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Jörg Bergmann: Klatsch

Rezensiert von Dr. René Wilke, 21.09.2022

Cover Jörg Bergmann: Klatsch ISBN 978-3-11-075805-4

Jörg Bergmann: Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2022. 2. Auflage. 235 Seiten. ISBN 978-3-11-075805-4. D: 24,95 EUR, A: 24,95 EUR.
Reihe: Qualitative Soziologie - Band 27
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Entstehungshintergrund und Thema

Jörg R. Bergmanns Habilitationsschrift erschien unter dem Titel Klatsch. Zur Sozialform diskreter Indiskretion erstmals im Jahr 1987 im De Gruyter Verlag (Bergmann 1987). Dieses Jahr (2022) erschien eine zweite, überarbeitete und ergänzte Auflage im gleichen Verlag. Der Text zum Klatsch als Sozialform diskreter Indiskretion basiert auf einer Forschungsarbeit, die Bergmann als Mitarbeiter (1978-86) von Thomas Luckmann zwischen 1984 und 1986 durchführte. Dabei zeichnet seine Arbeit, stärker als die Wissenssoziologie, der Einfluss der ethnomethodologischen Konversationsanalyse (Sacks, Schegloff und Jefferson 1974) aus, die Bergmann als Student bei Harvey Sacks und Emanuel Schegloff (1976-78) erlernte und die sein gesamtes wissenschaftliches Schaffen maßgeblich prägte. Einflüsse der wissenssoziologischen Gattungsanalyse, die Luckmann in etwa zur gleichen Zeit, in der Bergmann am Klatsch arbeitete, entwickelte und veröffentlichte (Luckmann 1985; Luckmann 1986), lassen sich in seiner Habilitationsschrift zwar wiederfinden, das Forschungsdesign entspricht aber vor allem der aus Harold Garfinkels Ethnomethodologie (Garfinkel 1984[1967]) hervorgegangenen Forschungslinie der Konversationsanalyse. Aus einer praxeologischen Perspektive nähert sich Bergmann (1987) in seiner Analyse des Klatsches zwei Desideraten des damaligen Forschungsstandes, wobei er kritisiert, dass ethnographische Studien es bislang versäumt hatten, „Klatsch als eine Praxis, die auf ein spezifisches Alltagswissen verweist, zum Gegenstand zu machen“ (ebd., S. 16) und darüber hinaus bestenfalls eine „Inventarisierung einzelner Klatschfaktoren“ (wer, wo, wann, über wen und was) (ebd., S. 23) vorgenommen hatten, anstatt die Ethnomethoden in den Blick zu nehmen, die das soziale Phänomen zu dem machten, was es empirisch sei (ebd.). Aufbauend auf einem Konzept kommunikativer Gattungen, das sich durchaus prägnant von Luckmanns Konzeption unterscheidet [1], auf deren zentrale Strukturebenen Bergmann in der ersten Auflage seiner Arbeit nicht eingeht, unternimmt er eine Konversationsanalyse von Klatschsituationen, die er teilweise heimlich belauscht und auf Tonband aufgezeichnet hatte (ebd., S. 55). [2]

Aufbau und Inhalt

Ziel seiner Arbeit ist es, die lokalen Organisationsprinzipien des Klatsches anhand von Einzelfallanalysen aufzuzeigen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der spezifischen Beziehungskonfiguration der Klatschtriade (1987, S. 61ff) aus (1.) Klatschobjekt, also der abwesenden Person, die den anwesenden Personen bekannt sein müsse und über die im Sinne der Weitergabe von privatem, moralisch konterminiertem Wissen geklatscht werde, (2.) der Klatschproduzent*in, d.h. der Person, die über dieses Wissen verfüge und (3.) der Klatschrezipient*innen, die durch die Weitergabe des Wissens über Privates in „ein Verhältnis der Mitwisserschaft“ (ebd., S. 93) versetzt würden.

Hinsichtlich der eigentlichen Klatschsequenz betrachtet Bergmann zunächst verschiedene typische Merkmale der situativen Einbettung der kommunikativen Gattung, etwa im Rahmen eines Kaffeeklatsches oder -kränzchens, eines Veranda- oder Wartezimmergesprächs, oder des Klatsches bei der Arbeit. Im Kontext der interaktiven Absicherung von Klatsch unterscheidet er die Etablierung des Klatschobjekts, wobei u.a. die wechselseitige Bekanntheit der abwesenden Person und die allgemeine Bereitschaft zum Klatsch festgestellt werde, die Klatscheinladung, die von der Klatschrezipient*in unter Einsatz bestimmter Einladungstechniken initiiert werde, z.B. durch vorsichtige und wiederholte, Kommentierung haschende Thematisierung, wobei es gelte, sich einigermaßen uninteressiert zu geben, und schließlich das Klatschangebot, wobei es sich um die Andeutung oder Annoncierung von Klatschwissen durch die Klatschproduzent*innen handelt. Zur Schaffung eines spezifischen Klatschkontextes stehen Letzteren verschiedene Instrumente zur Verfügung, die Bergmann detailliert analysiert. Dazu zählt die Markierung eines Wissens um Privates der abwesenden Person (Klatschobjekt). Dieses würde als mitteilungs- und glaubwürdig, verallgemeinerbar, d.h. typisch für die Person, sowie als harmlos dargestellt, wobei Klatschproduzent*innen anzeigten, „dass sie den moralisch kontaminierten Charakter ihres Wissens nicht aus den Augen verloren“ haben (ebd., S. 138). Außerdem bedienten sie sich häufig einer spezifischen Prosodie und entsprechender Deskriptoren, um die erwünschte Wirkung ihrer Mitteilung zu erzielen: „Wann immer ein Gesprächsteilnehmer sein Klatschwissen zur Darstellung bringt, muss er sich bei diesem Übersetzungsvorgang prinzipiell auch um die Mitteilungswürdigkeit und die Glaubwürdigkeit, um die moralische Belastetheit sowie um die Kommentierung und die Generalisierung seines Klatschwissens kümmern“ (ebd., S. 139).

Im Kontext der situativen Rekonstruktion des Klatschwissens bedienten sich Klatschproduzent*innen zudem, wie Bergmann ausführlich erläutert, nicht selten einer ausgesprochen vulgären Sprache, die nicht zuletzt dem Unterhaltungswert der Darstellung diene. Zum Zweck der Detaillierung des geteilten Wissens sowie um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen, spiele hierbei auch das Zitat als Stilmittel im Klatsch eine besondere Rolle. Als Darstellungstechnik diene es, unter Anwendung spezifischer Intonationen, der Authentifizierung (Wissen aus erster Hand), aber auch der Distanzierung von der verwendeten, typischerweise rüden Sprache, sowie der Skandalisierung und der Übertreibung als Mittel, die Besonderheit der mitgeteilten Situation zum Ausdruck zu bringen.

Im Rahmen der „nach-rekonstruktiven Interaktionsphase“ (ebd., S. 169) seien schließlich typische Interpretationskomponenten zu beobachten, die die moralische Indizierung des Klatschobjekts durch desavouierende Deskriptoren und unterschiedliche, abgestufte Missbilligungsformen wie die moderate, die begründete, die kontrastierende und die wesentliche Missbilligung sowie last but not least die soziale Typisierung umfassten. „Ein Klatschobjekt ist dann z.B. nicht mehr bloß „bekloppt“, sondern gehört zur Gruppe der „Bekloppten““ (ebd., S. 175). Die Beendigung von Klatsch schließlich thematisiert Bergmann als interaktives Problem. So beobachtete er im Material, durch das Prinzip des ‚Gebens und Nehmens‘, einen Dominoeffekt, durch den sich eine Serialität in der Klatschsequenz ergebe, wobei kein „Beendigungsmechanismus“ zu erkennen sei (ebd., S. 189). Vielmehr sei der Klatsch, einmal begonnen, erst dann beendet, wenn ein allgemeiner Erschöpfungszustand eintrete bzw. äußere Zwänge, wie die Uhrzeit oder anderes, dazu veranlasse, das Gespräch zu beenden oder das Thema zu wechseln.

Im letzten Kapitel der ersten Auflage seines Buches wendet sich Bergmann abschließend der theoretischen Rahmung des Klatsches zu, wobei er zunächst drei gängige, funktionalistische Interpretationen des sozialen Phänomens, sowohl auf Makro- (Klatsch als Mittel der sozialen Kontrolle), Meso- (Klatsch als Mechanismus der Erhaltung sozialer Gruppen) als auch auf Mikroebene (Klatsch als Technik des Informationsmanagements) verwirft. Hierauf wendet er sich seiner These vom Klatsch als Sozialform der diskreten Indiskretion zu, in der sich Klatsch als Mittel zur Bekundung von Vertrauensbeziehungen und somit als institutionalisierte Lösung für ein wiederkehrendes soziales Problem darstellt: „Jemand, der Informationen über die persönlichen Angelegenheiten eines Freundes hat, ist einerseits diesem Freund gegenüber zur Diskretion verpflichtet, und in der Regel wird er diese Verpflichtung auch insofern beachten, als er eine Information nicht beliebig streuen oder an eine diffuse Öffentlichkeit weiterleiten wird. Andererseits aber ist derjenige, der dieses indiskrete Wissen hat, auch seinen anderen Freunden gegenüber zur Loyalität verpflichtet, was in der Regel auch bedeutet, ihnen nicht Informationen, die für sie von Interesse sind, zu verschweigen und vorzuenthalten. Genau in dieser widersprüchlichen Situation hat sich nun die kommunikative Gattung ‚Klatsch‘ herausgebildet und etabliert“ (ebd., S. 209).

Vergleich der ersten und zweiten Auflage

Für die zweite Auflage hat Bergmann sein Buch zum Klatsch um ein Vorwort und fünf Unterkapitel erweitert (Exkurs über Promiklatsch, Exkurs über Klatsch und Gerücht, Exkurs über den Klatsch und seine moralischen Verwandten, Exkurs über Klatsch in Organisationen – Am Beispiel der Universität, Moral und Klatsch in der mediatisierten Gesellschaft). Bei weiteren Einfügungen in den Fließtext handelt es sich größtenteils um kurze Passagen, die z.B. zusätzliche Zitate, Erläuterungen und neue empirische Beispiele aus älterer und neuer Literatur umfassen. Einige Passagen wurden in diesem Zusammenhang paraphrasiert (z.B. Bergmann 2022, S. 52, erster Absatz). An wenigen Stellen wurden Korrekturen vorgenommen (z.B. Bergmann 2022, S. 133). Überschriften und Unterüberschriften wurden größtenteils gekürzt oder vereinfacht. Etwas umfangreichere Überarbeitungen bzw. Umstellungen hat insbesondere die Einleitung erfahren. An vielen Stellen wurden neue Quellen hinzugefügt und der Forschungsstand so aktualisiert.

Inhaltlich und formal ist der Fließtext in beiden Auflagen in weiten Teilen identisch (Ausnahme: neue Unterkapitel). Während eine Anpassung an die neue Rechtschreibung vorgenommen wurde, hat Bergmann sich dort (anders als im neuen Vorwort) bewusst gegen eine Überarbeitung im Sinne gendergerechter Schreibweise entschieden (siehe Bergmann 2022, Fußnote 1). Sowohl die ursprünglich angerissene Krise des ethnographischen Schreibens als auch die objektive Hermeneutik im methodologischen Bezugsrahmen sind entfallen. Dafür wurden die ethnomethodologischen Hintergründe der Analyse in der Neuauflage etwas stärker ausgeführt (ebd., S. 20ff).

Neu hinzugekommen oder stärker ausgebaut wurden, neben den neuen Unterkapiteln (siehe unten), verschiedene Absätze zu mehr oder minder systematisch relevanten Unterpunkten. So konkretisiert Bergmann einige seiner Ausführung zur Gattungstheorie, z.B. mit Hinblick auf die Stabilität von Gattungen („Entstehungs- und Schwundstufen“; ebd., S. 37). Zudem erläutert er am Beispiel der Party (ebd., S. 169) die Einbettung von Gattungen in andere kommunikative Gattungen im Sinne von Gattungsverbünden bzw. Aggregationen (ebd., S. 168). [3] Zudem bezieht sich Bergmann nun auch auf die Luckmannsche Konzeption der Gattungsanalyse, indem er deren maßgebliche Struktureinheiten Binnen- und Außenstruktur (Luckmann, 1986) (ebd., S. 43) erwähnt. Eine inhaltliche Berücksichtigung für die überarbeitete Analyse erschien ihm, vermutlich nicht zuletzt aufgrund der hier eingangs erwähnten deutlichen Unterschiede zwischen Luckmanns und dem eigenen Ansatz, aber offensichtlich nicht notwendig. [4] Neu sind außerdem der Vergleich zur literarischen Gattung des Romans (ebd., S. 145), ausführlichere Erläuterungen zu Klatsch im Kontext der rechtlichen Bedeutung von Ehrverletzung und Beleidigung (ebd., S. 154), zur normierenden Wirkung der Angst vor Klatsch (ebd., S. 180) sowie zum Problem der Theoretisierung in der Soziologie (ebd., S. 173).

Insbesondere erwähnenswert erscheint, dass das Unterkapitel Klatschen wie ein Waschweib stark umgestellt und im Sinne feministischer Fragestellungen und Forschung auch leicht überarbeitet wurde. So fand sich in dem Satz: „Gegenüber der Behauptung, dass Klatsch primär eine Domäne der Frauen ist, lassen sich etliche empirische Studien ins Feld führen“ (ebd., S. 73) zuvor statt „etliche“ das Wort „einige“ (vgl. Bergmann 1987, S. 81). Außerdem wurde folgendermaßen aktualisiert: „Diese Studien bestätigen im Übrigen meine eigenen (verdeckten) Beobachtungen während der Jahre der Arbeit an diesem Text, die nur einen Schluss zulassen: Die These, dass Klatsch eine Kommunikationsform ist, die typischerweise von Frauen gezeigt wird, lässt sich jedenfalls für unsere heutige Gesellschaft als empirische Aussage nicht aufrechterhalten“ (Bergmann 2022, S. 74). Schließlich wurde die in der ersten Auflage mehr oder minder subtil formulierte Kritik an der feministischen Theorie („sog. ‚feministische‘ Theorie‘“; Bergmann 1987, S. 87) abgemildert, allerdings, wie es scheint, nicht vollständig aufgegeben (Bergmann 2022, S. 77).

Die als Unterkapitel eingefügten Exkurse zu unterschiedlichen Aspekten sind größtenteils recht kurz. So etwa der Exkurs über Promiklatsch (ebd., S. 64ff), in dem Bergmann ausführt, ausgehend von einem kurzen historischen Exkurs zu Klatsch und Macht in frühen literarischen Formen (Presse), dass Klatschrezipient*innen im Kontext der Massenmedien als Konsument*innen, Klatschproduzent*innen hingegen als Kolumnist*innen erschienen. Ursprüngliche Objekte des massenmedialen Klatsches seien zunächst politische und religiöse Personen von öffentlichem Interesse gewesen, schließlich, ab dem 20. Jahrhundert, insbesondere Schauspieler*innen. In diesem Kontext erläutert Bergmann kurz den Zusammenhang von Klatsch und Marktwert, bevor er abschließend die Figur der Influencer*in anspielt.

Ähnlich kurz geraten sind der Exkurs über Klatsch und Gerücht (ebd., S. 86ff), der im Vergleich zur ersten Auflage einen leicht ausgebauten Absatz (1987, S. 95 f.) darstellt, der sich dem Unterschied der beiden kommunikativen Formen widmet, sowie der neu hinzugekommene Exkurs über Klatsch in Organisationen – am Beispiel der Universität (Bergmann 2022, S. 188ff): Ausgehend von einem kurzen Forschungsstand zu Klatsch in der Organisationssoziologie (Bildung informeller Netzwerke, negative wie positive Auswirkungen von Klatsch in Organisationen für die Arbeitsmoral), kommt Bergmann hier zu einer kurzen Ausarbeitung eigener Beobachtungen zum Klatsch in Universitäten.

Im Kontext des Gesamtwerkes relevanter erscheint der Exkurs über den Klatsch und seine moralischen Verwandten (ebd., S. 162ff): Hier erläutert Bergmann, dass, im Gegensatz zu den Formen unadressierte Exklamation, Vorwurf und Beleidigung, der Klatsch, wie andere kommunikative Gattungen, eine triadische Beziehungsstruktur aufweise. Darin sei er verwandt mit weiteren Gattungen der moralischen Kommunikation wie z.B. dem verbalen Duell (Rap-Battle), der lateralen Adressierung, dem Derblecken, dem Lästern und dem Klatsch-Streit. Dieser Exkurs dient der gattungsanalytisch relevanten Differenzierung und Abgrenzung des Klatschs als eigene kommunikative Gattung.

Den Abschluss der Neuauflage bildet ein neues Unterkapitel zu Moral und Klatsch in der mediatisierten Gesellschaft (ebd., S. 200ff): Hier bezieht sich Bergmann auf die veränderte und z.T. (1990er Jahre) abgeschwächte Bedeutung der Moral als Folge von Präventionsmaßnahmen, „die verhindern sollen, dass gegensätzliche und rigoros vertretene Moralanschauungen unversöhnlich aufeinandertreffen und sozialen Unfrieden stiften“ (ebd., S. 202). Klatsch werde dadurch, im Sinne sozialer Sanktionsmechanismen teilweise folgenlos und, in Form des populären Promiklatsches zur ubiquitären Massenunterhaltung. Außerdem verwischten die neuen Medien die Grenzen zwischen dem Privatem und dem Öffentlichem stark. Der Klatsch, so Bergmann weiter, behielte bei all diesen medialen Entwicklungen allerdings auch in genuin digitalen Klatschformaten seine Bedeutung für die Beziehungspflege, wobei Bilder und das digitale Zeigen im Klatsch an Bedeutung gewännen. Hingegen einer Entwicklung in den 1990er Jahren, sei zudem das aktuelle Wieder-Erstarken eines moralischen Rigorismus zu beobachten, wodurch auch die Moral als Kennzeichen der Gattung des Klatsch ihre Bedeutung erhalte.

Diskussion

Bezüglich einer Neuauflage ist natürlich (und insbesondere, wenn zwischen den Auflagen 35 Jahre verstrichen sind) die Frage zu stellen, ob der Text eine Neuauflage tatsächlich wert ist. Der Klatsch scheint in die Jahre gekommen. Dies zeigt sich evtl. insbesondere an Beispielen, die Bergmann selbst bemüht oder aus der Literatur rezipiert, wie fremdgehende Ehefrauen als Klatschobjekte. Bei der zeitgenössischen Lektüre des Buches wird deutlich, dass entsprechende Beispiele heute wenig zeitgemäß erscheinen und, falls Klatsch es noch ist, evtl. eine umfangreichere Neubearbeitung notwendig gewesen wäre, um dem Buch, aus dem Rang eines (verdienten) Klassikers, zu einer neuen empirischen Relevanz zu verhelfen. Waschweiber, heimkehrende Ehemänner, Kaffeekränzchen, Ehefrauen, die gemeinsam im Garten tratschen: All das erscheint eine (wenigstens aus heutiger Sicht) stark vereinfachende und konservativ-romantisierende Welt abzubilden. In den letzten Jahrzehnten, seit der Veröffentlichung der ersten Auflage, haben sich durch neue Typen von Handelnden andere Formen des kommunikativen Handelns herausgebildet, die evtl. größere Bedeutung für die Gegenwartsgesellschaft aufweisen. In diesem Zusammenhang kann auch die Entscheidung, den Text nicht im Sinne einer gender-gerechten Sprache zu überarbeiten, irritieren. Zwar mag diese Entscheidung eng mit der etymologischen Verknüpfung des Begriffs Klatsch mit weiblichen Typen von Handelnden zusammenhängen, die Bergmann detailliert ausführt. Trotzdem und auch unter Berücksichtigung des Abschnitts zum Zusammenhang von Klatsch und Geschlecht, kann der häufige Bezug auf entsprechende Typen (wie Klatschbase) als wenigstens nicht unproblematisch (vs. feministische Interpretation) gelesen werden.

Eine weniger zeitgenössisch motivierte Kritik betrifft evtl. ein Problem des Samplings: So wird das Phänomen des Klatsches, insbesondere mit zahlreichen Beispielen aus der ethnographischen Forschung, zwar als ‚universal‘ dargestellt. Dabei wird allerdings an keiner Stelle darauf eingegangen, ob und wie die in der eigenen Forschung gewonnene Erkenntnis über den Klatsch, über die geringe Zahl an sozialen Milieus hinaus, aus der das (eigene) empirische Material erhoben wurde, verallgemeinert werden kann. So wird auch einiges, z.B. die Unmöglichkeit über Kinder zu klatschen, lediglich theoretisch hergeleitet, aber nicht in der Empirie gezeigt. Eine Schwäche der Arbeit liegt daher evtl. darin, dass Bergmann sich auf eine große Zahl unausgesprochener, jedenfalls aber am Material nicht überprüfter und aufgrund des Samplings unüberprüfbarer Vorannahmen beruft.

Trotzdem in der Erläuterung des Forschungsdesigns eingeräumt, lässt sich außerdem kritisieren, dass das Phänomen ganz hauptsächlich textlich-sprachlich erhoben, betrachtet und analysiert wurde und daher, bis auf ganz wenige Ausnahmen (z.B. Bergmann 1987, S. 151), para-verbale Aspekte der Kommunikation nicht in Betracht geraten. Hierfür ist selbstverständlich das methodologische Vorgehen ausschlaggebend, da auf Grundlage von Mitschriften, Tonbandaufzeichnungen und Transkripten keine multimodale Analyse des nicht allein auf Text bzw. Verbalsprache beschränkten kommunikativen Handelns möglich ist. Dass die Beschränkung auf den gesprochenen Text bei der Analyse allerdings nicht allein methodologisch begründet werden kann, sondern in gewisser Weise auch dem maßgeblich (und hier Luckmanns Gattungsanalyse wieder nicht unähnlichen) linguistisch und konversationsanalytisch geprägten Ansatz geschuldet ist, zeigt nicht zuletzt der Vergleich des Klatsches zum literarischen Roman (Bergmann 2022, 145 f.), den Bergmann in der Neuauflage hinzufügt und der zusätzlich deutlich macht, wie sehr der analytische Fokus noch im Jahr 2022 auf Klatsch als ‚Text‘ liegt, wobei insbesondere performative Aspekte weitgehend unbeleuchtet bleiben. Evtl. gattungstypisch, in jedem Fall aber methodologisch, spielen daher auch Medien und Objektivationen (selbst im zugehörigen Unterkapitel) kaum eine konkrete Rolle. Die Arbeit ist vor diesem Hintergrund insgesamt eher als sprech- und nicht als kommunikationssoziologisch einzuordnen.

Insgesamt erscheinen die hinzugefügten Exkurse wie über den Promiklatsch als sehr kurze Abrisse, inhaltlich eher flach, wenig überzeugend und evtl. auch themenfremd, insofern hier der Zusammenhang mit Klatsch als „Sozialform der diskreten Indiskretion“ nicht erläutert wird. Außerdem kann der Abschnitt über Promiklatsch im Kontext des neuen Abschlusskapitels Moral und Klatsch in der mediatisierten Gesellschaft überflüssig erscheinen. Insbesondere der Exkurs über Klatsch in Organisationen – am Beispiel der Universität erscheint zudem unmotiviert, wenig informativ und mit dem Rest des Buches einigermaßen unverbunden. Ein hier gegebenes Beispiel aus der Biografie von Max Scheler scheint keinerlei argumentative Funktion zu besitzen. Die eigene Beobachtung ist bestenfalls von anekdotischer Bedeutung. Dieser Exkurs wird dem Gesamttext eher nicht gerecht.

Die Frage, ob der Text die Neuauflage wert sei, möchte ich, trotz aller möglicher Kritik an der Urfassung und der Überarbeitung zur 2. Auflage (siehe oben), deutlich bejahen. Bergmann war mit seiner Arbeit zum Klatsch in den 1980er Jahren der erste empirische Beitrag zur wissenssoziologischen Gattungsanalyse gelungen, der, in der ersten Auflage lange vergriffen, nach einer Neuauflage verlangte. Seine analytische Herangehensweise, seine detaillierte und überaus kenntnisreiche Rekonstruktion des Forschungsstandes sowie seine (insbesondere in der Ur-Fassung bzw. den übernommenen Textteilen) hochgradig elaborierte und dabei in vielerlei Hinsicht auch unterhaltende Schreibweise machen das Buch heute wie in den 1980er Jahren lesenswert. Die Beantwortung der Frage, ob die Gattung selbst noch zeitgemäß ist, bzw. eine neue Form angenommen hat und heute anders zu bewerten wäre als zum Zeitpunkt der ursprünglichen Abfassung von Bergmanns Habilitationsschrift, muss schließlich, wie Bergmann in seiner Neuauflage selbst mehrfach (implizit) thematisiert, z.B. im Kontext der Beständigkeit von kommunikativen Gattungen und im neuen Abschlusskapitel, dem aktuellen bzw. dem zukünftigen Forschungsstand überlassen werden. Jedenfalls ist die Forschung zum Klatsch, nicht zuletzt oder besser: vor allem (!) aufgrund der Arbeit von Bergmann, gegenwärtig, auch und gerade vor dem Hintergrund der durch neue Informations- und Kommunikationsmedien maßgeblich veränderten Kommunikationskultur heutiger Gesellschaften, nicht zum Erliegen gekommen.

