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Stephanie Meer-Walter: Schüler/innen im Autismus-Spektrum verstehen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 16.11.2022

Cover Stephanie Meer-Walter: Schüler/innen im Autismus-Spektrum verstehen ISBN 978-3-407-63231-9

Stephanie Meer-Walter: Schüler/innen im Autismus-Spektrum verstehen : Praxishilfe zu autistischen Besonderheiten in Schule und Unterricht. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. 252 Seiten. ISBN 978-3-407-63231-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Pädagogik.

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Thema

In einer inklusiven Schule nehmen Schülerinnen und Schüler im Autismus-Spektrum am gemeinsamen Unterricht teil. Lehrpersonen sind vielfach darauf nicht vorbereitet. Das Buch gibt vielzählige Anregungen für den schulischen Alltag. Die Autorin lebt selber unter den Bedingungen von Autismus und ist vom Fach, denn sie ist ausgebildete Lehrerin und war 20 Jahre im Schuldienst. Sie vermittelt in diesem Praxisleitfaden grundlegendes Wissen zum Autismus-Spektrum und zeigt pädagogische Wege des Handelns auf. Anhand von Beispielen und Übungen unterstützt sie den Perspektivwechsel mit dem Ziel, den spezifischen Besonderheiten und Bedürfnissen von Schüler:innen im Autismus-Spektrum in Unterricht und Schule möglichst gerecht zu werden.

Autor:In

Stephanie Meer-Walter, JG. 1970 studierte Französisch und Geschichte auf Lehramt und arbeitete zwanzig Jahre (bis 2019) im Schulwesen als Lehrerin und als Schulleiterin. Mit 47 Jahren erhielt sie die Autismus Diagnose und erfuhr, warum sie sich so fremd fühlte. Heute ist sie frühpensioniert, veröffentlicht Bücher, hält Vorträge und erstellt den Podcast „Autismus braucht Aufklärung“.

Aufbau und Inhalt

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Das Buch ist im DIN A 4 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 252 Seiten, die sich neben dem Vorwort und Literaturverzeichnis in vier Teile und 12 Kapitel unterteilen. Jeder Teil enthält eine Einleitung. Am unteren Seitenrand findet sich links der Titel des jeweiligen Teils und rechts die Kapitelüberschrift. Das Buch verwendet durchgehend genderangepasste Sprache.

Zum Buch ist ein E-Book mit online Materialien erschienen.

  • Teil I Das Autismus-Spektrum verstehen (1.-4.)
  • Teil II Autistisches Erleben: ein Parcours (5)
  • Teil III Autistischen Besonderheiten in Schule und Unterricht gerecht werden (6-10)
  • Teil IV Individuelle Passung durch Förder- und Forderplanung (11-12)

Der erste Teil „Das Autismus-Spektrum verstehen“ nimmt das Erscheinungsbild Autismus Spektrum in den Blick. Es beginnt mit der schulischen Situation von autistischen Kindern und Jugendlichen, sie haben ein etwas anderes neuronales „Betriebssystem“. Vertiefend werden Ursachen, Häufigkeit (Prävalenz) und die Geschlechterverteilung erläutert. Neben den neurowissenschaftlichen Erklärungsansätzen und den Kernsymptomen geht die Autorin speziell auf das Thema „Intelligenz“ ein. Dieser Teil schließt mit einem Blickwechsel, der Autismus aus autistischer Perspektive betrachtet und Einblicke in einen Autismus-typischen Schultag gibt.

Der zweite Teil mit dem Titel „Autistisches Erleben: ein Parcours“ zielt darauf ab, das autistische Wahrnehmen und Erleben verstehbar zu machen. Speziell betrachtet werden die soziale Interaktion und Kommunikation, die veränderten Wahrnehmungsmodalitäten, der Umstand, dass Menschen aus dem autistischen Spektrum „zu viel fühlen“ und die Beschreibung der sensorischen Wahrnehmung. Der Teil schließt mit der Bedeutung von Routinen und Ritualen.

Möglichkeiten, den autistischen Besonderheiten in Schule und Unterricht gerecht zu werden, stehen im Mittelpunkt des dritten Teils. Die Autorin beschreibt anhand verschiedener Ebenen wie die Schulebene, die Klassenebene, die Unterrichtsebene, die Leistungs- und Prüfungsebene und die Individualebene, was förderlich und was hinderlich ist.

