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Berta Schrems: Fallarbeit in der Pflege

Rezensiert von Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann, 21.03.2023

Cover Berta Schrems: Fallarbeit in der Pflege ISBN 978-3-7089-2168-6

Berta Schrems: Fallarbeit in der Pflege. Grundlagen, Formen, Anwendungsbereiche. Facultas Verlag (Wien) 2022. 4., überarbeitete Auflage. 199 Seiten. ISBN 978-3-7089-2168-6. D: 22,30 EUR, A: 22,90 EUR, CH: 28,90 sFr.

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Thema

Mit einem Zuwachs an evidenzbasiertem pflegebezogenem Wissen und stetig steigenden Anforderungen steigt die Komplexität im beruflichen Pflegealltag. Ein Merkmal professionellen Handelns ist es, die Anwendung von Regelwissen mit Fallverstehen zu verknüpfen. Fallarbeit kann hier eine geeignete Methode sein, Kompetenzen der Reflexion, der Entscheidungsfindung und der Problemlösung zu entwickeln und anzuwenden.

Herausgeberin

Berta Schrems ist Pflegefachperson, Soziologin, Philosophin und habilitierte Pflegewissenschaftlerin. Die Autorin ist freiberuflich tätig in Lehre, Beratung und Forschung.

Aufbau

Auf 199 Seiten im handlichen Taschenformat wird in fünf Kapiteln die Fallarbeit dargestellt:

  • Fall und Fallarbeit
  • Methodologie der Fallarbeit
  • Methodik der Fallarbeit
  • Auslöser, Zweck und Gegenstand der Fallarbeit in der Pflege
  • Der Fallbericht oder Case Report

Die Einleitung und mehrere Verzeichnisse rahmen die inhaltlichen Kapitel.

Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung als erstes Kapitel werden im zweiten Abschnitt des Buches die Grundlagen, Formen, Anwendungsbereiche und Begriffe erläutert. Den Einstieg gestaltet Schrems mit der Mehrdeutigkeit des Wortes „Fall“ und leitet zum Fall in der Pflege über. Hier ist ein Fall eine Abfolge konkreter Begebenheiten von und mit handelnden Individuen in einem spezifischen situativ-geschichtlichen Kontext. Die Begebenheit wird zum Fall, wenn eine Person dieser eine Bedeutung zuschreibt. Zum Erfassen der Komplexität braucht es eine Beschreibung oder Schilderung. Für die Fallarbeit in der Praxis wird der Erwerb von Problemlösungskompetenz beschrieben. Zudem ist die Fallarbeit als kollegiale Beratung, als Fallsupervision, von Experten moderierte Fallarbeit, zur Entscheidungsfindung oder Problemlösung anzutreffen. Der Zusammenhang von Fallarbeit und Professionalität lässt sich über die sogenannte situative Kompetenz als eine zentrale Anforderung pflegerischen Handelns feststellen. Die Kernelemente der Fallarbeit sind dabei die Interpretation, der Text und die Bedeutung. Besonders für komplexe Situationen braucht es die Zerlegung des Falls in die Bestandteile, um das Pflegephänomen in der Ganzheit zu erfassen und sich aber auch über blinde Flecken und Grenzen der Beobachtung klar zu werden. Schrems legt Denkmodelle dar, die die Fallarbeit stärken können.

Der dritte Teil stellt die Methodologie der Fallarbeit in den Mittelpunkt und nähert sich dieser aus zwei Richtungen: zum einen das hermeneutische Fallverstehen, zum anderen die Wege der Bedeutungserfassung. Ziel ist bei beiden Ansätzen die Erfassung der Bedeutung. Dies kann die Perspektive der Betroffenen zeigen, den Kontext der gegebenen Situation beleuchten oder ein passendes Erklärungsmodell liefern. Der hermeneutische Zirkel bringt hier die Elemente Vorverständnis der Pflegefachperson, die Lebenswelt und das systematisierte Fachwissen zusammen.

Der vierte Teil befasst sich mit der Methodik der Fallarbeit. Grundlage der Fallbearbeitung ist der Text der Fallschilderung. Dieser benötigt einen ausreichenden Informationsgehalt, eine Authentizität und sollte nachvollziehbar und verständlich sein. Zum Fall gehört die Situationsbeschreibung sowie die Problembeschreibung mit Kontextinformationen, klinischen Informationen und Pflegeintervention. In der Praxis wird für die Arbeit mit Fällen die Fallbesprechung verwendet. Mit der Wissensspirale nach Nonaka und Takeuchi wird die Vergemeinschaftung des Wissens eingeordnet. Die Fallbesprechung selbst folgt den drei Phasen der Fallerzählung mit Nachfragen, der Fallbearbeitung mit Problemdefinition und der Phase der Fallauswertung mit Problemlösung. Für die Fallarbeit wird zwischen reflexiven, interpretativen, biografischen und ethischen Zwecken differenziert und zu jedem Zweck unterschiedliche Ansätze aufgezeigt.

Den Abschluss bildet das Kapitel zum Case Report oder Fallbericht, auch in Abgrenzung zur Case Study. Die Autorin stellt die Case Reporting Guideline (CASE) vor und macht die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Case Study und Case Report deutlich.

Diskussion

Das (Alltags-)Verständnis von Fall und Fallarbeit wird mit diesem Buch theoretisch fundiert und fallorientiertes Arbeiten in der Praxis eingebettet. Schrems zeigt die heterogenen Elemente der Fallarbeit auf und bringt anschauliche Beispiele aus dem Pflegealltag ein. Insbesondere der Abschnitt zur Fallarbeit ist sehr erhellend: Schrems zeichnet hier detailliert die einzelnen Schritte nach, arbeitet Ziele und Rollen heraus und vergisst auch nicht die ethischen Aspekte. Theoretische Grundlagen findet man ebenso wie praktische Hinweise – diese Mischung macht das Buch sehr wertvoll. Trotz des kleinen Formats ist „Fallarbeit in der Pflege“ ein dichter Fundus, der allen hilft, dies sich im Kontext beruflicher Pflege mit Fallarbeit auseinandersetzen wollen oder müssen.

Fazit

Im Alltag beruflicher Pflege gilt es, wissenschaftliche Erkenntnisse mit individuellen Bedürfnislagen und organisatorischen Rahmenbedingungen überein zu bringen. Insbesondere in Situationen mit unvollständigen Informationen braucht es ein Situationsbewusstsein, was sich über die hier beschriebene Fallarbeit erlernen lässt. Von der reinen Unterrichtsmethode hat sich die Fallarbeit zu einer Lernform für die Praxis entwickelt. Dieses Buch hilft dabei, Fallarbeit zu verstehen und anzuwenden.

Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Hannover Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales
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Es gibt 85 Rezensionen von Nina Fleischmann.

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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 21.03.2023 zu: Berta Schrems: Fallarbeit in der Pflege. Grundlagen, Formen, Anwendungsbereiche. Facultas Verlag (Wien) 2022. 4., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7089-2168-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29677.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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