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Thomas Reiter, Andrea Kapfer u.a.: Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten in stationären Wohneinrichtungen

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer, 21.02.2023

Cover Thomas Reiter, Andrea Kapfer u.a.: Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten in stationären Wohneinrichtungen ISBN 978-3-948837-06-8

Thomas Reiter, Andrea Kapfer, Wolfgang Dworschak, Christoph Ratz: Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten in stationären Wohneinrichtungen. Charakteristika, pädagogisches Handeln, freiheitsentziehende Maßnahmen. Edition Bentheim (Würzburg) 2022. 126 Seiten. ISBN 978-3-948837-06-8. D: 22,50 EUR, A: 23,20 EUR, CH: 27,00 sFr.
Reihe: Bentheim: Pädagogik bei geistiger Behinderung - Band 1.

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Thema

Das Buch befasst sich mit der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten in vier stationären Wohneinrichtungen in Bayern. Hierbei wird vor allem ein Fokus auf das pädagogische Handeln der Mitarbeitenden sowie auf den Einsatz von und Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen gelegt.

Herausgeber:innen

Das Buch wurde herausgegeben von den Mitarbeitenden des Projektes „WiBlg“ (Wissenschaftliche Begleitung von Intensivgruppen), namentlich den Professoren für Pädagogik bei geistiger Behinderung Wolfgang Dworschak und Christoph Retz sowie deren Mitarbeitenden Andrea Kapfer und Thomas Reiter.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt im Wesentlichen die Ergebnisse eines partizipativen Forschungsprojektes dar. Ziel dieses von Herbst 2017 bis einschließlich 2020 andauernden Forschungsprojektes war u.a. eine Bestandaufnahme einerseits und das Schaffen einer differenzierten Diskussionsgrundlage andererseits.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Werk besteht aus 6 Kapiteln.

In der Einleitung, die das erste Kapitel darstellt und auch eine Vorstellung des theoretischen Hintergrundes umfasst, wird zunächst das Verständnis von herausforderndem Verhalten dargelegt. Bezugnehmend auf Theunissen wird dieses definiert als ein Verhalten, das sowohl ein Risiko für die Gesundheit des Betroffenen darstellen als auch die Sicherheit anderer Personen gefährden kann. Dabei wird der Blick gleichermaßen auf externalisierende Verhaltensweisen (z.B. Aggressionen) als auch internalisierendes Verhalten gerichtet (z.B. Rückzugstendenzen, depressives Verhalten etc.). Ein besonderes Augenmerk werde im Rahmen dieser Publikation auf die Bedeutung psychiatrischer Störungsbilder gelegt.

Ausgangspunkt des Forschungsprojektes war, dass im Jahr 2016 in verschiedenen Medien über freiheitsentziehende Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen der Behindertenhilfe berichtet worden war. „Dabei zeigte sich, dass in der öffentlichen Diskussion oftmals kein differenziertes Bild von dem thematisierten Personenkreis, der pädagogischen Arbeit mit ihm und den Bedingungen, unter denen FeM angewendet werden, vorherrschte“ (S. 14). Dies zu untersuchen war Ziel des Forschungsprojektes für das vier stationäre Wohneinrichtungen gewonnen werden konnten. Da die Gesamtzahl der Einrichtungen, die mit sehr herausfordernden Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung arbeiten bundesweit klein ist könne von einem guten und repräsentativen Zugang gesprochen werden. Mit Blick auf das (sensible) Forschungsfeld wurde ein Schwerpunkt auf explorative Forschungsmethoden gelegt (Aufenthalte in den Einrichtungen, Gespräche mit den Mitarbeitenden).

„Ziel war es, die pädagogische Situation und Arbeit in intensiv betreuten Wohngruppen mit Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten über einen längeren Zeitraum kontinuierlich wissenschaftlich zu begleiten, …

  • um den Personenkreis differenziert zu beschreiben.
  • um pädagogisches Handeln und pädagogische Prozesse im Kontext herausfordernden Verhaltens zu beschreiben.
  • um den Umgang der Einrichtungen mit freiheitsentziehenden Maßnahmen (FeM) zu beschreiben und Bestrebungen der Einrichtungen nachzuzeichnen, FeM zu reduzieren und Alternativen zu FeM zu entwickeln.“ (S. 16)

Im zweiten Kapitel wird das forschungsmethodische Vorgehen vorgestellt. Gerade vor dem Hintergrund des Themas „wurde als Studiendesign ein partizipativ ausgerichteter Ansatz der Praxisforschung gewählt“ (S. 17). Als Erhebungsmethoden dienten Feldaufenthalte, Dokumentenanalysen, Gruppendiskussionen, Interviews sowie (halb-)standardisierte Instrumente mit denen z.B. mit Hilfe standardisierter Fragebögen der Unterstützungsbedarf der Kinder und Jugendlichen erfasst wurde.

