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Ralf Koerrenz, Pia Diergarten u.a.: Vergleichende Pädagogik als politische Praxis

Rezensiert von Erik Weckel, 15.02.2023

Cover Ralf Koerrenz, Pia Diergarten u.a.: Vergleichende Pädagogik als politische Praxis ISBN 978-3-7799-6204-5

Ralf Koerrenz, Pia Diergarten, Sarah Ganss: Vergleichende Pädagogik als politische Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 138 Seiten. ISBN 978-3-7799-6204-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Bildung: Demokratie.

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Thema

Dem Autor_innenteam geht es um „vergleichende Pädagogik als politische Praxis“. Sie arbeiten gemeinsam in einer ForschungsWerkstatt und blicken vom selben Ausgangspunkt auf verschiedene Aspekte vergleichender Pädagogik: des Wahrnehmens, des Relativierens, der Beheimatung, des Einverleibens, der Pluralität und des Dekonstruierens, und immer mit Orientierung auf „politische Praxis“. Damit führt Koerrenz die Diskussionen von vergleichender Pädagogik und politischer Praxis fort, die er mit seinem Band „Bildung. Eine Theorie der Postmoderne“ (2020) bereits aufnahm, ebenfalls bei BeltzJuventa erschienen.

Autor_innen

Ralf Koerrenz, Lehrstuhlinhaber an der Friedrich-Schiller-Universität Jena für Historische Pädagogik und Globales Lernen schreibt gemeinsam mit seinen Promovend_innen Pia Diergarten, Sarah Ganss, Clemens Klein, Lena Köhler und Christoph Schröder, allesamt Wissenschaftliche Mitarbeitende am Lehrstuhl. Gemeinsam lehren und forschen Sie dort, u.a. am Kolleg Globale Bildung und sind Mitglied in der Jenaer Sektion des Weltbundes für Erneuerung der Erziehung. Sie entwickeln Unterrichtsmaterialien in der Reihe „Politisch denken lernen mit Religion und Ethik“ (Podele, siehe auch S. 138). Das Buch eröffnet die Reihe „Bildung: Demokratie“ des Verlages, mit der ein Ort geschaffen wird, der Forschungen zum Themenbereich Aufmerksamkeit ermöglicht und den Dialog über Bildung und Demokratie bereichert. Die Herausgebenden der Reihe sind Nils Berkemeyer, Alexander Gröschner, Ralf Koerrenz und Michael May, alle Professoren an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Aufbau

Der als wissenschaftliche Werkstatt verstandene, von allen sechs Autor_innen gemeinsam verantwortete Band (Kapitel 1) umfasst sieben Kapitel, die allesamt mit „vergleichende Pädagogik als Praxis“ betitelt sind und jeweils einzelne Aspekte in den Fokus rücken, die jeweils von eine_r Autor_in bearbeitet sind. Immer geht es auch um die Verbindung zur „politischen Praxis“. Jedem Kapitel ist das jeweilige Literaturverzeichnis zugeordnet. Der Band schließt mit Informationen zu den Autor_innen.

Inhalt

Die von allen Autor_innen verantwortete Einleitung mit dem Titel „Vergleichende Pädagogik als politische Praxis – Perspektiven einer Forschungswerkstatt“ stellt den für alle Artikel grundlegenden Gedanken des Vergleichens vor:

„Menschen vergleichen: sich mit anderen Menschen (…) Der Vergleich ist (…) dabei ein Akt politischen Denkens und Handelns. Wie wir und was wir wie vergleichen, basiert auf Entscheidungen, mit deren Hilfe Normalität konstruiert, stabilisiert oder in Frage gestellt wird. Vergleichen ist damit eine folgenreiche politische Praxis. Dies gilt auch für Pädagogik (…)“. Dieser Satz ist jedem Kapitel vorangestellt und bildet den Ausgangspunkt für eine anthropologische Pädagogik, die auf Otto Friedrich Bollnow gründet, einer Verschränkung von Pädagogik und Kultur. Eine kritisch-operative Pädagogik (Postmoderne) mit Aufmerksamkeit auf das Subjekt, der Reflexion von Normalität und Macht und einem politischen Begriff, der in Offenheit an den trinitarischen Begriff der Politik anschließt als Policy (Inhalte), Politics (Prozesse) und Polity (Strukturen).

