmende Polarisierung auch in den Leitmedien. Mit wenigen Ausnahmen, so etwa auf der „Streit“-Seite von „Die Zeit“, vermissen sie „[…] die gute alte sachbezogene Auseinandersetzung“ (S. 203). Getrieben durch die sozialen Medien würden Journalisten auf Grauschattierungen in ihrer Berichterstattung (z.B. über die Migrations-Geschehnisse, die Corona-Pandemie oder dem Ukraine-Krieg) verzichten. Die Ausgewogenheit und Integrationsfähigkeit der Leitmedien nehme so sukzessive ab. Precht und Welzer befürchten, dass man auch ihr Buch in eine Schablone pressen und ihnen Spaltung der Gesellschaft vorwerfen werde, obwohl sie genau das Gegenteil beabsichtigen (S. 206).

Dass es früher etwas anders war und heute besorgniserregender, liest man im Kapitel 11 („Erregungsökonomie. Der Verlust des Kontextes“). Richard David Precht und Harald Welzer erinnern zunächst an den Historikerstreit von 1986/87, an die Auseinandersetzungen um die Friedenspreisrede von Martin Walser 1998 und das israelfeindliche Gedicht von Günter Grass aus dem Jahre 2012. Die darüber öffentlich geführten Debatten waren bekanntlich kontrovers und scharf. Persönlich verunglimpft oder beschimpft und beleidigt wurden die Protagonisten in den mediale aufbereiteten Auseinandersetzungen, nach Meinung von Precht und Welzer, nicht, bzw. – ergänzt der Rezensent – kaum. Das habe sich – vor allem durch die Konkurrenz mit den Leitmedien – indes mittlerweile stark verändert. „Personalisierung, Erregungsschlagseite, Stock-market-Publizistik und Cursor-Journalismus individualisieren […] auch die Kommunikation der Leitmedien und geben Verzerrungen und Verunglimpfungen eine Bühne“ (S. 225). Einer, den es besonders getroffen hat und von Precht und Wahl hervorgehoben wird, war oder ist Jürgen Habermas, der am 29. April 2022 in der Süddeutschen Zeitung einen Text mit dem Titel „Krieg und Empörung“ publizierte. In den öffentlichen Reaktionen, die von Precht und Welzer zitiert werden, schlug ihm, Habermas, ein Sturm der Empörung entgegen. Zwei Beispiele: Er habe sich „oberlehrerhaft“ geäußert (in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung), er würde in „mitunter auch boshafter Weise“ sein Lebenswerk verteidigen (in der Welt). Der Rezensent fand ergänzend auf Twitter u.a.: Jürgen Habermas sei ein „GROSSER Putin-Versteher“ und sein Text „eine moralische Bankrotterklärung“, er erfasse weder die russische noch die ukrainische Realität und spiele Deutschlands historische wie aktuelle Verantwortung für diesen Krieg herunter.

что делать? – die Frage, wie weiter mit den Leitmedien, treibt Richard David Precht und Harald Welzer im letzten, dem Kapitel 12 um („Vertrauen herstellen. In welche Richtung der neue Kurs der Leitmedien gehen könnte“). Dass weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung Vertrauen in die Presse habe, sei ein ernsthaftes Problem. Wenn Vertrauen die Währung sei, von der auch die Leitmedien leben, dann mache der Vertrauensverlust die Medien morsch (S. 250). Das liege vor allem daran, dass die Leitmedien sich jener Wirkungsmechanismen bedienten, die zu den Kommunikationsstrategien der Direktmedien gehören. Nicht Skandalisierung und Sensationierung müssten demzufolge die Mechanismen der Leitmedien sein. Gebraucht werde stattdessen ein „[…] nachhaltiger Aufklärungsjournalismus, der sich seiner eigenen Existenzvoraussetzungen bewusst und verpflichtet ist“ (S. 267 f.). Es gebe, in der Tat, viel zu reflektieren, damit die Leitmedien das Restvertrauen, das noch geblieben sei, sichern und neues gewinnen können.

Diskussion

Eine solche kritische Reflexion schwebt wohl auch den Autoren des vorliegenden Buches vor.

