Eva M. Ulmer, Kirtsten Margraf: Interaktionen mit dementen Menschen
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 18.10.2005
Eva M. Ulmer, Kirtsten Margraf: Interaktionen mit dementen Menschen. Schlütersche Fachmedien GmbH (Hannover) 2005. ISBN 978-3-89993-151-8. 49,90 EUR.
1 DVD-Video. Herausgegeben von der Alzheimer-Gesellschaft Mittelhessen e.V.
Zur Thematik der DVD
Der Umgang mit demenzkranken Heimbewohnern ist gegenwärtig ein heiß umstrittenes Thema, das von vielen Beteiligten bereits als "Krieg der Pflegekulturen" bezeichnet wird. Der Grund hierfür liegt u. a. in dem Sachverhalt, dass verbindliche, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse in diesem Themenbereich nicht vorliegen. Und so kann jeder Interessierte seine eigene "Theorie" basteln und möglichst umgehend vermarkten. Validation, Mäeutik, das Pflegemodell nach Böhm und der Ansatz von Tom Kitwood sind Beispiele für diese Entwicklung.
Die vorliegende DVD (Spieldauer 38 Minuten) enthält im Gegensatz hierzu einen auf Beobachtungen und Verhaltensanalysen basierenden Ansatz der Erklärung von Verhaltensweisen und Reaktionen Demenzkranker in Kontakt mit Pflegenden.
Bei den Autoren handelt es sich um eine Fachhochschullehrerin und eine Kunstpädagogin.
Inhalt
Anhand von vier Fallbeispielen werden verschiedene Aspekte der Hilfestellung bei der Nahrungsaufnahme und beim Trinken dargestellt. Die Interaktionen werden in einzelne Szenen unterteilt und interpretiert. Dabei wird die Wirkung von verbalen und nonverbalen Interaktionsmustern beim Zusammenwirken von Demenzkranken und den Pflegenden genau beschrieben. Ein weiteres didaktisches Element stellt die verlangsamte Darstellung der Filmszenen (Zeitlupen) dar, die vorrangig zur Veranschaulichung der Reaktionen der Demenzkranken auf die Pflegehandlungen dienen.
Es wird in der Zusammenfassung herausgearbeitet, dass die Interaktionen mit Demenzkranken auf verschiedenen Ebenen der Kommunikation stattfinden. Neben verbalen Äußerungen erhalten die Körpersprache und die Gestik und Mimik eine wichtige Funktion.
Es gilt, die Reaktionen der Betroffenen genau wahrzunehmen und zugleich zu interpretieren, um dann umgehend das Pflege- und Betreuungsverhalten darauf auszurichten. Hinzu kommt, dass Pflegende sich auf die Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Reaktionsgeschwindigkeit der Erkrankten einzustellen haben, da sonst eine Dissonanz im Interaktionsprozess mit der Folge eines Abbruches des Kontaktes auftreten kann. Die Pflege muss daher langsamer und im Takt des Bewohners ausgeführt werden.
Neben den Filmszenen enthält die DVD eine ausführliche Begleitbroschüre u. a. mit Arbeitsblättern für Lehrende in der Fortbildung und den Kommentar (pdf-Datei), die Drehbuch-Texte und Auszüge aus einem Referat ("Essen und Trinken bei dementen Menschen - eine Interaktionsstudie" - gehalten am 22/23. 10. 1998 auf einer Tagung in der Schweiz) (WORD-Dateien).
Kritische Würdigung
Die vorliegende Arbeit vermag zu überzeugen, denn der empirisch-analytische Ansatz bietet keinen Raum zu obskuren Spekulationen. Nüchtern sachlich werden auf der Grundlage des augenblicklichen Wissensstandes über das Verhalten und die Reaktionsweisen Demenzkranker konkrete Interaktionen dargestellt und interpretiert. Diese Filmszenen sind geeignet, Pflegenden ein ausreichendes Maß an Hilfestellung bei der Sensibilisierung und Reflexion ihres Handelns zu geben. So werden kleinste Tätigkeitssequenzen wie ein hilfloser Blick oder das Festhalten des Armes einer Pflegenden gezeigt und erklärend in den Handlungszusammenhang eingeordnet.
Kritisch gilt es anzuführen, dass ein Begriff wie "Körper-Hilfs-Ich" im Kontext dieser Arbeit unverständlich wirkt. Auch auf Anglizismen wie "tuning-in" sollte u. a. auch aus Gründen der Verständlichkeit verzichtet werden.
Fazit
Die Darstellung und Vermittlung eines sensiblen Interaktionsprozesses wie der Hilfestellung bei der Nahrungsaufnahme und beim Trinken ist aus der Sicht der Didaktik in dieser Publikation angemessen geleistet worden. Die DVD kann daher als ein Element der Fortbildung im Umgang mit Demenzkranken im Heimbereich zur weiteren Verwendung empfohlen werden.
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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