Im dritten Kapitel werden die quantitativen Ergebnisse zu den „Ausgangsbedingungen, Kompetenzen und Unterstützungsbedarfe[n] von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung in stationären Wohneinrichtungen“ (S. 25) dargestellt: Mehr als die Hälfte hatten einen intensivpädagogischen Betreuungsbedarf. „Diese Gruppe ist besonders durch einen höheren Grad der Intelligenzminderung (knapp 30 % mit schwerer/​schwerster Intelligenzminderung), einen höheren Anteil von nicht sprechenden Kindern und Jugendlichen (rund 36 %) sowie einen deutlich erhöhten Anteil an Kindern und Jugendlichen, die ausgeprägtes herausforderndes Verhalten zeigen (rund 85 %), gekennzeichnet“ (S. 34).

Das vierte und umfangreichste Kapitel stellt die Einzelfallstudien vor, also die qualitativen Ergebnisse. In den Unterkapiteln werden im Sinne von Belegstellen Passagen aus den Interviews mit Mitarbeitenden der Wohneinrichtungen eingefügt sowie eine Übersicht der Befunde in einer Abbildung dargestellt. Im ersten Unterkapitel wird der untersuchte Personenkreis beschrieben sowie welche Verhaltensweisen als herausfordernd erlebt werden. Im Sinne der maximalen Kontrastierung wurden 8 Kinder und Jugendliche ausgewählt, 6 Jungen und 2 Mädchen, die zu Beginn des Erhebungszeitraumes zwischen 10 und 18 Jahre alt waren. Die jungen Menschen hatten neben der Intelligenzminderung mindestens eine weitere psychiatrische Diagnose, besonders häufig war hierbei eine Autismus-Spektrum-Störung. Hinsichtlich des familiären Hintergrundes zeigten sich unterschiedliche Herkunftsmilieus, manche Kinder hatten hier erhebliche Belastungsfaktoren erlebt. Die Kinder selbst hatten meist schon mehrere Einrichtungswechsel und Aufenthalte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hinter sich. Häufig sind Auffälligkeiten im Sozialverhalten, die in Form von fremdaggressivem Verhalten sowohl auf der physischen als auch verbalen Ebene auftreten wie z.B. schlagen, beißen, sexuelle Übergriffe, Gewaltandrohungen, Beleidigungen. Weitere Auffälligkeiten sind im psychisch-emotionalen Bereich (Anspannung, Unruhe, Weinen etc.), Sach- und Autoaggression, Auffälligkeiten im somato-physischen Bereich (z.B. motorische Unruhe, Schwierigkeiten beim Essverhalten) und anderes. Vielfach tritt herausforderndes Verhalten unvermittelt auf, viele Kinder sind sehr impulsiv.

Eine Analyse der bedingenden Faktoren und Funktionen herausfordernden Verhaltens ergab, dass herausforderndes Verhalten als Reaktion auf Überforderung und Frustration auftritt, aber auch zur Durchsetzung von Vorstellungen und Bedürfnissen. Doch auch Unsicherheit, Stress in Folge von Reizüberflutung, somatische Gründe (z.B. Schmerzen) und Einschränkungen der kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklung scheinen Gründe für herausforderndes Verhalten zu sein. Wobei die Beurteilung oftmals schwierig ist und auf den Einschätzungen und Vermutungen der Mitarbeitenden beruht. Als Folgen des herausfordernden Verhaltens treten körperliche Verletzungen, psychisches Leid, eine Reduzierung von Förder- und Lernangeboten sowie Einschränkungen der sozialen Teilhabe auf. Aber auch familiäre Kontakte erfahren eine Einschränkung und die medizinische Versorgung wird beeinträchtigt, weil z.B. Behandlungen beim Zahnarzt nur unter Vollnarkose möglich sind. Das pädagogisch-therapeutische Handeln, das zur Anwendung kommt, erstreckt sich auf eine Vielzahl von Maßnahmen: Oftmals werden Beschäftigungen zur Beruhigung angeboten (schaukeln, musizieren, spielen etc.). Auch wird auf eine positive Interaktions- und Beziehungsgestaltung Wert gelegt. Durch Visualisierungen, z.B. in Form von Ankündigungsplänen, wird Orientierung ermöglicht. Es wird versucht den Gruppenalltag zu entzerren und Anforderungen werden reduziert, um nur einige der Maßnahmen zu nennen.

