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Janna Neubauer: Pränataldiagnostik und das Recht auf Inklusion

Rezensiert von Prof. Dr. Hartmut Kreß, 17.05.2023

Cover Janna Neubauer: Pränataldiagnostik und das Recht auf Inklusion ISBN 978-3-8379-3037-5

Janna Neubauer: Pränataldiagnostik und das Recht auf Inklusion. Zum paradoxen Menschenbild in der Gegenwartsgesellschaft. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 207 Seiten. ISBN 978-3-8379-3037-5. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.
Reihe: Dialektik der Be-Hinderung.

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Thema

Es geht um ein gewichtiges Thema der Biomedizin, nämlich um Untersuchungen auf potenzielle Krankheitsanlagen und Behinderungen eines Kindes, die bereits während der Schwangerschaft vorgenommen werden können. Seit den 1970er Jahren werden solche Untersuchungen in invasiver Form in einem späteren Stadium der Schwangerschaft durchgeführt (Fruchtwasseruntersuchung; Chorionzottenbiopsie). Seit 2012 ist das Verfahren der nichtinvasiven Pränataldiagnostik verfügbar, das bereits früher, von der 9. Schwangerschaftswoche an, genutzt werden kann. Dieses neue Verfahren ist öffentlich, politisch und ethisch breit und kontrovers diskutiert worden. 

AutorIn

Die Verfasserin Janna Neubauer ist Erzieherin und Diplom-Pädagogin und arbeitet – wie dem Klappentext des Buches zu entnehmen ist – als Beraterin im Kinderschutzdienst.

Aufbau

Das Buch übt an der heutigen Pränataldiagnostik Kritik, weil sie dazu führe, dass menschliches Leben selektiert werde und Menschen diskriminiert würden. Sie sei Ausdruck einer eindimensional negativen Bewertung von Behinderung. In seinen ersten Teilen referenziert das Buch grundsätzliche Aspekte des Menschenbildes und des Verständnisses von Behinderung, um sodann die medizinische Pränataldiagnostik zu erörtern. Im Ergebnis wird pränatale Diagnostik nachdrücklich kritisiert. Durch sie drohe der Mensch ein „form- und gestaltbares Objekt“ zu werden; er werde „kontrollierbar“ (S. 194) und in seiner Würde verletzt.

Inhalt

Das erste Buchkapitel steht unter der Überschrift „Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft?“. Diese Frage wird von der Verfasserin mit großer Skepsis beantwortet. Die heutige Gesellschaft verstehe Behinderung als einen „Abweichungstatbestand“ jenseits der Normalität. Das medizinische Verfahren der Pränataldiagnostik erwecke den Eindruck, Behinderung sei vermeidbar. Kontrafaktisch plädiert die Verfasserin für „Gleichberechtigung für ausnahmslos alle Menschen von Beginn an“ (S. 21).

Das nachfolgende zweite Kapitel trägt die Überschrift „Menschenbilder“. Es erwähnt die anthropologische Konzeption der Weltoffenheit (S. 31), kritisiert die präferenzutilitaristische Position des Philosophen Peter Singer und hebt den Leitgedanken der Inklusion hervor, der die Individualität und die Verschiedenheit der Menschen berücksichtige (S. 37 ff.). In der Gegenwart machen sich der Verfasserin zufolge Auswirkungen der darwinistischen Eugeniklehre und der im NS-Staat praktizierten Eugenik bemerkbar. Dies zeige sich an der heutigen Pränataldiagnostik, die eine „Eugenik … in einem neuen Gewand“ sei (S. 51).

Im dritten Kapitel widmet sich das Buch dem Thema „Behinderung in der Gegenwartsgesellschaft“. Gesellschaftlich werde Behinderung als Abweichung von Normalität verstanden; Menschen mit Behinderung entsprächen nicht den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft. Auch in der Medizin sei ein Werteverlust eingetreten, der sich zulasten von Menschen mit Behinderung auswirke (S. 89). Dem Diskriminierungsverbot, das in Artikel 3 des Grundgesetzes kodifiziert ist (S. 100), werde nicht hinreichend Rechnung getragen. Zustimmend verweist die Verfasserin auf den im Sozialgesetzbuch enthaltenen Gedanken, Behinderung in der Wechselwirkung zwischen dem Körper- und Gesundheitszustand eines einzelnen Menschen einerseits, sozialen Gegebenheiten andererseits zu deuten (S. 102). Faktisch verhalte es sich heute jedoch so, dass Behinderung als „soziales Problem“ und nicht „als Kompetenz“ bewertet werde (S. 106). Auch in der modernen Medizin, konkret in der Pränataldiagnostik, trete Behindertenfeindlichkeit zutage (S. 118 f.).