Jean Baudrillard, der freche, zu früh verstorbene Franzose, meinte einmal: „Es gibt keine gute Weise des Mediengebrauchs, die Medien sind Teil des Ereignisses […]“ (Baudrillard, 2003, S. 32). Baudrillard hatte zwar – in diesem Falle – die tragische Symbiose von Verbreitungsmedien und Terrorismus im Sinn, seine Kritik an der Massenmedialisierung und den entsprechenden fatalen Folgen für die Konstruktion demokratischer Öffentlichkeiten [4] passt aber ganz gut zu dem Thema, das die Autoren des vorliegenden Buches umtreibt: Die Leitmedien haben sich – getrieben von den Inszenierungs- und Wirkungsmechanismen der sozialen Medien – von ihren zentralen Aufgabenstellungen, neutral zu informieren, aufzuklären und zu integrieren, weitgehend verabschiedet. Es gebe eine Selbstangleichung der Medien, die im konformen Elitediskurs mit der Politik eine mediale Mehrheitsmeinung zu konstruieren versuchen, in der große Teile der Bevölkerung kaum eine Stimme zugewiesen bekommen und unter Umständen ausgegrenzt werden. Das sei gefährlich für eine funktionierende Demokratie.

Die Frage liegt auf der Hand: Ist das so und können Richard David Precht und Harald Welzer das belegen? Ganz uneigennützig ist ihr Vorhaben sicher nicht. Auf den erwähnten offenen Brief an den Bundeskanzler reagierten nicht nur andere Intellektuelle und warfen den Verfasserinnen und Verfassern falsche Grundannahmen vor. Auch in Interviews, in Talkshows und in den sozialen Medien mussten sich Precht und Welzer gefallen lassen, zu „bad boys“ der veröffentlichten Meinung geworden zu sein, „widerliche Aussagen“ zu verbreiten, als „Salonpazifisten“ oder als „miese, verlogene und aufgeblasene“ Menschen beschimpft zu werden. In ihrem Ärger und ihre Enttäuschung, derart missverstanden und stigmatisiert worden zu sein, machen sich Richard David Precht und Harald Welzer nun mit dem vorliegenden Buch auf ihre eigene Art „[…] Sorge um die Qualität der Öffentlichkeit“ (S. 16).

Das ist nicht verwerflich. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler greifen in der Regel dann auf jenen Instrumentenkasten zurück, mit dessen Inhalt sie am besten umgehen können, wenn sie ihre Auffassungen zu verteidigen versuchen. Und das sind nun einmal die Möglichkeiten, quasi in einem context of validation (also in einem öffentlichen Raum der literarischen und kollektiven Validierung, Klüver, 1988), die Argumente, Auffassungen, Verteidigungen und Widerreden schriftlich (als wissenschaftliche Artikel, als Fach- oder als Sachbuch) zu publizieren. Das sollte man auch jenen zugestehen, die, wie Precht und Welzer, als medienpräsente Personen zur Gilde der medialen Gatekeeper gehören oder gehören wollen. Das Buch der Autoren ist mehr als ein „geschriebener Podcast“, mit dem die Autoren, frei von jeglicher empirischen Basis, mal so ihre Meinung kundtun und die Medienschaffenden aufregen, um ihren eigenen Ärger zu kanalisieren. Empirische Befunde und Studien werden durchaus referiert und in den Zusammenhang der eigenen Argumentation eingebettet, seien es aktuelle Ergebnisse zur gefühlten Meinungsfreiheit in Deutschland, zum Vertrauen in die Presse, zum gesellschaftlichen Meinungsbild über das Für und Wider der Lieferung von Offensivwaffen an die Ukraine oder zur Berichterstattung über die „Flüchtlingskrise“ 2015. Belastbare Befunde über die Berichterstattung zum Ukraine-Krieg fehlen indes noch, seien aber, so Precht und Welzer unter Berufung auf den Mainzer Medienwissenschaftler Marcus Maurer, in Arbeit (S. 88). Empirisch unterbelichtet sind auch die Aussagen der Autoren über die Polarisierungen, Personalisierungen und Diffamierungen jener, die sich in den Debatten über den Ukraine-Krieg auf die Seite der Waffenverweigerer geschlagen haben. Anekdotische Evidenzen diesbezüglich gibt es aber schon, wenn man sich z.B. die Dispute über die Auffassungen von Ex-Bischöfin Margot Käßmann zu den Waffenlieferungen an die Ukraine in den unendlichen Weiten der sozialen Netze ansieht, die Netzkommentare zu Alexander Kluge und seine Meinung zur „bedingungslosen Kapitulation“ liest oder die besagten Vorwürfe gegenüber Jürgen Habermas erinnert.