Ralf Koerrenz eröffnet die Diskurse im 2. Kapitel mit „Vergleichende Pädagogik als Praxis des Wahrnehmens“. Die politische Praxis frage nach der Verantwortung des Eigenen. Ausgehend von postkolonialen Texten von Mignolo und Mbembe richtet Koerrenz seine Aufmerksamkeit auf Möglichkeiten der Mitentscheidung der Menschen in ihren Selbstverhältnissen und wie sie die Welt sehen (14). Dafür nähert der Autor sich vergleichender Pädagogik an. Mit ihr könnten wir uns in der Interaktion mit anderen selbst erkennen und erschließen die Möglichkeit der Selbstreflexion. Gleichzeitig ist der Mensch geschichtlich gebunden. Mit ihr entsteht eine historische Hermeneutik. Koerrenz entwickelt mit Bezug auf Johann Gottfried Herder und Francois Julien[1] eine Normativität der Kultur, die politisch gerahmt ist. Dieser Rahmen impliziert eine planetarische Ethik. So nähert sich der Autor einer epistemologischen Anthropologie und einem Bildungsbegriff.

Pia Diergarten führt dies im 3. Kapitel als „vergleichende Pädagogik als Praxis des Relativierens“ als eine Methode des eigenen Verstehens in Skepsis fort. Es werden Gegensätze gestellt, die jedoch ein Urteil verunmöglichen zur Unentscheidbarkeit. Relativieren ist das Erkennen im Gegensatz. Bildungstheorie wird zur Anleitung in skeptisches Denken. Die Grundlagen dieser Methode finden sich in der Antike (von Elis und Sextus Empiricus), in der Philosophie Odo Marquardts oder der Pädagogik Theodor Ballauffs. Mit Ballauff wird eine Praxis des Relativierens aufgezeigt, mit der alles Gedachte in Frage gestellt wird, eine Selbstbefreiung des Denkens. Mit der Skepsis ist das eigene Urteil gefordert, mit dem Urteil das Handeln, mit dem Pädagogik zur Politik wird.

Mit der „Praxis der Beheimatung“ spannt Sarah Ganss im 4. Kapitel den Bogen weiter. Heimat als politischer Kampfbegriff soll das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt und zu sich selbst spiegeln. Ganss bearbeitet die Begriffe „Heimat“ und „Beheimatung“ und reflektiert diese in der Verortung fiktiver Welten. Die Autorin bearbeitet Dazugehörigkeiten am Beispiel Pariser Banlieus. Sie endet mit dem Vergleich und der Praxis der Heimat, die sie in sich selbst sieht.

Die „Praxis des Einverleibens“ nimmt die Körper im 5. Kapitel durch Clemens Klein in Betracht. Politische Dimensionen des Vergleichens, des „Sich-Selbst Vergleichen-Könnens“, erschlössen sich aus einer näheren Bestimmung von Innen- und Aussenbezüge des Weltverhältnisses. Zentral sei hier der phänomenologische Begriff des „Einverleibens“. Klein bindet das Einverleiben an das Anerkennungsparadigma Hegels. Desweiteren nähert der Autor sich demokratiepädagogischen Zugängen an und fasst schließlich das Einverleiben pädagogisch. Im Erkennen des Eigenen bleibt das Andere als imaginär nicht Verdaubares zurück.

„Pluralität“ ist die Praxis im 6. Kapitel, von Lena Köhler, die auch schon in anderen Publikationen mit Ralf Koerrenz auftritt. Im Zentrum der Pluralität steht immer die eigene Person. Köhler bezieht sich auf Hannah Arendts Verständnis von Pluralität (Vita activa). Das Einschreiben weltlicher Pluralität sei ein Bildungsprozess. Und Pluralität gilt als ein Kernbegriff der Postmoderne. Arendt drückt die Pluralität als Gleichheit in der Verschiedenheit aus (100). Urteilen ist ein Ergebnis der Reflexion mit sich selbst und mit anderen. Handeln entsteht in dieser Reflexion und ist damit politische Praxis.

Christoph Schröder schließt den Band mit dem 7. Kapitel ab. Das „Dekonstruieren“ ist seine Praxis des Politischen. Es bietet Impulse für ein Konzept einer „kritischen Theorie postkolonialer Bildung“ an (115). Der Vergleich „negativer Leitideen“, wie sie Samuel Salzborn beschrieb, Antisemitismus und Kolonialismus, könnte Impulse ermöglichen. Schröder skizziert einen pädagogischen Rahmen dafür, beschreibt eine Praxis der Dekonstruktion, nähert sich den negativen Leitprinzipien der Moderne an und resümiert eine „vergleichende Pädagogik“. In letzterer fasst Schröder zusammen, dass eine „kritische postkoloniale Bildung“ die Reflexion von Antisemitismus aufzunehmen habe. Letztlich sei jeder Vergleich immer auch ein Aushandeln von „Normalität“ und ihrer Abgrenzungen. Vergleichende Pädagogik sei dementsprechend ein kritischer Umgang mit jeder Form von Deutungshoheit.