Doch teilweise werden freiheitsentziehende Maßnahmen (FeM) zur Deeskalation benötigt. Unter FeM werden Maßnahmen verstanden, die Personen in ihrer Möglichkeit, sich frei zu bewegen, einschränken. Es wird unterschieden zwischen räumlichen FeM (wie Einschlüsse oder Betten mit einem sichernden Aufbau), mechanischen FeM (Schutzanzüge, Fixierhandschuhe usw.) und physichen FeM (z.B. Festhalten). So kommen FeM zum Einsatz zum Schutz vor Fremdgefährdung und Selbstgefährdung (z.B. Schlagen des Kopfes gegen die Wand), zur Entspannung durch Reduzierung des Reizniveaus durch Einschlüsse in Auszeiträume, aber auch damit nicht durch andere Maßnahmen eine positive Verstärkung problematischer Verhaltensweisen erfolgt. Teilweise werden die FeM von den Kindern eingefordert und scheinen Sicherheit zu vermitteln oder, andersherum, scheinen herausforderndes Verhalten aufrechtzuerhalten oder zu verstärken, können jedoch aufgrund der hohen Intensität der Übergriffe dennoch nicht vermieden werden.

Zur Reduktion der FeM wird verschiedenes probiert. Wie auch in den fachbezogenen Diskussionen angeführt, wird versucht durch eine Erhöhung der personellen Präsenz FeM zu reduzieren oder zu vermeiden. So werden die Kinder bei einem erhöhten Erregungszustand in Auszeiträume begleitet und/oder ihnen werden Beschäftigungsangebote unterbreitet. Doch auch hier gibt es Grenzen, gerade wenn es aufgrund der großen Körperkraft von Jugendlichen zu erheblichen fremdaggressiven Impulsdurchbrüchen kommt. Auch räumliche Ressourcen spielen eine Rolle bei den Versuchen FeM zu reduzieren, gerade auch weil viele Kinder Auszeiten vom reizüberflutendem Gruppenalltag benötigen. Weiter wird versucht, den Restriktionsgrad zu reduzieren, z.B. Schutzhelm (bei entsprechender Autoaggression) ohne Verschluss, Zimmerpause ohne Einschluss oder die Kinder sukzessive von der FeM zu entwöhnen. Zur Reduktion der FeM ist es immer auch notwendig, sich sowohl mit der Funktion des herausfordernden Verhaltens als auch der Bedeutung der FeM für das betroffene Kind auseinanderzusetzen.

Bewährt hat sich zudem der Austausch mit anderen Professionen, z.B. Psychiater*innen und Autismusexpert*innen. Im letzten Unterkapitel wird auf die Gabe von Psychopharmaka eingegangen. Alle Kinder der Stichprobe erhalten Psychopharmaka aufgrund ihrer „langfristig erhöhte[n] Grundanspannung, schwerwiegende[n] Stimmungsschwankungen“ sowie massiver Auto- und Fremdaggression und psychiatrischer Störungsbilder. Viele Kinder profitieren von der Medikation und werden als ausgeglichener und belastbarer erlebt, wobei meist mehrere Wirkvariablen zusammenkommen. Manchmal ist Medikation sogar die Voraussetzung, dass pädagogisches Arbeiten und soziale Teilhabe überhaupt erst wieder möglich werden und FeM reduziert werden können. Doch auch Nebenwirkungen (z.B. Gewichtszunahme) und Gewöhnungseffekte werden berichtet. Bedeutsam ist, dass vor der Mediaktionsgabe die Funktionen und Gründe des herausfordernden Verhaltens gründlich analysiert werden, um nicht z.B. Schmerzen als Grund für Erregungszustände zu übersehen. Überaus wichtig ist eine gute Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzt*innen.