Evidenzen hin oder her, zumindest der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist (gemäß der letzten Anpassung des Rundfunkvertrages vom 1. Mai 2019, § 11, Satz 1) verpflichtet, Meinungspluralität zu erzeugen, die politischen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Gruppierungen in ihren Programmen angemessen zu Wort kommen zu lassen sowie auch die Auffassungen von Minderheiten zu berücksichtigen. Die Frage dürfte es sein, ob dies angesichts von Krisen, Katastrophen und Kriegen immer gewährleistet wird. Precht und Welzer bezweifeln das; also könnte ihr Zweifel ein guter Grund sein, sich produktiv darüber zu streiten. Die Zweifler, ob ihres Zweifels persönlich anzugreifen und zu diffamieren, wie nach einer Talkshow im ZDF am 29. September 2022 in der Onlineausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 30. September 2022 [5] dürfte den Ansprüchen eines produktiven Streits kaum gerecht zu werden. Nun gut, die FAZ gehört nicht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Empirisch wenig gehaltvoll dürften auch die Auffassungen von Precht und Welzer zum medieninternen Konformismus und zur gesinnungsethischen Parteinahme in den Leitmedien sein. Ob dieser Konformismus ein generelles Merkmal der Berichterstattung in den Leitmedien ist, bezweifelt der Rezensent. Precht und Welzer haben dies auch explizit nicht geschrieben. Die von ihnen aufgerufenen sozialpsychologischen Erklärungen (Theorie der sozialen Identität, Groupthink etc., siehe oben) dürften allerdings auch nicht sonderlich hilfreich sein, um den besagten Konformismus in den Leitmedien zu erklären. Ein derartiger Konformismus scheint wohl vor allem dann besonders augenscheinlich, wenn Schlüsselereignisse, wie die „Flüchtlingskrise“ von 2015, die Überschwemmung im Ahrtal im Sommer 2021 oder der Ukraine-Krieg einen Medienhype auslösen. Peter L. M. Vasterman hat sich bemüht, diesen im Alltag sehr populären Begriff in den wissenschaftlichen Diskurs einzuführen und definiert Medienhype als „media-generated, wall-to-wall newswave, triggered by one specific event and enlarged by the self-reinforcing processes within the newsproduction of the media. During a media-hype, the sharp rise in news stories is the result of making news, instead of reporting news events, and covering media-triggered social responses, instead of reporting developments that would have taken place without media interference“ (Vasterman, 2005, S. 515; der Rezensent entschuldigt sich für dieses lange Zitat). Unter einem Medienhype lässt sich somit der gesamte Prozess subsumieren, der in Folge eines Schlüsselereignisses zu einer plötzlichen Veränderung der Berichterstattung führt. Die medialen Berichte nehmen rasant zu und immer mehr Journalisten berichten über ein und dasselbe Thema. Jedes kleine Vorkommnis wird zur wichtigsten Neuigkeit des Tages, sofern es das gleiche Ereignis betrifft.

Ein Ereignis wird quasi zu einem Selbstläufer, indem sich die Berichte über das Ereignis nicht mehr nur auf das Ereignis, sondern auf die Berichte über die Berichte usw. beziehen. Diese Eigendynamik kommt allerdings nur dann zustande, wenn es sich bei dem Auslöseereignis tatsächlich um ein Schlüsselereignis, also um ein Ereignis mit überdurchschnittlichem Aufmerksamkeitswert, handelt [6]. Das Schlüsselereignis und die darauf bezogene Eigendynamik der Berichterstattung generieren ein generelles Nachrichtenthema, das als Ausgangspunkt für die weitere Suche nach immer neuen Nachrichten betrachtet werden kann und gegebenenfalls zu einer Uniformität in der journalistischen Nachrichtenselektion führt. Schließlich lässt sich eine Absenkung der Nachrichtenschwellen beobachten, die dazu beiträgt, dass mit dem generellen Nachrichtenthema verwandte Nachrichten eine größere Chance haben, publiziert zu werden, als solche, die mit dem Nachrichtenthema nicht oder nur marginal zusammenhängen. Und so folgt auch bald eine Abnahme der öffentlichen Aufmerksamkeit; auch Journalisten verlieren das Interesse am Nachrichtenthema und wenden sich anderen Neuigkeiten zu. Mit anderen Worten: Die Uniformität bzw. Konformität ist kein generelles, sondern kann ein situatives, ereignisgetriebenes Merkmal in der Berichterstattung der Leitmedien sein. [7]

Fazit

Kurz und gut (oder vielleicht auch nicht so gut): Richard David Precht und Harald Welzer möchten in ihrem Buch, das keine „Streitschrift“ sein soll (Merkur, 2022), die Medienentwicklung in Deutschland rekonstruieren. Das dürfte eigentlich eine interdisziplinäre Aufgabe sein (vgl. z.B. Sell, Stapf & Schicha, 2021). Precht und Welzer haben aber kein Fachbuch vorgelegt, sondern eben das, was es ihrer Sicht nicht sein soll: eine Streitschrift. Sie ist polemisch, spitzt zu, enthält auch Fehler. [8] Aber: Streitschriften sollten nun einmal scharfe und kritische Positionen enthalten und provozieren. Das machen Precht und Welzer. Und so sollten die Kritikerinnen und Kritiker sowie die Provokateure das Buch zum Anlass nehmen, ohne große Personalisierungen und Diffamierungen, darüber zu streiten, ob die vermeintliche „Schräglage“ (S. 268) in den Leitmedien einer „Therapie“ bedarf. Vorher empfiehlt der Rezensent allerdings die Lektüre des Buches.

