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Wolfgang Briegel: Störungsübergreifende Gruppenpsychotherapie für Jugendliche

Rezensiert von Dr. Hans-Adolf Hildebrandt, 23.03.2023

Cover Wolfgang Briegel: Störungsübergreifende Gruppenpsychotherapie für Jugendliche ISBN 978-3-621-28920-7

Wolfgang Briegel: Störungsübergreifende Gruppenpsychotherapie für Jugendliche. Das TOP-FIT-Training zur Stärkung des Inneren Teams. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2022. 291 Seiten. ISBN 978-3-621-28920-7. D: 42,95 EUR, A: 44,40 EUR.

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Thema

Das Buch ist vor allem praxisorientiert geschrieben und ein Manual zur gruppentherapeutischen Behandlung von Jugendlichen. Es wurde mit Patienten im Alter von 12 bis 18 Jahren entwickelt befaßt sich mit einem integrativen verhaltenstheoretischen Modell zur Entstehung psychischer Störungen aus dem geeignete Interventionen abgeleitet werden, als „TOP für das innere Team“ (TOP-FIT) bezeichnet.

Autor

Der Autor ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und-psychotherapie, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik & Psychotherapie am Leopoldina-Krankenhaus der Stadt Schweinfurt und Leiter der Akademie für Psychotherapie im Kindes und Jugendalter in Schweinfurt

Entstehungshintergrund

Zu den Intentionen des Autors äußert dieser sich in einer kurzen Einleitung. Es geht ihm darum Therapieansätze, die häufig im Erwachsenenbereich entwickelt wurden auf die Behandlung von Kindern und Jugendliche zu übertragen. Sein Hinweis auf die geringe wissenschaftliche Evidenz der Wirksamkeit von Gruppenpsychotherapie bei Kindern und Jugendlichen läßt sich so verstehen, dass er mit dem im Buch vorgestellten Manual auch ein Forschungsdesign konzipieren will. Das vorgestellte Behandlungsmanual wurde als standardisiertes, multimodulares, transdiagnostisches Verfahren konzipiert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden die Grundlagen des TOP-FIT-Störungsmodells und das Konzept der TOP-FIT-Gruppenpsychotherapie dargestellt. Im eigentlichen Manual werden drei Module dargestellt. Im Anhang findet der Leser umfangreiches Arbeitsmaterial, das auch als Download zur Verfügung steht.

Die drei Module, in denen das Manual gegliedert ist werden als „Übereifrige innere Beschützer“; „Innerer Team-Kapitän“ und „Inaktive innere Beschützer“ bezeichnet. Die einzelnen Sitzungen dieser Module sind in einen Eröffnungsteil, eine Arbeitsphase und einen Abschlußteil gegliedert. Sie ausführlich zu beschreiben würde den Rahmen dieser Rezension überschreiten. Exemplarisch soll daher die erste Sitzung des Moduls „Übereifrige innere Beschützer“ dargestellt werden. Vorangestellt wird jeweils eine Auflistung der benötigten Materialien. Es folgt eine durchstrukturierte, konkrete Beschreibung der Übungen, wobei graphisch unterschieden wird zwischen dem, was die Therapeuten den Gruppenteilnehmern sagen und den Erläuterungen zur Durchführung für die Therapeuten. Es finden eine Vielzahl von Handouts Anwendung mit denen Aufgaben und Anleitungen für die Gruppenteilnehmer vermittelt werden, ergänzt mit theoretischen Erläuterungen. So wird den Gruppenteilnehmern in einem längeren Referat des Gruppentherapeuten lehrbuchhaft vermittelt, was dieser unter körperlichen und psychischen Grundbedürfnissen versteht, allerdings ohne die Quellen dieses Wissens zu erwähnen. Aus Fragen des Gruppentherapeuten an die Teilnehmer erschließt sich, dass die Teilnehmer parallel zur Gruppentherapie auch an Einzeltherapie teilnehmen. Gruppendynamische Übungen sind zum Teil mit Körper- bzw. Bewegungsübungen verbunden. Mögliche Reaktionen der Gruppenteilnehmer werden kurz antizipiert.

