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Doris Fölsch: Ethik in der Altenpflege

Rezensiert von Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre, 15.02.2023

Cover Doris Fölsch: Ethik in der Altenpflege ISBN 978-3-7089-2169-3

Doris Fölsch: Ethik in der Altenpflege. Ethische Grundsätze als Wegweiser und Hilfe für die Pflegepraxis. Facultas Verlag (Wien) 2022. 2., überarbeitete Auflage. 164 Seiten. ISBN 978-3-7089-2169-3. D: 24,20 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 30,90 sFr.
Reihe: Pflegepraxis. Pflegepraxis.

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Thema

Ethik ist ein Bereich der Philosophie. Die angewandte Ethik beschäftigt sich mit den Aspekten und Werten des menschlichen Handelns. Ethik hilft, Situationen zu überdenken, moralische Konflikte zu erkennen, abzuwägen und Lösungen zu finden. Sie verhilft zu Klarheit und Erkenntnis auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. In der Altenpflege werden Menschen in ihrer letzten Lebenszeit in ihrem Alltag gepflegt und begleitet. Dies bedeutet für die Pflegenden neben professionellem evidenzbasiertem Handeln auch, diese Handlungen hinsichtlich ihrer ethischen Dimension sowie des eigenen Menschenbilds zu reflektieren. In diesem Buch werden ethische Fragestellungen, praktische Probleme und Herausforderungen anhand der wesentlichen Aktivitäten im täglichen Leben (ATL) zu betreuender Menschen im Alter behandelt.

Autorin

Dr. phil. Doris Fölsch, DGKP, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, studierte Philosophie an der Universität Salzburg mit Schwerpunkt Ethik im Gesundheitswesen. Nach mehreren langjährigen beruflichen Aufenthalten im Ausland (Rumänien, Albanien, Kroatien, Afghanistan und Iran) ist sie heute freiberuflich als Ethikberaterin (Ausbildung dazu bei Cekib Nürnberg und MEDAK Linz) tätig sowie als Referentin in der Fort-und Weiterbildung und als Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen. Frau Dr. Fölsch ist Mitglied der Akademie für Ethik in der Medizin e.V.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Überarbeitung der 1. Auflage von 2013. Dies erschien folgerichtig und angedenk der Entwicklung der letzten Jahre, in denen trotz positiver Tendenzen die immer älter werdende Gesellschaft und die immer knapper werdenden Personalressourcen zu bedenklichen Rückschritten in der Durchsetzung qualitativ guter Pflege geführt haben. Dazu kamen die Probleme mit der langjährigen Corona-Pandemie, die gezeigt haben, von welch fundamentaler Bedeutung fachliches Wissen, soziale Kompetenzen und ethische Leitlinien für deren Bewältigung sind – da das Wohlergehen der Patienten in hohem Maße von beruflichen Entscheidungen von gut ausgebildeten und ethisch sensiblen Pflegekräften abhängt

In diesem Buch werden ethische Aspekte auf der Basis pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse behandelt. Die Autorin verbindet Ethikwissen und Wissen aus der Pflegewissenschaft zu einem in der Praxis anwendbaren Ganzen, da ethische Fragen und praktische Probleme nur auf der Grundlage einer ethischen Grundhaltung behandelt und gelöst werden können.

Aufbau und Inhalt

Dr. Fölsch behandelt in diesem Buch einige Aspekte des alltäglichen Lebens (ATL), in denen der alte Mensch von einer Pflegekraft betreut und gepflegt wird. Neben ausführlichem medizinischem und pflegerischem Fachwissen, psychischen Erkrankungen und speziellem Wissen über Situationen in der Altenpflege wird von einer ausgebildeten Pflegekraft erwartet, dass sie sich in allen Bereichen der ATL zurechtfindet. Außerdem gehört dazu die Verantwortung, die die Pflegenden gegenüber dem alten Menschen als auch sich selbst gegenüber zu tragen haben. Das erfordert die Bereitschaft, darüber nachzudenken und dies auch zu begründen.