Literatur

Asch, S. E. (1952). Effects of group pressure upon the modification and distortion of judgements. In H. Guetzkow (Ed.), Groups, leadership and men (S. 177–190). Pittsburgh: Carnegie.

Baudrillard, J. (2003). Der Geist des Terrorismus. Wien: Passagen Verlag.

Baudrillard, J. (2004). Requiem für die Medien. In Pias, C. et al. (Hrsg.), Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt.

Der offene Brief an Kanzler Scholz (2022). https://www.emma.de/artikel/​offener-brief-bundeskanzler-scholz-339463; aufgerufen: 30.09.2022.

Digital News Report (2021). https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/digital-news-report/2021; aufgerufen: 30.09.2022.

Elias, N. & Scotson, J. (1990). Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Frindte, W., Boehnke, K., Kreikenbom, H. & Wagner, W. (2012). Lebenswelten junger Muslime in Deutschland. Berlin: Bundesministerium des Innern.

Frindte, W. (2013). Der Islam und der Westen. Sozialpsychologische Aspekte einer Inszenierung. Wiesbaden: Springer VS.

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[1] Die Autoren verstehen unter Leitmedien im klassisch medienwissenschaftlichen Sinne „[…] die führenden Medien eines Mediensystems, neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen also jene Printerzeugnisse und ihre Online-Ableger, die wie Bild, FAZ, SZ, Welt, Zeit, Stern und Spiegel öffentliche Kommunikationsanlässe bieten und auch unter Journalistinnen und Journalisten als Referenz gelten“ (S. 270; Hervorh. im Original).

[2] Den Begriff Mediokratie (im Sinne von Medienherrschaft) hat Thomas Meyer (2001) ins Gespräch gebracht.

[3] Ende September, als das Buch von Precht und Welzer, erschien, sahen die Meinungsverteilungen ähnlich aus. Im Politbarometer des ZDF vom 30. September 2022 befürworteten 47 Prozent die Lieferung von Kampfpanzern an die Ukraine, 43 Prozent lehnten das ab (Politbarometer, September 2022).

[4] Siehe auch: Baudrillards Kritik an den Medien als Stabilisatoren und Mitverursacher gesellschaftlicher Machtverhältnisse, Baudrillard, 2004, S. 283 f.)

[5] Siehe den Kommentar von Jürgen Kaube: https://www.faz.net/aktuell/​feuilleton/​debatten/​richard-david-precht-und-harald-welzer-ueber-die-presse-18355360.html; aufgerufen am 30.09.2022.

[6] Nach Wien und Elmelund-Præstekær (2009) sind Schlüsselereignisse durch drei wichtige Elemente gekennzeichnet: Ein Schlüsselereignis muss erstens für die öffentliche Diskussion geeignet und bedeutsam sein. Zweitens muss die Möglichkeit gegeben sein, dieses Thema aus verschiedenen Blickwinkeln darzustellen. Drittens sollte das Schlüsselereignis ein komplexes Problem in einem deutlichen und offensichtlichen Rahmen darstellen (vgl. Wien & Elmelund-Præstekær, 2009, S. 194 ff.).

[7] Am Beispiel der „Causa Sarazin“ haben der Rezensent und seine Kolleginnen das Modell von Vasterman empirisch zu illustrieren versucht (Frindte, 2013).

[8] Kleines Beispiel: Die Institutionalisierung der Journalistik erfolgte in Deutschland nicht seit den 1990er Jahren (S. 261), sondern in der Bundesrepublik mit der Gründung der ersten „Lehrredaktion“ (und der heutigen Deutschen Journalistenschule in München) bereits 1949. In der DDR wurde 1954 in Leipzig die Fakultät für Journalistik gegründet, die nicht nur von informellen Mitarbeitern der Staatssicherheit durchtränkt war, an der auch Maybrit Illner oder Alexander Osang studierten.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
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Es gibt 75 Rezensionen von Wolfgang Frindte.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 11.10.2022 zu: Richard David Precht, Harald Welzer: Die vierte Gewalt - Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2022. ISBN 978-3-10-397507-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29616.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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