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Martin Sack, Ulrich Sachsse u.a. (Hrsg.): Komplexe Traumafolgestörungen

Rezensiert von Dr. Jürgen Beushausen, 06.12.2022

Cover Martin Sack, Ulrich Sachsse u.a. (Hrsg.): Komplexe Traumafolgestörungen ISBN 978-3-608-40141-7

Martin Sack, Ulrich Sachsse, Julia Schellong (Hrsg.): Komplexe Traumafolgestörungen - Diagnostik und Behandlung von Folgen schwerer Gewalt und Vernachlässigung. Schattauer (Stuttgart) 2022. 2 Auflage. ISBN 978-3-608-40141-7.

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Thema

Auch wenn die Diagnose einer Traumafolgestörung noch vor 20 Jahren mit Skepsis aufgenommen worden ist, bestehe heute Konsens darüber, dass kindliche Traumatisierungen, einschließlich schwerer Vernachlässigung, Hauptrisikofaktoren für die Entstehung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen sind. Inzwischen sei die komplexe traumatische Belastungsstörung (KPTBS) bei Erwachsenen, Adoleszenten und Kindern ein stabiles Konstrukt (S. 17), das auch in das Klassifikationssystem ICD -11 neu aufgenommen wurde.

46 renommierte Autor*innen beschäftigen sich in 38 Beiträgen auf insgesamt 774 Seiten mit komplexen Traumafolgestörungen. Im Mittelpunkt stehen in einem breiten Spektrum die Diagnostik und Behandlung von folgenschwerer Gewalt und Vernachlässigung. Die Beiträge aus der 1. Aufl. aus dem Jahre 2013 wurden fast alle umfassend überarbeitet und gemäß dem ICD-11 aktualisiert angepasst (der ICD-11 schließt jetzt die Diagnose Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung als eigenständige Diagnose ein). Aufgenommen wurden in die die 2. Aufl. zudem Beiträge zum sexuellen Missbrauch im kirchlichen Kontext, zu sozialrechtlichen Bedingungen der Opferhilfe und ein Beitrag aus der Perspektive des Betroffenenrates.

Da Erfahrungen von schwerer Gewalt und Vernachlässigung vor allem in Kindheit und Jugend zu einer Vielzahl psychischer und psychosomatischer Symptome führen können, werden in den jeweils 10–45 Seiten umfassenden Beiträgen typische Folgen komplexer Traumata thematisiert, auch um die Vielzahl an gleichzeitig vorliegenden Symptomen und die hohe Beeinträchtigung der betroffenen Menschen für die Diagnostik und Therapie darzustellen.

Herausgeber*innen

Prof. Dr. med. Martin Sack ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und stellv. Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar der TU München. Er ist seit vielen Jahren auf die Behandlung von PatientInnen mit Traumafolgestörungen spezialisiert und als Supervisor und Ausbilder tätig.

Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalyse, Psychotraumatologie (DeGPT), Katathyme Imaginative Psychotherapie (DGKIP). Er hat sich in der Behandlung von Patient*innen mit Traumafolgestörungen spezialisiert und ist zudem als Buchautor, Supervisor und Ausbilder tätig.

Dr. med. Julia Schellong, ist als stellv. Klinikdirektorin, Oberärztin im Bereich der Psychotraumatologie, FÄ für Psychosomatik sowie für Psychiatrie und Psychotherapie und als Psychoanalytikerin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden tätig.

Die 46 renommierten Autor*innen sind überwiegend als Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen im fachklinischen Bereich, aber auch in ambulanten Praxen und der Forschung tätig.

Aufbau

In der Einleitung benennen die Herausgeber*innen als aktuellen Anlass für die 2. Aufl. das Erscheinen der neuen Version des ICD-11.

Das Buch beginnt mit einer kurzen Einleitung zur 2. Aufl. 2022 der Herausgeber*innen und der Einleitung zur 1. Aufl. 2013 auch, um die konzeptionelle Entwicklung und den heutigen Diskussionsstand aufzuzeigen. Die folgenden 38 Beiträge des Buches gliedern sich in die drei großen Kapitel Diagnostik, Therapie und Gesellschaft. Mit einem 50-seitigen Sachverzeichnis endet das Buch.