Diskussion

Das dargestellte Behandlungskonzept bezieht sich auf Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren, ohne dass vom Autor entwicklungspsychologisch begründet wird, aus welchen Überlegungen Kinder, die sich in der Pubertät befinden und Adoleszente in eine Gruppe genommen werden, also Teilnehmer, die sich in verschiedenen Entwicklungsphasen befinden, für die unterschiedliche Entwicklungsaufgaben charakteristisch sind, denen also mit entsprechend unterschiedlichen therapeutischen Haltungen begegnet werden muss. Auf der Suche nach einem dem Manual zugrunde liegenden Krankheitsverständnis stößt der Leser auf wenige Sätze des Autors. Hier spricht er von „eine(r) klare(n) Zuordnung übermäßig fokussierter Grundbedürfnisse und übereifriger Innerer Beschützerinnen zu bestimmten psychischen Erkrankungen“ (S. 31) und stellt zugleich fest, dass diese Zuordnungen nicht wissenschaftlich belegt seien. Haarsträubend ist die Begründung dafür, dass sie trotzdem zur Grundlage eines Behandlungskonzeptes gemacht werden: weil „sie von Jugendlichen und Therapeuten ( … ) sehr gut als Erklärungsansatz angenommen“ werden (S. 31). Ein Behandlungskonzept ohne wissenschaftliche Grundlage also, das seine Legitimation durch die Anerkennung von Patienten und Therapeuten findet. Jeglicher logischen Plausibilität entbehren die Ausführungen zur Auswahl der Teilnehmer. Zunächst wird die Notwendigkeit einer guten Auswahl passender Patienten hervorgehoben. Dies wird mit Indikationen definiert, die das gesamte Spektrum des ICD-10 umfassen, um dann festzustellen, dass Patienten, die eines dieser psychischen Störungen aufweisen für die Teilnahme an der TOP-FIT-Gruppentherapie infrage kämen. Nach dem Verständnis des Rezensenten findet explicit keine Indikationsstellung statt. Da es sich um ein standardisiertes Behandlungsmanual handelt und nicht um eine auf die Besonderheit der Individuen abgestimmte Behandlungsform erscheint eine sorgfältige Indikation auch unnötig. Der vom Autor hierzu kurz zitierte Irving Yalom widmet der Diskussion der Indikation und Eignung der potentiellen Teilnehmer viele Seiten seines Buches. Macht man sich die Mühe, das Werk Satz für Satz durchzulesen, stellt man fest, dass die bevorzugte Behandlungstechnik Manipulation zum Zweck der Förderung von Anpassung ist. In den Instruktionen wird regelkonformes Verhalten ganz besonders gegenüber den Gruppenteilnehmern hervorgehoben und gelobt. Den Gruppenteilnehmern wird angebliches Wissen ohne Begründung und ohne Möglichkeit einer kritischen Reflexion suggeriert.

Fazit

Das Buch scheint dem Zeitgeist zu entsprechen insofern als alles Störende möglichst umgehend und ohne Anstrengung beseitigt werden soll, ein vertieftes, zeitaufwendiges und mit Anstrengung, Enttäuschung und Rückschlägen verbundenes Bemühen um Verständnis innerseelische und unbewußter Konflikte hingegen unerwünscht ist. Mit dieser Methode kann man vielleicht weiterkommen im Sinne einer vorübergehenden Symptomveränderung. Doch hinter der durch Anpassung veränderten Fasade bleibt der neurotische Mensch unverändert. So wird nur der Schmutz unter den Teppich gekehrt.

Rezension von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Diplom-Pädagoge, M.A., Kinder- und Jugendpsychotherapeut ­(bkj, DFT), Gruppenanalytischer Organisationsberater, und Diplom-Supervisor (D3G, DGSv), Gruppenpsychotherapeut (D3G), Forensischer Sachverständiger Familienrecht (IQfSV)
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Es gibt 11 Rezensionen von Hans-Adolf Hildebrandt.

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Zitiervorschlag
Hans-Adolf Hildebrandt. Rezension vom 23.03.2023 zu: Wolfgang Briegel: Störungsübergreifende Gruppenpsychotherapie für Jugendliche. Das TOP-FIT-Training zur Stärkung des Inneren Teams. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2022. ISBN 978-3-621-28920-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29717.php, Datum des Zugriffs 20.06.2024.


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