Das fünfte Kapitel ist der Beantwortung der Forschungsfragen und der Diskussion der Ergebnisse gewidmet. Zunächst werden die Befunde der vorherigen Kapitel mit Blick auf die Forschungsfragen zusammengefasst. Darauf folgen „Implikationen für die Praxis pädagogischen Handelns auf Mikro- und Makroebene“ (S. 94), schließlich wird die Forschungsmethodik reflektiert und es werden Forschungsdesiderata formuliert. Hinsichtlich der Implikationen auf der Mikroebene, der Ebene der Mitarbeitenden, schreiben die Autoren, dass gerade aufgrund der Einschränkungen der Kinder „herausfordernde Verhaltensweisen immer auch als Kommunikationsversuche betrachtet werden [müssen]“ (S. 111), denen mit Empathie und Aufmerksamkeit begegnet werden sollte. Als hilfreich erweisen sich hier Angebote der Unterstützten Kommunikation (UK). Zudem bedarf es einer permanenten Reflexionsbereitschaft, sowohl hinsichtlich der bedingenden Faktoren und Funktionen von herausforderndem Verhalten als auch in Bezug auf die Notwendigkeit von FeM. Die Abstimmung des pädagogischen Handels im Team ist wichtig, ebenso Geduld und Frustrationstoleranz und eine vorausschauende Haltung. Bezüglich der Implikationen auf der Makroebene, also hinsichtlich der Rahmenbedingungen intensivpädagogischer Betreuung, schreiben die Autor*innen, dass es einer guten Qualifizierung der Mitarbeitenden und interdisziplinärer Impulse bedarf. Hiermit sind sowohl Angebote wie Supervision als auch Fortbildungen zum Umgang mit psychiatrischen Störungsbildern gemeint. Auch benötigen die Mitarbeitenden aufgrund des hohen Anspruchsniveaus ihrer Tätigkeit eine gute Mitarbeiterfürsorge, z.B. ausreichend Regenerationstage.

Generell ist es wichtig, auf personelle Ressourcen und personelle Konstanz zu achten. Auch auf räumliche Ressourcen und bauliche Rahmenbedingungen sollte ein Augenmerkt gerichtet werden. Weiter benötigen die Mitarbeitenden zeitliche Ressourcen für die konzeptionelle Arbeit. Schließlich sollten die psychiatrischen und psychotherapeutischen Unterstützungssysteme ausgebaut werden, ebenso die ambulanten Systeme, um die Familien, die ein Kind mit (potentiell) herausforderndem Verhalten haben, früh zu unterstützen. Abschließend werden als Forschungsdesiderata verschiedene Punkte benannt, u.a. weitere Perspektiven auf die Betreuung des untersuchten Personenkreieses (z.B. Schule, Elternhaus) einzuholen, „die Frage nach entwicklungsförderlich gestalteten Übergängen in den Erwachsenenbereich“ (S. 119) aber auch das Themenfeld Prävention.

Den letzten Teil des Buches stellen verschiedene Verzeichnisse dar.

Diskussion

Ein Buch wie dieses erscheint mir überfällig. Es wendet sich der Lebenssituation von Menschen zu, die bis heute kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, teils aber auch nicht im Fachdiskurs. Eben jene Menschen bei denen Inklusion nicht die Mitgliedschaft im örtlichen Fußballverein darstellt, sondern schon ein Zoobesuch mit Betreuenden vor dem Hintergrund der Verhaltensprobleme zur Herausforderung wird.