Inhalt

Die 38 Buchbeiträge bieten eine zumeist praxisorientierte Übersicht über die umfangreichen Folgen schwerer und langdauernder Traumatisierungen und deren Therapie. In einer subjektiven Auswahl soll auf einigen Beiträge, die mich besonders beeindruckt oder beschäftigt haben, kurz eingegangen werden.

Im ersten Kapitel mit acht Kapiteln über die Diagnostik stellt Julia Schellong in ihrem Beitrag über die diagnostische Klassifikation von Traumafolgestörungen einen Vorschlag zu einer erweiterten Klassifikation im Hinblick auf klinische Implikationen vor. Sie unterscheidet im ersten Grad die klassische PTBS im zweiten Grad eine PTBS plus (mit Komorbidität, zum Beispiel Angst, Depression und Abhängigkeitserkrankungen), den Grad drei mit einer zusätzlichen schweren emotionale Instabilität, dissoziativer Symptomatik, Bindungs- und Beziehungsstörungen und den Grad vier mit meist einer KPTBS mit zusätzlichen Amnesien, Teilidentitätsstörungen und einem Identitätswechsel.

Ibrahim Özkan und Maria Belz beschäftigen sich mit einem kultursensiblen Vorgehen in der Diagnostik. Unter anderen geben sie Hinweise über den Einsatz von psychometrischen Verfahren bei Menschen mit Migrationshintergrund. Sie beschreiben dezidiert die besonderen Anforderungen beim Einsatz des Verfahrens für diesen Personenkreis.

Ruth Ebbinghaus, Helmut Rießbeck und Julia Schellong geben im Kapitel über die Therapie (insgesamt 25 Artikel) in ihren umfassenden Beitrag einen Überblick über Rahmenbedingungen, Therapiesetting und Vernetzung. Hier weisen sie unter anderem auf die Notwendigkeit eines fallführenden Case-Managements hin.

Britta Menne und Karen Wise stellen die Behandlungsvorbereitung in den Mittelpunkt ihrer für mich bedeutsamen, umfangreichen Überlegungen. Dies schließt beispielsweise Hinweise über die Arbeit mit dem inneren Kind, die Reduktion selbstschädigender Verhaltensweisen und eine Förderung der Mentalisierungsfähigkeiten ein.

Einen ausführlichen Überblick über Grundstrategien in der psychotherapeutischen Behandlung geben Archontula Karameros und Martin Sack, in dem schlüssig methodenübergreifende Grundkriterien für die Traumatherapie beschrieben werden.

Claudia Fliß beschreibt eindrücklich die Behandlung von Opfern organsierter Gewalt.

Saskia Heyden beschäftigt sich dezidiert mit der Behandlung von Tätern mit komplexen Traumafolgestörungen. Sie weist systematisch auf die große Bedeutung von Täterverhalten als Folge komplexer Traumatisierungen hin. Im Weiteren geht sie auf unterschiedliche Behandlungsmethoden bei diesem Personenkreis ein.

Günter Reich thematisiert die Zusammenhänge zwischen Essstörungen und komplexen Traumafolgestörungen, die oftmals nicht genügend in einem Zusammenhang betrachtet werden. Thematisiert werden weiterhin Traumatisierungen bei der Anorexie, der Bulimie, der Adipositas und bei der Binge-Eating-Störung.

Martin Sack und Helga Mattheß beschäftigen sich in einem kurzen Beitrag mit Somatoformen Störungen und komplexen Traumafolgestörungen. Deutlich wird, dass wir insbesondere bei dieser Problematik noch über wenig fundiertes Wissen verfügen.