In diesem Buch werden die ethisch relevanten Aspekte der im Folgenden behandelten Aktivitäten des täglichen Lebens als Leitfaden und Orientierung genommen, theoretisch behandelt und in vielen ausführlichen Fallbeispielen so dargestellt, dass der Lesende diese Situationen aus ethischer Perspektive betrachten und selbst für sich Lösungswege finden kann. Nach einem Einleitungskapitel wird in den Kapiteln 2–6 auf die folgenden ATLs eingegangen: Sich pflegen – essen und trinken – sich bewegen – ausscheiden – schlafen und ruhen.

Kapitel 1 „Ethik und Pflegeethik“ stellt die Prinzipienethik von Beauchamp und Childness (2019) und deren vier Prinzipien Autonomie, Fürsorge, Nichtschaden und Gerechtigkeit vor. Es folgt deren Erweiterung auf das Leben des alten Menschen von Bobbert (2002). Autonomie beinhaltet, dass die Ziele, Wünsche und der Wille des alten Menschen respektiert werden. Das bedeutet, der alte Mensch hat (wie auch Patienten in der Medizin) ein Recht darauf, ausreichend informiert zu werden (informed consent). Der hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat ein Recht darauf, zu bestimmen, was dem Wohl seines Lebens dient. Bobbert fordert zudem, dass dem alten Menschen verschiedene Möglichkeiten dazu angeboten werden, zwischen denen er wählen bzw. die er auch ablehnen kann. Dem alten Menschen muss eine möglichst geringe Einschränkung seines Lebensspielraumes bzw. der Mitsprache gesichert werden. Das alles sind schwierige Situationen vor allem bei Menschen mit geistiger Einschränkung, was Achtung auf beiden Seiten erfordert. Die erweiterten Prinzipien dienen dazu, die Situationen und Fallbeispiele, die im Rahmen der ATLs beschrieben werden, in oben genanntem Sinn darzustellen und zu bearbeiten. Auch wird dargestellt, wie dies im Rahmen der Versorgung ggf. organisatorisch und medizinisch zu gewährleisten und zu bewältigen ist (z.B. die Ressource Zeit oder der Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen der Bewohner). Gleichzeitig müssen die Rechte und das Wohlergehen der Pflegepersonen berücksichtigt werden.

Kapitel 2 „sich pflegen“ behandelt zwei exemplarische Falleispiele, anhand derer die in Kapitel 1 beschriebenen ethischen Prinzipien in der Praxis angewendet werden. Eine an Demenz erkrankte Patientin will keine Pflege zulassen – in der Diskussion zeigt sich, wie das Beachten ethischer Prinzipien die Pflegebeziehung für alle Beteiligten vereinfacht. Im zweiten Fall will ein selbständiger Bewohner seinen Pflegezustand selbst bestimmen, was vor allem bei den Pflegekräften sehr unterschiedlich gesehen wird. Hier wird eine ausführliche Diskussion unter den Pflegenden zitiert. Grundsätzlich gilt: Fürsorge und Autonomie müssen in Einklang gebracht werden, wobei der Wille, die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner immer wieder in Konflikt mit den Vorstellungen der Pflegenden geraten können. Diskussionen unter ethischen Aspekten helfen dem Team, angemessene Lösungen zu erarbeiten.

Kapitel 3 „essen und trinken“ nimmt sich der Situationen am Mittagstisch an. Essen und Trinken sind lebensnotwendig und gleichzeitig wichtig für das Wohlbefinden und die Lebensgestaltung. Als wichtiger Bestandteil der Altenpflege müssen dabei die sozialen Aspekte maßgeblich beachtet werden. In der Langzeitpflege kommen Probleme mit Mangelernährung und Dehydrierung dazu, die zusätzlich in Absprache mit dem gesamten Team und den Ärzten gelöst werden müssen, was immer wieder die Autonomie der Betroffenen verletzt. In diesem Kapitel beschreibt Dr. Fölsch anhand mehrerer Fallbespiele, was Essen und Trinken im Pflegealltag für den einzelnen Menschen bedeutet und wie wichtig ethische Reflexion und pflegewissenschaftliches Wissen sind, wenn der Fokus auf dieses soziale Ereignis gelegt wird. Nach den Beispielen aus dem Alltag im Seniorenheim werden die schwierigen Probleme bei Ablehnen von Nahrung, Flüssigkeit und der PEG-Sonde ausführlich besprochen und mit eindrücklichen Fallbeispielen dargelegt.

