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Lennart Herberhold: Zusammen!

Rezensiert von Prof. Dr. Frank Eckardt, 04.01.2023

Cover Lennart Herberhold: Zusammen! ISBN 978-3-96317-300-4

Lennart Herberhold: Zusammen! Wie Deutschland neues Wohnen ausprobiert. Büchner-Verlag eG (Marburg) 2022. 168 Seiten. ISBN 978-3-96317-300-4. D: 20,00 EUR, A: 20,00 EUR.

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Thema

Die Individualisierung mit ihrer Betonung der persönlichen Freiheit hat den Nachtteil der Vereinzelung und Vereinsamung lange wenig beachtet. Nun drängen sich die Probleme eines eigenheimzentrierten Wohnens mehr und mehr in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion und es stellt sich die Frage, ob es dazu Alternativen gibt. Dieses Buch beschäftigt sich mit verschiedenen Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens.

Autor

Lennart Herberhold ist Journalist aus Hamburg, „Ende vierzig und mit unklaren Zukunftsaussichten“ (S. 7).

Entstehungshintergrund

Das Buch dokumentiert den persönlichen und journalistischen Suchprozess nach gemeinschaftlichen Wohnformen.

Aufbau

Nach einer Einleitung, die inhaltlich einführt und die persönliche Motivation des Autors darlegt, folgen acht Kapitel, in denen die fünf aufgesuchten Beispiel-Projekte rekapituliert werden. Abgerundet wird das Buch durch ein 10. Kapitel, in dem der Autor unter der Frage „Für alle?“ ein Fazit seiner Besuche und Erkundungen formuliert. Es folgt eine Literatur-, Film- und Linkauswahl, Endnoten und Abbildungen sowie Danksagungen.

Inhalt

Der Autor möchte sich mit Projekten beschäftigen, die versuchen, gemeinschaftliches Wohnen in der Praxis zu realisieren. Ausgesucht wurden dabei das Dorf Hitzacker in Niedersachsen, das Mannheimer Projekt Viertel 8, das Miethäusersyndikat, das Münchener Projekt San Riemo und die Hamburger Gemeinschaft Brot und Rosen. Die Projekte spiegeln teilweise sehr unterschiedliche Konzepte, Entstehungsumstände und Akteur*innen wieder. Die Vergleichbarkeit steht deshalb weniger im Vordergrund, sondern es geht dem Autor darum, unterschiedliche Fragen anhand dieser Beispiele zu diskutieren, die beim Thema gemeinschaftliches Wohnen wichtig sind.

Ermüdende Diskussionen, ungeklärte Fragen und die Suche nach geeigneten Formen der Selbstorganisation, aber auch die weitergehende Frage nach dem Lebensende in gemeinschaftlichen Wohnformen werden anschaulich anhand von Hitzacker dargestellt. Im zweiten Kapitel führt der Autor in Theorie und Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens ein, von den 68er WGs bis zu Charles Fouriers Träumen, dass sich durch das Zusammenwohnen die Kreativität steigern lässt und vieles mehr. Auch an dieser Stelle kommt der Check-Up mit der Gegenwart und die ist heute wesentlich nüchterner, aber auch weniger ideologisch. Hier wird auch die Kritik an dem „Community-Kapitalismus“ (van Dijk/Haubner) aufgegriffen, wonach Baugemeinschaften oder Projekte wie das Miethäusersyndikat bevorzugt werden und somit Aktivitäten dieser privaten Gruppen wie etwa durch das Bereitstellen von Gemeinschafträumen eigentlich öffentliche Aufgaben übernehmen. Eine Privatisierung quasi durch die Hintertür.