Melanie Büttner thematisiert in einem umfangreichen Beitrag die Sexualität in Kontext der Traumatherapie. Einführend wird drauf hingewiesen, dass oftmals die Behandler*innen eine Thematisierung der Sexualität vermeiden. Anhand verschiedener Fallbeispiele werden typische Problematiken geschildert und in einen Kontext von sozialkulturellen Einflüssen eingebunden. Die Autorin gibt zudem Hinweise für das traumasensible ansprechen der Sexualität und für die Durchführung der Therapie. Kurz wird auch auf die Arbeit mit dem Paar eingegangen.

Hier fehlt m.E. ein weiterer Beitrag, der sich mit der Paarproblematik und den Auswirkungen auf die Familie beschäftigt.

Martin Sack und Ruth Ebbinghaus geben eine dezidierten Überblick über die Behandlung der Folgen von Gewalt und sexueller Missbrauch in Institutionen. Sie gehen hier z.B. auf die besonderen Bedingungen eines Heimaufenthaltes in der BRD und der DDR ein und beschäftigen sich mit den jeweiligen Schädigungsfolgen.

Eine kritische Perspektive auf Normierungspraktiken der Versorgung Gewalterfahrener im Kontext der Behandlung nehmen Alex Stern, Ilka Kraugmann, Lisa Fahrig und Hjordis E. Wirth aus der Perspektive eines Betroffenenrates vor. Insbesondere wird darauf hingewiesen, welche normierenden Aspekte die Behandlung von Traumafolgen im Gesundheitssystem auf Menschen mit Gewalterfahrung haben kann und welche Risiken mit diesen Normierungen einhergehen. Beispielhaft wird hier auf die Probleme bei der Einbeziehung von Dolmetschern und die Mangelversorgung mit Psychotherapieplätzen eingegangen.

Diskussion

Den Leser*innen wird mit diesem Band sehr kompakt eine umfassende Darstellung über die vielfältigen komplexen Traumafolgestörungen geboten.

Es hätte verdeutlicht werden können, nach welchen Kriterien die Inhalte ausgewählt wurden. Aufgenommen werden könnten in einer weiteren Ergänzung z.B. die Problematik selbstverletzenden Verhaltens, die Bedeutung der Traumafolgestörung für die Familie und weiterer sozialer Systeme (und deren Unterstützung/​Therapie), die Bedeutung sequenzieller Traumatisierung und mehrgenerationaler Einflüsse. Mir fehlen zudem weitergehende Reflexionen über die Bedeutung sozialer Faktoren und die Zusammenarbeit mit Angehörigen anderer Berufsgruppen, die ebenfalls mit diesem Personenkreis konfrontiert sind. Zu Beginn des Buches wurde darauf verwiesen, dass kindliche Traumatisierungen, einschließlich schwerer Vernachlässigung oftmals mit erheblichen körperlichen Gesundheitsstörungen einhergehen können. Diese Problematik ist ebenfalls ein zukünftiges bedeutsames Forschungsfeld.

Fazit

Den Leser*innen wird mit diesem Standardwerk sehr kompakt eine umfangreiche Darstellung geboten. Es bietet eine umfassende und praxisorientierte Übersicht über die Bandbreite der Folgen schwerer und langdauernder Traumatisierungen und deren Behandlung. Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen und Traumatherapeut*innen erhalten umfassendes Wissen, um komplexe Traumafolgestörungen zu diagnostizieren und erfolgreich zu behandeln. Zudem werden mehrere bedeutsame gesellschaftliche Problematiken thematisiert. Auch für die Traumaberatung und die Traumapädagogik finden sich viele nützliche Erkenntnisse und Hinweise.

Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
studierte Soziale Arbeit und Erziehungswissenschaft und absolvierte Ausbildungen als Familientherapeut und Traumatherapeut und arbeitet ab 2021 als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der DIPLOMA Hochschule
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 06.12.2022 zu: Martin Sack, Ulrich Sachsse, Julia Schellong (Hrsg.): Komplexe Traumafolgestörungen - Diagnostik und Behandlung von Folgen schwerer Gewalt und Vernachlässigung. Schattauer (Stuttgart) 2022. 2 Auflage. ISBN 978-3-608-40141-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29701.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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