Auf der Schulebene reflektiert sie, wie Systemübergänge zwischen verschiedenen Schulstufen als auch der Übergang von der Schule in die Ausbildung gestaltet und begleitet werden können.

Die Unterstützung der soziale Interaktion und Kommunikation steht im Mittelpunkt der Klassenebene. Hier gilt es die sensorische Wahrnehmung zu berücksichtigen, Regeln, Routinen und Rituale zu implementieren, denn sie geben Halt. Wichtig ist auch, Mitschülerinnen und Mitschüler sowie deren Eltern ins Boot holen.

Im Abschnitt „Unterrichtsebene“ wird die „autistische Intelligenz“ (gemeint ist das atypisches Denken und Lernverhalten) konkreter besprochen, diese wirkt sich auch auf die Sprache aus, auch gilt es motorische Schwierigkeiten zu berücksichtigen. Nicht selten fühlen sich Lehrerinnen und Lehrer durch Verhaltensweisen herausgefordert. Meer-Walter beschreibt, wie ein Umgang gelingt, indem eine andere Perspektive eingenommen wird. Motivatoren liegen in den Spezialinteressen, hochbegabte autistische Schülerinnen und Schüler können über den sog. „Twice Exceptional“ Ansatz gefördert und gefordert werden. Anschließend werden vertiefend fächerspezifische Besonderheiten in den Fächern Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik, Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften, Sport, Kunst und Musik unter die Lupe genommen sowie Überlegungen zum Unterricht in anderer Form und/oder an anderen Orten reflektiert. Der Teil IV schließt mit Aussagen zur Leistungs- und Prüfungsebene und zwar wie ein Nachteilsausgleich zu gestalten ist.

Die „Individualebene“ hat verschiedene Aspekte: die autistische Schülerin/der autistischen Schüler steht vor Anforderungen der Emotionsregulierung (vor allem in Bezug auf Stress und Ängsten) und Betroffene müssen sich intensiv mit dem eigenen Selbstbild in Bezug auf das autistische Sein auseinandersetzen, was sich in der Pubertät verstärkt, da das eigene Andersseins bewusster wird. Hier wird der wichtige Hinweis gegeben, dass autistische Mädchen durchs Raster fallen. Auch zu beachten ist, dass Forschungen belegen, dass die Suizidgefahr bei Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben im Vergleich zu ihren Mitschülern signifikant erhöht ist, auch treten bei Menschen aus dem Autismus Spektrum vermehrt Komorbiditäten wie Schlafstörungen, Essstörungen, Depressionen und Angststörungen auf (S. 103).

Eine zentrale Rolle spielt die Lehrkraft, deren Aufgabe es ist, eine förderliche Haltung zu entwickeln und im Sinne des Empowerments autismusspezifische Stärken und Ressourcen zu sehen und zu nutzen. Auch die Rolle der Eltern und der Einsatz von Schulbegleitung werden besprochen.

Das Buch schließt im vierten Teil mit der individuellen Passung durch Förder- und Forderplanung und insbesondere mit der Darstellung von Praxismaterialien. Die Passung beginnt damit, die aktuelle schulische Situation zu analysieren und zu erfassen, dazu stehen drei Fragebögen-Vorlagen mit unterschiedlichen Adressaten zur Verfügung. Der erste Fragebogen richtet sich an die autistische/n Schülerin/den autistischen Schüler, der zweite an die Eltern und der dritte an die Lehrkraft. Das Buch schließt mit der qualitativen Auswertung der Fragebögen und Aussagen dahingehend, wie schulinterne pädagogische Konzepte zur inklusiven Bildung mit Blick auf die autistischen Besonderheiten zu überprüfen und pädagogische und strukturelle Maßnahmen zu planen und durchzuführen sind.