Es gibt kein Schlusskapitel, sodass die Abschlussbotschaft bereits zum Ende der Einleitung formuliert ist: „Wie wir und was wir wie vergleichen, basiert auf Entscheidungen, mit deren Hilfe Normalität konstruiert, stabilisiert und in Frage gestellt wird. Ver-Gleichen ist damit eine folgenreiche politische Praxis“ (13).

Diskussion

„Menschen vergleichen sich mit anderen Menschen“, „Vergleichen“, „vergleichende Pädagogik“ … Wie ein Chor oder mit einem Hammer, der auf Eisen schlägt, wieder und wieder der gleiche Satzblock. In der Zusammenfassung auf der letzten Umschlagseite, am Anfang jedes Kapitels, ja jeder Titel beginnt damit: was wohl wie eine gemeinsame Ausgangsphilosophie gedacht ist, wirkt wie ein Mantra, das eingeimpft werden soll.

Vergleich machen Sinn. Die Frage ist, mit welchen Ausgangsfragen diese gezogen werden sollen. Der vorliegende Band will den „Vergleich“ exponieren und dies vor allem auch mit seiner gesellschaftlichen, politischen Bedeutung verstärken. Die politische Immanenz wird deutlich. Unklar bleibt das Zusammenspiel der Akzente: Wahrnehmen, Relativismus, Beheimatung, Einverleiben, Pluralität und Dekonstruieren. Bei einigen werden Bezüge hergestellt, bei anderen bleiben sie offen. 

Auch der zentrale Bezug auf Otto Friedrich Bollnow (7) ist durch seine Verstrickungen im Nationalsozialismus zumindest streitbar[2] . Ähnlich ist es bei Theodor Ballauff zu sehen, bei dem bezüglich des Relativierens (vgl. Pia Diergarten) gefragt werden muss, wer was wie relativieren möchte. Es wäre lohnend gewesen, diese beiden im Kontext der „kritischen postkolonialen Theorie“ zu beleuchten oder zu vergleichen. Das Ethische, wie es die Autor_innen in der Einleitung als „Primat“ setzen, lässt zumindest Skepsis aufkommen, die von Pia Diergarten in der „Praxis des Relativierens“ veranschaulicht wird.

Was sind die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede der „Leiblichkeit“ (Husserls Phänomenologie) bei Klein, dem „Einschreiben“ bei Köhler mit Bezug auf Arendt oder der „kritischen postkolonialen Theorie“ bei Schröder? Auch hier wäre ein Vergleich der Aspekte spannend. Oder stehen sie postmodern nebeneinander?

Ein Aspekt des „Vergleiches“ fehlt im Band und das ist auch gut so. Der Vergleich hier führt nicht zur hierarchischen Differenz die auf- bzw. abwertet und damit auf Distanz gehen will. Es geht allein um Unterschiedlichkeiten der rechtlich Gleichen.

Fazit

Koerrenz et al zeigen, dass Vergleichen eine politische Praxis ist. Damit wird deutlich, dass (vergleichende) Pädagogik generell eine politische Dimension beinhaltet. Die Autor_innen beziehen sich explizit auf die Trinität der Politikwissenschaft, der Polity, Policy und Politics und demonstrieren dies an verschiedenen Aspekten, ohne diese zu einem Konzept zusammenzuführen. Jeder Aspekt für sich ist jedoch lohnenswert in seinen politischen Dimensionen zu vertiefen und damit für die Theorie und Praxis der Pädagogik und Didaktik zu verdeutlichen und verfügbar zu machen. Das Politische ist Arbeitsprinzip, in der Pädagogik wie in allen Disziplinen. Der Band ist für alle Pädagog_innen interessant, die nach dem politischen ihrer Profession suchen und es begründen wollen.


[1] Julien, Francois (2017): Es gibt keine kulturelle Identität, Frankfurt/M.

[2] Bollnow im Nationalsozialismus | Otto-Friedrich-Bollnow-Gesellschaft, Abfrage; 30.01.2023

Rezension von
Erik Weckel
M.A., Politikwissenschaftler, Dozent an verschiedenen Hochschulen, u.a. an der HAWK Hildesheim in der Sozialen Arbeit, Erwachsenenbildner
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Es gibt 14 Rezensionen von Erik Weckel.

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Zitiervorschlag
Erik Weckel. Rezension vom 15.02.2023 zu: Ralf Koerrenz, Pia Diergarten, Sarah Ganss: Vergleichende Pädagogik als politische Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6204-5. Reihe: Bildung: Demokratie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29764.php, Datum des Zugriffs 17.04.2024.


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