Kapitel 4 widmet sich den Themen „sich bewegen“ und „für eine sichere Umgebung sorgen“. In der Altenpflege sind Bewegung und Sicherheit häufig eng miteinander verbunden. Generell gilt, dem alten Menschen die Selbsthilfefähigkeit und Mobilität so lange wie möglich zu erhalten, aber auch zu achten, dass alte Menschen, besonders an Demenz erkrankte, beispielsweise durch Unsicherheit beim Gehen gefährdet sind, Gefahren beim Verlassen der Einrichtung nicht einschätzen oder durch ihr Verhalten sich und andere gefährden. Es geht auch um Sturzprävention und ggf. freiheitsbeschränkende Maßnahmen. Dabei besteht die Gefahr, dass Rechte auf Autonomie und die Bestimmung des Eigenwohls nicht uneingeschränkt respektiert werden können. Alle Fallbespiele werden unter den Aspekten wie Autonomie, Gerechtigkeit und ausführlich begründete Lösungsmöglichkeiten diskutiert. Der Ansatz liegt immer auf der Findung individueller Lösungen. Dabei wird die Grenze zwischen Fördern und Überfordern herausgearbeitet, die den Pflegenden ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Sensibilität, aber auch an Eigenreflexion abverlangt.

Das Unterkapitel „Bewegung und Sicherheit bei Demenz“ geht auf Demenz als gesellschaftlicher Aufgabe ein, auf die ethischen und professionellen Aspekte in der konkreten Pflegesituation und den Umgang mit den häufig auftretenden Weglauftendenzen. Letztere erfordern ein besonderes Verständnis, um deren Ursachen zu ergründen: denn auch wenn der alte Mensch kognitiv nicht mehr erreichbar ist, so wird er doch emotional berührt. Voraussetzung dafür ist, eine Vertrauensbasis herzustellen, auf der der alte Mensch sich angenommen, verstanden und zuhause fühlen kann. Die schwierige Thematik um freiheitsentziehende und freiheitsbeschränkende Maßnahmen (FBM/FEM) gehört zum pflegerischen Alltag. Fazit dieser hier ausführlich besprochenen Überlegungen ist: jede FBM/FEM muss gründlich überdacht, gut begründet und mit der Suche nach alternativen Möglichkeiten verbunden sein. Maßnahmen wie diese sollten so weit als möglich vermieden werden. Sie sind das letzte Mittel, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Ursachen und Folgen und die ethischen Prinzipien werden dargelegt, ebenso wie die Verantwortung der Einrichtung, die Rolle der Angehörigen, sowie Sedierung als Alternative oder die Frage nach elektronischer Überwachung. Den Abschluss bildet ein bedenkenswerter Aufsatz: „Freiheitsbeschränkung – eine Notwendigkeit für die Gesellschaft oder für die Bewohner:innen?“ Dieser betont nachdrücklich, dass das Recht jedes Menschen, sein Leben in Freiheit leben zu können, eine Form der Wertschätzung darstelle und zu respektieren sei.

Kapitel 5 behandelt das sensible Thema „Ausscheiden“, hier betrachtet als allmählichen Verlust der Kontrolle über die körperlichen Bedürfnisse. Ist der Mensch durch körperliche Gebrechen abhängig oder verliert er die Fähigkeit, seine Ausscheidungen zu kontrollieren, hat dies weitreichende Konsequenzen. Inkontinent oder bei der Ausscheidung abhängig zu sein, hat neben den körperlichen vor allem psychische Folgen, was eine große soziale Belastung für den Menschen bedeutet. Aus diesen Gründen ist es besonders wichtig, dass Pflegende mit Sorgfalt und Sensibilität gegenüber ethischen Aspekten handeln. Unbedachte abfällige oder peinlich berührende Bemerkungen darüber können tief verletzend und demütigend sein. In diesem Kapitel werden viele der ethisch und moralisch herausfordernden Aufgaben in sieben Fallbeispielen ausführlich dargestellt.