Das vierte Kapitel behandelt das eigentliche Thema des Buches, die „Pränataldiagnostik“. Es umreißt verschiedene Verfahrensweisen und befasst sich mit der seit 2012 verfügbaren nichtinvasiven Pränataldiagnostik, bei der einer Schwangeren Blut abgenommen wird, um zu erkennen, ob der Fetus die Anlage insbesondere zum Down Syndrom (Trisomie 21) trägt. Die Verfasserin kritisiert, der Test vermittle Frauen ein „Bild der Machbarkeit und der Korrektheit“ (S. 134) und bringe sie in eine Abhängigkeit vom Medizinsystem (S. 135). Er bewirke eine Selektion menschlichen Lebens und führe zu Diskriminierung. Sofern eine Pränataldiagnostik ein positives Testergebnis erbringe, eine Behinderung festgestellt werde und es deshalb zum Schwangerschaftsabbruch komme, werde dem Fetus das Recht genommen, als geborener Mensch sein Recht auf Inklusion in Anspruch nehmen zu können (S. 142). Unter der Überschrift „Selbstbestimmung und Selektion“ (S. 164) wirft die Verfasserin die Frage auf, ob sich eine Schwangere unter Berufung auf ihr Grundrecht auf Selbstbestimmung gegen behindertes Leben entscheiden und die Schwangerschaft abbrechen dürfe. Grundsätzlich verneint sie diese Frage: „Die Frau fasst den individuellen Entschluss auf der Grundlage einer diskriminierenden Wertvorstellung“ (S. 167). Kritisch beurteilt sie den Sachverhalt, dass die nichtinvasive Pränataldiagnostik inzwischen in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen worden ist (S. 179 f.)

Das kurze fünfte Kapitel bildet den Schluss. Es steht unter der Überschrift „Bislang ein selektiver Weg …“ und unterstreicht, die Pränataldiagnostik sei Ausdruck einer „humanitären Krise“ der Gegenwartsgesellschaft und stelle eine „neue Eugenik“ dar. Als Alternative hebt die Verfasserin das Leitbild der Inklusion hervor.

Diskussion

Unklare Einzelformulierungen und sachliche Ungenauigkeiten, die in dem Buch anzutreffen sind, sollen hier dahingestellt bleiben. Die Leitaussage des Buches, nämlich die Kritik an der Pränataldiagnostik, tritt deutlich zutage. Diese Kritik enthält berechtigte Elemente. Zum Beispiel sollten die Information, Aufklärung und Beratung von Schwangeren verbessert werden, die eine Pränataldiagnostik in Betracht ziehen.

Andererseits bleibt das Buch zu sehr bei einem Schwarz-Weiß-Denken stehen und verzichtet auf Differenzierungen. Zum Beispiel rückt es die heutige medizinische Pränataldiagnostik undifferenziert in die Nähe von inhumanen Eugenikideologien, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertreten worden waren. Darüber hinaus blendet es die Frage aus, in welchen Fällen und aus welchen Gründen pränataldiagnostische Untersuchungen, ggf. mit nachfolgendem Schwangerschaftsabbruch, in der Gegenwart ethisch vertretbar sein können. Es greift zu kurz, Mediziner*innen, die pränataldiagnostisch tätig sind, und Frauen, die das Verfahren in Anspruch nehmen, pauschal diskriminierendes Handeln vorzuhalten. Wenn einer Frau ein Krankheitsbefund mitgeteilt wird und sie sich gegen die Fortführung der Schwangerschaft entscheidet, bedeutet dies nicht, dass sie Menschen, die mit Behinderungen leben, die Würde oder das Lebensrecht abspricht. Vielmehr handelt es sich um eine umständebedingte Entscheidung der Schwangeren in ihrer konkreten Situation. Ebensowenig lässt sich pauschal behaupten, die Nutzung pränataldiagnostischer Verfahren fördere einen gesellschaftlichen Wertewandel zulasten von Menschen, die mit Behinderungen geboren worden sind oder die sich im Lauf ihres Lebens Behinderungen zuziehen. Sofern Frauen im Anschluss an eine pränataldiagnostische Untersuchung aus persönlichen Gründen und aus der Sorge um das Wohl eines Kindes einen Abbruch vornehmen, sollten Dritte dies respektieren, genauso wie es zu respektieren ist, wenn Schwangere sich bewusst gegen eine Pränataldiagnostik entscheiden. – Da das Buch vorgeburtliche genetische Untersuchungen als solche ablehnt, fehlen in ihm weiterführende Reflexionen, an welchen Kriterien die verschiedenen diagnostischen Verfahren ethisch und rechtlich im Einzelnen bemessen werden sollten.

Fazit

Das Buch ruft ein Thema der heutigen Biomedizin in Erinnerung, das seit vielen Jahren strittig ist, und regt zur vertieften Diskussion an.

Rezension von
Prof. Dr. Hartmut Kreß
Professor für Sozialethik an der Universität Bonn
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Es gibt 16 Rezensionen von Hartmut Kreß.

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Zitiervorschlag
Hartmut Kreß. Rezension vom 17.05.2023 zu: Janna Neubauer: Pränataldiagnostik und das Recht auf Inklusion. Zum paradoxen Menschenbild in der Gegenwartsgesellschaft. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. ISBN 978-3-8379-3037-5. Reihe: Dialektik der Be-Hinderung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29726.php, Datum des Zugriffs 16.06.2024.


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