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Armin Pfahl-Traughber: Intellektuelle Rechtsextremisten

Rezensiert von Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt, 07.10.2022

Cover Armin Pfahl-Traughber: Intellektuelle Rechtsextremisten ISBN 978-3-8012-0630-7

Armin Pfahl-Traughber: Intellektuelle Rechtsextremisten. Das Gefahrenpotenzial der Neuen Rechten. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2022. 184 Seiten. ISBN 978-3-8012-0630-7. 18,00 EUR.

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Autor

Armin Pfahl-Traughber ist Professor an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl und Lehrbeauftragter an der Universität Bonn. Seine Arbeitsschwerpunkte sind im Bereich der Beschäftigung mit dem Extremismus und er ist zusammen mit Hendrik Hansen Herausgeber des „Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in insgesamt 10 Kapitel, die – ausgehend von einer einleitenden Bestimmung der Erkenntnisinteressen – eine Gesamtschau der Vordenker, theoretischen Bezugspunkte, Netzwerke und Strategien der Neuen Rechten beinhalten. Ein bilanzierendes Kapitel liefert eine demokratie- und extremismustheoretische Einschätzung neurechten Denkens.

Armin Pfahl-Traughber geht davon aus, dass es bei der Bezeichung „Neue Rechte“ um ein Konstrukt geht, das auf bestimmte Intellektuelle, ihre Positionen und deren Widerhall in der Gesellschaft bezogen ist. Er kritisiert diffuse Begriffsverwendungen von „Neuen Rechten“ und verwendet für deren Kennzeichnung die Arbeitsbegriffe „Extremismus“ und „Rechtsextremismus“. In der Verwendung des Terminus „Extremismus“ geht er von der Grundauffassung aus, dass Abwahlmöglichkeiten und Gewaltenkontrolle, Menschenrechte und Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit und Volkssouveränität „anerkennens- und verteidigenswert sind“ (S. 16).

Diese normative Bestimmung leitet die folgenden Ausführungen. Dabei kommt Pfahl-Traugbher in einer Präzisierung seiner Definition der Neuen Rechten zu der Schussfolgerung, dass diese in Deutschland dem antidemokratischen Konservativismus beziehungsweise konservativen Rechtsextremismus zuzuordnen ist.

In den auf diese grundsätzliche Positionierung folgenden Kapiteln werden zunächst die konservative Revolution der Weimarer Republik als Vorbild der Neuen Rechten abgehandelt, anschließend auf andere Denker als intellektuelle Vorbilder Bezug genommen. Als Akteure der gegenwärtigen Neuen Rechten werden Armin Mohler, Günter Maschke, Alain de Benoist, Karlheinz Weißmann, Götz Kubitschek, Thor von Waldstein, Martin Lichtmesz, Benedikt Kaiser und David Engels in kurzen Abschnitten in ihrer unterschiedlichen Bedeutung für die Neue Rechte abgehandelt.

Die folgenden Kapiteln beschäftigen sich überblicksartig mit Einrichtungen, Publikationsorganen und Verlagen (Kapitel 5), Positionen der Neuen Rechten zu verschiedenen Themen (Kapitel 6), wobei als dominanter Bedeutungsinhalt die ethnische Identität hervorgehoben wird und Strategien für die politische Wirkung (z.B. Ausrichtung an „Kulturrevolution“ und „Metapolitik“ – Kapitel 7).

Im 8. Kapitel werden die Einstellungen der Neuen Rechten zum traditionellen Rechtsextremismus einer genaueren Betrachtung unterzogen. Hierbei geht es Armin Pfahl-Traughber um den Bezug der Neuen Rechten zur Neo-Nazi-Szene und ihren Einfluss auf die AfD als parteipolitisches Instrument.

In der abschließenden demokratie- und extremismustheoretischen Einschätzung (Kapitel 9) werden insbesondere der Bezug der Neuen Rechten zu den Menschenrechten thematisiert, wobei Pfahl-Traughber hier eine offene Ablehnung der Menschenrechte als „eher selten“ (S. 130) konstatiert und die Einstellung zum Pluralismus als Strukturprinzip thematisiert, der im Konzept des „Ethnopluralismus“ zwar enthalten ist, aber durch den darin aufscheinenden Bezug zu Homogenität eine grundsätzliche Relativierung erfährt.

In einer bilanzierenden Definition der Neuen Rechten kommt der Autor zu der Schlussfolgerung, dass bei diesen eine „Kulturrevolution von rechts“ im Zentrum steht. Dies leitet über zu einer extremismustheoretischen Einschätzung der Neuen Rechten, die Pfahl-Traughber mit Bezug auf ihre ideologischen Grundpositionen vornimmt: „Diese Grundpositionen lassen sich aber nicht aus einer entwickelten politischen Theorie ableiten, denn dazu sind die Intellektuellen der Neuen Rechten gar nicht fähig“ (S. 141).