Das Thema Geld bleibt eine entscheidende Herausforderung für alle Projekte und wie sehr sich dies im einzelnen auf die Gestaltung eines Projekts auswirken kann, wird im dritten Kapitel durch das Mannheimer Beispiel veranschaulicht. Wohnungsgrößen und Miethöhen spielen eine enorm wichtige Rolle und sind potentiell immer Stoff für Konflikte. Sehr schnell koppeln sich hieran Gerechtigkeitsvorstellungen und die Frage, wie es sein kann, dass Geld so entscheidend sein kann für das Funktionieren eines Projekts, das sich eigentlich den monetären Zwängen entziehen will. Weitergeführt, in Kapitel 4, werden diese sozial orientierten Projekte mit der Frage konfrontiert, wie sie im Vergleich zur Schaffung von Sozialwohnungen zu beurteilen sind. Mit Beispielen aus Hamburg, München und Berlin wird im fünften Kapitel ein Blick auf die Bodenpolitik der Städte geworfen. In den folgenden zwei Kapiteln wird mit dem Münchener San Riemo-Projekt – der „FC Bayern unter den Projekten“ (S. 102) dargestellt.

Das Ganze liest sich auch tatsächlich als eine Erfolgsstory, jedoch warnen die Akteur*innen selbst vor so einer Vorreiterrolle. Für die ist dies durchaus nicht „das eine Rezept für die Zukunft“ (a.a.O.) Dennoch lässt sich einiges hier lernen, etwa dass das wechselseitige Vertrauen zwischen Projekt und Behörden extrem wichtig ist, weil es im Prozess der Projekt-Umsetzung immer wieder zu lösende Probleme gibt, an denen das Projekt ansonsten scheitern kann. Außerdem erfährt man hier durchaus, dass es auf viele Stellschrauben ankommt, etwa die Anzahl der Wohneinheiten und dem Anspruchsdenken der Bewohnerschaft. Von den Schwierigkeiten einer christlichen Wohngemeinschaft in Hamburg bei der Integration von Geflüchteten ist in Kapitel 8 zu lesen: „Politisch sein, Dienen – das sind zwar schöne Ideale, aber sie sind in der Alltagspraxis doch auch anstrengend: Soziale Kontrolle. Verlust von Autonomie. Und das bei konträren Persönlichkeiten. Es hat am Anfang furchtbar gekracht,“ schildert ein Bewohner (S. 125). Das Thema ist, wer tatsächlich in einer solchen Gemeinschaft leben kann. Die Antwort lautet: Menschen mit Gelassenheit.

In Kapitel 9 kehrt der Autor noch einmal nach Hitzacker zurück und wieder geht es um Geld und um den Versuch, durch gemeinsame Gespräche diese Schwierigkeiten zu begegnen. Ausgang ungewiss, Mieterhöhungen und Kosten-Explosion drohen. Kapitel 10 zieht das Fazit, dass eindeutig das gemeinschaftliche Wohnen nicht als Lösung für alle beschreibt, aber dem auch ein „Nein, aber…“ folgt, das die Vorurteile des gemeinsamen Wohnens noch einmal auf den Punkt bringt. Das Buch endet auf einer persönlichen Note. Der Autor gesteht ein, dass ihm trotz aller Widrigkeiten die begegnete Großzügigkeit und Lässigkeit beeindruckt hat und ihm auch wohl guttäte. Dennoch schließt er nicht mit einem vollmündigen Bekenntnis ab, sondern würdigt die Projekte dafür, dass sie sich immerhin der Frage des Zusammenhalts in der Praxis stellen.

Diskussion

So wenig wie der Autor sich zu einem gundlegenden Bekenntnis für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt durchringen kann – trotz der deutlichen Positionierung zugunsten solcher Ansätze –, so wenig kann der beziehungsweise die Leser*in darauf hoffen, in diesem Buch nun tatsächlich hier noch weitere Gründe dafür finden, um eine persönliche Entscheidung zu treffen, um ein Zusammenwohnen anzugehen. Es wird überdeutlich, dass eine solche Intention sehr anspruchsvoll, risikobehaftet und im Ergebnis ambivalent sein kann. Für die wissenschaftliche Betrachtung bietet das Buch sehr viel Anschauungsmaterial, die eine weitere Beschäftigung mit Frage der Psychologie, Soziologie, dem Recht und Wirtschaft des Zusammenlebens andeutet. Zu einzelnen Aspekten mögen die fachlichen Expert*innen bereits weitergehende Studien, etwa zu „intentional communities“ – so wird das Thema in den Urban studies zumindest manchmal deklariert – kennen und hier insbesondere ist sicherlich eine Anschlussfähigkeit gegeben und zugleich aber auch noch vertieftes Wissen abzuholen. Dessen ungeachtet ist das Thema noch ein weitgehend wenig bearbeitetes Feld. Das ist in Anbetracht der gesellschaftspolitischen Dringlichkeit kaum nachvollziehbar, sagt aber auch viel über die Moden der Wissenschaft aus.