Kapitel 6: „Schlafen und ruhen“ ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens und Wohlbefindens – eine „Wohltat für Seele und Körper“. Da das Bedürfnis nach Schlafen und Ruhen auch und gerade bei alten Menschen sehr unterschiedlich ist, haben die Pflegekräfte die Aufgabe, den einzelnen hilfs- und pflegebedürftigen Menschen in seinem Ruhebedürfnis zu unterstützen und ggf. gleichzeitig andere Mitbewohner mit im Blick zu haben. Das Kapitel beginnt mit einem exemplarischen Fallbeispiel, das detailliert im Team, von Pflegepersonen und Nachtdienst besprochen und anschließend einer ausführlichen ethischen Analyse der verschiedenen Argumentationen im Team unterzogen wird. Anhand eines zweiten Falles werden allgemeine Aspekte, die Einfluss auf den Schlaf haben besprochen, sowie in weiteren Vignetten erläutert, dass und wie mögliche Kombinationen unterschiedlicher Interventionen Schlafstörungen minimieren. Pflegerische Handlungen, die den Schlaf betreffen, können – aus ethischer wie aus fachlicher Perspektive betrachtet – zum Wohlbefinden dieser Menschen beitragen. Es folgen mehrere Fallvignetten, die positive Verläufe aufzeigen. Ein abschließender Exkurs behandelt das Thema Waschen im Nachtdienst, ein Thema, bei dem in der Praxis evtl. Routine verlassen werden muss, weil Veränderungen angesagt sind und organisatorische Rahmenbedingungen neu gedacht werden müssen.

Diskussion 

Dieses Fach- und Ratgeberbuch ist als Handbuch für Lehre und Hilfe für die pflegerische Praxis gedacht. Dazu rückt Dr. Fölsch einige wichtige Handlungsbereiche der Altenpflege in den Fokus und unterzieht diese anhand von Fallbeispielen einer genauen ethischen Analyse. Dabei integriert sie ethisch-theoretische Überlegungen und aktuelles Wissen in der Pflegewissenschaft in die Praxis. Die Praxis wird durch insgesamt 29 Fallbeispiele strukturiert und genau erläutert.

Aufgrund seiner klar formulierten ethischen Denkstruktur vermitteln diese unterschiedlichen Kapitel ein hohes Maß an Verständnis und Hilfestellungen dafür, wie mit Problemen in der Altenpflege umzugehen ist bzw. werden kann. Dies Buch kann in dieser Form in der Ausbildung eingesetzt werden und ist gleichzeitig von hohem theoretischen und praktischen Wert für Pflegekräfte und für pflegende Angehörige. Dieser letzte Aspekt ist für die Rezensentin von besonderer Bedeutung, da pflegende Angehörige oft Probleme damit haben, ihren alten oft leidenden Angehörigen bewusst hilfreich beizustehen, sie zu versorgen und für sie Entscheidungen zu treffen, zu denen der Angehörige nicht mehr in der Lage ist. Auch aufgrund von familiärer Bindung und damit von emotionaler und körperlicher Nähe kann es äußerst hilfreich sein, mit fachlichem Wissen und praktischen und ethischen Überlegungen unterstützt zu werden.

Fazit

In gut verständlicher und sachlich wertschätzender Sprache ist dies Buch ein äußerst informatives Nachschlagewerk, das von Beginn an wegen der differenzierten und informativen Darstellung als umfassend individueller Helfer und Ratgeber dienen kann. Das Buch stellt m.E. eine wahre Fundgrube für Menschen in der Altenpflege, der Palliativ- und Hospizarbeit und pflegende Angehörige dar, weil es sie nicht bei ihrer täglichen Arbeit stehen lässt, sondern sie immer wieder und in allen Bereichen auf die Eigenverantwortung, die Sorgfalt für die eigene Person und die eigenen Tugenden wie Empathie und Fürsorge hinweist und sie in dieser Hinsicht berät und unterstützt.

Rezension von
Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Es gibt 27 Rezensionen von Monika Nöcker-Ribaupierre.

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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 15.02.2023 zu: Doris Fölsch: Ethik in der Altenpflege. Ethische Grundsätze als Wegweiser und Hilfe für die Pflegepraxis. Facultas Verlag (Wien) 2022. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7089-2169-3. Reihe: Pflegepraxis. Pflegepraxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29670.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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