Der Diffusität der Ideologie im politischen Programm entspricht eine Diffusität im öffentlichen Wirken, durch die – so der Autor – unterschiedliche Zielgruppen angesprochen werden können: „Bleiben die konkret gemeinten Inhalte, die mit Begriffen wie „Homogenität“, „Kultur“, „Nation“ oder „Volk“ einhergehen, im Vagen, so ergeben sich daraus auch politisch unterschiedliche Konsequenzen, die von demokratisch-konservativen Reformen bis zu autoritär-umstürzlerischen Vorstellungen reichen würden“. Das konkrete Gefahrenpotenzial der Neuen Rechten besteht denn auch darin, dass diese die pluralistische Demokratie letztlich durch ein autoritäres Staatsmodell ersetzen wollen.

Diskussion

Armin Pfahl-Traughber hat eine kompakte Übersicht über Akteure, Positionen, historische Bezüge und Wirkungen der Neuen Rechten vorgelegt, die gleichwohl in ihren Schlussfolgerungen irritierend ist. Denn der Autor interessiert sich recht wenig für die von den Neuen Rechten (und nicht nur diesen) vertretenen Auffassungen zu Volk, Staat, Nation und Globalisierung, weil er sie an einem Maßstab misst, der einer moralisch-ideellen Betrachtungsweise entspringt. Dieser Maßstab sind für ihn die Menschenrechte, der Pluralismus und die Anerkennung demokratischer Werte, die er als normativen Fixpunkt setzt, von dem aus Abweichungen das Etikett „extrem“ verpasst bekommen. Dabei werden die Normen eines Verfassungsstaats als nahezu unhinterfragbare Wertvorstellungen zum „prägenden Blick“ (S. 15) auf das zu untersuchende Phänomen der Neuen Rechten stilisiert, weshalb Abweichungen von dieser Norm sich quasi aus sich heraus theoretisch und praktisch denunzieren. Warum nicht nur bei den Rechten die Berufung auf Volk und Nation hoch im Kurs stehen, warum der Ruf nach mehr staatlicher Souveränität und Durchsetzungsfähigkeit den demokratischen Alltag beherrscht, warum menschenrechtliche Demokratien alles tun, um sich „Fremde“ vom Hals zu halten usw. – all dies sind aus der Perspektive einer von der Welt abstrahierenden Moralität uninteressante Fragen. Es macht deshalb auch stutzig, dass sich Pfahl-Traughber zu einem gesunden demokratischen Patriotismus bekennt, dessen reale Daseinsform (und Abgrenzung von einem nationalistisch-ungesunden Patriotismus) eine Abstraktion von allem darstellt, was den Inhalt eines völkischen Bewusstseins nun mal ausmacht.

Wer wissen will, in welchen Ausprägungen die Neuen Rechten mit demokratischen Werten und Normen nicht übereinstimmen, in welchen Schattierungen ihr Denken sich entfaltet und welche Personen hierbei eine Rolle spielen, bekommt durch das Buch einen höchst informierten Überblick. Wer aber daran interessiert ist zu erfahren, warum der rechte Ruf nach einem starken Staat, nach einer anderen Form von sozialer Gerechtigkeit und mehr Härte gegen andere „Identitäten“ durch relevante Teile des Volkes geteilt werden, warum die Kritik an Eliten und der Globalisierung selbst in Kreisen demokratischer Politiker weit verbreitet ist und weshalb Staat und Nation zu den Grundpfeilern eines völkischen Denkens gehören, der kann mit Pfahl-Traughbers Verweis auf extremistisches Gedankengut wohl wenig anfangen.

Fazit

Das Buch liefert einen profunden Überblick über das Personal, die Denkweisen und Strategien der Neuen Rechten. Es verfehlt eine Kritik neurechten Denkens, weil es in seiner Parteilichkeit für einen demokratischen Patriotismus die Gründe rechter Vaterlandsliebe ignoriert. Rechtes Denken allein durch seine Abweichung von normativ bestimmten Werten zu verurteilen, springt deutlich zu kurz.

Rezension von
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
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Es gibt 41 Rezensionen von Norbert Wohlfahrt.

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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 07.10.2022 zu: Armin Pfahl-Traughber: Intellektuelle Rechtsextremisten. Das Gefahrenpotenzial der Neuen Rechten. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2022. ISBN 978-3-8012-0630-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29684.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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