Im Sinne eines Blitzlichtes möchte ich auf vier in dem Buch benannte Themenkreise eingehen:

Zunächst auf das Thema biografisches Arbeiten und biografiebezogenes Verstehen: An mehreren Stellen in dem Buch wird darauf hingewiesen, dass eine sensible Berücksichtigung der Biografie der Kinder und Jugendlichen ein zusätzlicher Schlüssel zum Verstehen von Problemverhalten werden könnte, der noch viel zu selten genutzt werde. Das möchte ich unterstreichen und darauf verweisen, dass im Bereich der Altenpflege seit vielen Jahren bekannt ist, dass es z.B. wichtig ist, um Gewalt und die Erfahrung von sexuellem Mißbrauch zu wissen, um beispielsweise verstehen zu können, warum ein Mensch mit Demenz in manchen Situationen abwehrend reagiert. Gleichermaßen verhält sich dies meiner Meinung nach bei anderen Personengruppen, die auf Pflege angewiesen sind, sich aber nur eingeschränkt äußern können und bei denen Erinnerungen möglicherweise sehr unvermittelt wiederaufkommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt scheint mir mit Blick auf Freiheitsentziehende Maßnahmen zu sein, dass es „abhängig vom individuellen Erleben“ ist „welche Maßnahmen von den Kindern und Jugendlichen als einschneidender und restriktiver erlebt werden“ und dies „gründlich eruiert werden [muss]“ (S. 79).

Ebenso, und das wird auch mehrfach in dem Buch benannt, scheinen die Architektur, sowie räumliche und bauliche Rahmenbedingungen, Rückzugsmöglichkeiten, günstige raumakustische Bedingungen und ein leicht zugänglicher Garten ein Feld zu sein, das mancherorts möglicherweise noch Potentiale bietet. Hinsichtlich der Innenausstattung möchte ich auf „Bauen für Geborgenheit – Würzburger Modell“ hinweisen.

Schließlich will ich noch unterstreichen, was die Autoren in Bezug auf die stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung konstatieren: Es besteht eine deutliche Unterversorgung an stationären Plätzen mit monatelangen Wartezeiten, die „dem akuten psychiatrisch-therapeutischen Hilfebedarf der Kinder und Jugendlichen kaum gerecht werden; damit verbunden enstehen über mehrere Monate Situationen massiver Belastung und fachlicher Überforderung der pädagogischen Fachkräfte in den Wohneinrichtungen. Die Notwendigkeit der Verbesserung dieser Situation ist evident“ (S. 92–93).

Zum Schluss möchte ich auf die 2022 publizierte „Wissenschaftliche Untersuchung über die Anwendung von freiheitsentziehenden Maßnahmen (FeM) in Einrichtungen für volljährige Menschen mit Behinderungen in Bayern im Auftrag des Gesundheits- und Pflegeministeriums“ hinweisen. Hier war die Ausgangsfragestellung eine der rezensierten Publikation sehr ähnliche, nur bezog sich die Untersuchung auf den Erwachsenenbereich und nicht ausschließlich auf Personen mit geistiger Behinderung. Der Abschlussbericht ist unter https://www.fem-bayern.de abrufbar.

Fazit

Das Buch befasst sich mit der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten in vier stationären Wohneinrichtungen in Bayern. Durch die Verwendung von explorativen Forschungsmethoden wie Gespräche mit Mitarbeitenden gelang es ein sehr authentisches Bild vom Alltag und den tagtäglichen Herausforderungen in der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten einzufangen.

Quellenangabe

Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (2022): Gutachten einer wissenschaftlichen Untersuchung über die Anwendung von freiheitsentziehenden Maßnahmen (FeM) in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen in Bayern. URL: https://www.fem-bayern.de/index.php?media/​18-2022-09-01-bericht-fem-final-pdf [25.01.2023]

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Franziska Günauer
Diplom-Sozialpädagogin, Erziehungswissenschaftlerin (MA), berufstätig als Pädagogin auf der Station für Menschen mit geistiger Behinderung, Autismus und anderen Entwicklungsstörungen des ZfAE des kbo-Isar-Amper-Klinikums, Region München
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Es gibt 12 Rezensionen von Franziska Günauer.

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Zitiervorschlag
Franziska Günauer. Rezension vom 21.02.2023 zu: Thomas Reiter, Andrea Kapfer, Wolfgang Dworschak, Christoph Ratz: Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung und herausforderndem Verhalten in stationären Wohneinrichtungen. Charakteristika, pädagogisches Handeln, freiheitsentziehende Maßnahmen. Edition Bentheim (Würzburg) 2022. ISBN 978-3-948837-06-8. Reihe: Bentheim: Pädagogik bei geistiger Behinderung - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29662.php, Datum des Zugriffs 17.04.2024.


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