Insgesamt wird deutlich, dass viele Projekte sehr vom Engagement einzelner, starker Persönlichkeiten abhängen, auch wenn der Autor diese nicht überhöht, sondern in ihrer Vielschichtigkeit gut darstellt. Das hilft für die eigene Einschätzung, ob man auch den langen Atem, die Geduld und Zähigkeit hat, die viele dieser Menschen besitzen. Natürlich werden die meisten Leser*innen vielleicht dadurch aber auch ein Stück abgeschreckt. Wäre es hilfreicher, um eher wenig ambitionierte und vielleicht weniger FC Bayern im Auge zu haben? Gibt es denn keine Formen des Zusammenlebens, die auch für den Freizeit-Kicker, um im Bild zu bleiben, spannend sind? Der Autor hat insbesondere solche Formen des Zusammenlebens ausgeblendet, die teilweise durch Not entstehen (Demenz-, Handwerker-, Studierenden-WGs z.B.). Ja, das sind andere Formen des Zusammenwohnens. Dennoch stellt sich die Frage, ob diese nicht eher auch helfen können, um alternative Lebensformen weiterzuentwickeln. Auch über diese wissen wir zu wenig.

Es wird an vielen Stellen des Buches verdeutlicht, dass die Schwierigkeiten des Zusammenwohnens mit politischen und gesellschaftspolitischen Bedingungen zusammenhängen. Der Autor arbeitet sehr klar wichtige Themen wie die Bodenpolitik u.a. heraus. Eine weitergehende Problematisierung wäre hier durchaus wünschenswert und machbar. Auch wäre die Frage berechtigt, wieso wir als Gesellschaft überhaupt erst in die Lage gekommen sind, dass individualistische Wohnformen als Norm heute gelten. Wohnsoziologisch erscheint es zwingend, dass wir die langen Linien der gesellschaftlichen Entwicklung ins Auge fassen. Dabei kann man feststellen, dass sich die Gesellschaft zwar zu einer Diversität an Wohn- und Lebensformen entwickelt hat, die gekoppelt ist an Prozessen der Multi-Lokalisierung, Mobilität, Präkarisierung und als Gesellschaft der multiplen gesellschaftlichen Fragmentierung, dass diese aber scheinbar das dominante Bild vom „Glück allein“ und des Familiarismus nicht irritiert haben und deswegen auch politisch nicht in Frage gestellt werden.

Fazit

Das Buch ist sehr lesenswert, angenehm und motiviert geschrieben. Es ist ein vertiefter Einblick in die heutige Unmöglichkeit, um mehr gemeinsames Wohnen für die meisten Menschen – auch wenn dies von vielen gewünscht – wird, zu realisieren. In der Hinsicht ist die Lektüre ernüchternd, wenn auch die gewählten Beispiele durchaus auch anregen können, sich zumindest weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Aus der Ernüchterung kann eigentlich nur die Konsequenz gezogen werden, dass sich viele Probleme beim Gründen oder Realisieren von Formen des Zusammenlebens auch nicht individuell, sondern nur gesellschaftlich und politisch lösen lassen, oder mit einem Wort: zusammen.

Rezension von
Prof. Dr. Frank Eckardt
Professor für sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar
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Es gibt 9 Rezensionen von Frank Eckardt.

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Zitiervorschlag
Frank Eckardt. Rezension vom 04.01.2023 zu: Lennart Herberhold: Zusammen! Wie Deutschland neues Wohnen ausprobiert. Büchner-Verlag eG (Marburg) 2022. ISBN 978-3-96317-300-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29767.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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