Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andrea Komlosy: Zeitenwende

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.11.2022

Cover Andrea Komlosy: Zeitenwende ISBN 978-3-85371-505-5

Andrea Komlosy: Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2022. 240 Seiten. ISBN 978-3-85371-505-5. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Das kybernetische Zeitalter

Es ist die „Kunst des Steuerns“, die Individuen und Kollektive, Institutionen und Organisationen dazu bringt, in die ökonomischen und ökologischen Kreisläufe einzugreifen und Wandlungs-, Veränderungsprozesse und Paradigmenwechsel zu vollziehen. Weil der anthrôpos ein Homo culturalis progrediens, ein sich ständig veränderndes Lebewesen ist, kommt es darauf an, sich intellektuell immer weiter, humaner zu entwickeln. Es sind konservativistische und traditionalistische Einstellungen, die Stillstand, Rück- und Fehlentwicklungen bewirken (Hermann Mückler/Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Von Perspektivenwechsel und Zeitenwende ist die Rede, wenn es gilt, den Zustand der individuellen, lokalen und globalen Welt einzumessen. Der Übergang vom industriellen zum kybernetischen Zeitalter ist gekennzeichnet durch rapide, vor allem ökonomische Wachstumsprozesse. Sie zeigen sich durch die Digitalisierung von weitgehend allen Daseinsverläufen und Aktivitäten, durch Robotertechnik und IT; und sie bewirken und erfordern auch neue Denk- und Handlungsstrukturen. Die an der Universität in Wien Wirtschafts- und Sozialgeschichte lehrende Wissenschaftlerin Andrea Komlosy hat 2014 auf die Ambivalenz des Arbeitsbegriffs hingewiesen (Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert, www.socialnet.de/rezensionen/17372.php). Mit dem Buch „Zeitenwende“ setzt sie sich pointiert und umfassend mit den gesellschaftlichen Wirkungen auseinander, wie sie als Herausforderungen durch die vielfältigen globalen Krisensituationen nicht selten existentiell für den menschlichen Umgang mit sich und der Umwelt deutlich werden. Sie konzentriert sich dabei auf die Effekte, die durch die Corona-Pandemien entstanden sind: Lockdown, Home Office, Beziehungs- und Kontaktkontrollen, Hegemonie- und Autonomieprobleme.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Schlussbeitrag gliedert die Autorin ihre Studie in zwei übergreifende Abschnitte: Den ersten Teil nennt sie: „Lange Wellen: Zyklen der Konjunktur, der Hegemonie und der Evolution“; den zweiten: „Der Corona-Moment im historischen Prozess“. Es ist das Bemühen, die sich in den verschiedenen Zeiten vollzogenen Prozesse und Verläufe in ein Gesamtbild des menschlichen, humanen Schaffens zu bringen. Es ist der kapitalismus- und eurozentristisch-kritische Blick, mit der die Autorin ihre Konjunktur-Analyse der „langen Wellen“ beginnt und damit kurzfristigen, hektischen und ideologischen Reaktionen eine Absage erteilt. Es sind die im wissenschaftlichen Diskurs eingeführten „Zyklen“-Theorien, wie z.B. die Kondratieff’schen Wellen, die zyklische Erneuerungs- und Veränderungsprozesse erklären können; aber auch „Hegemonialzyklen“, die Wirkungen in weltwirtschaftlichen Zusammenhängen ausüben. Beim Umgang mit den vielfältigen Wandlungsabfolgen ist es hilfreich und nützlich, die verschiedenen Zyklen zu kennen und sie bei den Lageberichten anzuwenden: Evolutionszyklen, utopische und dystopische Visionen, periodische Verläufe. Die Suche nach den „neuen Menschen“ ist keine Märchenerzählung und darf auch keine utopische, unrealistische Vorstellung sein. Es kommt vielmehr darauf an, vorstellbare und konkrete Situationen zu denken, wie sie sich in kreativen Arbeits- und Produktionsprozessen darstellen: „Verdatung“ als technologisch machbare Mittel mit dem Ziel, (auch) damit ein menschenwürdiges und erdbewusstes Dasein des Menschen zu ermöglichen. Es sind die geistigen und körperlichen Phänomene, die Fragen nach den Traditionen, den gewordenen Hierarchien und Hegemonien laut werden lassen. Es sind die geo- und machtpolitischen Entwicklungen, die Bekanntes, Bestehendes und Sicheres unsicher erscheinen lassen, wie z.B. die Frage, wie sich weltpolitisch und weltwirtschaftlich Gewichte verschieben, weg von westlich kapitalistischen Kräften, hin zu asiatischen und östlichen, digitalen und ideologischen Kapitalismen. 

Diskussion

Das „kybernetische Zeitalter“, das auch als „Kybernetische Revolution“ bezeichnet (Klaus Schwab, 2016) und als „Green New Deal“ in Aussicht gestellt wird (Jeremy Rifkin, Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26434.php), kann weder bedeuten, dass „wir wieder auf die Bäume zurück sollen“; es bedeutet aber, dass die Menschheit sich bewusst machen muss, „nicht alles, was der Mensch kann oder zu können meint, auch gemacht werden darf“. Die Digitalisierung bietet uns die Chance, Entwicklungen durch Daten simulieren und möglicherweise vorhersagen zu können. Umso bedeutsamer und wichtiger ist es, den Daten zu trauen, wenn sie wahrhaftig sind, und ihnen zu misstrauen, wenn sie als Fake News und Manipulationen daher kommen.

Fazit

Wir sind bei der schwierigen, problematischen Frage angelangt, ob notwendige und nützliche Wandlungs- und Veränderungsprozesse evolutionär oder revolutionär vollzogen werden können: „Muss in ökonomischer Hinsicht Zerstörung stattfinden, damit der Umbau vom industriellen auf das kybernetische Prinzip ermöglicht wird?“. Andrea Komlosy weist mit ihrer Analyse darauf hin, dass eine Lösung des Problems darin bestehen könnte, intensiver, konsequenter und aktiver darüber nachzudenken, wie Demokratie-, Friedens-, Gerechtigkeits- und Freiheitsdenken in die Welt gebracht werden kann, individuell und kollektiv, ökonomisch und ökologisch, anthropologisch und datenbasiert.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular

Es gibt 1560 Rezensionen von Jos Schnurer.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.11.2022 zu: Andrea Komlosy: Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2022. ISBN 978-3-85371-505-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29637.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht