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Brigitte Döcker (Hrsg.): Einsamkeit

Rezensiert von Jonas Schmeißner-Darkow, 11.01.2023

Cover Brigitte Döcker (Hrsg.): Einsamkeit ISBN 978-3-7799-7244-0

Brigitte Döcker (Hrsg.): Einsamkeit. Facetten eines Gefühls. Sonderband 2022. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 173 Seiten. ISBN 978-3-7799-7244-0. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
Reihe: Beiheft zur »Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit« - 7.

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Thema

Einsamkeit ist ein Gefühl, das in seinem akuten Auftreten zu unserem Menschsein dazugehört, wie auch andere Gefühle eine wichtige Funktion hat und jeden in unserer Gesellschaft betreffen kann. Wenn es aber in einen chronischen Zustand übergeht, macht es uns krank und wird zum Problem. Einsamkeit ist ein so zentrales Thema unseres Menschseins, dass es in der Kunst, Literatur und Theologie seit langer Zeit, auf zum Teil kontroverse Weise, bearbeitet wird. Seit den 1970er Jahren, wird das Thema Einsamkeit zunehmend in der Profession der Psychologie thematisiert, besonders die Arbeiten von Robert Weiss haben den Weg der Einsamkeitsforschung geebnet, auf deren Grundlage u.a. Eberhard Elbing im deutschsprachigen und John Cacioppo im englischsprachigen Raum mit ihren Arbeiten Meilensteine in der Erforschung dieses Phänomens geschaffen haben. Zunehmend wurde das Thema Einsamkeit dabei auch für die Gesundheitsförderung relevant, wie die Arbeiten von Catherine Haslam zeigten. In Europa machte sich das unter anderem an der Gründung des Einsamkeitsministeriums in England im Jahr 2018 und der Gründung des Kompetenznetzwerkes Einsamkeit in Deutschland im Jahr 2022 bemerkbar. Durch die Corona Pandemie bekam das Thema eine neue Präsenz für die gesamte Gesellschaft, wirkte dadurch wie ein Brennglas und führte zu vermehrter Aufmerksamkeit. Besonders in den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit ist Einsamkeit ein häufiger Begleiter, wodurch ein erhöhter Wissensbedarf besteht und gleichzeitig ein hohes Maß an Einsamkeitsbewältigungskompetenzen vorhanden sind. Brigitte Döcker setzt als Herausgeberin des Buches „Einsamkeit, Facetten eines Gefühls“ an diesem Bedarf an Wissen an und nutzt die Expertise von Expert*Innen aus Praxis und Forschung. Dieses Buch gibt einen praxisnahen Einblick in diese Thematik, hat einen starken Praxisbezug und gibt einen Überblick über die aktuelle Auseinandersetzung in verschiedenen Themenfeldern der Sozialen Arbeit.

Autor*Innen und Herausgeberin

Das Besondere an diesem Buch sind die verschiedenen Autor*Innen. In diesem Buch kommen 29 unterschiedliche Autor*Innen zu Wort, sie stammen aus den Bereichen Forschung, Netzwerkarbeit und Praxisfeldern der Sozialen Arbeit, die das Thema Einsamkeit damit sowohl aus theoretischer, forschender und praktischer Expertise beleuchten. Der Buchtitel „Facetten eines Gefühls“ hätte dadurch nicht passender gewählt werden können. Brigitte Döcker hat es als Herausgeberin geschafft, ein stimmiges Bild aus diesen unterschiedlichen Bereichen abzubilden. 

Entstehungshintergrund

Die Idee dieses Buches liegt in einem fruchtbaren Diskurs. Dieses Buch soll kein vollumfängliches Fachbuch zum Thema Einsamkeit darstellen, sondern möchte verschiedene Facetten beleuchten und zum Nachdenken und Austauschen anregen. Mit den Worten der Herausgeberin: „Mit dem vorliegenden Sonderband möchten wir verschiedene Facetten von Einsamkeit benennen, analysieren und diskutieren“ (Döcker, S. 7, 2022). 

Aufbau

Die Kapitel des Buches sind in sich schließend und können damit unabhängig voneinander gelesen werden. Dadurch können sich die Leser*Innen mit einzelnen und komprimierten Aspekten befassen oder sich die Kapitel ihres spezifischen Arbeitsbereiches aussuchen. Der wiederholende Aufbau der Kapitel besteht aus einer Einleitung des speziellen Praxisbezugs, einer Definition von Einsamkeit, einer thematischen Auseinandersetzung mit dem Thema Einsamkeit in dem jeweiligen Praxisbezug und einem Fazit. Abschließend werden am Ende jedes Kapitels die Autor*Innen mit Kontaktdaten vorgestellt, wodurch die Möglichkeit eines direkten Austausches und Diskurses entsteht.

Inhalt

Da dieses Buch, wie schon im Titel zusammengefasst, ganz unterschiedliche Facetten von Einsamkeit beschreibt, lässt sich der Inhalt nicht einheitlich zusammenfassen. Im Folgenden soll das Buch daher exemplarisch an zwei Kapiteln dargestellt werden, die einen guten Überblick über Art und Inhalt dieses Sonderbandes darstellen.

1. Einsamkeit aufgrund von Suchtproblematiken (S. 124 – 131)

Die Autor*Innen Anjuna Trautmann und Wolfgang Hartinger beschreiben ihre Erfahrungen, die sie im Umgang mit dem Thema Einsamkeit bei Menschen mit Suchtproblematiken gemacht haben. Neben der gesammelten Erfahrung aus dem Praxisalltag, fließen die unterschiedlichen Sichtweisen Ihrer beruflichen Professionen in diesen Text mit ein, Frau Trautmann ist Sozialarbeiterin und Herr Hartinger Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut. Die Autor*Innen nutzen psychodynamische Erklärungsansätze, um Einsamkeit zu definieren. Psychodynamische Erklärungsansätze beschreiben Einsamkeit als innere Verlassenheit u.ä., die den Ursprung in Erfahrungen in der Kindheit, mit nicht bewältigten Entwicklungsaufgaben (Einsamkeit als Trennungsangst, Einsamkeitsschmerz, narzisstisches Dilemma) und Krisen in der adoleszenten Entwicklung verstehen. In Ihrem Text beziehen sich die Autor*Innen besonders auf John Steiner, der ein besonderes Augenmerk auf die pathologische Fragmentierung gelegt hat. Hierbei werden Gefühle nicht adäquat durchlebt, Abwehrmechanismen entstehen und erschweren massiv die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten. Rückzug und Isolation bieten dann vermeintlichen Schutz und Sicherheit vor negativen Erfahrungen und Gefühlen. Rückzug wird dann als Vermeidungsstrategie angewendet, wurde häufig über lange Zeit gelernt und der Weg daraus ist eine große Herausforderung. Die Autor*Innen skizzieren den Zusammenhang von Einsamkeit und Sucht und beschreiben Suchtmittel als Beziehungsersatz mit kurzfristiger emotionaler Erleichterung. Diese ambivalente und intensive Beziehung zum Suchtmittel erhält langfristig den Vorrang zu zwischenmenschlichen Beziehungen, da diese vermeintlich leichter und schneller zu erhalten sind. Aus der Praxiserfahrung der Autor*Innen wird die verzweifelte Situation dieser Menschen beschrieben, sie sind pessimistisch bzgl. ihrer Lebenserwartung und Perspektivplanung und Szenekontakte sind häufig die einzigen sozialen Bezüge, wodurch die Abstinenz mit einer weiteren Isolation einhergeht. Damit beschreiben die Autor*Innen ein folgenschweres Dilemma: Einsamkeit ist häufig Ursache sowie Verstärkung von Sucht und verhindert Abstinenz. In ihrem besonders lesenswerten Text zeigen sie die Relevanz des Themas Einsamkeit in der Suchtarbeit und skizzieren die Notwendigkeit von professioneller Beziehungsgestaltung als wichtigstes Instrument.

2. Gibt es in Deutschland eine Politik gegen Vereinsamung? (S. 47 – 56)

Janosch Schobin widmet sich in seinem Text der Frage, welche Konsequenzen das Thema Einsamkeit für die Praxis sozialer Berufe in Deutschland hat. Auf der methodischen Grundlage von 24 Expert*Innen-Interviews beleuchtet er dabei die gesetzliche Situation, Angebotsstrukturen, Unterversorgungen und Weiterentwicklungsbedarfe. Die interviewten Expert*Innen sind im Sozial- und Gesundheitssektor in NRW tätig und die Interviews wurden im Rahmen der dortigen Enquetekommission IV (Einsamkeit) des Landtages NRW durchgeführt. Da die Arbeit sozialer Berufe in Deutschland stark von der Gesetzgebung abhängt, bietet die Zusammenfassung des Autors dieser Interviews über die Verortung des Themas Einsamkeit im SGB einen hilfreichen Überblick. Das Besondere dabei ist der praxisbezogene Blick auf die Gesetzgebung. Janosch Schobin vermeidet dabei eine trockene juristische Auseinandersetzung, indem die ausgewählten Paragraphen von den Expert*Innen in ihren alltagspraktischen Kontext gesetzt werden. Neben gesetzlich geregelten Hilfestrukturen, wird auch die Bedeutung des Ehrenamtes beleuchtet. Im Rahmen von zivilgesellschaftlichen Querschnittsangeboten, wird das Ehrenamt in doppelter Funktion beschrieben. Zum Einen als notwendige Ergänzung bestehender Angebotsstrukturen und zum Anderen als eigene Einsamkeitsprävention der Ehrenamtlichen. Abschließend werden in diesem Text auch die besonderen Herausforderungen der Betroffenen und die notwendige Sensibilität der Angebotsschaffung thematisiert. Neben Angeboten für einsame Menschen werden auch fehlende Weiterbildungs-, Schulungs- und Austauschformate für das Hilfesystem thematisiert.

Diskussion

Das Thema Einsamkeit ist ein wichtiger Bestandteil der Lebenswelten vieler Zielgruppen der Sozialen Arbeit. Eine isolierte Auseinandersetzung mit dieser Thematik, mit einer starken praxisnahen Komponente, war lange überfällig. Das Buch „Einsamkeit – Facetten eines Gefühls“ hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet diesen Diskurs voranzutreiben. Durch die unterschiedlichen Perspektiven aus Forschung und Praxis, lädt das Buch dazu ein, sich einen vielschichtigen Überblick zu verschaffen. Leider fehlt eine eingehende Auflistung und Beschreibung der verschiedenen Erklärungsansätze (u.a. soziologischer-, kognitions-und attributionstheoretischer-, psychodynamischer-, evolutionärer Erklärungsansatz). Der Begriff Alleinsein und Einsamkeit wird nicht immer konsequent differenziert und der Forschungsstand der Wirksamkeit von Interventionen wurde nicht dargestellt. Frau Döcker merkt zu Beginn des Buches an, keinen vollumfänglichen Anspruch zu haben, was bei der thematischen Fülle dieses Themas auch nachvollziehbar ist. Ein Vorwissen zu den drei angemerkten Punkten ist empfehlenswert, um die wertvollen Beiträge des Buches in den aktuellen Erkenntnisstand einordnen zu können, dies ist aber keine Voraussetzung. Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen und einen ersten Einblick in die facettenreichen Aspekte von Einsamkeit zu bekommen.

Fazit

Das Buch „Einsamkeit – Facetten eines Gefühls“, ist ein lebendiger Diskurs über ein zentrales Thema der Sozialen Arbeit. Einsamkeit wird von 29 unterschiedlichen Autor*Innen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Dabei entsteht ein breites Bild aus Forschung und Praxis. Das Buch regt zu Denkanstößen an und leistet einen wichtigen Beitrag zum Diskurs, der Einsamkeit und seine Bewältigung als zentralen Bestandteil der Arbeit im Sozial- und Gesundheitssektor darstellt.

Rezension von
Jonas Schmeißner-Darkow
M.A. angewandte Sozialwissenschaften, B.A. Soziale Arbeit, Diakon,
Projektleiter „Teilhabe fördern – Einsamkeit begegnen“,
Sozialarbeiter/Sozialwissenschaftler
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Es gibt 1 Rezension von Jonas Schmeißner-Darkow.

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Zitiervorschlag
Jonas Schmeißner-Darkow. Rezension vom 11.01.2023 zu: Brigitte Döcker (Hrsg.): Einsamkeit. Facetten eines Gefühls. Sonderband 2022. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-7244-0. Reihe: Beiheft zur »Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit« - 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29758.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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