Fazit

Bei der 2. Auflage von Jörg Bergmanns Klatsch: Zur Sozialform der diskreten Indiskretion. handelt es sich um ein äußerst lesenswertes, insbesondere von soziolinguistischen und konversationsanalytischen Fragestellungen und Herangehensweisen geprägtes Buch über die alltägliche Kommunikationsform des Klatsches. Sowohl der breit rezipierte Forschungsstand als auch die hervorragende empirische Analyse verleihen der Arbeit Bergmanns ihren besonderen Wert. Wenngleich nicht alle in der aktuellen Zweitauflage hinzugekommenen Abschnitte dem hohen Niveau des Kerntextes gerecht zu werden vermögen, ist das Buch nichtsdestoweniger all jenen zur Lektüre zu empfehlen, die sich aus allgemeinem (wissenschaftlichem) Interesse oder im Kontext der Forschung mit der Gattungsanalyse, insbesondere im Bereich alltäglicher Kommunikationsformen, beschäftigen und weiterbilden möchten. Daher ist die Neuveröffentlichung des in der ersten Auflage längst vergriffenen Werkes sehr zu begrüßen.

Quellenangaben

Bergmann, J. (1987). Klatsch: Zur Sozialform der diskreten Indiskretion. Berlin, New York: de Gruyter.

Bergmann, J. (2022). Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion. 2. Auflage. Berlin & Boston: Walter de Gruyter.

Garfinkel, H. (1984[1967]). Studies in Ethnomethodology. Los Angeles: Polity.

Günthner, S., & Knoblauch, H. (1994). "Forms are the food of faith": Gattungen als Muster kommunikativen Handelns. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46(4), S. 693–723.

Luckmann, T. (1975). The Sociology of Language. Indianapolis: Bobbs-Merrill.

Luckmann, T. (1985). The Analysis of Communicative Genres. In B. F. Nell, R. Singh, & W. M. Venter, Focus on Quality. Selected Proceedings of a Conference on Qualitative Research Methodology in the Social Sciences (S. 48–61). Durban: Institute for Social and Economic Research.

Luckmann, T. (1986). Grundformen der gesellschaftlichen Vermittlung des Wissens: Kommunikative Gattungen. Kultur und Gesellschaft (Sonderheft 27) der ‚Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie'. Herausgegeben von Friedhelm Neidhardt, Rainer Lepsius & Johannes Weiß, S. 191–211.

Sacks, H., Schegloff, E., & Jefferson, G. (1974). A simplest systematics for the organization of turn-taking for conversation. Language, 50, S. 696–735.


[1] Etwa in Bezug auf Institutionalisierungsweise oder Verbindlichkeit: Während Luckmann meint, Gattungen seien nur quasi-institutionalisiert (Luckmann 1986, S. 203), schreibt Bergmann ihnen durchaus eine soziale Institutionalisierung (Bergmann 1987, S. 37) zu. Zugleich geht Luckmann davon aus, dass Sprechakte durch ihre Verknüpfung mit sozialen Rollen (Luckmann 1975, S. 44) geradezu automatisch ausgewählt würden, wohingegen Bergmann betont, dass bei kommunikativen Gattungen nicht von Automatismen auszugehen sei.

[2] Videoaufzeichnungen waren, wie Bergmann einräumt (Bergmann 1987, S. 55), aus Gründen der Reaktivität bzw. des Feldzugangs nicht möglich.

[3] Unklar bleibt hierbei allerdings der Zusammenhang zu den eingangs erwähnten Gattungsfamilien, wobei der Umstand schmerzlich deutlich wird, dass es der Wissenssoziologie nach wie vor an einer wissenssoziologischen Gattungstheorie mangelt, freilich ohne, dass dies Bergmann als Versäumnis anzukreiden wäre.

[4] Die dritte Analyseebene der wissenssoziologischen Gattungsanalyse, die in den 1990er Jahren von Susanne Günthner und Hubert Knoblauch (Günthner und Knoblauch, 1994) eingeführt wurde, bleibt gänzlich unerwähnt.

Rezension von
Dr. René Wilke
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Zitiervorschlag
René Wilke. Rezension vom 21.09.2022 zu: Jörg Bergmann: Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2022. 2. Auflage. ISBN 978-3-11-075805-4. Reihe: Qualitative Soziologie - Band 27. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29752.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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