Diskussion

Meer-Walter weiß aus eigenem Erleben: Autismus braucht Aufklärung. Sie selbst bekam erst mit 47 Jahren die Diagnose und damit eine Erklärung – wie sie selber sagt – warum sie sich immer so fremd gefühlt hat. Ihr Anliegen ist, sich auf vielen Ebenen zu engagieren und aus ihrer Perspektive als Mensch, der unter den Bedingungen von Autismus lebt, Öffentlichkeit zu erzeugen und autistisches Verhalten, Erleben, das andere Wahrnehmen und das andere Denken verständlich zu machen. Sie weiß aus eigener Erfahrung im privaten und beruflichen Erleben, das Außen- und Innensichten nicht deckungsgleich sind. Sie ist überzeugt: Aufklärung verbessert das Leben autistischer Menschen, Aufklärung unterstützt das Verstehen und das Verständnis, dies sind Bausteine, die die Akzeptanz des autistischen Anders-Seins unterstützen. Auf dieser Grundlage kann Inklusion und Teilhabe gelingen, vor allem weil Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben durch ihre Potenziale einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander leisten können, vorausgesetzt, die Gesellschaft sieht diese nicht als unnormal, sondern als wertvolle und notwendige Bereicherung an. Neben ausführlichen Informationen zum Erscheinungsbild Autismus Spektrum und daran anschließend zum Schulalltag von Schüler:innen aus dem autistischen Spektrum stellt die Autorin Materialien bereit, wie der Unterricht passgenauer vorbereitet und umgesetzt werden kann. Dem geht eine Ist-Standerhebung aus drei Perspektiven voraus: Ein Fragebogen für autistische Schülerinnen und Schüler, einer für Eltern und einer für Lehrkräfte. Diese Ergebnisse werden dokumentiert (Vorlagen sind vorhanden) und auf dieser Grundlage können Maßnahmen zur Planung und Durchführung abgeleitet werden. Das System Schule und deren Akteure erhalten damit aussagekräftiges Material zur passgenauen Unterstützung.

Ein inklusives Schulwesen braucht Wissen über die Bedürfnisse und Bedarfe aller Schülerinnen und Schüler. Dieses Buch gibt Lehrkräften konkretes Handwerkszeug an die Hand. Meer-Walter schreibt an mehreren Stellen (und diesen Aussagen stimme ich vollumfänglich zu): es braucht für alle eine Kultur, sie nennt diese „Klassenraumkultur“, die Fehler ausdrücklich erlaubt, in der Schülerinnen und Schüler keine Angst haben müssen, ausgelacht zu werden, gemobbt oder negativ beurteilt zu werden, das gilt nicht nur für die Mitschüler:innen, sondern auch für Lehrerinnen und Lehrer.

Auch die Themen Stress und Entspannung müssen beachtet werden. Die Autorin Meer-Walter weist darauf hin, dass die erhöhte Verletzlichkeit einer vegetativen Erschöpfung ein zentrales Kennzeichen von Autismus ist, welches in den Diagnosekriterien fehlt.

Dieses Praxisbuch ist ein fundierter und aussagekräftiger Leitfaden. Die Seiten sind prall gefüllt mit wichtigen Inhalten, an manchen Stellen hätte ich mir eine zusätzliche Formatierung z.B. durch fett gedruckte Schlagwörter oder Stichworte am Seitenrand gewünscht, diese erleichtern das gezielte Suchen und wirkt weniger kompakt.

Vorgabe ist, dass Schülerinnen und Schüler im Autismus-Spektrum am gemeinsamen Unterricht teilnehmen. Lehrpersonen sind vielfach darauf nicht vorbereitet. Dieses Praxisbuch gibt vielzählige Anregungen für den schulischen Alltag. Die Autorin lebt selber unter den Bedingungen von Autismus und ist vom Fach, denn sie ist ausgebildete Lehrerin und war 20 Jahre lang im Schuldienst tätig. In diesem Buch gelingt es ihr, grundlegendes Wissen zum Autismus-Spektrum zu vermitteln und pädagogische Wege des Handelns aufzuzeigen. Anhand von Beispielen und Übungen unterstützt sie den Perspektivwechsel mit dem Ziel, den spezifischen Besonderheiten und Bedürfnissen von Schüler:innen im Autismus-Spektrum in Unterricht und Schule möglichst gerecht zu werden.

Fazit

Das Buch ist eine Praxishilfe zu autistischen Besonderheiten in Schule und Unterricht. Download-Materialien stehen im Beltz Verlag bereit, im Buch finden sich Arbeitsvorlagen, die direkt eingesetzt werden können. Das Annehmen von Stärken und Ressourcen, die Wertschätzung der anderen Art die Welt zu begreifen ist ein zentraler Baustein hin zu einer erfolgreichen inklusive Schule.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Es gibt 277 Rezensionen von Petra Steinborn.

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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 16.11.2022 zu: Stephanie Meer-Walter: Schüler/innen im Autismus-Spektrum verstehen : Praxishilfe zu autistischen Besonderheiten in Schule und Unterricht. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. ISBN 978-3-407-63231-9. Reihe: Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29622.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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